Der Volkstrauertag in Freiberg


Stadtdezernent Holger Reuter hält vor den Anwesenden eine Rede

Vertreter der Stadt gedenken gemeinsam mit Neonazis

Am 15. November riefen die Stadt Freiberg und lokale Initiativen wie jedes Jahr dazu auf, a.m sog. Volkstrauertag den Opfern von Krieg, Gewaltherrschaft und Vertreibung zu gedenken. Es wurden Kränze an der Gedenktafel für die Zwangsarbeiterinnen des KZ-Außenlagers in Freiberg am Landratsamt, am Gedenkstein für die bei der Bombardierung am 07. Oktober 1944 getöteten Freiberger auf dem Donatsfriedhof, sowie bei den Denkmälern für die Opfer des Stalinismus und der sog. Heimatvertriebenen abgelegt. Während um die Vertriebenen und Bombentoten eine Gruppe von 20-30 Personen trauerte, fand sich lediglich eine Handvoll Menschen von VVN und Linkspartei am Mahnmal für die Verfolgten des Naziregimes ein. Die anderen fehlten.

Der Volkstrauertag wurde 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen. 1922 fand die erste Gedenkstunde im Reichstag statt. Im Nationalsozialismus wurde der Tag als “Heldengedenktag” zum staatlichen Feiertag und im Mittelpunkt standen die Verehrung der Wehrmacht und NSDAP. 1939 wurde der “Heldengedenktag” auf den 16. März, den Tag der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935, verlegt. Nach Zerschlagung der nationalsozialistischen Barbarei wurde der Volkstrauertag wieder in der alten Form aufgenommen und fortgeführt und findet seitdem jedes Jahr am Sonntag vor dem Totensonntag statt.

Im Zentrum des Gedenkens steht nach wie vor eine undifferenzierte Gleichstellung “aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft”, in der der Kontext und die Vorgeschichte der Bombardierung und Vertreibungen keine Rolle spielen. Als einzige Kategorie der Betrachtung gilt dabei das individuelle Leid, während Schuld, Verantwortung und Täter_innenschaft unbeachtet bleiben. Diese vollkommen entpolitisierte und nur noch moralische Sichtweise verkennt die Spezifik und Einzigartigkeit der Verbrechen des Deutschen Mordkollektivs, das einen Vernichtungskrieg in Osteuropa führte, in dem bewusst ganze ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht und die Bevölkerung ausgelöscht wurde, um den Plan der Gewinnung neuen Lebensraums für die deutsche Volksgemeinschaft zu verwirklichen und die industrielle Vernichtung von Millionen von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexueller und Behinderter ermöglichte. Die Titulierung der Täter_innen als “Opfer des Krieges” ermöglicht zweierlei: Einerseits verschwindet so die individuelle Mitwirkung am nationalsozialistischen Mordprogramm, andererseits erfolgt eine Gleichstellung sämtlicher Menschen, die Leid erfahren haben unter eine abstrakte Kategorie. Die von den Deutschen Unterdrückten, Diskriminierten, Verfolgten und Ermordeten sind keine Opfer irgendeines Krieges, sondern ganz konkret Opfer der nationalsozialistischen Barbarei. Die dafür verantwortlichen lassen sich klar benennen.

Bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung für die Opfer der Bombardierung Freibergs auf dem Donatsfriedhof stieß die Stadt wieder in das selbe geschichtsrevisionistische Horn. Die Rede des Dezernenten für Stadtentwicklung, Holger Reuter, entkontextualisierte die Bombardierung Freibergs und erwähnte in keinem Satz die nationalsozialistische Vorgeschichte. An der Veranstaltung beteiligten sich auch acht Mitglieder der NPD, unter ihnen Stadträtin Heidelore Karsten, der ehemalige Stadtrat Horst Gottschalk, sowie die beiden Kreisräte Tino Felgner und Steve Weisbach. Gegenüber ihnen erfolgte weder verbal noch inhaltlich eine direkte Abgrenzung, gleichwohl das Versammlungsrecht den Veranstaltenden die Möglichkeit bietet, bestimmte Personenkreise im Vorfeld von der Veranstaltung auszuschließen. Auf die Nachfrage des FreibÄrger, warum keine direkte Abgrenzung zu den Neonazis erfolgte, reagierte Reuter mit Unverständnis und meinte, dies in seiner Rede klargestellt zu haben. Der Zweite Weltkrieg, so Reuter, hatte viele Ursachen und erzählte die Anekdote, dass nach Abschluss des Versailler Vertrages ein englischer Gesandter meinte, damit bereits den nächsten Krieg besiegelt zu haben. Soll also der Versailler Vertrag Ursache des Zweiten Weltkriegs sein? Wenn Reuter dies wirklich meinen sollte, ist das eine Relativierung deutscher Schuld und offenbart die Schnittmengen in der Argumentation der sog. bürgerlichen Mitte mit geschichtsrevisionistischen Neonazis. Die konkrete deutsche Schuld geht in dem Geschwafel des Jahrhunderts des Leides und der Kriege völlig unter und ermöglicht eine neue nationale Idendität. Die Lehre aus dem Nationalsozialismus kann aber nur einen Bruch mit jeder Form von deutschem Nationalismus bedeuten.

Redaktion FreibÄrger

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die ganze Riege der NPD

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1 Antwort auf “Der Volkstrauertag in Freiberg”


  1. 1 the same procedure as last year… « Antifa Infoportal Freiberg Pingback am 24. September 2011 um 18:32 Uhr
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