Redebeitrag des FreibÄrger

„Aber hier leben? Nein danke!“ rufen wir heute den Freibergerinnen und Freibergern entgegen und meinen damit die Verhältnisse in dieser Provinz, unter denen wir schon zu lange unser Dasein fristen. Viel Verständnis für diese Parole ist uns dabei nicht entgegengebracht wurden, dafür aber Frust, verdrängte Aggressionen und Befürchtungen, die völlig an der Realität vorbeigehen. Was soll das? Hier ist es doch so schön – wurde uns entgegengehalten und sicher, zum Arbeiten, parken und Steine angucken mag das alles zutreffen. Das meinen wir aber gar nicht. Was für uns das Leben in Freiberg so anstrengend macht, sind neben fehlender alternativer Angebote und ein paar Nazis, die hier zum Glück weit weniger aggressiv auftreten, als im Rest von Mittelsachsen, vor allem die völlige Unfähigkeit mit Kritik umzugehen fast aller, die hier irgendwie mitgestalten.
Dabei meinen wir es doch gar nicht böse, trotz aller persönlicher Antipathie.

Es ist äußert frustrierend und enttäuschend, immer wieder auf Problematiken hinzuweisen und dabei weder ernstgenommen zu werden, noch auf Verbesserung der Situation hoffen zu können. Seien es NS-Kriegsverbrecher, Naziläden, chauvinistische Burschenschaften, ein entstehendes Nazizentrum in Gränitz, Brandanschläge, die katastrophalen Lebensbedingungen von Asylsuchenden, Geschichtsrevisionismus von Seiten der Stadt, oder die Blindheit über die Rolle Freibergs während des Nationalsozialismus – es interessiert niemanden.
Man gewinnt das Gefühl, dass eine kritische Öffentlichkeit unerwünscht ist und nur als Störfaktor wahrgenommen wird. Zwar unterlassen Oberbürgermeister Schramm und die Seinigen es nicht, bei jeder Gelegenheit mit Verweis auf die DDR, die Demokratie und Meinungsfreiheit zu loben, meinen damit aber nur Meinungen, die ihnen passen. So erboste Schramm sich letztes Jahr darüber, dass eine von der Antifa Freiberg organisierte Demonstration nicht von ihm genehmigt wurden sei, ganz so, als könnte der oberste Herr der Stadt bestimmen, wer wann, wie und wo seine Meinung kundtut. An einer inhaltlichen Auseinandersetzung war er dabei natürlich nicht interessiert.

Generell sucht man solch eine Auseinandersetzung in Freiberg vergebens. Die meisten relevanten Positionen der Stadt üben seit Ewigkeiten ihr buisness as usual. Kritik, offener Wettstreit von Meinungen?, Debatten? – überall Fehlanzeige. Selbst das Thema, was die Bürger_innen dieser Stadt momentan am meisten spaltet, die geplante Umgehungsstraße, führt nicht etwa zu argumentativen Auseinandersetzungen, sondern wüsten Beschimpfungen und Vorwürfen in Leserbriefen der Freien Presse. Überall klingt an, dass Minderheiten sich Mehrheitsentscheidungen zu beugen und Einwände gefälligst zu unterlassen hätten. So funktioniert Politik in Freiberg.

Man fügt sich eben dem, was vorgegeben wird. Der Stadtrat steht dicht geschlossen, lobte am Donnerstag Landrat Volker Uhlig bei einem Friedensgebet für die Bombentoten von 44. Von NPD bis Linkspartei, alle waren sie versammelt und stimmten ein. Dissenz gibt es höchstens bei der Frage nach Parkplätzen in der Innenstadt, oder der Position von Ampeln. Einigkeit besteht auch darin, dass Freiberg weltoffen und tolerant sei. Bei jeder Gelegenheit wird das beschworen. Die Realität sieht selbstverständlich anders aus. Doch Naziläden, Angriffe auf von Migranten betriebene Gaststätten und der Umgang mit Asylsuchenden – der sich in den letzten Monaten wenigstens etwas gebessert hat – scheint für die Wahrnehmung keine Rolle zu spielen. Per Definition kann es gar nicht anders sein, als dass hier Weltoffenheit gelebt wird. Denn damit hat man sich auch schon aller Probleme erledigt und kann sich der Sanierung der Innenstadt, oder dem Ausbau von Straßen zuwenden.

Das Problem ist vielschichtig. Es ist ein Generationen- und Strukturproblem, aber vor allem ein Problem der fehlenden Muse, Auseinandersetzungen auszutragen und hinzunehmen, dass Gesellschaft nicht aus Konsens, sondern Widersprüchen besteht. Dort lebt wahrscheinlich die DDR-Sozialisation nach, die Bürgerschaft als Einheit zu repräsentieren und keine Parteien, sondern eigentlich nur Freiberger_innen zu kennen.
Auch deswegen demonstrieren wir heute hier, um zu zeigen, dass es auch andere Stimmen in dieser Stadt gibt und um zu motivieren, Auseinandersetzungen zu führen. Denn nur, weil es so ist, wie es ist, muss es noch lange nicht gut sein. Und es muss auch nicht so bleiben.

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