Autonom und National

Die Modernisierung des Neonazismus am Beispiel der Freiberger „AG Germania“

von Susanne Iffert (fbÄ #74); Fotos: Recherche Ost, Archiv FreibÄrger

Seit nunmehr fast zehn Jahren gibt es innerhalb des deutschen Neonazimus das Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ (AN). Entstanden ist diese Strömung aus den sogenannten „Freien Kameradschaften“, welche meist als parteiunabhängige Kleingruppen organisiert waren und lange Zeit das öffentliche Bild der Naziszene bestimmten. Mittlerweile sind das Auftreten und die Aktionsformen der AN von fast keiner Neonazidemonstration mehr wegzudenken.

Die neue Strömung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie einen vermeintlich „linksradikalen“ kulturellen Habitus adaptiert. Dazu gehört sowohl das Auftreten als „Schwarzer Block“ bei Demonstrationen, Layout und Textstilistik von Flugblättern, Internetseiten und Transparenten, die an jene der Autonomen Antifa bis ins Detail erinnern, aber auch die Übernahme von subkulturellen Codes und Kleidungsstilen verschiedener alternativer Jugendkulturen, wie z.B. der Punk- und Hardcoreszene. So ist es mittlerweile Alltag, dass man manche „rechte“ und „linke“ Demonstrant_innen nur noch an der Aufschrift ihrer Anstecker und Aufnäher auseinander halten kann.

Zu fragen bleibt, warum Neonazis gerade das Auftreten ihrer vermeintlich größten Widersacher, also das von autonomen Antifaschist_innen, kopieren. Ein Grund ist zweifelsohne der Wunsch, endlich vom Image des ungebildeten Naziskinheads weg zu kommen. Damit verbunden ist auch die taktische Überlegung, neue „Zielgruppen“ zu erreichen, die bis dato vom Bild des Naziskins abgeschreckt waren. Ein anderer – und das scheint der weitaus wichtigere zu sein – ist die heimliche Bewunderung der Nazis für das kämpferische Auftreten „der Antifa“, das sich am besten in der Ästhetisierung von Gewalt in Form des „Schwarzen Blocks“ ausdrückt. Dieser symbolisiert nach außen Uniformierung, Kampfgemeinschaft, Männlichkeit und Gewalt(1). In der inszenierten Gemeinschaft des „Schwarzen Blocks“ geht das einzelne Individuum unter und an seine Stelle tritt ein Kollektiv, das Stärke zeigt und zur gemeinsamen Tat drängt.


Freiberg, 01.05.09: Neonazis bilden einen „Schwarzen Block“ auf ihrer Demonstration

Dass dies für Neonazis attraktiv ist und geradezu nach einer Adaption schreit, liegt auf der Hand. Umso tragischer ist es, dass Teile der radikalen Linken, die das Konzept des „black block“ affirmieren, nicht in der Lage sind, das Phänomen der AN adäquat zu kritisieren. Dies wäre nämlich mit der Einsicht verbunden, dass eigene Auftreten zu hinterfragen und seine eigene Symbolsprache auf ihren emanzipatorischen Gehalt hin zu untersuchen. Stattdessen wird oft reflexhaft behauptet, Nazis würden „linke“ Symbole klauen und missbrauchen. Was an diesen Symbolen emanzipatorisch sein soll, wenn sie einfach übernommen werden können, bleibt fragwürdig. Hier sollte man auch auf diverse Vordenker des Faschismus verweisen, wie zum Beispiel den französischen Syndikalisten George Sorel, der auch eher aus „der Linken“ kommt, aber zu einem der wichtigsten Ideengeber des europäischen Faschismus wurde. Auch Sorel, der im 19. Jahrhundert lebte, propagierte die direkte Aktion und verherrlichte die Gewalt als Mittel gegen eine als dekadent wahrgenommene bürgerliche Gesellschaft. In den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte er den Heroismus einer schaffenden Arbeiterschaft – später auch die Nation – und propagierte einen sozialen Mythos des Generalstreiks, aus dem dann der Mythos des reinigenden Krieges wurde. Besonders der italienische Faschistenführer Mussolini bezog sich auf das sorelsche Denken und seine Schwarzhemden – die „Fasci di Combattimento“ – können zugespitzt als authentische Vorläufer des „Schwarzen Blocks“ gesehen werden.

Natürlich kann ich hier nicht alle Aktionsformen und Ideologiefragmente der AN wiedergeben und ihre Genese beschreiben. Statt dessen will ich an einem Beispiel einer neuen Gruppe aus Freiberg illustrieren, wie sich die Modernisierung von neonazistischer Jugendkultur darstellt und zugleich einen Einblick in die Aktivitäten dieser Gruppe für interessierte Antifaschist_innen bieten. Seit Ende letzten Jahres tritt ein kleiner Personenkreis, der aus Freiberg und der näheren Umgebung kommt, mit einer Internetseite namens „AG Germania“(AGG) öffentlich in Erscheinung. Bisher traten parteiunabhängige Neonazis unter dem Label „Freie Nationalisten Freiberg“ auf, beteiligten sich an einer Vielzahl überregionalen Nazidemonstrationen und führten auch selbst in Freiberg eine größere Zahl von Aktionen durch, an der sich aber auch immer Vertreter_innen der örtlichen NPD oder JN beteiligten. Zu nennen wäre hier zuletzt der 7. Oktober 2009, als Freiberger und Dresdner Nazis eine Kundgebung vor der Jakobikirche durchführten, um an die „Opfer“ der Bombardierung Freibergs im Zweiten Weltkrieg zu erinnern(2). Die „Freien Nationalisten“ rund um den Freiberger Rene Z. pflegen enge Kontakte zum Dresdner Naziaktivisten Maik Müller, der auch die Demonstration am 1. Mai 2009 in Freiberg anmeldete und der seine Internetseite „Netzwerkmitte“ für Aktionsberichte der Freiberger „Kameraden“ zur Verfügung stellt. Insgesamt konnte man den Eindruck gewinnen, dass es vor allem der Dresdner Müller war, der die Aktionen in Freiberg vorbereitete und sich sowohl um organisatorische, als auch um inhaltliche Dinge – wie Flugblätter – kümmerte und hier auch schon mal in Streit mit örtlichen NPD Funktionären geriet, wie z.B. nach dem 1. Mai, als ihm von Seiten eines Freiberger NPD-Kreistagsmitglieds vorgeworfen wurde, die Demonstration nicht mit Kräften vor Ort abgesprochen zu haben. Es lässt sich feststellen, dass das Auftreten der „Freien Nationalisten Freibergs“, sich stark am Konzept der „Freien Kameradschaften“ ausrichtete, was sowohl an ihren öffentlichen Aktionen, also auch an der Wahl ihrer Themenfelder ablesbar ist.


Maik Müller (rechts) und René Z

Die AGG orientiert sich hingegen an dem Konzept der „Autonomen Nationalisten“, was im Folgenden noch herausgearbeitet wird. Zuerst muss man feststellen, dass die AGG bisher als informelles Projekt beschrieben werden muss, die, abgesehen von ihrer Internetpräsenz, nicht mit eigenen Aktionen öffentlich in Erscheinung traten. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Erarbeitung von verschiedenen Grafiken, wie Aufklebermotive, Vorlagen für Sprühschablonen und Wallpaper für den PC. Die Themen reichen von der Hetze gegen den Staat Israel, einem herbei halluzinierten Volkstod bis hin zur ersehnten nationalen Revolution. Alles erinnert natürlich von Layout und Stilistik an Arbeiten von „linken“ Autonomen. Sonst findet man auf der Seite Werbung für Neonazidemonstrationen in verschieden Städten und Texte – von anderen Gruppen entlehnt – die das eigene Selbstverständnis untermauern sollen. Zu erwähnen wäre hier vor allem, neben dem obligatorischen Aufsatz zum „Nationalen Sozialismus“, ein Text zur „Straight Edge“- und Tierrechtsbewegung, der beispielhaft für die Wandlung rechter Jugendkulturen ist. Die „Straight Edge“-Bewegung kommt ursprünglich auch aus der eher „links“ geprägten Punk- und Hardcoreszene und propagiert einen bewussten Verzicht auf Drogen und oft auch auf Fleisch. Was vorher einen, wenn auch umstrittenen, gesellschaftskritischen Gehalt hatte und der zunehmenden Entpolitisierung des Punk begegnen wollte, wird hier von Nazis umgedeutet, um „Volksgesundheit“ und einen durch antispeziesistische Versatzstücke begründeten Biologismus zu propagieren. Ein richtiges Profil der Gruppe ist anhand ihrer Internetseite trotzdem nicht zu erkennen, wirkt doch alles relativ beliebig und diffus zusammengestellt, was sicher zum einen an der Unfähigkeit liegt, eigenständig Texte zu verfassen, zum anderen aber durchaus logisch ist, da sich das Konzept der AN inhaltlicher und gestalterischer Versatzstücke aus unterschiedlichsten Jugendkulturen bedient. Was auffällt ist, dass es vor allem um Aktionismus geht. Man möchte mit einem „coolen Style“ aktionsorientierte Jugendliche erreichen, die dann „gegen antideutsche Politik und gegen internationale Kriegstreiberinteressen“, sowie „einen unaufhaltsamen Zufluss an Fremden in unser Land“ kämpfen sollen(3).

Im Auftreten der AGG spiegelt sich beispielhaft die Modernisierung des Neonazimus. Es soll mit modernen Medien und einem rebellischem Gestus, der sich bewusst von der Symbolik des Dritten Reiches abgrenzt, versucht werden, junge Menschen für einen „nationalen Kampf“ zu gewinnen. Dabei muss man die Modernisierung ernst nehmen und kann sie nicht nur aus taktischen Gründen erklären. Die Generation, die mit dem Konzept der AN politisiert wurde, sieht sich zweifelsohne als sozialrevolutionär und progressiv, wobei klar sein muss, dass ihre Weltanschauung aus den selben menschenverachtenden Ideologien der klassischen Nazis besteht. Sie bleiben Rassist_innen und Antisemit_innen und sind somit auch das legitime Ziel antifaschistischer Interventionen.

Abschließend lässt sich sagen, dass es vielen Antifaschist_innen bisher leider noch nicht gelungen ist, die Tragweite der Umbrüche innerhalb des Neonazimus zu erkennen. Denn mit den „Autonomen Nationalisten“ sind die Übergänge zu anderen Jugendkulturen fließend geworden und gerade ein „Erlebnis und Identitätsbedürfnis“, welches Jugendliche an politische Themen und Gruppen heranführt, sei es über Musik oder einen bestimmten Dresscode, kann von Neonazis mit ihrem neuen Konzept viel erfolgreicher befriedigt werden und lässt so menschenverachtende Ideologien, für immer breitere Gruppen von Jugendliche attraktiver erscheinen. Es gilt also Wege zu finden, junge Leute vor dem „reaktionären Vergemeinschaftungsangebot“ von Neonazis zu schützen und sie darüber aufzuklären. Damit muss – wie bereits erwähnt – eine Selbstkritik von bisheriger antifaschistischer Praxis einhergehen, welche viel zu oft dem eigenen Anspruch emanzipatorisch zu sein, nicht erfüllen konnte und so zum Ideengeber des Neonazimus wurde.

1Vgl. auch: „Nur radical chic?“ in Antifa-Info-Blatt #80 3.2008
2siehe auch: http://afg.blogsport.de/2009/10/08/geschichtsverdrehung-vor-der-jakobikirche/
3zitiert nach: http://logr.org/aggermania/about/

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3 Antworten auf “Autonom und National”


  1. 1 magda 14. September 2011 um 21:48 Uhr

    Mussolini verehrte Sorell genauso wie Hilter und seine Bande waren von der Idee der Uebermenschen fasziniert, soll man deswegen Nitzsches Philosophie als Ursprung der Faschismus bezeichnen? Ihr schreibt hier einen grossen Misst, ohne sich mit Sorel und seinem Konzept der Anwendung der Gewalt in der dirckter Aktion zu beschaeftigen. Schreibt ihr das aus Ignoranz oder was steht hinter der Idee Sorel’s Philosophie mit Fashismus zu verbinden?

  1. 1 70 Nazis opfern in Freiberg » FreibÄrger Pingback am 30. Januar 2011 um 23:59 Uhr
  2. 2 Freiheit für das Vaterland – zum 17. Juni in Dresden Pingback am 15. Januar 2014 um 7:32 Uhr
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