Die Geschichte des Faschismus

Die Geschichte des Faschismus

Der Faschismus: Versuch einen ambivalenten Begriff zu analysieren.

von Alfred J. Quack

“Der Faschismus hat einen Namen, der an sich nichts sagt über den Geist und die Ziele der Bewegung. Ein Fascio ist ein Verein, ein Bund, Fascisten sind Bündler, und Fascismus wäre etwa Bündlertum.1)“
Als der deutsche Sozialdemokrat Fritz Schotthöfer diese Worte im Jahre 1924 niederschrieb, war ihm wohl durchaus bewusst, dass der Terminus Faschismus an sich überhaupt nichts aussagt. Stattdessen erklärte er in dieser Schrift vielmehr Faschismus und Bolschewismus zu Brüdern im Geiste der Gewaltsamkeit2). Nun ist es aber falsch Schotthöfer deshalb zu einem Vordenker der so genannten Totalitarismustheorie zu erklären. Ein Blick auf die Geschichte des italienischen Faschismus beweist eher, dass zahlreiche Anhänger_innen des linkssyndikalistischen Flügels der italienischen Sozialisten – zu denen im Übrigen auch Benito Mussolini gehörte – einen wesentlichen Einfluss auf die entstehende faschistische Bewegung in Italien hatten. Das soll nicht heißen die italienische Linke oder zumindest große Teile davon waren per se willige Geburtshelfer_innen der PNF3). Es beweist aber, dass sich im italienischen Faschismus etwas ganz Neues die Bahn brach, dass nicht im Geringsten etwas mit bisher etablierten politischen Strömungen oder bekannten gesellschaftspolitischen Akteuren gemein zu haben schien.
Was Schotthöfer seinerzeit nicht ahnen konnte: Das Synonym «faschistisch» kennzeichnete schon längst eine Bewegung, die durch ihre Rigorosität und Brutalität jeden Versuch die menschliche Existenz ethisch und moralisch zu bestimmen in Frage stellen sollte. Generell hat sich die Geschichtsphilosophie seitdem mit der brennenden Fragestellung zu befassen, inwiefern aktuelle Gesellschaftsprozesse zwangsläufig in Barbarei münden. Kein Wunder also, dass es heutzutage auch Konsens ist, die faschistische Ideologie als unheilvollste, zugleich aber auch als massenwirksamste Ideologie des 20. Jahrhunderts zu begreifen.
In den Geisteswissenschaften, vor allem in den geschichtswissenschaftlichen Kontroversen, spielt die Faschismusforschung heute eine gewichtige Rolle. Es gibt mittlerweile zahllose Erklärungsversuche, wobei die meisten das Thema gründlich verfehlen. Wem es interessiert, einen sehr guten Überblick diesbezüglich liefert die umfangreiche aber lesenswerte Arbeit des amerikanischen Historikers Stanley Payne.
Dem Einen ist der Faschismus nur ein epochales Phänomen4). Andere vergleichen die faschistischen Bewegungen und bringen deren Gemeinsamkeiten, mindestens aber auch genauso viele Widersprüche zum Vorschein5). Dann gibt es noch zahlreiche unrühmliche Versuche den real existierenden Sozialismus mit dem Faschismus gleichzusetzen6) oder beide als ein Zwillingspaar zu interpretieren7). Den größten Einfluss auf dem Gebiet solch einer Geschichtsrelativierung hat hierzulande die so genannte Extremismustheorie. Die Apologet_innen8) jener Strömung ignorieren die ideologische Komponente völlig. Stattdessen wird konstatiert, es gäbe an den Rändern unserer Gesellschaft radikale Pole, welche die Autopoesis des gesellschaftlichen Systems irritieren. Die Mehrheitsgesellschaft wird so vom Vorwurf einer möglichen Affirmation faschistischer Ideologiefragmente freigesprochen.
Gleichwohl gibt es aber auch zahlreiche aufschlussreiche Arbeiten. Am informativsten erscheint mir persönlich die Strukturanalyse des kritischen Theoretikers Franz Leopold Neumann9), die sich allerdings nur auf den nationalsozialistischen Staat10) bezieht. Auch die Arbeiten der so genannten generischen Faschismusforschung11) liefern nennenswerte Anhaltspunkte für ein Verständnis faschistischer Ideologeme.
Wird heutzutage danach gefragt, was Faschismus eigentlich sei, dann erhält Mensch in der Regel immer nur Aussagen darüber, was der Faschismus eben gerade nicht ist: Er ist antidemokratisch, antihumanistisch und antiindividualistisch. Im Kern antipazifistisch, sogar bellizistisch – da der Krieg von ihm als regenerierende Kraft, als eine Art Katharsis gedeutet wird. Der Faschismus richtet sich gegen kosmopolitische, liberale, kommunistische, teilweise sogar gegen konservative Gesellschaftsvorstellungen. Der Faschismus lehnt den Parlamentarismus entschieden ab und möchte diesen durch ein autoritatives Führerprinzip ersetzen. Überhaupt delegitimiert sich der Faschismus ohnehin wegen seiner antipluralistischen, sozialdarwinistischen, rassistischen und antisemitischen Weltanschauung. Er wird zumeist als eine völlig irrationale Ideologie beschrieben. Die Diskussionen um eine inhaltliche Definition des Faschismusbegriffes wird also selbst im akademischen Milieu oftmals nur ex negativo geführt. Für eine inhaltsorientierte Begriffsbestimmung ist dies überhaupt nicht hilfreich. Eine solche ist aber notwendig, soll die Ideologie des Faschismus auch nur ansatzweise begriffen werden.
Wenn der Faschismus tatsächlich so irrational ist, wie so oft behauptet wird, warum konnte er sich dann modernster Formen der Massenkommunikation bedienen? Warum gelang den faschistischen Parteien, was sämtliche demokratische Kräfte nicht vermochten: Die Integration nahezu aller Gesellschaftsschichten und -klassen? Wie konnte einer solch irrationalen Lehre wie dem Faschismus im aufgeklärten Europa die bereitwillige Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit zuteil werden?
Und der Antifaschismus? In der sich antifaschistisch gerierenden Linken ist die Definition, von einigen wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, zum reinen Kampfbegriff verkommen. Immer wieder stelle ich fest, trotz eindeutiger Positionen gegen neofaschistische und neonationalsozialistische Tendenzen seitens linker Aktivist_innen, ist in weiten Teilen dieser Linken nur ein geringes Maß an Wissen über den ideologischen Hintergrund, die historischen Voraussetzungen und die komplexe Entwicklungsdynamik der verschiedenen faschistischen Bewegungen und Regimes vorhanden. Eine antifaschistische Intervention muss so zwangsläufig scheitern, da sie sich nur an Neonazigruppen selbst abarbeitet, die ideologischen Komponenten und die Tatsache einer breiten Zustimmung seitens der Mehrheitsgesellschaft völlig ignoriert.
Zahlreiche traditionslinke Gruppen hängen leider immer noch immer der so genannten Agententheorie an, die besagt, der Faschismus sei die “offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals12)”. Dieser reduktionistische Blickwinkel auf die vielschichtige Struktur faschistischer Ideologeme lässt eine Analyse zur rein phänomenologischen verkommen. Die Verantwortlichkeit einzelner Akteure und Interessensgruppen, sowie die Zustimmung breiter Bevölkerungsteile, sowie seine praktische Verwirklichung in jenen Ländern, in denen der Faschismus zur politischen Herrschaftsform avancierte, wird dadurch gekonnt ausgeblendet.
Die folgende Artikelreihe über die Geschichte des Faschismus soll deshalb zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Thematik anregen, ohne dabei den Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben. In den folgenden Ausgaben dieser Zeitung soll über die unterschiedlichen faschistischen Bewegungen aufgeklärt, sowie deren gesellschaftliche Hintergründe näher beleuchtet werden. Außerdem möchte ich eine kritische Auseinandersetzung mit einer geschichtswissenschaftlichen Einordnung der faschistischen Ideologie und die mannigfachen Theorien zum Faschismus führen. Am Schluss all dieser Betrachtungen werde ich mich mit der Frage einer zwingenden Notwendigkeit antifaschistischer Interventionen bezüglich aktueller Gesellschaftsentwicklungen und der realen Gefahr möglicher Refaschisierungstendenzen befassen. Getreu einem Diktum Adornos, dass “die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen, wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.13)” Ich wünsche viel Vergnügen bei folgender Lektüre und freue mich bereits jetzt über jedwede kritischen Anmerkungen. Der erste Artikel befasst sich mit den kulturellen Wurzeln der faschistischen Ideologie im so genannten Fin de Siècle.
1) zitiert aus Fritz Schotthöfer: “Il Fascio. Sinn und Wirklichkeit des italienischen Fascismus” Anmerkung: Etymologisch kann der Begriff vom lateinischen Substantiv fasces abgeleitet werden. Einer Art Rutenbündel, das von den Liktoren – der Leibwache ranghoher römischer Beamter – als Symbol der Macht des Imperium Romanum getragen wurde. In den zwanziger Jahren war die italienische Schreibweise recht verbreitet, weshalb gelegentlich vom Fascismus anstatt Faschismus die Rede ist.
2) zitiert nach Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung
3) Partito Nazionale Fascista. Nationalfaschistische Partei Italiens. Mit ihrer Gründung am 7. November 1921 wurde die Umwandlung der ebenfalls von Mussolini gegründeten paramilitärischen Fasci di Combattimento in eine umfassendere politische Vereinigung vollzogen
4) siehe in Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action Francaise – Italienischer Faschismus – Nationalsozialismus
5) siehe in Robert Owen Paxton: Anatomie des Faschismus
6) siehe in Karl Dietrich Bracher: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert
7) siehe in Ernst Nolte: Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus
8) Eckhard Jesse, Uwe Backes et al.
9) Franz Leopold Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944
10) Neumann untersucht in seinem Werk den strukturellen Aufbau des nationalsozialistischen Staates. Er greift bewusst auf die Metaphorik von Thomas Hobbes zurück. Neumann vergleicht den nationalsozialistischen Staat nicht mit dem Seeungeheuer Leviathan, dass bei Hobbes den Zusammenschluss zu einem Staatswesen versinnbildlicht. Vielmehr setzt er es mit Behemoth gleich, das für Hobbes antipodisch dazu den gesellschaftlichen Naturzustand der Gesetzlosigkeit symbolisiert
11) Juan Linz, George Lachmann Mosse, Emilio Gentile, Stanley Payne, Roger Griffin et al
12) Faschismusdefinition von Georgi Dimitrow, die er im Juli 1935 anlässlich des VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale in Moskau verkündete
13) zitiert aus Theodor Wiesengrund Adorno: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?

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