Jüdische Geschichte in Freiberg

erschienen in FreibÄrger #74

„Die Geschichte der sächsischen Bergstadt Freiberg war über Jahrhunderte seit der Stadtgründung am Ende des 12. Jahrhunderts auch eine Geschichte der Leistung und des Anteils jüdischer Bevölkerung an der Entwicklung und am Aufblühen der Stadt und ihrer Umgebung. Bis zum frühen 15. Jahrhundert gehörte Freiberg zu jenen Städten des sächsisch-wettinischen Territoriums, in denen eine bedeutende jüdische Ansiedlung Zeichen wirtschaftlichen Wohlstands und blühenden Handels war.“1

Neben der grausamen Verfolgung und der Zwangsarbeit im KZ-Außenlager Freiberg, der jüdische Menschen in Freiberg zur Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt gewesen sind und über die wir in den letzten Ausgaben berichtet haben, wollen wir hier auch einmal den fast vergessenen Teil der jüdischen Geschichte Freibergs beleuchten. Denn obwohl der schreckliche Plan der Nationalsozialist_innen – die Ausrottung der europäischen Jüdinnen und Juden – leider erst viel zu spät – vereitelt werden konnte, hatten die Nazis es geschafft, die Erinnerungen an jüdisches Leben weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Aus dem öffentlichen Leben waren Jüdinnen und Juden ohnehin verschwunden und auch in der DDR änderte sich daran wenig.

Denn im „antifaschistischen Staat“ standen vor allem Kommunist_innen und Widerstandskämpfer_innen im Fokus der Erinnerung. „[D]ie Jüdischen Opfer blieben, ebenso wie die verfolgten Sinti und Roma, Homosexuellen oder Zeugen Jehovas, in aller Regel anonym, verborgen in der ebenso ungeheuerlichen wie unvorstellbaren Zahl von Millionen Verfolgten und Ermordeten.“2 Nicht nur der Opfer, sondern auch der Täter wurde sich entledigt. Obgleich die Verfolgung von NS-Eliten in der Sowjetischen Besatzungszone konsequenter vorangetrieben wurde, fand eine Auseinandersetzung mit der individuellen Verquickung großer Teile der Bevölkerung in das nationalsozialistische System nicht statt. Im Gegenteil, nach Maßgabe der DDR-Führung waren die deutschen Arbeiter_innen die ersten Opfer des Faschismus gewesen – noch vor denen der Shoa. So gerieten letztere schnell in Vergessenheit. Noch 50 Jahre nach dem Novemberprogrom 1938, das auch in Freiberg stattgefunden hatte, galt der Versuch der Evangelischen Jungen Gemeinde Freiberg, daran zu erinnern, als „Störung der öffentlichen Ordnung“ und wurde untersagt.3 Viele glaubten damals noch immer der Mär, in Freiberg habe es kaum Juden gegeben und die wenigen, die es gab, seinen alle entkommen. Auch der 1986 anlässlich der 800-Jahr-Feier erschienene Sammelband zur Geschichte der Bergstadt Freiberg enthält kaum Informationen über jüdisches Leben. Erst die politische Wende 1989 und das große Engagement Dr. Michael Düsings in den darauf folgenden Jahren brachte vieles wieder ans Tageslicht, wenngleich die meisten Freiberger davon keine Kenntnis nehmen. Umso mehr ist der Autorin Sabine Ebert zu danken, dass sie in ihren Büchern das Thema aufgegriffen und mit Leben gefüllt hat.

Das erste Berggeschrey um 1168 im Freiberger Raum zog nicht nur Bergleute in großer Zahl an, sondern auch Händler. Im 12. Jahrhundert waren es vor allem Juden, die den Handel zwischen Orient und Okzident vorantrieben und die – bedingt durch das christliche Verbot des Zinsnehmens – das Geldgeschäft, also die Verleihung von Geld, betreiben konnten. Die schnelle Entwicklung des Bergbaus, die Stadtentwicklung, der Handel und ebenso die Hofhaltung der Wettiner steigerten den Geldbedarf. Als Zahlungsmittel im Fernhandel und als Exportgut nutzten jüdische Händler das Freiberger Rohsilber.4 Jüdische Handlungsreisende benutzen die alten Handelswege von Magdeburg über das Erzgebirge bis Böhmen allerdings wahrscheinlich schon Jahrhunderte zuvor. Ein überlieferter Reisebericht des Juden Ibrahim Ibn Jaqub aus dem Jahr 965 legt das nahe.5

Erste zahlenmäßig bedeutsame Ansiedlungen in Freiberg entstanden offenbar recht bald nach den ersten Silberfunden. Indirekter Beleg ist die 1265 erlassene „Judenordnung“ des Meißner Markgrafen Heinrich des Erlauchten, die Juden in der Markgrafschaft Meißen für fast zwei Jahrhunderte privatrechtlich weitgehend mit Christen gleichstellte und ihnen einen eigenen Gerichtsstand, sowie relativ freie Religionsausübung zusicherte. Die Ansiedlung befand sich vor der Stadtmauer auf dem Gebiet zwischen Erbischen Tor und Peterstor, wo sich heute der Rote Weg und die Lange Straße befinden. Auch eine Synagoge gab es dort vermutlich. Das Gebiet wurde auch „Judenberg“ genannt, eine Bezeichnung, die sich bis ans Ende des 18. Jahrhunderts hielt.

Anfang des 15. Jahrhunderts wurden Juden immer häufiger bedrängt, verfolgt und schließlich vertrieben. Der Freiberger Chronist Andreas Möller verzeichnet für das Jahr 1411 die Gefangennahme der Freiberger Juden und die Beschlagnahmung ihres Vermögens6: „Sind die Juden welche zu Freiberg in der Vorstadt gewohnet am Orte/den man itzo den Judenbergk nennet / wegen großen Wuchers/ so sie getrieben/gefänglich eingezogen/und hernach ganz aus dem Lande verwiesen worden.“7 Bis 1430 erfolgte die Vertreibung aus dem gesamten wettinischen Herrschaftsgebiet, das sich über das heutige Sachsen und Thüringen erstreckte. Grund und Boden des „Judenbergs“ wurden daraufhin dem Freiberger Rat zugesprochen.
An der Verfolgung der Juden ändert sich für viele Jahrhunderte wenig. Bergordnungen der sächsischen Kurfürsten verboten immer wieder jegliches Wohn- und Niederlassungsrecht von Juden in sächsische Bergstädten. So heißt es 1589 in der Bergordnung des Kurfürst Christian I.: „Juden sollen nicht geduldet noch gehauset werden“.8 Bis ins 18. Jahrhundert durften sich Juden in Sachsen nicht niederlassen, lediglich die Durchreise wohlhabender Händler war gestattet, aber durch „Judenzölle“, Geleitgelder und Warensteuern eingeschränkt.

Im Zuge der bürgerlichen Revolutionen wurden Juden im 19. Jahrhundert mit den Christen hinsichtlich bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte endlich gleichgestellt und durften sich wieder in sächsischen Städten ansiedeln. Diese Gleichstellung geschah aber deutlich später als in Preußen.
In Freiberg reichte die Zahl der Juden allerdings nicht aus, um eine eigene Gemeinde zu bilden. Die höchste Zahl, die in der Neuzeit erreicht wurde, waren 111 Juden im Jahr 1910.
Damals gab es eine Menge jüdischer Geschäfte, die das Stadtbild prägten, und jüdische Studenten und Wissenschaftler an der TU, deren Verdienste heute nahezu in Vergessenheit geraten sind. Genannt seien hier der Kristallograph Victor Goldschmidt, der später in Heidelberg Professor für Mineralogie wurde, Moritz Hochschild, einer der bedeutendsten Bergbauunternehmer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Geologe und Polarforscher Rudolf Samoilowitsch, der im Stalinschen GUlagsystem zu Tode kam.

Bekannt war das Textilgeschäft der Familie Luft auf der Bahnhofstraße 10, das sie 1935 in Folge des antisemitischen Boykotts aufgeben mussten. In einem Schreiben der NSDAP-Ortsleitung vom 17. Januar 1935 hieß es: „Die Tatsache, dass Freiberger jüdische Geschäfte in letzter Zeit eine größere Reklame als bisher entwickeln, so das jüdische Warenhaus Schocken durch auswärtige Inserate, ferner die Judenfirma Isidor Luft durch Flugblätter für Ihren Totalausverkauf, veranlassen mich, alle Parteimitglieder auf den bekannten Erlass des Stellvertreters des Führers, Pg. Rudolf Heß, hinzuweisen. Danach verstößt jeder gegen die Parteidisziplin, der in einem jüdischen Geschäft kauft oder durch seine Ehefrau oder andere Beauftragte kaufen lässt. Dieser Verstoß gegen die Parteidisziplin zieht den Ausschluss aus der Partei nach sich. Ich werde in jedem Falle, der mir gemeldet wird, unweigerlich durchgreifen. Parteigenossen! Parteigenossinnen! Ich verpflichte jeden Einzelnen von Euch dazu, überall, bei allen Volksgenossen aufklärend zu wirken. Die Judenfrage wäre zum größten Teil schon jetzt gelöst, wenn jeder Deutsche Disziplin halten und wenn in keinem Falle beim Juden gekauft würde. Kauft in Deutschen Geschäften! Heil Hitler!“9

Schon lange vor 1933 bekam Isidor Sieradzki antisemitische Demütigungen zu spüren. Als zugewanderter und staatenloser „Ostjude“ hatte er keine Bürgerrechte und war eines der ersten Opfer der Nationalsozialisten. In der Burgstraße 24 – der „Goldenen 24“ – eröffnete er einen Zigarren-, Zigaretten- und Tabakwarenladen, den er unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis aufgeben musste. Die „Goldene 24“ gehörte damals zu Freibergs ansehnlichsten Wohn- und Geschäftshäusern. Freiberger bezeichneten das Haus herabwürdigend als „Judenburg“, da es überwiegend von jüdischen Bürger bewohnt wurde. Auch die Familie Weinberg besaß ein Geschäft im Haus und ein zweites auf der Erbischen Strasse/Ecke Hornstraße.

Gegenüber vom Bahnhof gründete Willy Rosenthal 1930 einen Großhandel für Schreibwaren und Spielzeug. Die Nazis zwangen 1935 auch ihn zur Aufgabe seines Geschäfts. Am bekanntesten und größten war allerdings das 1914 eröffnete Schocken-Kaufhaus an der Petersstraße, des seinerzeit größten sächsischen Kaufhauskonzerns, das mit seiner Warenvielfalt und der sozialen Absicherung seiner Mitarbeiter neue Standards setzte. Viele jüdische Geschäfte wurden schnell zur Konkurrenz für andere Freiberger Unternehmer. „Mit ihren meist ausgedehnten Handelsbeziehungen sorgten sie für reichhaltige Warenlager, gute Qualität der angebotenen Ware und preiswerte Angebote. „Beim Juden“ zu kaufen wurde attraktiv und galt dennoch lange als anrüchig. Schon vor der Jahrhundertwende tobten wahre „Anzeigen-Kreuzzüge“ deutsch nationaler Geschäftsinnungen gegen die jüdische Konkurrenz im „Freiberger Anzeiger und Tageblatt“.“10
Die Schaufenster des Schocken-Kaufhauses wurden pünktlich zum inszenierten „Judenboykott“ am 1. April 1933 von SA-Posten zerschlagen. 1938 wurde das Kaufhaus „arisiert“ und auch nach Zerschlagung des Nationalsozialismus den ursprünglichen Eigentümern nicht zurückerstattet. Selbst die im neuen AWG-Center angebrachte Tafel zur Geschichte des Hauses spricht nur davon, dass „Simon und Salmon Schocken das Unternehmen im Jahr 1939 [zwangsweise] an die „Merkur AG“ überführen [mussten].“

Vielen Jüdinnen und Juden gelang oft noch rechtzeitig und oft auf abenteuerlichen Weg die Flucht.
„Entgegen der Legende, daß Freiberg keine jüdischen Opfer hatte, wurden [allerdings] auch Freiberger Juden in den Tod getrieben. Mindestens zwei, der Schuster Szalom Druck und der Schneider Otto Fleischner, nahmen sich noch in Freiberg das Leben. Mindestens vier weitere – das Händlerehepaar Grete und Max Pinkus sowie der Unternehmer Wolff und dessen Ehefrau – kamen um, als die Deportationen in die Vernichtungslager begannen.“11 Der Weinhändler Max Freud wurde für das Küssen einer „arischen Frau“ als „jüdischer Rasseschänder“ ins KZ Dachau eingeliefert. Vom Völkermord der Nazis blieb keine jüdische Familie verschont. Die, die entkommen konnten, verloren Angehörige, Verwandte und Bekannte. Nach Ende des Krieges blieben die Meisten von ihnen in den USA, Großbritannien, oder Israel und begannen dort ein neues Leben. In Freiberg spielt jüdische Kultur und Geschichte indes keine Rolle mehr.

  1. Düsing, Michael (1995): Juden in Sachsen – Das Beispiel Freiberg (Überblick). In: Düsing, Michael (Hrsg.): Glück Auf, mein Freiberg! Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan. Freiberg, S. 15. [zurück]
  2. Ebd., S. 7. [zurück]
  3. Ebd., S. 9. [zurück]
  4. http://www.juden-in-mittelsachsen.de/stadtrundgang/roterweg.html [zurück]
  5. Ebd., S. 17. [zurück]
  6. Ebd., S. 18. [zurück]
  7. http://www.juden-in-mittelsachsen.de/stadtrundgang/oktober.html [zurück]
  8. Ebd. [zurück]
  9. http://www.juden-in-mittelsachsen.de/stadtrundgang/bahnhof.html [zurück]
  10. Ebd., S. 21. [zurück]
  11. Ebd., S. 24. [zurück]
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