Archiv für September 2010

Naziaktivitäten am 7. Oktober?

Am 7. Oktober 1944 wurde Freiberg bombardiert. Ziele waren Gleisanlagen westlich der Stadt, sowie der Bahnhofsbereich. Beide Ziele wurden leider verfehlt und stattdessen einige Wohnhäuser getroffen. Bei dem Angriff starben 171 Menschen. Trotz der legitimen militärischen Ziele, der vorhandenen Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in der KZ Außenstelle in Freiberg erdreisteten sich die Macher der Ausstellung „Die Kriegskinder-Generation in Freiberg“ im Stadt- und Bergbaumuseum, die Angriffe als Bombenterror zu bezeichnen. Rainer Frommann – selbsternannter „Überlebender des Bombenangriffs“, bei dem immerhin knapp 0,25% der Freiberger Bevölkerung ihr Leben verloren – lud in Kooperation mit dem Stadt- und Bergbaumuseum am 22. September zum Stadtrundgang zu „Orten des Schreckens, aber auch der Hoffnung“. Gemeint waren damit natürlich nicht die Gebäude des KZ Freiberg, wo über 1000 jüdische Frauen Zwangsarbeit leisten mussten, sondern Luftschutzkeller und bei der Bombardierung zerstörte Gebäude. Auch letztes Jahr ließ es sich Rainer Frommann nicht nehmen, zum Friedensgebet in die Petrikirche zu laden, denn „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ Auch dort fehlte jeglicher Verweis auf die Rolle, die Freiberg im Nationalsozialismus gespielt hat.

Aber auch Nazis haben den 7. Oktober seit einigen Jahren für sich entdeckt und organisierten Demonstrationen und Kundgebungen. Letztes Jahr sammelten sich etwa 30 Nazis aus Dresden und Freiberg vor der Jakobikirche zu einer geschichtsrevisionistischen und antisemitischen Kundgebung. Im Jahr zuvor hielten ebenfalls etwa 30 Nazis am gleichen Ort eine Mahnwache, 2007 marschieren 15 Nazis mit Reichskriegsflaggen über die Burgstraße und 2006 demonstrierten 50 Nazis unter Führung des NPD-Landtagsabgeordneten René Despang durch die Bahnhofsvorstand.
Es liegt daher nahe, dass auch dieses Jahr wieder Aktionen stattfinden werden. Wer nähere Infos dazu hat, kann sie uns per Mail mitteilen. Ansonsten sollte die Geschichtsverdrehung, in welcher Form auch immer, natürlich nicht unwidersprochen hingenommen werden. Als Reaktion dient nicht zuletzt unsere Demonstration am 9. Oktober.

Veranstaltungsreihe: „Is‘ schon schlimm. Von guten Menschen und schlechten Zuständen“

Vom Oktober bis Dezember 2010 findet im Mediencafe M54 des AJZ Chemnitz die Veranstaltungreihe „Is‘ schon schlimm. Von guten Menschen und schlechten Zuständen“ statt. Ein Überblick zu den geplannten Veranstaltungen ist auf der Seite des Bildungskollektiv Chemnitz zu finden.

Die Reihe startet mit einem Vortrag von Martin Dornis zu dem Thema:
Jeder Mensch ist illegal – Zur Kritik des Menschenrechts

Mittwoch 6. Oktober | AJZ Chemnitz M54 | 19.00 Uhr
Vortrag & Diskussion mit Martin Dornis (Leipzig)

Menschenrechte gelten vielen als Allheilmittel gegen Unterdrückung. Warum damit heute vor allem die Unterdrückung durch das “imperialistisch-faschistische Regime” in Israel gemeint ist, soll dieser Vortrag thematisieren. Er folgt der Entwicklung der Konzeption der Menschenrechte von ihrem Beginn in der französischen Revolution und dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, diskutiert ihren widersprüchlichen Charakter, der allen Menschen universell Freiheit zusprechen wollte und sie doch nur partikular eingestehen konnte, bis hin zu Hitlers Parole, derzufolge Menschenrecht das Staatsrecht brechen sollte.
Im Zentrum steht einerseits die Diskussion des Übergangs von vormoderner, direkter Herrschaft hin zu versachlichter, der untrennbar mit dem Siegeszug der Menschenrechte verbunden ist und andererseits die Transformation der Menschenrechte in eine Waffe des Antisemitismus. Die Menschenrechte waren immer schon Ideologie. Aber dereinst bestand ihr ideologischer Charakter darin, dass sie eine freie Menschheit versprachen ohne sie zu garantieren, sondern vielmehr Ausbeutung und Herrschaft in versachlichter Form fortzuschreiben. Heute wollen die Menschenrechtler dem einzig legitimen Staat der Welt an den Kragen, womit sie den inhumanen Kern ausplaudern, der den Menschenrechte seit je innewohnte. Eine wirklich durchgeführte Befreiung von Ausbeutung und Herrschaft kann es daher nur jenseits der gewaltförmigen Vergleichung von Individuen zu freien und gleichen Staatssubjekten geben.

Mehr Infos unter: http://bildungskollektiv.blogsport.de/

Aufruf online: Aber hier leben? Nein danke!

Plakat:


Flyer mit Kurzaufruf (PDF)

gesamter Aufruf:

Aufruf als PDF

Aber hier leben? Nein danke!
Gegen die alltäglichen Zumutungen in der Provinz!

Antifaschistische Demonstration
9. Oktober – 14 Uhr – Freiberg – Bahnhof

Als am 7. Oktober letzten Jahres Freiberger und Dresdner Neonazis gemeinsam zur alljährlichen Opferzeremonie anlässlich der Luftangriffe auf Freiberg 1944 aufriefen, ließ es sich der Freiberger Verein gegen Extremismus auf Druck der TU Bergakademie nicht nehmen, dagegen mit einem eigens angefertigten Banner „Kein Krieg – Kein Extremismus“ zu protestieren. Parallel dazu lud man zum „Friedensgebet“ in die Petrikirche, denn „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“

Um dem Geschichtsrevisionismus der Neonazis auf der einen und der Relativierung deutscher Schuld durch die Stadt und dem „Verein gegen Extremismus“ auf der anderen Seite etwas entgegenzusetzen, entschlossen wir uns dazu, dem Spektakel dieses Jahr eine eigene kritische Demonstration entgegenzusetzen. Das war irgendwann vor ein paar Monaten. Seitdem hat sich eine Menge ereignet,weshalb wir es für unerlässlich halten, den Rahmen der Demonstration zu erweitern und zu benennen, welche Entwicklung sich gegenwärtig abzeichnet. (mehr…)

Aber hier leben? Nein danke! : Antifaschistische Demonstration am 09.10. in Freiberg

Flyer als PDF

Kurzaufruf:
Seit Beginn des Jahres gab es in Sachsen bereits 13 Brandanschläge auf linke Wohn- und Vereinsprojekte, sowie auf von Migrant_innen betriebene Gaststätten, davon allein drei in Freiberg und zwei in Döbeln. Bei einigen Anschlägen wurde der Tod von Personen billigend in Kauf genommen, da auch Wohnhäuser betroffen waren.
So erreicht die neonazistische Gewalt im Jahr 2010 einen neuen Höhepunkt und einiges erinnert an Zustände Anfang der neunziger Jahre. Umso unverständlicher sind die öffentlichen Reaktionen. In Freiberg wollte man lieber den Ruf als „weltoffene“ und „tolerante“ Stadt verteidigen, anstatt sich die Taten, die ihnen zugrunde liegenden Ideologien und deren Entstehung wirklich bewusst zu machen und Wege zu finden, diesen effektiv etwas entgegenzusetzen.

Obwohl das alles schon nervig genug ist, werden voraussichtlich am 7. Oktober Neonazis den Termin der Bombardierung Freibergs nutzen, um mittlerweile das fünfte Jahr in Folge eine geschichtsrevisionistische und antisemitische Kundgebung zu organisieren. Der Stadt und dem „Verein gegen Extremismus“ fiel auch letztes Jahr nichts Besseres ein, als einen Banner mit der geschichtsvergessenen Aufschrift „Kein Krieg – Kein Extremismus“ zu drucken und verpasste so dem revisionistischen Spektakel das i-Tüpfelchen.

Mit unserer Demonstration wollen wir uns nicht als Politikberater_innen aufspielen, sondern einfach das sagen, was uns nicht passt; sagen, was das Leben in der sächsischen Provinz so hässlich macht. Wir wollen Menschen ermutigen, sich kritisch mit Neonazimus, Geschichtrevisionismus, Standortdenken, Lokalpatriotismus, menschenfeindlichen Ideologien, Anpassungszwang und nicht zuletzt auch mit Verhältnissen auseinanderzusetzten, die all dies immer wieder aufs Neue hervorbringen. Das heißt einen Einspruch zu formulieren, gegen ein Leben, das zu führen wir gezwungen sind; gegen ein Leben, das sich in kapitalistischen Bahnen abspielt.

Plakate, Aufrufe und Flyer können hier bestellt werden.

Aufruf und weitere Infos folgen.

Aufruf zur Antifademo in Jena: kein Volk – kein Fest – kein Volksfest

Kein VOLK kein FEST kein VOLKSFEST – destroy the spirit of Dresden!

Auch dieses Jahr findet wieder das Fest der Völker in Pößneck statt. Und auch dieses Jahr wird es wieder ein Volksfest gegen Nazis geben, ob als Bratwurstessen oder Blockade (In Dresden bezeichnete sich 2010 die Hauptblockade am Albertplatz selbst als „Volksfest“. ).
Wie auch beim „Trauermarsch“ in Dresden oder anderen nazistischen Großveranstaltungen geht es bei den Gegenaktivitäten nicht um eine Kritik rassistischer, antisemitischer, sexistischer oder anderweitig diskriminierender Ideologien, sondern in erster Linie um eine Abgrenzung von diesen „bösen Randerscheinungen“, für die vermeintlich nur die Nazis stehen. Dass solche ausgrenzenden Denkmuster auch fest in den Köpfen so mancher Nazi-Gegner verankert sind, bleibt dabei erstmal unreflektiert. Der „Kampf gegen die Rechtsextremisten“ wird zum Sinnbild der geläuterten, demokratischen Nation. Antifaschistische Gruppen bauen gewollt oder ungewollt an diesem Bild eines „neuen“ Deutschland mit, wenn ihre radikale Kritik Pragmatismus weicht. (mehr…)