Die Geschichte des Faschismus – Teil VIIa Das F-Wort: Über zahllose Versuche das Unsägliche zu interpretieren

Teil VIIa: Das F-Wort: Über zahllose Versuche das Unsägliche zu interpretieren (Dieser Artikel erscheint in zwei Teilen)

von Alfred J. Quack (aus „FreibÄrger“ #75)

Ausführlich über die unzähligen Abhandlungen zum Faschismus schreiben zu wollen, muss freilich den Rahmen eines einzigen Aufsatzes sprengen. Dennoch möchte ich zum Abschluss dieser Artikelreihe zur Ideologiegeschichte des Faschismus, wenigstens versuchen, die zentralen Ansätze grob zu skizzieren und deren wesentlichen Inhalte zu erörtern. Natürlich kann dies immer nur einer Einführung in die Thematik dienen. Deshalb sollen interessierte Menschen auch gleich mit den entsprechenden Literaturhinweisen versorgt werden.
Mit diesem Aufsatz endet diese – aufgrund der eigenen Prioritätensetzung ziemlich unregelmäßig erschienene – Artikelreihe. Ich hoffe wenigstens einen groben Überblick in die umfangreiche Thematik geliefert zu haben. Wenn zumindest bei einigen Menschen etwas Interesse geweckt worden ist, dann habe ich schon einiges erreicht.
Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass auch meine ganz eigene Deutung nicht einmal ein Tropfen auf den Stein der Weisen ist. Deshalb sollte auch ihr nicht ohne ein Mindestmaß an kritischer Distanz begegnet werden. Mein vordergründiges Ziel ist ohnehin nur die Überprüfung der bereits existierenden Ansätze. Offenbar liegt hierbei allerdings ein enormer Reduktionismus vor: Das historische Phänomen Faschismus wird nämlich immer nur von einer ganz bestimmten Perspektive aus betrachtet. So anerkennen beispielsweise die bürgerlichen Interpretationsansätze sein totalitäres Moment, setzen dieses aber immer mit einer genuin faschistischen Ideologie gleich, ohne dabei auf die Widersprüche der bürgerlich-kapitalistischen Vergesellschaftung als zentralen Ausgangspunkt für die faschistische Negation zu rekurrieren. Deshalb appelliere ich auch für eine ideologiekritische Überprüfung des Gegenstandes. Vor allem aber für seine Rückbindung an Prozesse der fetischistischen gesellschaftlichen Vermittlung. Nur eine solche Analyse ist in der Lage moderne identitäre politische Bewegungen zu deuten. Sei es die iranische Theokratie oder andere Gruppierungen mit islamistischen Hintergrund, seien es hindunationalistische Bewegungen. Der Vergleich von diesen soll allerdings nicht per se auf eine Gleichsetzung mit faschistischen Gruppierungen und Regimes hinauslaufen. Den Faschismus möchte ich vielmehr als ein abgeschlossenes historisches Phänomen verstanden wissen, welches allerdings bis heute fort wirkt. Die Perspektive eines solchen Vergleichs kann allerdings eines sehr deutlich machen: Auch in der heutigen Zeit existieren zahlreiche regressive Tendenzen, deren Ursachen offenbar identisch sind, mit denjenigen Ursachen, welche auch schon den Faschismus zeitigten.

Mein eigener theoretischer Schwerpunkt liegt derzeit übrigens bei der kritischen Reinterpretation von Totalitarismustheorien. Vielleicht – wenn es mir meine ohnehin recht knappe Zeit erlaubt – werde ich in der näheren Zukunft auch darüber noch einen Artikel verfassen. Vorerst möchte ich mich erst einmal bei der Redaktion des FreibÄrgers für die gute Zusammenarbeit bedanken. Vor allem auch für die viele Geduld mit mir. Zudem will ich mich vorläufig von der ehrenwerten LeserInnenschaft verabschieden. Wie immer wünsche ich auch diesmal wieder jede Menge Erkenntnisgewinn.

Von der Kongruenz zur Konkurrenz. Die frühen Versuche der Interpretation:

„NSDAP und italienischer Faschismus haben die bolschewistische Kultur geerbt“
Nicholaj Bucharin in einer Rede auf dem XII. Parteitag der KPR (B) 1923

Vielleicht mag das heute dem Einen oder der Anderen gar nicht so unbekannt vorkommen: Die frühen Interpretationen des Faschismus deuteten das Phänomen immer entweder als identisch mit den zeitgenössischen revolutionären sozialistischen Bewegungen oder sie glaubten, dass er in einer direkten Konkurrenz zu ihnen stehen würde. Dies ist heutzutage – zumindest bei zahlreichen HistorikerInnen – noch gängige Praxis. Der Kontext solcher Interpretationen war damals allerdings ein völlig anderer. Für die Verhältnisse jener Zeit war der Faschismus eine völlig neue politische Erscheinungsform, welche sich von bereits etablierten politischen Bewegungen deutlich unterschied. Überhaupt schenkte man dem Phänomen erst nach der Bildung der ersten Regierung von Mussolini (1922) eine größere Aufmerksamkeit. Außerdem spielte auch der, bereits schon erwähnte, Bedeutungswandel der Begrifflichkeit eine nicht unwesentliche Rolle. Ursprünglich stand der Fascismo nämlich für die zahlreichen oppositionellen Gruppierungen innerhalb der italienischen Linken. Plötzlich traten nun unter diesem Etikett ultranationalistische Verbände auf, die sich wiederum von den bereits etablierten nationalistischen Strömungen abgrenzten, weil sie sozialrevolutionäre Parolen propagierten. Dies sorgte selbst unter den ersten Faschisten für eine gewisse Verwirrung. Sehr oft herrschte wegen der fehlenden Kodifizierung eine enorme Unsicherheit. 1920 haben die italienischen Faschisten deshalb bei den Parlamentswahlen desaströse Ergebnisse erzielt. Der Hauptgrund dafür war, dass die meisten Leute nichts anfangen konnten, mit zugleich gegen die politische Linke und Rechte gerichteten und dennoch revolutionär anmutenden Parolen.
In der Phase nach der Machtergreifung der italienischen Faschisten kam es aber recht schnell zu zahlreichen Versuchen einer direkten Nachahmung. Dies – wie schon mehrfach erwähnt – vor allem in Süd- und Osteuropa. Der italienische Faschismus hat also im gewissen Sinn nahezu alle diese Bewegungen inspiriert. Selbst Adolf Hitler war bekanntermaßen schon sehr früh ein bekennender Bewunderer des Duce.

Die ersten kritischen Stimmen kamen hingegen meist aus dem liberalen Lager. Allerdings gehörten auch zahlreiche SozialistInnen und KommunistInnen zu den Gegnern der ersten Stunde. Die Konservativen billigten den Faschismus fast überall als eine Bewegung, welche in der Lage war, eine gewisse Ordnung herzustellen.

Auch in der Sowjetunion ist der Faschismus zunächst als Resultat einer weltweiten revolutionären Situation gedeutet wurden. So wurde angenommen, dass auch der Faschismus eine revolutionäre Bewegung mit dem Ziel des gesellschaftlichen Umsturzes sei. Bucharin brachte das auf den Punkt als er sogar von einer gemeinsamen Kultur sprach. Das Mussolini während seiner Zeit in der sozialistischen Partei Italiens direkte Beziehungen zu Lenin unterhielt mag sicherlich dazu beigetragen haben. Doch schon bald erkannte man auch in den Regierungskreisen der Sowjetunion, dass der Faschismus eine Konkurrenzbewegung ist. Die Kongruenztheorie wurde sehr schnell wieder verworfen.

Literaturhinweise:

BAUERKÄMPER, ARND (2006): Der Faschismus in Europa 1918-1945. Stuttgart
PAYNE, STANLEY (2006): Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung. Wien

Faschisten sind nur Agenten des Kapitals! Über vulgärmarxistische Interpretationen:

„(…) die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten,
am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“

Georgi Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der
Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus.

Die Unterstellung einer angeblichen Komplizenschaft von einzelnen faschistischen Bewegungen und den international agierenden Kapitalfraktionen hat selbst heutzutage eine gewisse Konjunktur. Vor allem bei der, auf den Nationalstaat und die unterschiedlichen nationalen Befreiungsbewegungen fixierten, antiimperialistischen Linken, aber bei weiten nicht nur dort.
Ausgehend vom historischen Materialismus und dem daraus resultierenden Geschichtsdeterminismus des Klassenkampfes, ist der Faschismus, innerhalb sämtlicher Auslegungen von dieser Art, immer nur als aggressive Antwort der herrschenden Klassen auf die russische Oktoberrevolution und die nachfolgende Konstituierung der Sowjetunion verstanden worden. Als ein paramilitärischer Flügel der Bourgeoisie und ihrer Interessen, welche sich im wesentlichen nur gegen die angeblich aufstrebende internationale Arbeiterbewegung richten, als deren Sinnbild die damalige Sowjetunion galt. Man wähnte sich in kommunistischen Kreisen während dieser Tage ohnehin in einer Epoche des Umbruchs. Dessen Resultat sollte der Übergang zum Sozialismus sein. Die herrschenden Klassen konnten sich das offenbar nicht bieten lassen. So lauten zumindest die gängigen Argumentationsmuster.

Die Agenten selbst wechselten dabei sehr regelmäßig: Wahlweise waren es Fabrik- und Großgrundbesitzer, später das internationale Groß- oder Finanzkapital. Schließlich wurde in Anlehnung an die leninsche Imperialismus-Doktrin vom Staatsmonopolkapitalismus gesprochen. Die Strippenzieher waren also austauschbar. Die Marionetten blieben hingegen stets die gleichen. In der Folge der ‚Konterrevolution‘ von 1918 und aufgrund der eigenen Erfahrungen im vorausgegangenen Weltkrieg wurde das Phänomen Faschismus zudem des öfteren als Mittel zum Anheizen eines ‚imperialistischen‘ Krieges gedeutet. Sein vordergründiges Ziel sollte demnach sowohl die Vernichtung der Sowjetunion als auch die Erringung der Weltherrschaft sein.

Über die Agententheorien ist schon einiges geschrieben worden. Ich möchte diesmal viel lieber auf eine ihrer fatalsten Entwicklungen eingehen: Auf die vor allem im Deutschland der zwanziger und frühen dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts propagierte Sozialfaschismusthese. Diese Doktrin ist hierzulande von der KPD herausgegeben worden, die damals tatsächlich nichts anderes war, als eine Marionette der Sowjetideologie. Als Schöpfer des Theorems gilt allerdings Grigori Jewsejewitsch Sinowjew. Die Sozialfaschismusthese besagt, dass die deutsche Sozialdemokratie der eigentliche Hauptfeind sei. Der faschistischen Bedrohung wurde folglich auch nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt. Perspektivisch für diese fatale Fehleinschätzung ist die folgende Aussage von Stalin aus dem Jahr 1924: „Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus.“. Die Sozialdemokratie galt der von Moskau aus gesteuerten Propaganda demnach nur als eine Variante des Faschismus. Das führte schließlich dazu, dass jeglicher Formierung einer Einheitsfront von kommunistischen und sozialdemokratischen Kräften eine Absage erteilt wurde. Im Falle eines Streiks der Berliner Verkehrsgesellschaft kam es 1932 sogar zu einer, seitens der KPD-Führung forcierten, Zusammenarbeit mit der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation.
Selbst nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde diese politische Linie nicht verändert. Erst auf dem VII. Weltkongress der kommunistischen Internationale, im Jahre 1935, auf dem die bekannte Dimitroff-These als neue Leitdoktrin herausgegeben wurde, schwenkte man schließlich auf eine Einheitsfrontstrategie um. Da war es aber schon zu spät, die Organisationen waren zerschlagen und die meisten ihrer Mitglieder saßen im Gefängnis, in den Konzentrationslagern oder sind bereits hingerichtet worden.
Was ist nun aber aus ideologiekritischer Sicht daran zu kritisieren? Die vulgärmarxistischen Deutungen erkennen alle nicht, was als das zentrale ideologische Moment des Faschismus bezeichnet werden kann: Die Möglichkeit einer negativen Aufhebung bestehender Formen der gesellschaftlichen Vermittlung. Es bleibt stattdessen immer nur beim Versuch des Nachweises eines angeblichen Klassencharakters faschistischer Bewegungen. Dies geschieht entweder anhand eines Verweises auf deren massenpolitische Orientierung oder vermittels einer Aufzählung von Verbindungen zu verschiedenen Kapitalfraktionen. Zementiert wird damit immer nur die unrichtige Behauptung, dass die faschistischen Massenbewegungen einzig von Angehörigen der Monopolbourgeoisie inspiriert und gelenkt wurden. Das mag zwar zum Teil tatsächlich der Fall gewesen sein, beispielsweise wenn italienische Schwarzhemden als bezahlte Paramilitärs für Fabrik- und Großgrundbesitzer tätig wurden. Und auch die nationalsozialistische Bewegung hatte bekanntlich schon recht früh zahlreiche Kontakte zu ganz bestimmten Teilen der deutschen Großindustrie. Sie konnte auf diese auch während der Phase ihrer Machtergreifung vertrauen und baute sie in den nachfolgenden Monaten stetig aus. Aus dem Gesichtspunkt einer kapitalistischen Logik hat dies jedoch ganz andere Gründe, die Alfred Sohn-Rethel in seinen Beobachtungen während seiner Zeit als Sekretär des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags sehr eindrücklich nachweist (SOHN-RETHEL 1992). Es ist ja schließlich auch keine neue Erkenntnis, dass autoritäre Staatsklassen und totalitäre Regime die Interessen der einzelnen Kapitalfraktionen viel besser bedienen können, als dies demokratisch-pluralistische Strukturen vermögen. Wie sonst lässt sich beispielsweise die rasante Kapitalakkumulation der so genannten Tiger-Staaten Ostasiens erklären? In der politökonomischen Literatur wird diesbezüglich immer noch eine gewisse Verwunderung geäußert, weshalb dieser Prozess als East Asian Miracle bezeichnet wird. Wie sonst konnte sich China überhaupt zu einer der führenden Wirtschaftsmächte entwickeln? Es reicht offenbar bei weitem nicht aus, einen diesbezüglichen Zusammenhang zu unterstellen, um damit den Charakter faschistischer Bewegungen einzig auf eine angebliche Komplizenschaft mit den verschiedenen Kapitalfraktionen zu reduzieren. Die Übertragung eines Unternehmer-Manager-Verhältnisses auf die gesamtgesellschaftliche Herrschaftsreproduktion ist allerdings nicht nur deshalb problematisch, weil dadurch die ideologische Essenz des Faschismus völlig ignoriert wird. Sondern auch deshalb, weil auf dies die relative Eigengesetzlichkeit von Politik und Ideologie völlig ausgeblendet.
Ideologie wird bei den meisten klassischen marxistischen Interpretationen demnach immer nur als eine Frage des Klassenbewusstseins selbst gefasst. Im Übrigen auch nicht nur bei den diversen Agententheorien, sondern auch bei der so genannten Verselbständigungsthese, die unter dem Namen Bonapartismus-Theorie bekannt ist. Dieses Klassenbewusstsein wird aber gerade nicht aus der sozialen Zusammensetzung der jeweiligen Gesellschaft selbst abgeleitet, also aus ihren unterschiedlichen sozialen Segmenten. Sondern einzig aus angeblichen Interessen und Intentionen ganz bestimmter Klassen.
Einige MarxistInnen sprachen im Zusammenhang mit der faschistischen Propaganda auch schon damals von einem Priestertrug. Hinter der sozialrevolutionären Fassade verbirgt sich demnach immer nur eine gewisse Demagogie. Das Argument von den unzähligen ‚Verführten‘ ist selbst heutzutage recht aktuell. Nachdem im Jahre 2004 die NPD in den sächsischen Landtag eingezogen war, konnte man es über sämtliche Parteigrenzen hinweg vernehmen. Wer allerdings nicht auf mehrheitsgesellschaftlich relevante Zuschreibungskategorien und auf vorherrschende regressive Ideologiefragmente rekurriert, ist auch nicht in der Lage zu begreifen, dass selbige letztlich nur von den Faschisten eingelöst wurden. Insofern stimmt für den Nationalsozialismus sogar die klassische These vom voluntaristischen Bewusstsein ihrer Anhängerschaft: Denn schließlich hat der Volkswille hier tatsächlich zu sich selbst gefunden.

Literaturhinweise:

SOHN-RETHEL, ALFRED (1992): Industrie und Nationalsozialismus. Aufzeichnungen aus dem ‚Mitteleuropäischen Wirtschaftstag‘. Berlin
TOOZE, ADAM (2006): The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy. London
WAGNER, KLAUS [HG.] (2007): Faschismus und Ideologie. Hamburg

Ungehörte Rufe! Über progressive marxistische Deutungen:

„Denn in der Ausübung der Gewalt über Leben und Tod
bekräftigt mehr als in irgendeinem anderen Rechtsvollzug
das Recht sich selbst.“

Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt

Neben den oben bereits erwähnten Indoktrinationen gab es allerdings zahlreiche progressive Deutungsversuche. Die wohl bekannteste ist die so genannte Bonapartismustheorie, welche im wesentlichen auf August Thalheimer und Otto Bauer, zum Teil auch auf Rudolf Hilferding zurückgeht. Lautet die Kurzformel für die Agententheorie „Der Faschismus ist die direkte Diktatur des Kapitals“, so kann die Verselbstständigungsthese auf die folgende Formel gebracht werden: „Der Faschismus ist die indirekte Diktatur des Kapitals“.
TheoretikerInnen dieses Ansatzes verstanden den Faschismus immer als ein Produkt von politischen und sozialen Krisen. Traditionelle Formen der Klassenherrschaft sollen darin unwirksam geworden sein. Miteinander konkurrierende Kräfte haben sich gegenseitig neutralisiert. In der Folge traten immer mehr deklassierte Elemente auf den Plan. Thalheimer nennt als ein Beispiel den konservativen Parzellenbauern, „der gegen die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse rebelliert“ (THALHEIMER 1928). Die dominante Klasse, welche nun um ihr Eigentum fürchtete, gab ihre politische Macht zugunsten der Unterwerfung unter eine sich verselbstständigende Exekutivgewalt preis.
Im wesentlichen basierte diese Deutung auf einer 1852 von Karl Marx veröffentlichten Schrift mit dem Namen „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“. In dieser wird eine autoritäre Gesellschaftsform im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts beschrieben, die im völligen Gegensatz zum Ancien Régime und zum bürgerlichen Parlamentarismus stand. Kennzeichnend für den Bonapartismus sei es, dass dem Bürgertum durch einen bonarpartistischen Staatsmann die Freisetzung der Wirtschaftskräfte gegen eine zusehends erstarkende Industriearbeiterschaft gesichert wird. Mit dem Lumpenproletariat, dass Marx anhand von mehreren Beispielen kontrastiert, weist auch er die zunehmende Rolle von deklassierten Elementen in diesem Prozess nach.

Daneben gab es noch zahlreiche andere Interpretationen, welche zum Teil bereits sogar sehr deutliche Warnungen in Richtung der dominanten Agententheorie äußerten. So ist beispielsweise vor einer genuinen (also der Ideologie eigenen Mobilisierungskraft) des Faschismus gewarnt und in diesem Zusammenhang auch auf die Grenzen seiner Mobilisierbarkeit zugunsten von Industriellen und Agrariern hingewiesen worden. Solche Interpretationen wichen von der Annahme ab, der Faschismus sei nur der Agent der Monopolbourgeoisie. Clara Zetkin erkannte zum Beispiel schon 1923, dass die Träger des Faschismus nicht bloß „eine kleine Kaste“ sind, „sondern […] breite soziale Schichten, große Massen, die selbst bis in das Proletariat hineinreichen.“ (ZETKIN 1923). Auch Georg Lukács ging bereits viel weiter. Er beschrieb einen konkreten Zusammenhang zwischen deutschem Nationalsozialismus und einer ungleichzeitigen Entwicklung des Landes, die wiederum durch irrationale Rückständigkeit kompensiert worden ist.

Literaturhinweise:

THALHEIMER, AUGUST (1928): Über den Faschismus. http://www.marxists.org/deutsch/archiv/thalheimer/1928/xx/fasch.htm
PAYNE, STANLEY (2006): Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung. Wien
WAGNER, KLAUS [HG.] (2007): Faschismus und Ideologie. Hamburg.
ZETKIN, CLARA (1923): Der Kampf gegen den Faschismus. Bericht auf dem Erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale.

Faschismus als spezifische Form der totalen Herrschaft? Ambivalenz und Erkenntnisgehalt von totalitarismustheoretischen Ansätzen:

„Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde,
das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“

Hannah Arendt: Über das Böse.

In linken Kreisen ist es nicht unüblich, die verschiedensten Totalitarismustheorien zu ignorieren. Dafür gibt es allerdings auch zahlreiche berechtigte Gründe. Die meisten totalitarismustheoretischen Konzepte haben nämlich immer auch eine Art Doppelcharakter. Nicht nur deshalb, weil sie sehr oft für nichts mehr als normative Abgrenzungs- und Relativierungskategorien taugen. Sondern auch, da sie nur in den seltensten Fällen auf den wirklichen Charakter von totaler Herrschaft rekurrieren.
Eine Gesellschaftsformation wie die bürgerlich-kapitalistische, die überhaupt nur auf Grundlage einer Abstraktion vom Besonderen aufs Allgemeine existieren kann und die deshalb auch notwendigerweise bereits den Gedanken an einen allgemeinen Menschen suspendieren muss, eine solche Gesellschaft grenzt sich vermittels der meisten dieser Konzepte konsequent von den so genannten Diktaturen des 20. Jahrhunderts ab. Diese Herrschaftsverhältnisse werden dabei zumeist immer nur als das ganz andere interpretiert: Als Ausstieg aus dem angeblich natürlichen Verlauf der Geschichte, als ahistorisches Phänomen. Totalitäre Systeme werden nicht gedeutet, als das was sie sind. Das Resultat einer Spaltung der Gesellschaft. Einer Spaltung, der in der Vergangenheit damit begegnet worden ist, dass sich auf äußerst regressive Art und Weise darum bemüht wurde. diese aufzuheben. Wie ist das überhaupt möglich? Durch die Konstituierung einer vermeidlichen kollektiven Harmonie, die für ihre Existenz allerdings immer einen Gegenmenschen benötigt. Sei es qua antisemitischer, rassistischer, antiziganistischer oder irgendwelcher anderen Zuschreibungsmuster oder sei es qua Inszenierung einer Klasse-an-und-für-sich, die sich einzig aus der bloßen Existenz einer gesellschaftlichen Fragmentierungen speisen soll.

Ein solcher Vergleich sollte meines Erachtens durchaus legitim sein, weiß er doch gerade zwischen dem Juden und dem Kulaken zu unterscheiden. Weiß er zu differenzieren, zwischen der negativen Fabrik Auschwitz und einer „Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten“ (POSTONE 1988) auf der einen und dem Archipel Gulag auf der anderen Seite, welches doch letztlich auch ein sehr wesentlicher Teil des Produktivkraftschubs der nachholenden Modernisierung war.
Wird genau dies jedoch nicht eingelöst und das ist in den meisten Fällen tatsächlich auch der Fall, dann haben wir es doch wieder nur mit einer Relativierung von jener bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsform zu tun, deren eigener Zustand streng genommen selbst immer ein totaler ist. Total deshalb, weil die Individuen ihre „eigene produktive Aktivität beziehungsweise das von ihnen produzierte nicht wirklich kontrollieren, sondern […] letztlich von den Resultaten dieser Tätigkeit beherrscht werden“ (POSTONE 2003: 62). Zementiert wird somit doch letzten Endes nur der Siegeszug jener abstrakten Formen der Herrschaft: Wert, Kapital, Staat und Rechtsförmigkeit. Dabei ist die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft doch von sich aus schon so beschaffen, das das einzelne Individuum gerade in seiner Vereinzelung und Entfremdung der Realität nur durch permanente Selbstzurichtung widerstehen kann. Wer die totalitären Systeme deshalb als das ganz andere deutet, der ignoriert, dass durch eben jenen Zustand der Atomisierung (AHRENDT) die totale Herrschaft erst als eine Möglichkeit und folglich auch als eine Bedingung für die negative Aufhebung, als regressive Reaktion auf die kapitalistische Durchdringung, ermöglicht worden ist.

Ich möchte deshalb auch ein wenig differenzieren. Auf der einen Seite gibt es nämlich tatsächlich zahlreiche Theorien, die nichts anderes machen, als ein positives Bild von der bürgerlichen Gesellschaft zu zeichnen und die totale Herrschaft einzig als deren negatives Gegenbild imaginieren. Solchen Theorien geht es vordergründig weniger um die Frage nach den Ursachen dieser totalen Herrschaft als vielmehr um einen instrumentellen Nutzen. Solche Theorien beschreiben totale Herrschaft folglich immer aus der Sicht von ideologischen Apparaten, wobei sie gleichzeitig aber die Funktion dieser Ideologien völlig ignorieren. Gleiches gilt für die Tatsache, dass solcherlei Ideologeme immer auch einen vermittelnden Charakter haben, der die zurechtgestutzten Individuen innerhalb einer vorgezeichneten Ordnung in Bewegung versetzen kann. Vermittlung heißt dabei nichts anderes, als das sich die Individuen selbst, zu etwas ins Verhältnis setzen. In diesem Fall also zu Herrschaft und Ausgrenzung bis hin zur Obsession der bloßen Vernichtung um der Vernichtung willen. Ideologien verschleiern dabei immer die existenten Widersprüche, sie kanalisieren bestehende Problemstellungen nach außen und schreiben so auch die Vermittlungskategorien fest. Die homogene Gemeinschaft muss sich also immer durch ein Außen definieren und präpariert auf diese Weise immer auch einen Gegenmenschen.
Genau das interessiert diesen Ansatz jedoch nicht. Für seine VertreterInnen gibt es zumeist nur totale Herrschaft in staatlicher Form. Programmatik und Wesen von totalitären Bewegungen interessieren weniger. Im Zuge des antikommunistischen Mainstreams der 1950er Jahre verkam die Analyse totaler Herrschaft deshalb auch zu einer bloßen Gleichsetzung von Faschismus, Nationalsozialismus und Realsozialismus. Im Kontext einer solchen Interpretation muss aktuell auch die berüchtigte Extremismusformel gedeutet werden. Wobei es hierbei immer noch einen zentralen Unterschied gibt: Während totale Herrschaft ein tatsächlich existierendes Phänomen beschreibt, versucht die Extremismusformel nur eine gesellschaftliche Realität zu konstruieren, die so eigentlich gar nicht besteht.

Daneben erscheinen diejenigen Konzepte, welche tatsächlich den Charakter totaler Herrschaft zu ergründen versuchten, leider nur noch als kaum wahrnehmbarer Schatten. Für eine Rezeption solcher Konzeptionen möchte ich hier allerdings Partei ergreifen. VertreterInnen dieses Ansatzes sind neben Hannah Arendt und Franz Neumann unter anderem auch Heinz Langerhans, Friedrich Pollock, Leo Löwenthal, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse. Aber auch jüngere theoretische Arbeiten, etwa jene von Marcel Gauchet, Cornelius Castoriadis, Claude Lefort oder auch Gerhard Scheit liefern im Gegensatz zu den weiter oben bereits kritisierten Analysen tatsächlich einen enormen Erkenntnisgewinn.

Hinter solcherlei Erkenntnis sollte – wenn es nach mir geht – nicht zurückfallen, wer es wirklich ernst meint, mit der gesellschaftlichen Emanzipation. Eine linksradikale Kritik an Faschismus, Nationalsozialismus, Realsozialismus aber auch anderen regressiven Formen der identitären kollektiven Vergemeinschaftung, wie etwa dem Islamismus, ist auf dieser Grundlage überhaupt erst möglich. Ein Reden von gesellschaftlicher Überwindung muss immer auch auf die zahllosen regressiven Versuche einer solchen reflektieren. Sie muss das Wesen totaler Herrschaft, das Bedürfnis nach Homogenisierung, nach Herstellung von gesellschaftlicher Identität und ebenso die zahlreichen Versuche ihrer Verwirklichung auch wirklich ernst nehmen. Kurz: Wer nicht von der HAMAS reden möchte, sollte gefälligst zum Faschismus schweigen. Wer den Stalinismus nicht als eine kommunistische Tat anerkennt, sollte auch kein Wort mehr verlieren, über den Verein freier Menschen. Wer solchen und ähnlichen identitären Phantasien kollektiver Vergemeinschaftung irgendetwas abgewinnen kann, sollte sich ernsthaft die Frage stellen, was dann mit denjenigen geschieht, die bei solch einer Gleichmacherei nicht mitmachen wollen.

Doch zurück zu den einzelnen Theorieansätzen: Die eine Totalitarismustheorie gibt es ohnehin nicht. Neben denjenigen Ansätzen, die den Fokus nur auf die falsche Abgrenzung vom eigentlichen Wesen totaler Herrschaft setzen und eine instrumentelle Gleichsetzung von Faschismus, Nationalsozialismus und Realsozialismus praktizieren, gibt es noch diejenigen, die ebendieses Wesen tatsächlich ergründen wollen. Solche Theorien unterstellen immer auch einen Zusammenhang zwischen bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaft und ihrer möglichen negativen Aufhebung. Totale Herrschaft ist für sie nicht etwas völlig anderes, sondern steht mit dieser Gesellschaftsformation in enger Wechselbeziehung. Solche Ansätze erkennen gerade in der Vereinzelung und Entfremdung der Individuen ein zentrales Motiv. Sie wissen um ihre Sehnsucht nach Harmonie. Solche Konzepte haben also eine Ahnung davon, das totale Herrschaft die gesellschaftliche Spaltung nur scheinbar versöhnen kann. Sie warnen davor, dass stattdessen immer nur ein Gegenmensch präpariert wird (Vgl. ARENDT 2008). Sie differenzieren zudem zwischen den realen Erscheinungsformen von totaler Herrschaft, setzten totalitäre Systeme also nicht per se gleich. Weil sie diese Differenzen auch als solche wahrnehmen, taugen sie auch für eine gesellschaftskritische Analyse jenseits aller funktionalen und instrumentellen Gleichsetzungstendenzen.
Leider spielen diese Ansätze heutzutage kaum noch eine Rolle. In der etablierten Totalitarismusforschung, die seit den 1989er Jahren wieder zu boomen scheint, nachdem sie Jahrzehnte zuvor nahezu in der Bedeutungslosigkeit verschwunden war, dominieren fast ausnahmslos erstgenannte Ansätze. Am bekanntesten sind hier etwa Carl Friedrich und Zbiegniew Brzezinski, die anhand von bestimmten konstitutiven Merkmalen jede x-beliebige Diktatur beschreiben können, sich aber darüber ausschweigen, was totale Herrschaft ausmacht. Oder Ernst Nolte, der anhand historischer Unwahrheiten versucht sogar der Schoah noch eine Sinnhaftigkeit zu entlocken, in dem er propagiert, der deutsche Nationalsozialismus wäre nichts anderes als eine Reaktion auf die bolschewistische Bedrohung. Daneben gibt es auch noch zahlreiche gemäßigte WissenschaftlerInnen, die allerdings ebenfalls nicht über eine gleichsetzende Perspektive hinauskommen.

Anders hingegen die VertreterInnen des zweiten Ansatzes. Sie können zumindest das Wesen totaler Herrschaft erklären. Gerade im Beleuchten der Unterschiede erweisen sie sich auch als nützlich. Wie sich zeigt: Es geht mir, im Gegensatz zum linken Mainstream, gar nicht darum, den Vergleich als falsch darzustellen. Im Gegenteil, er ist sogar notwendig. Wer sich dem Vergleich entzieht, hat offenbar damit eine ganz bestimmte Absicht. Womöglich will man sogar etwas verbergen. Im Vergleich werde ich zentrale Differenzen feststellen und nur so kann ich die einzelnen totalitären Gebilde überhaupt erst richtig analysieren. Allerdings zeigt sich hierbei auch eine Schwäche und diese haben auch die progressiveren Ansätze. Da auch sie den Charakter totaler Herrschaft nur im Kontext der vergleichenden Analyse betrachten und nur sehr selten die einzelnen Faschismen für sich und den Nationalsozialismus und die einzelnen real sozialistischen Gemeinwesen gesondert betrachten, eröffnen sich selbst hier zahlreiche Schwierigkeiten. So können Ansätze dieser Art zwar immer das Wesen totaler Herrschaft darstellen, vermögen aber gerade nicht Phänomene wie die Schoah zu erfassen. Gauchet beispielsweise arbeitete sich an der Terrorherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha ab, verliert zur organisierten Vernichtung während des Nationalsozialismus aber kein einziges Wort.
Dennoch ist der Erklärungsgehalt dieser Theorien ungemein hoch. Auch wenn sie nicht den Faschismus an sich oder gar den deutschen Nationalsozialismus, sondern vielmehr nur das real existierende Phänomen totaler Herrschaft ins Zentrum ihrer Analyse rücken. Der Erkenntnisgewinn ist höher als bei so mancher Faschismustheorie.

Abschließend noch ein paar Sätze zu einer dritten Art von Konzepten, welche ebenso zu den Totalitarismustheorien gerechnet werden. Es handelt sich hierbei um die so genannte Renegatenliteratur. Dabei handelt es sich um Menschen, die sowohl mit der faschistischen als auch mit der stalinistischen Barbarei ihre Erfahrungen machten. Oftmals handelt es sich hierbei um linke Intellektuelle, denen die stalinistische Realität jeglichen Glauben an die befreite Gesellschaft zunichte gemacht hat. Der bekannteste Protagonist war George Orwell. Aber auch Manes Sperber oder Arthur Koestler können zu dieser Gruppe gezählt werden.
Dabei geben die meisten Renegaten ihre Grundüberzeugungen nicht auf, zeigen aber deutlich die Widersprüche, die sich bei ihrer Einlösung offenbaren können. Auch diesen Konzeptionen sollte Mensch nicht von Vornherein ablehnend gegenüberstehen.

Übrigens: Aktuell gibt es innerhalb einiger linksradikaler Zusammenhänge eine Debatte um die Aktualität und Relevanz von Totalitarismustheorien. Die meisten der BefürworterInnen scheinen aber selbst keinen wirklichen Zugang zu diesen Theorien zu haben und so bleibt es einzig bei dem bloßen Verweis, die radikale Linke wolle sich damit nicht befassen. Schade eigentlich, denn die Debatte könnte meinem Wunsch nach einer kritischen Aneignung dieser Theorien durchaus dienlich sein.

Literaturhinweise:

ARENDT, HANNAH (2008): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München
GAUCHET, MARCEL (1990): Die totalitäre Erfahrung und das Denken des Politischen.
in: RÖDEL, ULLRICH [HG.]: Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie. Frankfurt am Main
KRAUSHAAR, WOLFGANG (1996): Sich aufs Eis wagen. Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie. in: JESSE, ECKHARD [HG.]: Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung. Baden- Baden
POSTONE, MOISHE (1988): Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. in: DINER, DAN [HG.]: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt am Main
POSTONE, MOISHE (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx.. Freiburg
SCHEIT, GERHARD (2004): Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt. Freiburg.
SCHEIT, GERHARD (2008): Zwischen Leviathan und Behemoth. Über den Zusammenhang von Faschismus und Kommunismus. in: Phase 2, Nr. 30, Dezember 2008. S. 7-12.
WIPPERMANN, WOLFGANG (1994): Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute. Darmstadt

Von der Rebellion der unterdrückten Natur. Die sozialpsychologische Interpretationen:

„Der Faschismus ist totalitär auch darin, daß er die Rebellion der unterdrückten Natur gegen
die Herrschaft unmittelbar der Herrschaft nutzbar zu machen strebt.“

Theodor W. Adorno / Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung

Die Vielzahl an Theorien, welche unter dem sozialpsychologischen Interpretationsansatz subsumiert werden können, haben sich nahezu alle mit der Fragestellung beschäftigt, welche Rolle eine kriseninduzierte Erosion sozialer Normen für das Erstarken von faschistischen Bewegungen spielte. Im wesentlichen handelt es sich dabei um Ansätze, die in Tradition zu Karl Marx aber auch zur psychoanalytischen Schule Sigmund Freuds stehen. Die bekanntesten Vertreter waren wohl Wilhelm Reich, Erich Fromm, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Daneben gab es aber auch eine Vielzahl von weniger prominenten Personen. Ohnehin ist heutzutage die sozialpsychologische Analyse von gruppenspezifischen Prozessen nicht mehr aus den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften wegzudenken.

Die besagten Ansätze gehen dabei gleichzeitig zwei Fragen nach: Welche Ursachen liegen diesem Prozess zugrunde und welche Funktion haben dabei spezifische kollektive Verhaltensweisen für das Individuum und für die Gruppe? Außerdem befassen sie sich mit den verschiedensten Erscheinungsformen von solchen Prozesse, beispielsweise der kollektiven Inklusion und Exklusion von Individuen qua Zuschreibung ganz bestimmter Merkmale. Diese komplexen Analysen versuchen also gleich mehrere Bedeutungsebenen zu erfassen. Auf der einen Seite, die Rolle von sozialen, kulturellen und politischen, also eher milieubedingten Prägungen von Individuen. Gleichzeitig aber auch die Suche nach deren möglichen Ursachen, die meist einer verdinglichten Vermittlung von Gesellschaft zugeschrieben werden. Es geht also einerseits um eine psychosoziale Funktion von Ideologien für die Verschleierung der eigenen Belanglosigkeit, zum anderen um die Ursachen für solche Erscheinungen.

Für die Epoche des Faschismus und vor allem für die Zeit davor wird dabei ein enger Zusammenhang zwischen der Abrufbarkeit von politischen und sozialen Autoritätsdiskursen und dem Auftreten von identitären politischen Bewegungen diagnostiziert, denen es wiederum gelingt all diese Diskurse aufzunehmen und zu lenken. Bereits 1931, also zwanzig Jahre vor der ersten englischsprachigen Veröffentlichung der bekannten Studien über den autoritären Charakter, haben sich Siegfried Kracauer und Erich Fromm mit den verschiedenen Einstellungsmustern innerhalb der Arbeiter- und Angestelltenschaft beschäftigt. Sie erkennen recht schnell, dass soziale und kulturelle Motive eine wesentlichere Rolle spielen als die eigene ökonomische Situation. Ihre Vorannahme vom revolutionären Bewusstsein haben beide also widerlegt. Damit wurde zudem auch die zentrale traditionsmarxistische These revidiert: Die Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen Klassenbewusstsein und sozialer Wirklichkeit. Das heißt jetzt allerdings nicht, dass es gar keine Wechselbeziehung zwischen den Individuen und der Gesellschaft gibt. Offenbar spielen aber soziale und kulturelle Sozialisationsmuster eine weitaus größere Rolle.
Es ist vor allem der Verdienst des Franfurter Institutes für Sozialforschung und seinem Umfeld auf diesen Umstand hingewiesen zu haben. Die Herausbildung der Persönlichkeit kann sich nur im Bezug auf Andere vollziehen. Was aber geschieht, wenn die sozialen Beziehungen auf Autoritätskonfigurationen beruhen? Genau dies ist der Untersuchungsgegenstand der Autoritätsstudien von Fromm, Adorno, Horkheimer, Marcuse und Frenkel-Brunswick. Während Wilhelm Reich, noch ganz Freudianer, in seinem Werk „Massenpsychologie des Faschismus“ noch einen direkten Zusammenhang zwischen einer sexuellen Triebunterdrückung innerhalb der biederen Gesellschaftsstrukturen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts und dem Auftreten von faschistischen Ideologien propagierte, eine These die vor allem im Kontext der sexuellen Revolution im Gefolge der 1968er Bewegung wieder enorm an Bedeutung gewann, ist dieses Konzept später von Erich Fromm grundsätzlich weiterentwickelt worden. Fromm betont dabei sowohl eine sadistische als auch eine masochistische Komponente innerhalb der autoritären Persönlichkeit. Horkheimer und Adorno koppeln diesen Ansatz wenig später direkt auf die vorherrschende starre autoritäre Kultur zurück, die ihrer Auffassung nach, ganz bestimmte Einstellungsmuster erschaffen hat. Marcuse wiederum stellt einen Zusammenhang zur Ausweitung der Produktionsbedingungen im Kapitalismus her. Der autoritäre Charakter repräsentiere demnach nur die Zuspitzung von Tendenzen, die dem Kapitalismus bereits innewohnen.
Die Theorie des autoritären Charakters beschäftigte sich also grundsätzlich mit der Frage, warum bestimmte Teile der Gesellschaft für autoritäre Meinungen und folglich für faschistische Propaganda empfänglicher sind als andere. Der Ausgangspunkt ist, dass diese Empfänglichkeit stärker vom Charakter als von bewussten politischen Überzeugungen abhängt. Nach Adorno hat die faschistische Agitation ihr eigentliches Zentrum in der Figur des Führers, weil nur dieser die Idee eines allmächtigen Urvaters verkörpern kann. Dabei greift er erneut auf die von Fromm bereits diagnostizierte sadomasochistische Grundstruktur der autoritären Persönlichkeit zurück. Das so genannte schwache Ich bildet demnach einen widersprüchlichen Wunsch aus, nämlich sowohl Teil der Autorität und des dominanten Kollektivs zu sein, als sich gleichzeitig dieser Autorität zu unterwerfen. Das führt dazu, dass dieses schwache Ich seine vorhandenen Aggressionen gegen eine Fremdgruppe richten muss (sadistische Komponente), weil es von selbst aus nicht in der Lage ist, diese Aggressionen gegen die Autoritäten der Eigengruppe zu lenken. Indem das schwache Ich sich zudem zum Mitglied des eigenen Kollektivs phantasiert, setzt es sich zugleich ins Einverständnis mit der Autorität dieser Gruppe (masochistische Komponente). Es rebelliert, allerdings ist diese Rebellion nur eine konformistische, die Rebellion einer unterdrückten Natur, weil das schwache Ich nur als ein autoritäres Ich auftreten kann, wenn es sich zumindest auch des heimlichen Einverständnisses der Autorität seiner Eigengruppe gewiss sein kann.


Literaturhinweise:

ADORNO, THEODOR W.; FRENKEL-BRUNSWICK, ELSE; et al (1950): The Authoritarian Personality. New York
REICH, WILHELM (1983): Massenpsychologie des Faschismus. Frankfurt am Main

Autoritärer Staat und Faschismus? Die These von der Transformation spätkapitalistischer Gesellschaften:

„Das Staatssubjekt Kapital erzwingt sich das Monopol auf Klassenkampf. Die Zerschlagung aller Klassenorgane der Arbeiter ist seine erste Tat.
Eine rücksichtslose soziale Pazifierungsaktion mit dem Zweck der ‘organischen’ Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit in den neuen Staat wird eingeleitet.“

Heinz Langerhans: Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution

Während der Epoche des Interbellum haben sich im Kontext der globalen Krise des kapitalistischen Weltsystems auffällig viele autoritäre Regime etabliert. Dies vor allem – wie in den vorausgegangenen Artikeln schon mehrfach beschrieben – im süd- und osteuropäischen Raum. Neben den faschistischen Staaten gab es also auch eine ganze Reihe Militärdiktaturen, etwa das Piłsudski-Regime in Polen (1926-1935). In einigen Gemeinwesen fanden faschistische Gruppierungen und autokratische Strukturen zu einer engen Kooperation zusammen, wie beispielsweise in Rumänien. Die Macht war innerhalb dieser Autokratien in der Regel immer zentralisiert. Eine horizontale Gewaltenteilung bestand allerhöchstens formal. Wir haben es hierbei also am ehesten mit idealtypischen Diktaturen zu tun, die sich von der faschistischen oder nationalsozialistischen Herrschaft grundlegend unterscheiden.
Des weiteren war zu jener Zeit auch die postrevolutionäre Sowjetunion bereits zu einem System erodiert, welches durchaus als ein totalitäres Gebilde umschrieben werden kann. Einerseits, aufgrund seines dominanten ideologischen Allmacht-Diskurses. Andererseits, wegen des nach der bolschewistischen Machtergreifung recht schnell installierten Terrorapparates sowie der gesamtgesellschaftlichen Durchdringung durch einen bürokratischen Staatsapparat. Das dieser Prozess – nach meiner Auffassung – in der bolschewistischen Ideologie bereits angelegt ist, das soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden: Die staatlicherseits initiierte und mit bürokratischen und terroristischen Mitteln durchgesetzte Umverteilung der Produktionsmittel zugunsten einer staatskapitalistisch organisierten Ökonomie und die damit einhergehende Verschmelzung vom Individuum mit seiner Gesellschaft, wird leider selbst heutzutage von einigen Unverbesserlichen als ein Beispiel für die gesellschaftliche Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft herangezogen. Der Stalinismus, welcher innerhalb dieses Vergesellschaftungsprozess schon angelegt war, wird dabei einzig als ein Betriebsunfall deklariert. Außerdem erspähen seltsamerweise einige zeitgenössische TheoretikerInnen, so etwa Alain Badiou oder Slavoij Zizek, im leninistischen Avantgardismus aktuell eine Art gesellschaftskritische Essenz.
Allerdings sind all diese Formen des Autoritarismus keineswegs nur als Phänomen zu deuten, welches ausschließlich mit einer nachholenden Modernisierung im Zusammenhang gebracht werden kann. Auch innerhalb der kapitalistischen Zentren trat der Autoritarismus, wenn auch in abgeschwächter Form, recht offen zutage. Dort kam es nämlich zu einem Transformationsprozess, welcher verschiedenste etatistische Krisenlösungsmodelle auf den Plan rief, beispielsweise den New Deal unter Franklin D. Roosevelt (1931-1941).

In eben dieser turbulenten historischen Periode diskutierten einige progressive marxistische DenkerInnen bereits die Theorie eines autoritären Transformationsprozesses von spätkapitalistischen Gesellschaften. Auch wenn sich die einzelnen Konzepte in den wesentlichen Punkten unterscheiden, so kann dennoch eine zentrale Gemeinsamkeit benannt werden: Die These von der Transition des Nachtwächterstaates und seinem ökonomischen Prinzip des „laissez-faire“ hin zu einem etatistisch organisierten und zentralistisch regulierten Wirtschaftssystem. Nahezu alle TheoretikerInnen dieses Ansatzes erkennen neue monopolistische Formen von Staat und Kapital. Zu den bekanntesten VertreterInnen solch eines ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels gehörten unter anderem Karl Korsch, Heinz Langerhans, Friedrich Pollock, Franz Neumann sowie der frühe Max Horkheimer.
Eine der scharfsinnigsten Darstellungen liefert damals Langerhans in seiner zentralen Schrift über die Weltkrise (LANGERHANS 1934). Dort betonte er, dass „aus dem automatischen Subjekt Kapital mit dem Garanten Staat als besonderem Organ“ ein „einheitliche[s] Staatssubjekt Kapital“ geworden sei. Er benennt zudem einige zentrale Erscheinungen, deren Verschiedenheit er mit „Unterschieden in der nationalen Geschichte“ begründet: Den bolschewistischen Staatskapitalismus, die nationalsozialistische Wirtschaftssteuerung, die faschistisch-systematische Intervention und die amerikanische Invariante. Neben Langerhans waren es vor allem Pollock und Horkheimer, die prognostizierten, dass etwa durch planwirtschaftliche Eingriffe oder autoritatives staatliches Steuerungshandeln das damals vorherrschende ökonomische Prinzip abgelöst worden sei. Mit einer aus den zeitgeschichtlichen Umständen und aus seiner persönlichen Erfahrungen heraus sicherlich verständlichen Konsequenz hatte Horkheimer zudem auch einen direkten Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus konstatiert. So etwa in seinem Aufsatz über den autoritären Staat oder in der noch bekannteren Schrift „Die Juden und Europa“, aus welcher auch das berühmte Zitat stammt, dass wer vom Kapitalismus nicht reden will, vom Faschismus zu schweigen habe. Horkheimer nivellierte diese Thesen später weitestgehend zugunsten einer sozialpsychologischen Deutung.

Dennoch müssen jene Analysen aus heutiger Sicht als ungemein progressiv und als die passgenaue Umschreibung jenes autoritative turns gedeutet werden. Sie beschreiben etwas sehr deutlich, was andere, weniger politökonomische Interpretationen gar nicht erfassen: Die Tendenz einer immanenten Aufhebungstendenz in der Krise. In diesem Kontext möchte ich nochmals meine eigene These über den Zusammenhang von Krise und negativer Aufhebung stark machen.

Literaturhinweise:

HORKHEIMER, MAX (1967): Autoritärer Staat. Die Juden und Europa. u.a. Aufsätze 1939 -1941. Amsterdam
LANGERHANS, HEINZ (1996): Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution.
in: KORSCH, KARL: Schriften 1928-1935. Gesamtausgabe Band 5. Amsterdam
NEUMANN, FRANZ (1967): Demokratischer und autoritärer Staat. Beiträge zur Soziologie der Politik. Frankfurt am Main
POLLOCK, FRIEDRICH (1941a): State Capitalism. in: Zeitschrift für Sozialforschung Nr.2. 1941.

Im zweiten Teil dieses Artikels werde ich mich dann mit verschiedenen Polykratietheorien befassen, welche versuchen, die Unmittelbarkeit der Herrschaft im Faschismus systemfunktional zu erklären. Außerdem soll auch noch der Frage nachgegangen werden, welche Rolle eigentlich die Mittelklassen innerhalb dieses politischen Involutionsprozesses gespielt haben. Auch mit der These von der kulturellen Erosion werde ich mich auseinandersetzen. Diese unterstellt einen Einfall des Irrationalen in die Geschichte. Abschließend werden dann noch einige Theorien vorgestellt, die den Faschismus als Modernisierungsideologie deuten. Diese sollen denjenigen Ansätzen gegenübergestellt werden, welche genau von der gegenteiligen Annahme ausgehen, also die faschistische Ideologie als antimodernistisch interpretieren. Dabei wird sich jedoch herausstellen, dass beide Ansätze nicht ganz unrecht haben. Denn der Faschismus war sowohl modern als auch ein antimoderner Reflex auf die zeitgenössischen gesellschaftlichen Veränderungen. Genau dieser Wesenszug ist es schließlich auch, der uns bei der abschließenden Fragestellung nach Aktualität und Relevanz von Faschismustheorien weiterhelfen wird.

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