1. Mai – 450 Nazis marschieren in Freiberg

1. Mai – 450 Nazis marschieren in Freiberg

In Freiberg, der Kreisstadt des Landkreises Mittelsachsen, kam es gestern zum größten Maiaufmarsch von Nazis in Sachsen. Nachdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot einer geplanten Demonstration in Hannover bestätigt hatte, mobilisierten seit Donnerstag Freie Kräfte aus Sachsen und Thüringen zu einer Eildemonstration nach Freiberg mit dem sehr originellen und noch nie da gewesenem Motto „Zukunft statt Kapitalismus – Freiheit statt BRD“.
Der Dresdner Nazi Maik Müller (siehe Bild) hatte die Demonstration wahrscheinlich schon im Vorfeld als mögliche Alternative zu Hannover angemeldet.
Die Kommunikation der Freien Kräfte scheint gut zu funktionieren und die gemeinsame Anreise war gut geplant. Am Morgen fuhren Nazis von Geithain nach Leipzig, von Leipzig nach Halle und von dort wieder zurück nach Leipzig und schließlich über Chemnitz nach Freiberg, wo etwa 200 Nazis aus Thüringen, West- und Mittelsachsen aus dem Zug stiegen. Aus Richtung Dresden kamen etwa 140 Nazis.
Zusammen mit denen, die per Auto angereist waren, kam so eine Menge von 400-500 Nazis zustande.
13:40 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Die Route führte vom Bahnhof über die Buchstraße – Humboltstraße – Bahnhofstraße – Poststraße – Schillerstraße – Eherne Schlange – Frauensteiner Str. – Bertholdsweg – Silberhofstraße – Turmhofstraße – Stollhausgasse zurück zum Bahnhof.

Obwohl die Polizei laut Eigenangaben mit bis zu 1000 Nazis gerechnet und deshalb eine Gegendemonstration in Sichtweite der Nazis verboten hatte, schien sie mit der Situation sichtlich überfordert. Zu Beginn der Demonstration konnten die Nazis ohne Polizeispalier marschieren – ein Ausbruchsversuch wie am Ende der Demonstration wäre ein Leichtes gewesen.
Nazis aus ganz Sachsen und Südthüringen nahmen an der Demonstration teil, u.a. das Freie Netz Chemnitz, Kräfte aus Leipzig, Halle, Dessau, Dresden, Zwickau und Radeberg.
Freien Nationalisten aus Freiberg waren trotz ihrer Verbindungen zum Anmelder Maik Müller eher wenige auf der Demonstration . Auch der NPD Kreistagsabgeordnete Sandro Kempe vergnügte sich am Morgen mit seinem Kind lieber auf der Hüpfburg neben dem Rathaus, war also auch nicht bei auf der NPD-Demonstration in Dresden anzutreffen.

In Höhe des Wernerplatzes stoppte die Demonstration für eine Kundgebung, auf der die üblichen Phrasen vom nationalen Sozialismus und völkischen Antikapitalismus gepredigt wurden; unter lauten Rufen von „Nationaler Sozialismus jetzt!“ und „Der Staat ist am Ende – Wir sind die Wende!“ ging es schließlich weiter. Als die Demonstrant_innen schließlich eine Israelfahne der Antifaschistischen Aktion erspähten, brüllten sie auch „Juden raus aus Palästina!“ und „Nie wieder Israel!“. In Höhe des Landratsamtes eskalierte die Situation schließlich. Landrat Volker Uhlig (CDU), der die Demonstration zugelassen hatte, verzog sich ins Innere des Gebäudes, als die Demonstration näher kam. Neben dem Gebäude standen eine Handvoll Mitglieder u.a. der Antifaschistischen Aktion, der Linkspartei, der Gewerkschaften, der SPD, des VVN-BDA und Journalist_innen. Darunter auch die beiden Landtagsabgeordneten Simone Raatz (SPD) und Elke Altmann (Linkspartei).
Als die Nazis in Höhe der Menge angekommen waren und aus den Lautsprechern „Rann an den Feind!“ ertönte, wagten einige Nazis einen Ausbruchsversuch und griffen Polizist_innen an.
Die Polizei konnte diesem Einhalt gebieten, machte sich aber nun daran, die Gegendemonstrant_innen wegzuschicken, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen. Polizisten gaben zu, die Situation nicht unter Kontrolle zu haben. Nach diesem Zwischenfall schirmte die Polizei die Nazidemo weiträumiger ab und schaffte sämtliche Gegendemonstrat_innen aus deren Blickfeld.

Gegen 15:00 Uhr traf der Demonstrationszug dann wieder am Bahnhofsvorplatz ein, wo die Demonstration aufgelöst wurde und die Situation wenig später noch einmal eskalierte.
Eine Gruppe von 30 Nazis wurde völlig unbegleitet in die Bahnhofsvorstadt gelassen, eine andere Kleingruppe jagte einige Jugendliche vom Kaufland zum Obermarkt.
Teile der restlichen etwa 400 Nazis versuchten am Bahnhof in Richtung Innenstadt durchzubrechen und griffen Polizist_innen mit Flaschen und Steinen an, konnten aber zum Glück aufgehalten werden und blieben längere Zeit gekesselt, während die Polizei Personalien aufnahm und die Nazis durchsuchte und schließlich zu den Zügen schaffte. Insgesamt wurden 17 Nazis festgenommen, die bis zum Abend noch in Gewahrsam der Polizei saßen. Außerdem wird gegen mehrere Teilnehmende wegen Landfriedensbruchs und Widerstand gegen Vollzugsbeamte ermittelt.
In Zwickau wurden in der Nacht noch die Veranstaltenden und Bands einer Veranstaltung im Vorfeld des „Stay Rebel“ Festivals von Nazis angegriffen. Durchaus möglich, dass unter den Angreifenden Demonstrant_innen aus Freiberg waren.

Es ist unbegreiflich, wie das Freiberger Landratsamt, allen voran Peter Schubert, Abteilungsleiter für Ordnung und Sicherheit, diese Demonstration genehmigen konnte. Weder die Gewerkschaften, noch SPD und Linkspartei waren informiert wurden, als sie am Morgen ihre Stände am Obermarkt aufbauten. Die Anmeldung einer Spontandemonstration durch die MdL Elke Altmann und Simone Raatz wurde mit Hinweis auf die Sicherheitslage nicht genehmigt, die versammelten Gegendemonstrant_innen weggeschickt.
Auch der sich sonst so Bürger_innennah gebende Bürgermeister Bernd-Erwin Schramm ließ sich nirgendwo blicken.

Die Zustände in Freiberg sind symptomatisch für Sachsen und haben der uninteressierten Öffentlichkeit wieder einmal vor Augen geführt, wie akut das Naziproblem in Sachsen derzeit ist.
Dennoch ist wichtig hervorzuheben, dass die Parolen der Nazis keineswegs die wirren Gedanken einer marginalisierten Randgruppe sind, sondern in weiten Teilen der s.g. „bürgerlichen Mitte“ anschlussfähig und der rassistische Normalzustand, permanent reproduzierter Sexismus und die kapitalistische Verwertungslogik der Nährboden, auf denen Nazis ihre Ideologie ausbreiten. Fehlende alternative Kultur und die Kriminalisierung linken und gesellschaftskritischen Engagements, sowie die Diffamierung als „extremistisch“ und die damit einhergehende Gleichsetzung der Ideologie der Ungleichheit der Nazis und einer Politik, die sich für die Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen und die Abschaffung aller Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ einsetzt, bestärken die Ignoranz der Bürger_innen und das Potenzial der Nazis.

Immerhin scheint der gestrige Aufmarsch einige Menschen wachgerüttelt zu haben. Der Bericht der Freien Presse war kritisch und Landrat Volker Uhlig sieht sich einer Menge Erklärungsdruck ausgesetzt. Wir hoffen, dass die Stadt ihre Lehren zieht und am 07. Oktober 2009, dem Tag der Bombardierung Freibergs, die alljährliche Nazidemonstration unterbindet.

Antifaschistische Gruppe Freiberg,
Redaktion Freibärger

mehr infos bei:
Recherche Ost (Bilder und Bericht)
Indymedia (Bilder und Bericht)


Schwarzer Block der Nazis


der Anmelder Maik Müller, ganz vorn links im rot gestreiften Hemd


die gesamte Demo auf der Frauensteiner Straße


die Demo am Bahnhof


unbeaufsichtigter Nazi-mob

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3 Antworten auf “1. Mai – 450 Nazis marschieren in Freiberg”


  1. 1 Boneheadstalker 09. Mai 2009 um 21:11 Uhr

    ich habs verpasst,kann echt nich angehn das solche birnen in freiberg marschiern was geht hier ab !

  2. 2 stevler 23. Mai 2009 um 16:52 Uhr

    schade das wir nicht viele leute waren um die scheiß nazis aufzuhalten

  1. 1 Die verdrängte Kontinuität des Neonazismus » FreibÄrger Pingback am 01. Oktober 2012 um 17:46 Uhr
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