Die Geschichte des Faschismus – Teil VI: Die Menschwerdung einer Bestie: Der nationalsozialistische (Un-)Staat.

von Alfred J. Quack (erschienen in #FbÄ 71)

“Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
Ins weite Reich, Ihm scheint’s ein schwerer Traum
Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,
Das Ungesetz gesetzlich überwaltet,
Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet.”(1)

Der einleitende Vers stammt aus der Feder von Karl Kraus. Es handelt sich um einen Textbaustein aus dessen umfangreichem Versuch, den Nationalsozialismus essayistisch zu bestimmen. Der Autor verfasste sein Werk bereits zwischen Mai und September 1933 und wollte es ursprünglich in “Die Fackel”(2) veröffentlichen. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Was macht diesen relativ unbekannten Text eigentlich so interessant? Die Antwort ist recht einfach. Erstaunlicherweise geht der Verfasser bereits auf vieles ein, was Adorno und Horkheimer elf Jahre später in ihrer “Dialektik der Aufklärung” entfalten werden. Doch damit noch nicht genug: Allein dieser einzige Vers enthält meines Erachtens bereits die Antizipation des Kerngedankens eines der wichtigsten Werke der Kritischen Theorie, das zudem wie kein anderes den nationalsozialistischen Staat in Struktur und Funktion beschreibt. Die Rede ist von Franz Neumanns “Behemoth”(3).

Heute soll es mir also um den Nationalsozialismus in Deutschland gehen und Neumanns Strukturanalyse wird dabei eine wesentliche Rolle spielen. Wie bereits angekündigt, werde ich diesmal auf eine historische Rekonstruktion verzichten. Einerseits, weil ich eine gewisse Kenntnis zur Geschichte des Nationalsozialimus voraussetze. Zum anderen, weil es mittlerweile ganze Bücherregale voll mit Literatur zum Thema gibt. Mir geht es vor allem um den spezifischen Unterschied von Nationalsozialismus und Faschismus, sowie um die Frage nach den Gründen für dessen politische Machtergreifung. Neben Neumanns Werk werde ich deshalb auch auf Detlev Peukerts sozialhistorische Untersuchungen(4) über die Gesellschaftsstruktur der Weimarer Republik zurückgreifen und außerdem kurz auf eine bereits etwas ältere Vortragsreihe des erst kürzlich verstorbenen Ralf Dahrendorf(5) eingehen. Mit dem heutigen Aufsatz endet die ideengeschichtliche Analyse des Faschismus. Im letzten Teil möchte ich die ehrenwerte Leser_innenschaft noch mit den wichtigsten Faschismustheorien vertraut machen und deren inhaltliche Stärken und Schwächen darlegen. Wenn es Zeit und Platz hergeben, werde ich auch noch die angekündigten Ausführungen zum autoritären Nationalismus des japanischen Kaiserreichs nachreichen. Wenn nicht, dann schreibe ich auf jeden Fall in naher Zukunft einen gesonderten Aufsatz zum Thema. Für heute wünsche ich erst einmal jede Menge Erkenntnisgewinn.

“Es ist unleugbar, daß der Krieg der natürliche Zustand der Menschen war, bevor die Gesellschaft gebildet wurde, und zwar nicht einfach der Krieg, sondern der Krieg aller gegen alle.”
(6)

Der Titel meines heutigen Aufsatzes klingt gewiss sehr euphemistisch, obgleich sich der Nationalsozialismus wegen seiner barbarischen Konsequenz zu vernichten bestens für solch eine Dämonisierung eignen würde. Bei struktureller Betrachtung stellt sich der NS-Staat jedoch als so einzigartiges Phänomen dar, dass er nicht einfach mit gewöhnlichen staats- und rechtstheoretischen Kategorien erklärt werden kann. Deshalb greife auch ich auf die Figurationen von Neumann zurück, welcher den nationalsozialistischen Staat in seiner strukturellen Analyse letztlich als “Unstaat” bezeichnet. Da bereits im damaligen wissenschaftlichen Diskurs keine vergleichbaren Kategorien existierten (heutzutage sieht die Situation übrigens nicht besser aus(7)) greift Neumann sehr bewusst auf die Metaphorik des englischen Philosophen und Staatstheoretikers Thomas Hobbes zurück. Hobbes wiederum benutzt die biblische Symbolik vom Landungeheuer namens Behemoth, das bereits in der jüdischen Eschatologie Erwähnung fand, in einer 1668 erschienen Schrift8 zur Illustration der eigenen Gesellschafts- und Staatsvorstellung. Behemoth ist als Antipode zu dem Seeungeheuer Leviathan zu verstehen. Dieser wird bei Hobbes in positiver Bezugnahme synonym mit dem Staat gedacht. Das Denken von Thomas Hobbes ist recht stark von seiner persönlichen Erfahrung während des englischen Bürgerkrieges (Cromwell-Protektorat) geprägt. Der Behemoth symbolisiert für ihn den so genannten Naturzustand, in dem die Menschen ohne Recht und Ordnung leben. Diesen anomischen Zustand bezeichnet er auch als “bellum omnium contra omnes”, als Krieg aller gegen alle. Der Leviathan ist für ihn hingegen das Sinnbild derjenigen Herrschaft, die sich einzig aus der Macht sehr vieler Menschen begründen kann. Der Einzelne opfert quasi zugunsten des gesellschaftlichen Kollektivs gewisse Freiheiten, erhält dafür im Gegenzug diverse Sicherheiten. Hobbes musste aus diesem Grund oftmals zu Unrecht als Protagonist für konservative Apologeten herhalten, wie beispielsweise Josef Isensee(9). Noch etwas wesentliches habe ich bezüglich Hobbes anzumerken: Entgegen den üblichen Interpretationen, die ihn als Vordenker des absolutistischen Staates abtun, dabei aber allzu gern vergessen, dass sich sein Werk vor allem gegen die Aristokratie als nicht vertragsgegründete Klasse richtet, muss Hobbes meiner Meinung nach als der erste bürgerliche Philosoph verteidigt werden.

Obgleich der NS-Staat objektiv die charakteristischen Züge eines autoritären Staates aufweist, vergleicht auch Neumann ihn nicht mit dem Leviathan. Er weist in seinem Werk vielmehr explizit nach, dass sich hinter der autoritären Fassade des nazistischen Regimes letztlich immer nur Willkür, Egoismus und der Terror einzelner Gesellschaftsgruppen verbergen.

Der Behemoth Neumanns galt lange Zeit als Geheimtipp. Einer breiten Rezeption in antideutschen Theoriekreisen – vor allem durch den österreichischen Publizisten Gerhard Scheit – verdankt das Werk seine heutige Popularität, zumindest im linken Milieu. Neumann ist ein eher unbekannter Protagonist aus dem Umfeld der Frankfurter Schule. Er gehörte nicht von Anbeginn zum Umfeld des Institutes für Sozialforschung (IfS), sondern näherte sich erst im amerikanischen Exil der Kritischen Theorie an. Sein Behemoth, dessen Erscheinen sich noch vor Adornos und Horkheimers “Dialektik der Aufklärung” datieren lässt, ist für mich die wichtigste Abhandlung über den deutschen Nationalsozialismus.

Der Jurastudent Neumann nimmt 1918 an der Novemberrevolution in Deutschland teil. In den Folgejahren ist er in der SPD aktiv. Später lehrt er an der deutschen Hochschule für Politik. Nebenher ist er als Rechtsberater im Vorstand seiner Partei tätig. Von 1928 bis 1933 arbeitet er in Sozietät mit seinem Freund Ernst Fraenkel, der ebenfalls der Verfasser einer Strukturanalyse über den Nationalsozialismus(10) ist. Er emigriert 1933 zunächst nach England, 1936 schließlich nach New York, wo sich mittlerweile das Frankfurter IfS an die Columbia University angegliedert hat. Auch in den Nachkriegsjahren ist er an dieser Einrichtung als Professor für Politikwissenschaften tätig. Er kehrt niemals wieder nach Deutschland zurück. Trotzdem wirkt er maßgeblich an der Gründung der Freien Universität in West-Berlin mit, vor allem am Aufbau des Instituts für Politische Wissenschaft. Heute wird Neumann gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Ernst Fraenkel, sowie mit Karl Loewenstein zu den Begründern der Politikwissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland gezählt. Er stirbt 1954 bei einem Autounfall.

“Hier in der Mitte entstand so etwas wie ein Konzentrat des Ganzen, ein Mikrokosmos der kapitalisierten Welt, in dem sich die moderne Barbarei des Westens mit der vormodernen des Ostens verbunden hat. […] Die Identifikation zu vollenden und den Wahn zu entfesseln, bedurfte es dann nicht nur eines endlich geeinten Deutschen Reichs, das sich der Krisenbewältigung annahm, Voraussetzung dafür war die innere Reichsgründung: die antisemitische Projektion einer ‘Gegenrasse’, der alle negativen Aspekte der Krise übertragen werden konnten – wodurch abgespalten und personifiziert wurde, was man selber tun wollte und tat.”(11)

Neumanns Behemoth setzt offenbar genau dort an, wo Fraenkels Doppelstaat nicht mehr ausreicht, um die realen Bedingungen des NS-Staates zu beschreiben. Fraenkel geht nämlich davon aus, dass die justiziellen Regularien auch nach der Machtergreifung noch existieren. Neben den Normenstaat tritt seiner Ansicht nach jedoch im zunehmenden Maße ein Maßnahmestaat. Das meint, dass bestimmte Entscheidungen, vor allem gegenüber politischen Gegnern, nicht mehr der Rechtsprechung im herkömmlichen Sinne obliegen, sondern einer Art parteieigener Rechtsprechung. So schreibt er: “Hauptkennzeichen des Maßnahmestaates ist die völlige Beseitigung der Unverbrüchlichkeit des Rechts […] Recht ist das, was arische Männer für Recht , ein monolithisches Machtsystem zu sein. Im Sinne der Max Weber’schen Herrschaftstypologie und der klassischen Definitionen des Idealstaats von Jellinek(12) geht Neumann vielmehr davon aus, dass der NS-Staat überhaupt kein Staat im herkömmlichen Sinne sei. Er charakterisiert ihn stattdessen als “totalitären Pluralismus”, der durch ständige Rivalitäten gekennzeichnet ist – als eine Polykratie. Staatlichkeit bedeutet ihm hingegen immer “die Herrschaft des Gesetzes”. Für den deutschen NS-Staat treffe dies in keinster Weise zu: Vielmehr existieren zahlreiche Akteure, die ein Herrschaftsverhältnis über die gesamte Gesellschaft ausüben. Er nennt Partei, Wehrmacht, alte Staatsbürokratie und Monopolwirtschaft als Beispiele für solcherlei Akteure. Konflikte, Rivalitäten und Kompetenzstreitigkeiten seien hingegen in Permanenz vorhanden und lösen sich nicht in üblicher Art und Weise, sondern vermittels Führergewalt oder über das Mittel des Terrors. Um seine Analyse einigermaßen verstehen zu können, bedarf es einer gewissen Vorkenntnis über juristische Begriffe und rechtstheoretischer, sowie staatsphilosophischer Schriften. Um die polykratische Struktur einigermaßen verständlich illustrieren zu können, habe ich folgende drei praktische Beispiele ausgewählt: Paradebeispiele für die Erosion eines an Rechtsnormen gebundenen Staatsapparates sind für mich zunächst die zahlreichen führerunmittelbaren Sonderverwaltungen, die wiederum in direkter Konkurrenz zu den jeweiligen Reichsministerien standen, so beispielsweise das Amt des “Generalinspektors für das deutsche Straßenwesen” oder des “Führers des Reichsarbeitsdienstes”. Ein zweites Beispiel, das den Nationalsozialismus als organisiertes Chaos ausweist, ist folgender an Reichsinnenminister Frick gerichteter Brief eines gewissen Adolf Wagner, seinerzeit Gauleiter von München-Oberbayern. Er beschwert sich darin: “Nach der heutigen Rechtslage unterstehen Ihnen als dem Reichsinnenminister die Reichsstatthalter. Adolf Hitler ist Reichsstatthalter in Preußen. Er hat seine Rechte an den preußischen Ministerpräsidenten Göring delegiert. Sie selbst sind aber auch preußischer Innenminister. Als Reichsinnenminister unterstehen Ihnen also rechtlich Adolf Hitler und der preußische Ministerpräsident. Da Sie personengleich mit dem preußischen Innenminister sind, unterstehen Sie wiederum dem preußischen Ministerpräsidenten und sich selbst als Reichsinnenminister. Ich bin zwar kein Rechtsgelehrter, glaube aber, daß es eine solche Konstruktion kaum jemals gegeben hat.” Etwas bekannter ist die folgende Tagebuchnotiz Joseph Goebbels, datierbar auf den 10. Februar 1920: “Allgemeine Uneinigkeit. Ley kracht sich mit Kerrl gegen Rosenberg. Und das mitten im Krieg, und jeder beruft sich auf den Führer. Lammers meint nachher privat zu mir, er glaubt, der Führer erteile den Auftrag wahrscheinlich überhaupt nicht.” Was hielt diese chaotischen Zustände aber zusammen und konstituierte eine Ordnung, denn eine solche war ja offensichtlich vorhanden? Die Frage ist recht einfach zu beantworten: Unter dem Deckmantel der nationalsozialistischen Ideologie konnten nämlich sämtliche Konflikte kompensiert werden, etwaige Diadochenkämpfe blieben so aus. Diese Ideologie, das hatte ich bereits mehrfach erwähnt, war zu keinem Zeitpunkt ein Konstrukt der NS-Bewegung selbst. Eine Kohärenz wies sie ohnehin niemals auf. Kein einziges Ideologem hat nicht vorher bereits in der einen oder anderen Form existiert. Die nationalsozialistische Gesellschaftslehre hat nur sämtliche, in der Mehrheitsgesellschaft vorhandenen und fest verankerten Ressentiments zu einer endgültigen und schließlich auch vernichtenden Konsequenz radikalisiert. Hier zeigt sich auch der wesentliche Unterschied zum Faschismus, denn während der Faschismus die gesellschaftliche Befriedung, also die Beseitigung vorhandener Klassenwidersprüche als vorrangige Aufgabe des Staates verstand und somit das hierarchisch sortierte Kollektiv der faschistischen Volksgemeinschaft dem Staat unterordnet, ist der Staat im Nationalsozialismus immer nur Mittel zum Zweck. Der Faschismus stellt sich hingegen niemals über den Staat. Aus diesem Grund kann das Recht im herkömmlichen Sinne im Nationalsozialismus nicht existieren. Es dient stattdessen immer nur der technischen Durchsetzung der eigenen Ziele. Auch der historische Klassenwiderspruch wird übrigens auf diese Weise zumindest scheinbar aufgehoben. Die Besitzer der Arbeitskraft und die Träger dieser Arbeitskraft verwachsen miteinander und konstituieren sich offenbar als organische Einheit. Die deutsche Arbeitsfront ist die faktische Entsprechung. Trotz objektiver Formlosigkeit gelingt es dem Nationalsozialismus, die gesellschaftliche Einheit vermittels seiner Ideologie herzustellen. Die nationalsozialistische Ideologie muss demnach als Zwang zur Synthese verstanden werden, musste die Volksgemeinschaft deshalb auch permanent herstellen, um ihre Legitimität nicht letzten Endes zu verlieren. Herstellen meint hier aber nicht, dass diese Vergesellschaftungsform den unmündigen Bürgern nur von oben aufgeherrscht wurde. Herstellen meint vielmehr, dass sie bis zur letzten Konsequenz, bis zur Vernichtung und Ausrottung alles Volksfremden vorangetrieben werden musste. Dazu war aber die Bereitschaft des Volksgenossen eine wesentliche Voraussetzung.

Noch etwas unterscheidet Faschismus und Nationalsozialismus voneinander. Nachdem die Alliierten auf Sizilien landeten, war es möglich, dass der Duce vom faschistischen Großrat für abgesetzt erklärt werden konnte. In Deutschland wäre dies undenkbar gewesen. Der Führer versinnbildlichte vielmehr die Gemeinschaft selbst und war sogar nach der größten Niederlage unabsetzbar. Erst die eigene Vernichtung durch Selbsttötung konnte ihn von seiner Aufgabe entbinden und gleiches gilt auch für den kollektiven Körper. Diese These lässt sich leicht mit der berühmten Aufforderung zum totalen Krieg belegen. Die totale Mobilmachung gegen alles Volksfremde, bis hin zur eigenen Vernichtung! Insofern war der NS-Staat kein totaler Staat: Totalität galt nur für seine Ziele, also für den totalen Rassenkrieg. Dennoch ähneln sich der Faschismus und der Nationalsozialismus in vielen Punkten. Der deutsche Nationalsozialismus hat sogar zahlreiche Elemente vom italienischen Faschismus adaptiert. Praktisch ließ sich die propagierte Totalität auch nicht in allen Bereichen vollständig verwirklichen, weshalb ich meine, dass die Begrifflichkeit “Nazifaschismus” als Umschreibung sehr gut taugt.

Doch zurück zur NS-Ideologie: Die Volksgemeinschaft ist der Form nach also nichts anderes als die spezifisch deutsche Variante der korporatistischen Aussöhnung gesellschaftlicher Widersprüche. Um sich selbst allerdings überhaupt erst konstituieren zu können, bedurfte es zunächst einer negativen Imagination. Die Antipode zur angeblich harmonischen Gemeinschaft, in der jeder den ihm zugewiesenen Platz einnimmt, sind Liberalismus und Kommunismus. Die antisemitischen Feindbildprojektionen und die ausgesprochen auffällige Opfermentalität dienen deshalb auch der inneren Einheit des Volkskollektivs. Der Nationalsozialismus ist also keineswegs eine Gefälligkeitsdiktatur gewesen, wie oft behauptet wird, sondern er ist die mörderische Konsequenz einer Ideologie, die sich seit dem 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum die Bahn bricht. Und genau hier liegt auch die Antwort auf die Frage, wie sich ein solches Bestiarium überhaupt etablieren und letztlich sogar zur politischen Herrschaftsform avancieren konnte.

Dennoch ist die deutsche Volksgemeinschaft ein historisches Phänomen. Viele linke Kritiker_innen machen es sich heute viel zu einfach, wenn sie deren kontinuierliches Fortbestehen propagieren. Es ist nämlich mehr als lächerlich, die Gesellschaft der heutigen BRD als modifizierte Volksgemeinschaft zu bezeichnen. Nicht nur, dass damit der Nationalsozialismus im Allgemeinen und seine Vergesellschaftungsfunktion durch die Volksgemeinschaft im Speziellen relativiert werden. Zwei entscheidende Analysekriterien treten dabei völlig in den Hintergrund: zum einen die Tatsache, dass der Nationalsozialismus aus Existenzgründen permanent gezwungen war, die Volksgemeinschaft herzustellen. Eine Tatsache, die dem heutigen Vergesellschaftungsprozess übrigens völlig zuwiderläuft. Deshalb koppelt die Aussage, die deutsche Volksgemeinschaft existiere heute immer noch fort, ihre historische Bestimmung völlig von der Realität ab. Dies ist der zweite Fakt: Es zeigt sich darin deutlich, welche Konsequenz solch ein Reduktionismus hat. Stattdessen sollte sich vielmehr bemüht werden, ein schärferes Bild des gegenwärtigen Vergesellschaftungsprozesses innerhalb der postnazistischen Gesellschaften Deutschland und Österreich zu entwickeln. Ein solcher Versuch wäre etwa, die Gesellschaft modellhaft in eine – zumindest phänomenologisch – holistische und individualistische Ebene zu unterteilen, in der sich dann die verschiedenen vorherrschenden etatistischen Gesellschaftskonzeptionen wortspielerisch in Zivilgesellschaft, Zivilgemeinschaft, Volksgesellschaft und Volksgemeinschaft aufgliedern lassen. Die Sehnsucht nach der historischen Volksgemeinschaft, so wird Mensch dann sehr schnell feststellen, ist heute nur noch bei Ewiggestrigen anzutreffen. Die Syntheseleistung konservativer, sozialdemokratischer oder liberaler Konzepte ist hingegen anderer Natur. Dieses Modell erklärt die gegenwärtige gesellschaftliche Verfasstheit zumindest etwas besser als eine propagierte, aber nicht beweisbare Annahme, die davon ausgeht, dass in der BRD eine Volksgemeinschaft im Wartestand existiert, und dies – wie allzu oft geschehen – einzig mit dem Verweis auf das konservativ-korporatistische Sozialstaatsmodell. Ein solches Modell wie das hier vorgeschlagene zeigt außerdem deutlich, wie sich das Individuum auch ohne eine erzwungene Ehe ins Kollektiv integrieren kann und sich die konstruierte Homogenität auch außerhalb der historischen Kategorie einer Volksgemeinschaft manifestiert. Außerdem berücksichtigt es die Tatsache, dass der Nationalsozialismus eine Krisenideologie war. Es nimmt dies sogar sehr ernst, indem betont wird, dass eine solche Krisenlösungsstrategie auch weiterhin zutage treten kann. Derzeit ist allerdings keine diesbezügliche Tendenz erkennbar, zumindest nicht hierzulande. Eine Vergesellschaftung bis zur physischen Vernichtung und Selbstvernichtung findet man heutzutage am ehesten in Teilen der islamischen Welt. Deshalb sollten die Kritiker_innen der vermeintlichen Volksgemeinschaft und des postnazistischen Kollektivs ihre Theorie einmal mit der Realität abgleichen, vor allem auch, um mit offenen Augen die gegenwärtig ablaufenden Vergesellschaftungsprozesse analysieren zu können. Deutschland ist heute keine Großmacht und wird es auch in den nächsten Jahren nicht sein, gerade auch weil das den geostrategischen Interessen anderer Staaten völlig zuwiderläuft. Eine globale politische Gefahr geht in der Bundesrepublik von heute eben gerade nicht von militärischen Erwägungen aus, sondern von der gegenteiligen Absicht. Die Selbststigmatisierung als Friedensmacht und die daraus resultierende Appeasementpolitik sind nämlich das Problem!

Ebenso gilt es aber, auch jene Janusköpfigkeit zu kritisieren, die sich aktuell im antinationalistischen Diskurs die Bahn bricht! Dessen ökonomische Reduktion der Problematik bringt es nämlich tatsächlich fertig, die Spezifika des deutschen Nationalismus fast völlig zu negieren und ihn in eine Reihe mit anderen Nationalismen einzuordnen. Das Problem ist für diese Leute nicht etwa eine Ideologie, die als Reflex auf die alltäglichen Zumutung qua Projektion zutage tritt. Nein, für sie ist es ein ganz normaler Zusammenhang, der einzig aus der kapitalistischen Konkurrenz resultiert und damit innerhalb des Verwertungsprozesses zutage tritt. Vielleicht sollte sich die selbsternannte antinationale Linke einmal mehr auf ihre antideutschen Basics zurückbesinnen, anstatt sich andauernd die längst widerlegten Schriften einer gewissen Politsekte reinzuziehen, deren Protagonisten offenbar nicht einmal wissen, wo denn im Kapital das Fetischkapitel zu finden ist! Wäre dies nämlich der Fall, dann könnten sie auch erklären, wie sich solch eine Vergesellschaftung hinter dem Rücken der Akteure und durch ihre Köpfe hindurch vollzieht, um es einmal mit Adorno auf den Punkt zu bringen. Doch das nur als kleine zynische Anmerkung am Rande.

“Ich denke nicht daran, in bürgerlicher Manier und in bürgerlicher Zaghaftigkeit nur einen Abwehrkampf zu führen. Nein ich gebe das Signal, auf der ganzen Linie zum Angriff vorzugehen!”(13)

Eine aufschlussreiche Analyse über die Sozialstruktur der Weimarer Republik finde ich bei Detlev Peukert. Dieser lebt von 1950 bis 1990 und war zuletzt Direktor der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Der Sozialhistoriker untersucht sowohl diejenigen sozialen und politischen Strukturen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg entfalteten, als auch die bereits im Kaiserreich angelegten Lebensformen der industriegesellschaftlichen Modernität. Er sieht in der Weimarer Republik den Höhepunkt des Modernisierungsprozesses. Gleichzeitig gerät die moderne Industriegesellschaft in den Sog einer sehr tiefgreifenden Krise. Im Zuge dieses Krisenprozesses kommt es dann zu einer Polarisierung zwischen verschiedenen, untereinander zerstrittenen sozialen Gruppierungen. Diese Unversöhnlichkeit wird durch die zerrüttete Weltwirtschaft und die damit einhergehende Belastung durch die globale Politik noch weiter verschärft. Mit soziologischer Präzision analysiert Peukert diesen Prozess in all seinen Facetten. Außerdem eröffnet er einen Ausblick auf die Verfasstheit der einzelnen sozialen Milieus. Ausgehend von dieser Grundlage erörtert er auch mögliche Gründe für eine Machtübernahme der NSDAP. Er führt das Scheitern auf vier zerstörerische Prozesse zurück, die im Einzelnen hätten gemeistert werden können: Destabilisierung, Legitimationsverlust, eine autoritäre Wende in der Politik und die zunehmende Einflussnahme antidemokratischer Parteien. Es würde allerdings den Rahmen dieser Abhandlung sprengen, die einzelnen Thesen von Peukert zu entfalten und seine komplette Milieustudie zu rezipieren. Sein Buch möchte ich aber unbedingt empfehlen, denn meines Erachtens ist es einer der besten Überblicke zur Geschichte dieser historischen Periode.

Ralf Dahrendorf hingegen sieht die Ursachen für den Nationalsozialismus in einer mangelnden liberalen Tradition. Recht hat auch er: Denn während im englischen Empire selbst konservative Politiker die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Integration (auch der Arbeiterschaft) ins bestehende politische System anstrebten, emanzipiert sich das deutsche Bürgertum zwar ökonomisch, von einer politischen Partizipation kann allerdings nicht die Rede sein. Das deutsche Proletariat wird eben sowenig in den Deutschen Kaiserstaat integriert. Erst die Bismarckschen Reformen, die aber eher in reaktionärer Absicht entstanden waren, sind ein solcher Versuch. Gesellschaftliche Interessenskonflikte schwebten hierzulande also ungelöst im Raum. Statt Problemlösestrategien offenbaren sich stattdessen vielmehr Projektionslogiken. Bereits recht früh entwickelt sich so ein völkischer Antimodernismus, der später dann zu einem völkischen Antikapitalismus transformiert. Ich habe dies im ersten Teil dieser Reihe bereits anhand der kulturellen Wende Deutschlands während des Fin de Siécles illustriert. Es muss also eine gewisse Kontinuität, zumindest auf der ideologischen Ebene angenommen werden. Allerdings ist es recht eindimensional nur diese eine Ebene zu betrachten. Eine Analyse der komplexen gesellschaftlichen Verfasstheit bestätigt aber selbst dann noch einen Hang zum irrationalen Reflex, wenn es das Vorhandensein gesellschaftlicher Widersprüche und Divergenzen zwischen einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen multidimensional untersucht. Die romantisierte Harmonie des Kollektivs wird allerdings erst vom Nationalsozialismus hergestellt und zwar vermittels der Aufhebung sämtlicher liberaler Errungenschaften aus der Periode der ersten demokratischen Republik, in der Zeit von 1919-1933. Das antibürgerliche und illiberale Massenbewusstsein der Deutschen bricht sich so die Bahn und die Sehnsucht nach der Integration in das romantische Kollektiv scheint mit der NSDAP, der ersten und wirklichen Volkspartei(!), endlich in Erfüllung zu gehen.

Dahrendorf findet eine anderslautende Antwort auf den Eintritt Deutschlands in die Modernität, als ich es in den vorausgegangenen Sätzen geschildert habe. Worin ich mit ihm übereinstimme ist seine Modernisierungsthese. Ich habe bereits mehrfach ausgeführt, dass der Nationalsozialismus, wie im übrigen auch der Faschismus, zwar Rebellion gegen die Moderne waren, letztlich aber auch eine negative Form der Modernität. Oder um es mit Dahrendorf auf den Punkt zu bringen: ”[Der Eintritt in die Moderne] erwies sich überall als schmerzhaft. Er verlangte Revolutionen und Entwurzelungen, Unsicherheit und menschliche Opfer und scheint nirgendwo dem spontanen Wunsch der Menschen entsprochen zu haben. Er wurde erzwungen und fand nachher die Zustimmung der aus den Ketten der Unmündigkeit Befreiten. In Deutschland hat der Nationalsozialismus der Entwicklung zur Moderne einen nachhaltigen Stoß versetzt. […] Hitler brauchte die Modernität, so wenig er sie mochte. Wie zweideutig die Modernität ist, zeigen ihre deutschen Begründer damit zu Genüge. Der Volksgenosse verbietet die Rückkehr des Untertanen, darin liegt sein spezifisch modernes Gesicht.”

Von Modernisierung und Moderne ist bereits in den vorangegangenen Aufsätzen häufiger gesprochen worden. Ich habe bereits deutlich hervorgehoben, dass der Faschismus einerseits eine Rebellion gegen die Moderne gewesen ist, sich anderseits aber aus dem Modernisierungsprozess heraus konstituiert, sich also sehr emsig aus dem Arsenal ihrer Errungenschaften bedient. Ich möchte abschließend noch kurz versuchen den Begriff Moderne etwas näher zu erläutern: Unter Moderne sind Entstehung und Ausprägung einer ökonomisch hoch rationalisierten Industrie, Entwicklung einer komplexen technischen Infrastruktur, sowie zunehmende Bedeutung bürokratischer Verwaltungen und Dienstleistungen zu verstehen. Die Lebensmittelversorgung der Gesamtbevölkerung wird nur noch von einer kleinen, jedoch hoch produktiven Gruppe betrieben. Neben dem ökonomischen Sektor tritt der Modernisierungsprozess aber auch in anderen Bereichen deutlich zutage. Die soziale Struktur unterliegt einer enormen Umwälzung. Der Produktionsprozess ist durch arbeitsteilige Maßnahmen charakterisiert: durch lohn- und gehaltsabhängige, sowie disziplinierte Arbeit. Das Leben findet überwiegend in der urbanen Umwelt statt, was wiederum zu einer Ausdehnung von Bildung und Bildungsansprüchen führt, auf der anderen Seite werden traditionelle Lebensformen zerstört. Kulturell gesehen überwiegen medienproduzierte Angebote. Weiterhin ist eine Auflösung der Bindung an die traditionelle Ästhetik zu beobachten. Interkulturell kann vom Triumph der okzidentalen Rationalität gesprochen werden, die wiederum die westliche Gesellschaft zum Ideal stilisiert.

Das nächste Mal wird es um die Theorien zum Faschismus gehen. Ich werde diese kurz umreißen und ihre etwaige Stärken und Schwächen darlegen. Diese Reihe wird damit schließlich enden. Ich hoffe einen groben und erkenntnistheoretischen Überblick über die vielschichtige und multidimensionale Thematik gegeben zu haben. Bis zum nächsten Mal, wenn es heißt: Das F-Syndrom: Über zahlreiche Versuche das Unsägliche zu interpretieren und das Thema dabei oftmals gründlich zu verfehlen.

Anmerkung:

Eine letzte Bemerkung ist mir persönlich noch ungemein wichtig: Ich habe heute sowohl Karl Kraus und Franz Neumann, sowie deren tiefsinnige Kritiken erwähnt. Neben diesen Beiden gab es zahlreiche Intellektuelle, die dem NS gegenüber eine fundamentale Opposition vertraten. In den heutigen Debatten um die Mitschuld der Deutschen wird dies jedoch oft ausgeblendet. Herbert Ihering schrieb diesbezüglich einmal und bezog sich dabei konkret auf Heinrich Mann: “Wir können nicht sagen, daß unsere Dichter geschlafen haben, wohl aber, daß wir nicht lesen konnten.” Mit diesem schönen Zitat möchte ich das Andenken an die wenigen Menschen bewahren, die das drohende Unheil bemerkt haben und sich nicht davor scheuten ihre Stimme zu erheben.

1 zitiert aus Karl Kraus: Dritte Walpurgisnacht.
2 satirische Zeitschrift, herausgegeben von Karl Kraus.
3 Franz Leopold Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944.
4 Detlev Peukert: Die Weimarer Republik.
5 Ralf Dahrendorf: Über die Demokratie in Deutschland. Dahrendorf muss posthum als der letzte aufrichtige(!) Liberale der BRD bezeichnet werden. Dies ist gerade nicht im Sinne des dominierenden Wirtschaftsliberalismus oder des parteipolitischen Labels einer Partei gemeint, die so wenig mit Liberalismus zu tun hat, wie Stalin mit der Gesellschaft der Freien und Gleichen, obwohl auch Dahrendorf einen Mitgliedsausweis der FDP besaß.
6 zitiert aus Thomas Hobbes: Leviathan.
7 Ich entdecke im heutigen wissenschaftlichen Diskurs keine vergleichbare Kategorie, was nicht unbedingt heißen soll, dass es sie tatsächlich nicht gibt. Ich habe jedoch weder in den anthropologischen und soziologischen Untersuchungen zu Gewaltordnungstypen von Staaten, noch im politikwissenschaftlichen Diskurs, etwa der realistischen, neorealistischen oder konstruktivistischen Schule eine vergleichbare Analogie gefunden. Das Problem der Politikwissenschaft ist meines Erachtens aber ein ganz anderes. Sie denkt nie über vorhandene Strukturen hinaus und kann ihren Analysen folglich nur im Rahmen von Staatlichkeit die entsprechende Gültigkeit verleihen.
8 Thomas Hobbes: Behemoth, Or the Long Parliament.
9 Isensee propagiert in scheinbar messianischer Absicht eine konservative Sicherheitspolitik, in der der Staat die gesellschaftlichen Ressourcen gegen vermeindliche Störer herstellen soll. In seinem Werk Grundrecht auf Sicherheit schreibt er beispielsweise: „Die Friedenspflicht, die sowohl zwischen den Bürgern als auch im Verhältnis zu den Staatsorganen gilt, heißt für jedermann, auf Eigentum zu verzichten, sein Recht im freien Diskurs oder im staatlichen Angebot zu suchen und sich dem Spruch der staatlichen Entscheidungsinstanz zu unterwerfen.“ Dass dieser Isensee der Lehrmeister unseres heutigen Finanzministers und ehemaligen Innenministers Wolfgang Schäuble gewesen ist, muss vor diesem Hintergrund wohl nicht mehr betont werden.
10 Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat.
11 zitiert aus Gerhard Scheit: Die Meister der Krise.
12 Nach Georg Jellinek ist ein Staat immer ein organisierter Herrschaftsverband, der seine Rechtsnormen auf einer territorialen Basis, dem Staatsgebiet, durchsetzen kann, über ein eigenes Staatsvolk verfügt; demnach also die Staatsgewalt ausüben kann. Grundlage dafür sind immer Legalität und Legitimität.
13 zitiert aus einer Rede von Hermann Göring.

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1 Antwort auf “Die Geschichte des Faschismus – Teil VI: Die Menschwerdung einer Bestie: Der nationalsozialistische (Un-)Staat.”


  1. 1 Classwar 16. Dezember 2009 um 15:36 Uhr

    Naja ich denke das die Staaten immer ein Knoten des Klassenkampfes gewesen waren, egal in Welcher Region. Und das die Anderen Länder ausser Deutschland von Gesetzen Regiert werden das kann ich nicht bestätigen. Die Gesetze sind auch nur ein Ausdruck von der Stärke der Klassen die Gegeneinander kämpfen. Und es kann auch im Jeden Land vorkommen das es auch ein Kampf innerhalb der Bürgerlichen Klasse oder Kapitalfraktionen gegeneinander gibt.
    Deswegen würde ich nicht sagen das der Deutsche Faschistenstaat ein Unstaat war, sondern auch bei Mussulini die Gesetze geändert wurden. Ich würde die Analysen von Gramshi, Andreas Fisahn oder Wolfgang Fritz Haug empfehlen.

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