Archiv für April 2002

Ende einer Utopie?

Immer mehr alternative, linke Jugendzentren werden zur Aufgabe gezwungen. Auffällig in Sachsen: Zentren von Rechten und bekennenden Nazis schießen wie Pilze aus der Erde…

Gelebte Utopie und wie die Realität uns einholte (und zwar ziemlich brutal)

BARRIKADE – Ein Kommentar zum Schluß

Im Sommer 1994 wurde das ehemalige Schössergut im Münzbachtal besetzt.
Mit der Besetzung, und dem daraufhin zustande kommenden Vertrag, wurde etwas Einzigartiges für diese Region geschaffen, nämlich ein Raum der frei war von Bevormundung und Gängelung. Selber denken und handeln war angesagt. Wer sich irgendwie einbringen oder den Raum nutzen wollte, konnte das, ohne groß um Erlaubnis zu fragen, tun. So wurden den Jugendlichen nicht vorgefertigte Denk- und Verhaltensweisen eingetrichtert wie anderswo, sondern eine Eigenständigkeit gegeben, die auch notwendig war um das Haus in gang zu halten. Alles wurde von allen diskutiert, organisiert und durchgeführt, es wurde versucht hierarchische Strukturen (wer ist´n hier der Chef?) abzubauen. Es wurde ein Freiraum geschaffen um Alternativen zur Gesellschaft im kleinen Rahmen auszuprobieren und zu leben. So fanden jede Menge Party`s und Konzerte, weg von mainstream und Kommerz, statt. Bei großen Veranstaltungen waren tlw. 300 bis 400 Leute anwesend. Sozial Schwächere wurden integriert und nicht durch teure Preise ausgeschlossen. Regelmäßiges Kino, Vokü und Infoveranstaltungen förderten das Beisammensein und die Diskussion. Kritisches Denken wurde angeregt und nicht die stupide Übernahme von Floskeln aus Politik und Medien. Das Bewusstsein Einfluss auf das zu haben, was in der Umgebung geschieht, bildete sich.
Das Alles war natürlich einer Stadtverwaltung, die gewohnt ist alles so zu lassen wie´s ist, bzw. alles so konservativ wie möglich zu gestalten, ein Dorn im Auge.(*) Bis zum Schluss wurde dem Verein jeder zur Verfügung stehende Stein in den Weg gelegt. Friedliche Demos wurden mit Chaostagen gleichgesetzt und Angst in der Bevölkerung geschürt. Mehrfach wurde versucht die Arbeit des Vereins durch Bauauflagen zu behindern bzw., wie am Ende erfolgreich, zu verhindern. Möglichkeiten sich öffentlich zu äußern (unkommerziell) wie z.B. Plakate kleben, wurden kriminalisiert und Falschinformationen in der Presse verbreitet. Allgemein wurde das ganze Engagement des Vereins sich antifaschistisch und antirassistisch zu betätigen in eine extreme Ecke gestellt. Fakten die offengelegt wurden (z.B. was Naziaktivitäten betrifft), wurden und werden bis heute geleugnet, vertuscht oder kommen gar nicht erst an die Öffentlichkeit. Sprühereien sind für die Stadt schlimmer als gefährliche Körperverletzungen, die stören ja das Stadtbild nicht.
Das Ergebnis dieser Politik ist deutlich zu spüren. Durch die Schließung von Schlossclub und Barrikade sind zwei wesentliche Treffpunkte für nicht mainstream- bzw. nicht naziorientierte Jugendliche weggefallen. Ein wirklich alternatives Kultur- und Politikleben findet in Freiberg kaum noch statt. Die Nazis haben die Oberhand in fast allen Diskos und Clubs . Jede/r die/der nachts durch die Stadt geht und nicht dem Normalbild entspricht, sei es aufgrund von Kleidung, Frisur oder Hautfarbe, ist vor Naziüberfällen nicht mehr sicher. Durch diese Politik wurde allem was ein bißchen anders ist jegliche Grundlage genommen sich zu entfalten und der Entwicklung etwas entgegenzustellen. Was dabei rauskommt sind sogenannte „national befreite Zonen“ wie in Wurzen oder Kittlitz (Zittau) zu sehen in denen alles was nicht in´s Nazibild passt durch Gewalt beseitigt wurde( wie damals).

Alles in Allem haben wir schweren Herzens unser Haus und unsere Hoffnung, in dieser Stadt etwas bewegen zu können, aufgegeben, denn hier wurden die berühmten drei Affen geklont : Nichts sehend, nichts hörend und nichts sagend .

*Und was konservativ heißt wissen wir ja alle, das kommt nämlich von konservieren, das heißt also etwas, das normalerweise schon lange schlecht wäre und endlich weg müßte, künstlich am Leben zu erhalten)

Artikel auf Indymedia

Antifa-Aktion gegen Neo-Nazi-Stress in Freiberg Mai 2002

Am 04. Mai 2002 wurde eine Gruppe organisierter regionaler Neo-Nazis durch 40 Antifas angegriffen, ein Neo-Nazi musste ins Krankenhaus. Als sich die Neo-Nazis später dafür rächen wollten wurden sie von der Polizei in Gewahrsam genommen.

Am 2. Mai 2002 hat ein Gericht einen Neo-Nazi verurteilt, der einen rassistischen und heftig-gewaltätigen Übergriff auf ein 10jährigens Mädchen verübt hatte. Er bekam zwei Jahre Bewährung und eine Geldstrafe (500 Euro). Schon seit längerem gibt es in Freiberg Neo-Nazi-Terror.

Freiberg: Prügelei hat lange Vorgeschichte Überfall an der Grube-Halle geht Serie von Übergriffen rechter Jugendlicher voraus
Freie Presse vom 07. 04.2002

Der Überfall von Vermummten aus dem linken Spektrum auf 20 bis 25 rechtsorientierte Jugendliche vor der Ernst-Grube-Halle am Samstagabend war ein Akt der Selbstverteidigung. So zumindest sehen es Eingeweihte in einer Erklärung gegenüber „Freie Presse“. „Durch den Angriff ist verhindert worden, dass die Rechten wieder wie an jedem Wochenende losziehen und irgendwo jemanden aufmischen, der ihnen nicht passt“, erklären die Kenner der Szene.
Nach ihrer Darstellung ist die Ernst-Grube-Halle im Wohngebiet Wasserberg ein regelmäßiger Treffpunkt für rechtsorientierte Jugendliche: „Jeden Freitag kommen die da zusammen, inzwischen stoßen auch Autos mit Stollberger Kennzeichen dazu.“ Bei der Attacke am Samstagabend hätten die Angreifer unter anderem eine Reichskriegsflagge und eine Fahne mit der Aufschrift „Skinheads Sachsen“ heruntergerissen, die gut sichtbar vor der Sportstätte aufgespannt gewesen seien.
Laut Polizeibericht waren am Sonnabend gegen 21.30 Uhr etwa 30 bis 40 Vermummte mit Gas- und Schreckschusswaffen sowie Baseballschlägern auf die Gruppe vor der Sporthalle losgegangen. Ein am Boden Liegender sei von mehreren Jugendlichen verprügelt worden, die ihm auch eine Bierflasche auf dem Kopf zertrümmerten. Einen Anlass für die Auseinandersetzung hatte Polizeisprecher Thomas Enke am Sonntag nicht ausmachen können.
Diese Aussage relativiert sich inzwischen. Wie die Polizeidirektion Freiberg am Montag auf Nachfrage bestätigte, waren bereits am Freitagabend mehrere Auseinandersetzungen angezeigt worden. So hatte eine Gruppe von Jugendlichen gegen 23 Uhr versucht, eine Wohngemeinschaft am Obermarkt zu stürmen. Die Polizei stellte die Personalien von zehn Angreifern fest. Die gleiche Gruppe randalierte eine Stunde später auf dem Obermarkt, kurz darauf wurde ein Wohnhaus im Münzbachtal mit Steinwürfen attackiert. Auch in diesen beiden Fällen stellte die Polizei die Angreifer. Die Kripo ermittele wegen Landfriedensbruch, hieß es am Montag.
Unter den Vermummten vom Samstag seien „Leute, die seit über einem Jahr bei solchen und ähnlichen Fällen Opfer rechter Gewalt geworden sind“, so die Erklärung der Jugendlichen. Sie verweisen dabei unter anderem auf die Randalen in den Jugendclubs Sayda, Großhartmannsdorf, Lichtenberg, Brand-Erbisdorf und Zug. Dazu komme eine Vielzahl von Übergriffen auf Einzelpersonen wie ausländische Studenten oder bekannte Linke.

Gewalt eskaliert: Massenschlägerei vor GrubehalleVermummte greifen Rechte an – Polizei vereitelt Rache
Freie Presse vom 06.04.2002

Die extremistische Gewalt hat in der Kreisstadt eine neue Stufe erreicht. Wie die Polizei am Sonntag informierte, ist eine Gruppe rechtsorientierter Jugendlicher am Samstagabend vor der Ernst-Grube-Halle von Vermummten mit Baseballschlägern sowie Gas- und Schreckschusswaffen angegriffen worden. Einer der Rechten wurde leicht verletzt und musste im Krankenhaus behandelt werden. Den Rachezug seiner Gefährten stoppte ein massives Polizeiaufgebot auf der Petersstraße. Eine Anwohnerin der Tschaikowskistraße hatte 21.34 Uhr die Polizei von einer Schlägerei an der Grubehalle informiert.
Nach ersten Ermittlungen hatten 30 bis 40 Linksradikale an der Sportstätte mehrere Schüsse abgefeuert und auf die Gruppe von 20 bis 25 rechtsorientierte Jugendlichen eingeprügelt. Zeugenaussagen zufolge hätten dabei mehrere Jugendliche einer am Boden liegenden Person mit Baseballschlägern Hiebe versetzt und eine Bierflasche auf den Kopf geschlagen. Der Leichtverletzte habe sich nach der Behandlung im Krankenhaus selbst entlassen, so die Polizei. Bei der Schlägerei sei zudem ein Pkw VW erheblich beschädigt worden. Die Vermummten flüchteten, als die Polizei eintraf. Die Beamten konnten keinen mehr stellen.
Die rechten Jugendlichen waren wahrscheinlich vom „Unicent“ an die Grubehalle gezogen. Im Innenhof des Einkaufszentrums waren zuvor 21 Personen vom rechten Spektrum des Platzes verwiesen worden, als sie eine Grillparty feierten. Vor der Grubehalle fanden sich am Sonntag unter anderem Reste eines Grills, eines Recorders und Glasscherben. Nach der Auseinandersetzung versammelten sich gegen 23.15 Uhr etwa 30 Personen auf der Petersstraße vor der „Alten Mensa“, um Rache zu üben.
Ein massives Aufgebot von etwa 40 Beamten der Bereitschaftspolizei und des Polizeireviers Freiberg konnte jedoch Ausschreitungen und angedrohte Gewaltstraftaten verhindern. 24 Personen – überwiegend Freiberger zwischen 16 und 20 Jahren – wurden in Gewahrsam genommen, um erheblichen Störungen der öffentlichen Sicherheit zu verhindern. Sie durften das Revier erst am Sonntag ab 7 Uhr verlassen.
Die Kripo ermittelt wegen Landfriedensbruch, Körperverletzungen und Verstößen gegen das Waffenrecht. Die Polizei hat derzeit keine Hinweise auf den Anlass für die Attacke.
Zwei Tage zuvor hatte das Amtsgericht einem 19-Jährigen zwei Jahre Bewährung gegeben, der am „Unicent“ eine farbige Zehnjährige krankenhausreif geschlagen hatte.