Was ist Antisemitismus?

Ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus erfordert eine Begreifbarmachung des nicht Begreifbaren: Des Nationalsozialismus und dessen Vernichtungsantisemitismus. Wird der Antisemitismus als eine besondere Form des Rassismus begriffen, als ein Vorurteil gegenüber einer Gruppe, die auch eine andere als die “Juden”1) hätte sein können, bleibt die Ausrottung der europäischen “Juden” unverstanden. Der Antisemitismus teilt mit rassistischer Ideologie, dass er Menschen aufgrund ihnen zugeschriebener Eigenschaften ausschließt. Als diese Eigenschaft gilt den Antisemit_innen die angeblich gemeinsame „jüdische Herkunft“. Stellt der Rassismus aber Menschen vor allem als minderwertig in ihrer Abstammung, roh, unzivilisiert und mit einer fassbaren Gewaltbereitschaft (auch in sexueller Hinsicht) dar, gestaltet sich die Qualität der antisemitischen Zuschreibungen gegenteilig: Den Jüdinnen und Juden wird riesige Macht zugeschrieben: Allumfassend, abstrakt und geheimnisvoll in seiner Quelle. Diese Undefiniertheit kann demnach nur Teil einer internationalen Verschwörung der „Juden“ gegen die „Völker der Welt“ sein.

Da die bürgerliche Revolution Mitte des 19 Jahrhunderts in den deutschsprachigen Gebieten scheiterte, der Bezug auf liberale Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht bestand, wurde ein anderes nationalisierendes Element benötigt, der Antisemitismus, in dem sich die allgemeine Angst vor modernem und bürgerlichen Einflüssen entfalten konnte. Mit dieser Bedrohungssituation konfrontiert, eröffnete sich den Deutschen in den Zeiten des „nation-building“ im Europa des 19. Jahrhunderts die Möglichkeit in Abgrenzung zu den “Juden” ihr eigenes Kollektiv zu umreißen – das des Deutschen Volkes. Dies kann getrost als deutsches Spezifikum gelten, denn so gab es zwar auch in anderen Ländern eine historisch entwickelte Diskriminierung von “Juden”, jedoch bildete dieser Antisemitismus nur in der deutschen Nation jenes Moment der Identitätsstiftung, welches jeden einzelnen Menschen als Angehörigen des Deutschen Volkes ausmachte und sie später miteinander in der deutschen Volksgemeinschaft verschweißte.

Die Konstruktion einer jüdischen Weltverschwörung, die die so genannte „deutsche Kultur“ zersetze, eine geheimnisvolle Macht über das Weltgeschehen habe und die deutsche Arbeiterklasse knechten solle, machte es demnach für die Antisemit_innen, in Anbetracht der erdachten rücksichtslosen Überlegenheit der “Juden2, notwendig gegen sie vorzugehen. Sie beurteilten ihr Handeln als Notwehr zur Wahrung des Wohles des Volkes. In der Konsequenz dieses Denkens ergibt sich für die Antisemit_innen die Notwendigkeit zur vollständigen Vernichtung der “Juden”. Die Antisemit_innen schreiben den “Juden” Eigenschaften zu, die ihren eigenen Fähigkeiten überlegen sind, sie sollen gerissener, erfolgreicher, rücksichtsloser, freier und viel machtvoller sein. Hinter diesen Projektionen, in die zur „Gegenrasse“ gestempelten Feinde, verbirgt sich eben das zwanghaft unterdrückte Bedürfnis der Menschen, selbst frei zu sein, Macht auszuüben und Geld zu besitzen ohne arbeiten zu müssen. Der Hass auf alles jüdische bezeichnet dabei den Selbsthass und das Negieren alles Menschlichen. Die antisemitische Paranoia darf jedoch keinesfalls als Neid der Unwissenden entschuldigt werden, der sich doch konstruktiv auszudrücken vermag. Vielmehr erliegt der in der Volksgemeinschaft kollektivierte Mensch dem unstillbaren Trieb den “Juden” absolut alles zu nehmen und bereit zu sein, um für Führer, Volk und Vaterland jederzeit zu morden.

Der Antisemitismus ist immer auch Ausdruck nicht verstandener gesellschaftlicher Zusammenhänge. Da die “Juden” seit dem Mittelalter immer wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, verdingten sie sich vor allem im Handel und in der Geldwirtschaft. Das Geschäft mit dem Zins galt den Menschen stets als parasitär, die “Juden” konnten scheinbar Geld verdienen, ohne im klassischen Verständnis, zu (Hand-)Arbeiten. Die Lobpreisung der konkreten Tätigkeit, des Produzierens von Waren, ging einher mit dem Hass auf alles nicht Produktive. So erschien das Geld als die „Wurzel des Übels“, die notwendige Ausbeutung jeder einzelnen Arbeitskraft und die untrennbare Einheit von Produktions- und Finanzsphäre im Kapitalismus bleibt, der Tatsache zum Trotz, dass sie sich jeden Tag darin einfügen müssen, bis heute vom Großteil aller Menschen unverstanden. Um aber trotzdem eine Erklärung für die gravierenden sozialen Missstände im 19. und 20. Jahrhundert zu konstruieren, lud man die Schuld dafür auf die “Juden” ab. Sie wurden mit dem, für das Alltagsbewusstsein einzig sichtbaren Ausdruck des Wertes – dem Geld – assoziiert. Die “Juden” galten als das „parasitäre Finanzkapital“, als Verursacher und Nutznießer des Kapitalismus überhaupt. Gesellschaftliche Umstrukturierungen und Umbrüche, wie der Untergang traditioneller sozialer Klassen und Schichten und explosiver Verstädterung, fanden im Bewusstsein der Menschen ihre Ursache nicht in den Gesetzen des Kapitalismus, sondern drückten sich durch eine Personifizierung in den “Juden” aus. Damit einher ging auch das Bedürfnis nach klarer Aufspaltung in „Gut” und “Böse“, in Freund- und Feindgruppe. Wer in solchen völlig unbrauchbaren moralischen Kategorien denkt, versteht sich dabei automatisch als „gut“ und kann Menschen mit ebenso herbeihalluzierten Gemeinsamkeiten als Verantwortliche klar ausmachen und dafür zur Rechenschaft ziehen. Hier schlägt der moderne Antisemitismus Brücken zum weit verbreiteten Antiamerikanismus. Je nach Art des Nationalismus soll mal das bodenständige, produktive und kulturell untermauerte Deutschland, mal das alte Europa, als Gegenpol zu den angeblich gierigen, kriegstreibenden, kulturlosen USA gesetzt werden.

Obwohl der moderne Antisemitismus aus den Widersprüchen und Zumutungen einer kapitalistischen Gesellschaft resultiert, kann die Shoa ihre Erklärung nicht im Kapital als „automatischen Subjekt“ finden. Dies würde den Individuen der mörderischen deutschen Volksgemeinschaft ihre Entscheidungsfähigkeit und Verantwortung absprechen. Das Begreifen des Antisemitismus als eine Ideologie, die, im Sinne der Herrschenden, die Massen mobilisiert, um sie für ihre eigene kapitalistische Ausbeutung gefügig zu machen, unterstellt letztendlich dem Holocaust einen Sinn, den er nicht haben kann. Denn entgegen der Logik des Kapitals trieb man die akribische Vernichtung der Juden auch im Angesicht des Unterganges der Volksgemeinschaft mit höchster Priorität fort. Der in der Wannseekonferenz 1942 beschlossene, industriell organisierte, Massenmord, leitete einen mörderischen Wahn gegen den Großteil der europäischen Juden ein, der nicht nur jeder ökonomischen Logik und jeder durch die Aufklärung entwickelten Vernunft widersprach, sondern als die abscheulichste Barbarei in der Menschheitsgeschichte, der absolute Bruch mit der Zivilisation überhaupt begriffen werden muss.

Literaturhinweise:

Antisemitismus – die deutsche Normalität: Geschichte und Wirkungsweise des Vernichtungswahns
Moishe Postone: Antisemitismus und Nationalsozialismus
Sebastian Voigt: Essentials der Antisemitismuskritik

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