Die Fronfeste

Viele Spuren des Nationalsozialismus sind in Freiberg längst vergessen. Dazu gehört auch die Geschichte des Gebäudes an der Ecke Nonnengasse/Waisenhausstraße, in dem sich heute das „Hotel am Markt“ befindet. Das geschichtsträchtige Gebäude wurde um 1500, nach dem großen Stadtbrand, gebaut. Eine Plakette am Haus erinnert an seine Funktion als Waisenhaus, die es ab 1808 erfüllte. Später befand sich dort die Knabenbürgerschule. Zeitweise wurde das Gebäude außerdem als sogenannte „Fronfeste“ genutzt. “In Friedenszeiten wurden Landstreicher und grölende Trunkenbolde inhaftiert, in Kriegszeiten der jeweilige Gegner“, so wird auf der Website des „Hotels am Markt“ die Funktion benannt. Eine Fronfeste ist also ein Ort zur Verwahrung von Menschen. Auch Folterungen fanden dort statt. Über die Zeit des Nationalsozialismus aber schweigen sowohl die am Haus befestigte Plakette, als auch die Website des Hotels. Dort heißt es lediglich: „Während und nach dem zweiten Weltkrieg wurden hier Lebensmittelkarten für die Freiberger verteilt.“

Allerdings errichteten die Nationalsozialisten bereits wenige Jahre zuvor an selber Stelle ein sogenanntes Schutzhaftlager, in dem Oppositionelle eingesperrt und gefoltert wurden. Eine weitere Terrorstätte befand sich im Gebäude des ehemaligen Porzellanwerkes am Hammerberg. Dort wurden mindestens 38 Antifaschisten grausam gefoltert. In der Fronfeste waren teilweise bis zu 26 Häftlinge inhaftiert. Auch der spätere Freiberger Bürgermeister und Buchenwald-Überlebender Karl Günzel wurde am 7. März 1933 eingekerkert, ebenso wie die Leitungsmitglieder der KPD, die Gebrüder Beckert zwei Tage später. Nachts soll der NSDAP-Kreisleiter die eingesperrten Häftlinge durch den Türspion beobachtet haben.
Für ihre Bewachung und ebenso für die Verpflegung hatten die Häftlinge selbst zu zahlen. Der Tagessatz des Polizeiamtes betrug zwei Reichsmark, was damals allerdings sehr viel Geld gewesen ist.1

Die „Schutzhaftlager“ existierten in Freiberg bis Ende 1935. Mit der Einführung von Sondergerichten wurden Tausende – das Sondergericht des Landes Sachsen hatte seinen Sitz in Freiberg – in Schnellprozessen zu Haftstrafen verurteilt und später in Konzentrationslager überführt. Angesichts der verübten Verbrechen wäre ein Hinweis am Haus und in der Rubrik Geschichte auf der Website des Hotels wohl durchaus angebracht. Zumal sich am Haus bereits eine Gedenkplakette befindet, die die Zeit des Nationalsozialismus allerdings ausspart.

  1. Bélafi, Béla (1986): Von der Errichtung der faschistischen Diktatur bis Kriegsbeginn. In: Kasper, Hanns-Heinz/Wächtler, Eberhard (Hrsg.): Die Geschichte der Bergstadt Freiberg. Weimar, Hermann Böhlaus Nachfolger: S. 282 [zurück]
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