Freiberg – die kollektive Unschuld?


Lichtkreuz aus Hakenkreuz und Christuskreuz am 1. Mai 1934 an der Jakobikirche

”…jede Detonation ist wie ein Geschenk!”

Am 7. Oktober jährte sich die Bombardierung Freibergs zum 65 Mal. 1944 flogen alliierte Bomberverbände der 8. US-Luftflotte einen Angriff auf die im heutigen Tschechien liegende Stadt Most. Da im Zielgebiet allerdings starker Nebel festgestellt wurde, kehrten die Verbände um und suchten Ausweichziele. 24 Flugzeuge bombardierten dabei Freiberg, 169 Menschen kamen ums Leben.

Der Erinnerungsdiskurs in Freiberg fand seit Jahren ohne größere Beachtung der Öffentlichkeit statt. Lediglich am so genannten “Volkstrauertag” gedenken Vertreter_innen der Stadt jedes Jahr gemeinsam mit NPD und anderen Nazis den vermeintlichen “deutschen Opfern” des Zweiten Weltkrieges. Den 07. Oktober hatte die Freiberger Naziszene dagegen bereits seit Jahren für sich entdeckt. 2006 marschierten etwa 50 Nazis aus dem Umfeld der “freien Kameradschaften” unter Führung des NPD-Landtagsabgeordneten René Despang begleitet von klassischer Musik durch Freiberg zum Donatsfriedhof. 2007 versammelte sich etwa ein Dutzend Nazis mit Reichkriegsflaggen auf der Burgstraße und lief unter Polizeieskorte geschlossen zum Friedhof, wo sie Kränze ablegten und den vermeintlichen Opfern gedachten. Letztes Jahr hielten etwa 30 Freiberger Nazis mit Unterstützung aus Dresden vor der Jakobikirche eine Kundgebung mit Transparenten und Fackeln ab.

Auch in diesem Jahr hatten die Nazis eine Kundgebung an der Jakobikirche angemeldet. Bereits am 03. Oktober kündigte der Dresdener Neonaziaktivist Maik Müller, der die Nazidemonstration am 1. Mai angemeldet hatte, die Kundgebung in Freiberg an. „Und genau deshalb stehen wir heute hier in Bitterfeld, am Dienstag schon in Freiberg und am nächsten Wochenende in Königs Wusterhausen und die Woche darauf zur Großdemonstration des nationalen Widerstandes in Leipzig.“ Mit dem Wochentag hatte er sich wahrscheinlich versprochen. Die Antifaschistische Gruppe Freiberg machte bereits im Vorfeld Stadt und Freie Presse auf die Absicht aufmerksam, sonst hätte die Freie Presse vermutlich gar nicht im Landratsamt angefragt.

Die Stadt und der “Verein gegen Extremismus” schienen an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Nazis allerdings nicht interessiert zu sein. Zusammen mit der TU Bergakademie und den Kirchgemeinden druckten sie ein Transparent, das sie an der Jakobikirche aufhängten. “Kein Krieg, Kein Extremismus” war darauf zu lesen. Eine eindeutige Positionierung gegen Nazis fehlte wieder vollständig. Noch nicht einmal zu einem Statement gegen “Rechtsextremismus” war man bereit. Als Gegenaktivität schloss sich der “Verein gegen Extremismus” einem geplanten “Friedensgebet” in der Petrikirche an. Auch der Studentenrat der Bergakademie rief dazu auf.

Nach der Berichterstattung der Freien Presse konnte man meinen, das “Friedensgebet” sei extra vom “Verein gegen Extremismus” aufgrund der Naziaktivitäten organisiert wurden. Die Aktivitäten in der Petrikirche wurden jedoch von Einzelpersonen bereits Wochen vorher initiiert und dienten ebenfalls nur der Trauer um die “Opfer der Bombardierung”. Landrat Uhlig ging es später “um alle Opfer des Zweiten Weltkriegs” und ein “Zeichen gegen Krieg”. Hier wird dennoch eine ähnliche Instrumentalisierung und Verdrehung historischer Tatsachen offensichtlich, wie sie im alljährlichen Gedenken an die “Opfer Dresdens” am 13. Februar stattfindet. Unter völliger Ausblendung der Vorgeschichte der Bombardierung deutscher Städte werden 169 Menschen kollektiv und undifferenziert gleichrangig mit anderen Opfern gezählt. Der Wehrmachtssoldat oder KZ-Aufseher ist in dieser Betrachtung genauso Opfer, wie die jüdische Zwangsarbeiterin, die Widerstandskämpfer oder Kinder. Die Identität dieser Menschen, wer sie waren und was sie taten, bleibt unberücksichtigt und damit auch ihre eigene Mitwirkung am nationalsozialistischen Vernichtungsprogramm, welches die Bombardierung deutscher Städte erst notwendig machte. Bei Trauerveranstaltungen geht es gar nicht um den einzelnen Menschen, sondern um ein unpolitisches Ritual und die Konstituierung der Deutschen als “Opfer”, um die getrauert werden darf und soll. Besonders perfide ist der Vorwand, unter dem dies geschieht: Als “Friedensgebet” sollen scheinbar “höhere” Motive bedient werden. Dabei machten gerade die Bombardierungen Deutschlands einen Frieden in Europa überhaupt erst möglich. Konsequent wäre ein Zeichen gegen menschenverachtendes Denken oder ein Zeichen gegen Nazis, statt einer allgemeinen Floskel gegen Krieg, der man so allgemein gar nicht zustimmen kann, muss man doch den Krieg der Anti-Hitler Koalition gegen Deutschland unter allen Umständen unterstützen.

Am 07. Oktober berichtete die Freie Presse auf einer ganzen Themaseite über die Bombardierung vor 65. Jahren. Unter dem Titel “Als der Krieg in Freiberg ankam” wurde über die Folgen der Bombardierung geschrieben. Zwei Zeitzeugen kamen ebenfalls zu Wort und konnten ihre stark emotionalisierte Sicht auf die Vergangenheit schildern. Da heißt es dann etwa: “„Ich kann bis heute einen Kondensstreifen am Himmel nicht mehr neutral sehen“, sagt der Freiberger. Und in dem Gewölbekeller, der früher als Luftschutzraum diente und heute ein Restaurant beherbergt, fange er zu zittern an.” Die Freie Presse schafft es tatsächlich, in der gesamten Zeitung nicht einmal die Rolle Freibergs und der Freiberger im Nationalsozialismus zu erwähnen. Für tausende Zwangsarbeiterinnen kam der Krieg nicht erst an jenem Oktobertag an. Die Verfolgung und Vertreibung der Juden setzte auch in Freiberg mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein. Dort, wo die Nazis ihre Kundgebung durchführten, an der Jakobikirche, prangte vor 75 Jahren (10 Jahre vor dem Bombenangriff), am 1. Mai 1934, am Turm der Jakobikirche ein Leuchtkreuz aus Hakenkreuz und Christuskreuz und der 1933 zum Landesbischof gewählte ehemalige Freiberger Pfarrer Friedrich Coch begrüßte die Nazi-Herrschaft eilfertig mit “Grüß Gott! Glück Auf! Heil Hitler!”. Bis Kriegsende mussten bis zu 6000 Zwangsarbeiterinnen in Freiberg Rüstungsgüter produzieren. Unter dem Tarnnamen “Freia GmbH” entstand seit 1943 auf dem Gelände der ehemaligen Porzellanfabrik Freiberg an der Frauensteiner Straße ein Betriebsteil der Arado-Flugzeugwerke GmbH Potsdam-Babelsberg, die zu den führenden Luftrüstungsunternehmen Deutschlands gehörte. Um den Aufträgen der Kriegswirtschaft gerecht zu werden, fehlten allein diesem Rüstungsunternehmen etwa 6000 Arbeitskräfte, die seit 1943 durch die Zuführung von sogenannten “Fremdarbeitern” und durch Zwangsarbeiter aus Konzentrationslagern gestellt wurden. Die “Freia GmbH” bekam ein Außenkommando des KZ Flossenbürg mit rund 1000 weiblichen, jüdischen Häftlingen, die zur “Vernichtung durch Arbeit” im KZ Auschwitz / Birkenau erfasst worden waren. Ein Teil der Häftlingsfrauen wurde in einem Außenkommando zur Rüstungsproduktion bei der Firma “Max Hildebrand GmbH” eingesetzt. Das Betriebsvermögen dieser Firma verfünffachte sich in diesen Kriegsjahren. Das Nationalsozialistische Mordprogramm vollzog sich also auch unter den Augen und unter Mitwirkung der Freiberger Bevölkerung. Fünf Tage nach der Bombardierung, am 12. Oktober, wurden 502 Jüdinnen aus der damaligen Tschechoslowakei, Deutschland und anderen europäischen Staaten von Auschwitz nach Freiberg transportiert. Wenige Wochen zuvor gab es bereits zwei Transporte mit je 500 Menschen. Die Ängste dieser Menschen, nämlich, dass der Tod, den die Nazis ihnen eiskalt und ohne jede Gnade zugedacht hatten, für sie in Freiberg nur aufgeschoben war, fehlen in der Freien Presse vollständig. Auch der Stadt sind sie keine Erwähnung wert. Für diese wirklichen Opfer des Nationalsozialismus gibt es keine Kranzniederlegung, sondern lediglich eine kleine Plakette am Landratsamt. Zum “Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus” gedenkt jedes Jahr die selbe Handvoll Leute von VVN, Linkspartei, SPD und Antifa, während es von der Stadt dazu keinen offiziellen Beitrag gibt. Gedacht wird aus Sicht der Stadt lieber den “eigenen Opfern”, die dunklen Seiten der Geschichte verdrängt. Eher wird jenen gedacht, die jahrelang zusahen, als Jüdinnen und Juden in Freiberg diskriminiert, vertrieben und verfolgt wurden. Veranstaltungen, wie in der Petrikirche, sollten sich verbieten.

Für die Menschen, die in Freiberg unter der NS-Herrschaft und der Freiberger Mittäter_innen litten, war die Bombardierung ein Hoffnungsschimmer auf die baldige Befreiung. ”…jede Detonation ist wie ein Geschenk!”, schrieb Chava Livni, Überlebende des KZ-Außenlagers in Freiberg.


Verwaltungsgebäude der „Freia-Gmbh“ auf der Frauensteiner Straße (heute Landratsamt)


Gedenktafel für die Opfer des KZ Freiberg

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2 Antworten auf “Freiberg – die kollektive Unschuld?”


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