Wider die antifaschistische Einheitsfront (aktualisierte Version März 2011)

Der folgende Text ist eine für eine Demonstration in Chemnitz aktualisierte Version des Redebeitrags Wider die antifaschistische Einheitsfront vom letzten Jahr.

Wenn es heißt, die Antifa demonstriere heute in Chemnitz, gilt es zu widersprechen. Es braucht kaum betont zu werden, dass die verschiedensten antifaschistischen Gruppen sich in ihrem Verständnis von Gesellschaftskritik sowie ihren Zielen stark unterscheiden. Das, was sich alles Antifa nennt, auf einen gemeinsamen Nenner herunter zu brechen, scheint unmöglich.

Wir betrachten Antifaschismus nur als einen Teilbereich kritischer Intervention und als für ein Verständnis der Gesellschaft in ihrer Totalität ungeeignet. Dafür notwendig ist die Auseinandersetzung mit Staats-, Ökonomie-, und Ideologiekritik und die daraus resultierende Forderung nach der allgemeinen Emanzipation der Menschen, nach der Freien Assoziation der Individuen im Kommunismus. Das erfordert zwar durchaus den Kampf gegen Neonazis, hört dort allerdings noch längst nicht auf.

Neonazis mögen die reaktionärsten und menschenverachtendsten Kräfte in der aktuellen Gesellschaft sein. Das haben aber zum Glück die größten Teile der Gesellschaft längst erkannt. Nun gibt es aber keine geschlossene Naziideologie und auch keine geeinte Rechte. Vielmehr setzt sich das emanzipationsfeindliche Gedankengut der Neonazis aus vielen ideologischen und sich teilweise widersprechenden Fragmenten zusammen, wie Nationalismus, Etatismus, Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Autoritarismus, völkisches Denken oder Sexismus – um nur einige zu nennen – und diese Ideologien sind keineswegs nur auf Nazis beschränkt. Sie finden sich in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ ebenso, wie bei vielen Linken und müssen auch immer wieder wegen ihrer Funktionen und Genese auf die gesellschaftliche Verfasstheit im Ganzen zurückbezogen werden.

Hier zeigt sich unserer Ansicht nach das Problem vieler sich als Antifa verstehender Gruppen. Statt Ideologien konsequent zu denunzieren, betreiben viele punktuelle Anti-Nazi-Politik und machen sich dadurch selbst zum Problem. Der Antifaschismus wird mit der einzigen Fokussierung auf Naziaktivitäten zum Selbstzweck und damit alleiniges Ziel, anstatt Mittel für eine Gesellschaft zu sein, die diesen Namen verdienen würde. Das war u.a. auch vor zwei Wochen in Dresden abermals gut zu beobachten, als sich Tausende an den Blockaden von „Dresden Nazifrei“ und „no pasarán“ beteiligten. Die immer wieder gelobte Breite der Bündnisse führte schließlich zu einer Aufgabe radikaler Inhalte (falls es diese jemals gegeben hat) und man landete gemeinsam mit der sogenannten Zivilgesellschaft bei einem irgendwie-Unbehagen gegen Nazis, das immer weniger inhaltlich und immer mehr affektiv und emotional begründet wird.

So wurde in Dresden von vielen nicht beanstandet, dass die Nazis in ihrem Trauermarsch den Nationalsozialismus relativieren und Täter_innen zu Opfern umdeuten, sondern lediglich, dass Nazis überhaupt aufmarschieren. Zwar hat mittlerweile auch beim Bündnis „no pasarán“ ein Umdenken eingesetzt und der Geschichtsrevisionismus wurde dieses Jahr erstmals breiter thematisiert. Die zivilgesellschaftliche Lüge, dass die Nazidemonstration nur ein sogenannter Trauermarsch in Anführungsstrichen sei, der noch dazu instrumentalisiere, wurde dennoch weiterhin munter kolportiert. Und so traf sich in Dresden das antifaschistische Bündnis aus Mob und Elite, um gemeinsam mit dem wandelnden Sitzblockierzottelmonster Thierse die Souveränität über die Straße zu sichern. Das fühlt sich allemal gut an und bestärkt die Selbstidentität, doch auf der guten Seite zu stehen. Mit dem Feindbild „Nazi“ wird das eigene „gute“ Kollektiv beschworen und bestärkt. Antifa zu sein hat somit längst auch den Charme von Subkultur und wird damit immer weiter entpolitisiert. Übrig bleibt ein Rudiment von gemeinsamer Identität, das wahrscheinlich nicht wenige in die linke Szene getrieben hat. Dagegen muss immer wieder betont werden, dass antifaschistische Intervention eine traurige Notwendigkeit ist und keinesfalls Basis für eine positive Identifizierung bieten kann.

Aus diesem Grund gilt es der Vorstellung einer geeinten Linken immer wieder zu widersprechen. In dieser Vorstellung wird die Linke zu einem unhinterfragbaren Identifikationspunkt überhöht. Konsequenz ist, dass Kritik an diversen linken Postionen, Selbstkritik und damit auch Erkenntnis unmöglich gemacht wird. In dieser Identifizierung verschmelzen Persönliches und Politisches, Individuum und Subjekt zu einer gruseligen Melange, der es in erster Linie ums Wohlfühlen bestellt ist. Wahrscheinlich fristet die Ideologiekritik unter Linken deshalb so ein Schattendasein. Denn wer seine Identität untrennbar an sein politisches Engagement koppelt und außerhalb dessen nichts kennt, für das es sich zu leben lohnt, der muss Polemik und Kritik unweigerlich als Angriff auf seine Person wahrnehmen, anstatt sie als Denunziation einer falschen Denkform zu begreifen.

Dabei müsste ein Begreifen des Unbegreifbaren, nämlich des Funktionierens der kapitalistischen Warenproduktion und der damit einhergehenden falschen Bewusstseinsformen doch im Sinne aller sein, denen es um die Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen bestellt ist. Dafür ist es aber notwendig, auch und immer wieder linke Analysen Gegenstand der Kritik werden zu lassen und auf ihr Anliegen hin zu untersuchen. Geht es etwa um die Abschaffung des Kapitalismus, oder darum, Politik zu treiben? Geht es um die Abschaffung von Staat und Kapital, oder um die Etablierung des eigenen „antifaschistischen Gegensouveräns“? Wer meint, in Bündnissen mit staatstragenden linken Deutschen etwas erreichen zu können, verrät die Perspektive auf eine radikale Veränderung. Die reformistischen Kräfte, von der Linkspartei bis zur SPD, von den Gewerkschaften zu Attac, von Antiimperialisten über Stalinisten zu den linken Studierenden, die ihre Kapitalismuskritik aus dem Gefühl beziehen, dass es in der Welt ja irgendwie doch ungerecht zugeht, sie sind alle Apologeten der falschen Verhältnisse, die den Kapitalismus nicht überwinden, sondern im besten Fall nur reformieren, im schlechtesten aber hinter seine Errungenschaften zurückfallen wollen. Auch antifaschistische Gruppen sind vor derlei nicht gefeilt. Das Label „Antifa“ muss längst nicht für eine emanzipatorische Perspektive stehen. Das gilt es immer wieder zu benennen, wo es notwendig ist. Die Kritik ist dabei nicht Selbstzweck, sondern unüberbrückbare Voraussetzung eine vernünftige Gesellschaft negativ im Denken aufscheinen zu lassen. Nur so lässt sich das kommunistische Anliegen gegen seine Widersacher bewahren.

Antifaschistische Gruppe Freiberg, März 2011

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5 Antworten auf “Wider die antifaschistische Einheitsfront (aktualisierte Version März 2011)”


  1. 1 bubileft 13. März 2011 um 23:54 Uhr

    gut verfasster, durchaus treffender text! allerdings macht mich eine sache stutzig. undzwar dass es in irgendeiner form regressiv sein soll, antiimperialist zu sein. also es ist vollkommen klar, imperialismus ist einfach ein weiterer perfider auswuchs des kapitalismus und sollte nie den status des gesamtproblems innehaben. allerdings IST imperialismus, gleichwohl er nur ein produkt des katpitalismus ist, doch gerade aus diesem einen grund zu kritisieren. ich weiß nicht, aber ich würde von mir behaupten gegenüber imperialistischen vorgängen und interventionen skeptisch zu sein und sie nahezu zu verachten und weis dennoch, dass der kapitalismus das grundübel is. also lange rede, kurzer sinn: wer gegen kapitalismus mit all seinen formen ist, sollte doch aus dem umkehrschluss heraus auch antiimperialistisch sein, oder seht ihr das anders?

    libertäre grüße!

  2. 2 @bubilft 15. März 2011 um 10:03 Uhr

    Als erstes, wirklich guter Text.

    Nun zu deiner Frage, bzw. Aussage. Ich habe es i dem Text so verstanden, dass es an sich nicht um den „Imperialismus“ sondern eher um die politische Linke „Intiimps“ handelt.

    Das soll nun nicht gleich abwertend klingen, aber der Nachteil dieser Antiiperialistischen Ideologien ist es einfach, dass sie
    1. total veraltet ist
    2. den Weg zur „modernen“ Linken blockiert
    3. Das Grundübel in einzenlnen Staaten sucht (USA, Israel, usw.)

    Das heißt, Antiimperialistische Ideologie ist eine politische Denkweise aus den 60ern,70rn,80ern. Ich weiß nicht so genau wie lange das her ist. Auf jeden Fall haben sich die Grundumstände geändert.
    Antiimperialismus ist meiner meinung nicht falsch, doch eine radikale durchsetzung dieser Ideologie führt zu Rassismus (gegen Staaten), zu einem verteufelten Bild der neuen Linken (neulich ein Übergriff in Dresden auf einen Royal Air Force -Flagenträger uns Israelsolidarische Antifas durch Antiimperialisten).

    Ich hoffe ich konnte ein paar Anstöße bieten.
    Grüße!

  3. 3 otto85 15. März 2011 um 16:29 Uhr

    Mir scheint das inadäquat begründete bloße Dagegensein nicht über die Stufe des Kantschen reinen Glaubens hinauszugehen.
    Was wir in dieser Zeit der Auflösung kommerzieller Verhaftung im Gegenständlichen brauchen, ist das sowohl subjektiv als auch objektiv hinreichende Wissen. Das simple
    Fürwahrhalten bestimmter Antithesen impliziert geistigen und letztlich materiellen Rückschritt. Evolutionäres, geschweige denn revolutionäres Denken vermag ich nicht ansatzweise zu erkennen.

  4. 4 Administrator 16. März 2011 um 0:35 Uhr

    Die Kritik am Antiimperialismus wurde schon gut dargelegt. Es geht darin weniger darum, eine Kritik an Imperialismus zu diskreditieren, als vielmehr um eine Kritik an linkem Antiimperialismus, der weder analytisch scharf ist, noch frei von Ressentiments daherkommt. Stattdessen wird mit einfachen Schablonen und Feindbildern gearbeitet, projeziert und Sachverhalte übertrieben und einseitig dargestellt. Ob der Begriff Imperialismus als analytische Kategorie sich vielleicht tatsächlich eignet, um bestimmte Sachverhalte zu beschreiben, dazu haben wir uns zu wenig mit dem Thema beschäftigt und finden es an dieser Stelle auch nicht notwendig, da eine fundierte Aussage zu treffen. Kritik am historischen Imperialismus halten wir auf jeden Fall für angebracht, denken aber auch, dass die Bezugnahme und die Begrifflichkeiten aktuell dermaßen korrumpiert und anderweitig besetzt sind, dass eine progressive Verwendung dieser Begriffe ausgeschlossen scheint. Und dazu sei natürlich noch angemerkt, dass der Antiimperialismus keine geschlossene Ideologie darstellt, sondern auch als Pauschalisierung und Zusammenfassung dienen soll, die wir an dieser Stelle allerdings für angebracht halten.

  5. 5 anarchosyndikat FG 18. März 2011 um 0:52 Uhr

    Tach
    also das „ihr“ kritik am Bürgerlichen inszenierten Nazis Blockiern spektakel übt find ich verständlich und bei all dem weltoffen getuhe berechtigt. Aber ständige seitenhiebe gegen verschiedenster linke gruppierungen find ich sehr bedenklich , „die ANTIFA“ gibt es nun mal nicht , den sie ist nunmal nur ein zusammenschluss verschiedenster subkulturen und linker gruppen und ich weiß nicht so recht was ihr euch mit ständiger kritik erhoft und wen ihr nicht andere linke ausrichtung toleriert seit ihr auch nicht besser als die gegenüber seite. Seit lieber froh das es noch paar leutchen gibt die sich der Repressionen und alltäglichen anfeindungen in den weg stellen. Und wen sie in euren augen stören weil sie kritik gegen eure Staaten geilheit äußern dann müßt ihr sie halt weiter als Antisemiten und sonst was beschimpfen und sie von euren demos ausschließen wer dann intolerant ist wird man dann sehn. Ich fänds sehr schade und kontra produktiv wen es wegen meinungs verschiedenheiten so eine entwicklung gebe.Und wen ihr schon so israel soli seit dann fragt auch euch mal wer israels feinde militärich hochgerüstet hatt ,Ja eure geliebte Usa hatt den iran genauso gepusht wie das damalige saddam regime und al quida. klar ist es einfach sich auf eine seite zu stellen, sehe die Usa auch als befreier vom Europäischen Faschismus nur nach 1945 haben sie leider nicht mehr im dienst der Gerechtigkeit gehandelt und nach vietnam,somalia,drogenkriege in süd amerika, einmischung und morden an unschuldigen zivilisten im nahen osten und der ganzen welt muss man sich nicht wundern wen menschen am Us imperialismus nicht unbedingt gutes sehen. Und was den Israel palestina konflikt angeht werd ich als „Deutscher“ (würg) bestimmt keine partei ergreifen das steht mir nicht zu. Trotzdem hoff ich das wegen solchen themen eine linke szene in mittelsachsen FG (seit froh das es ansatzweise sowas hier gibt) nicht gespalten wird.

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