Archiv für August 2011

Konservatives Denken brechen – Provinzen alternativ gestalten. Für eine emanzipatorische Gesellschaft!

Was heißt eigentlich Konservatismus?
Konservativismus ist – neben dem Liberalismus und dem Sozialismus – einer der drei großen politischen Ideologien bzw. Weltanschauungen. Er entstand als Reaktion auf die Französische Revolution. Es gibt verschiedene konservative Strömungen, die allesamt eines gemeinsam haben: das Ziel, die bestehenden politischen, kulturellen und sozialen Zustände zu bewahren, solange nicht etwas Neues als eindeutig vorzugswürdig angesehen wird.

Aber es geht eben nicht nur um politischen Konservativismus…
Konservatives Denken macht sich gesamtgesellschaftlich bemerkbar und ist nicht nur ein Merkmal einiger politischer Strömungen. Konservatives Denken ist weit verbreit und geht weit über die CDU-Wählerschaft hinaus. Wer kennt sie nicht – Sätze wie: „Aber das war doch schon immer so“, „Also früher hätte es so etwas nicht gegeben“ oder im schlimmsten Falle noch „Damals hätte man Leute wie DIE weggesperrt“. Sie kommen von unseren Eltern und Großeltern, vom Lehrer, von unserem Freund und Helfer, vom Feuerwehrchef oder vom Opi an der Supermarktkasse. Genau diese Äußerungen sind es, die für uns den Inbegriff von konservativen Denkmustern darstellen.

Aber was genau stört denn nun eigentlich daran?
Wenn Konservativismus heißt, die bestehenden Verhältnisse auf allen Ebenen zu bewahren oder beim Anblick der heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse in Nostalgie zu versinken, weil „früher ja eh alles besser war“, dann ist das für uns ein Zustand, der bekämpft werden muss. Denn was sind denn die herrschenden Verhältnisse? Eine korrupte Politik, die eher die Interessen großer Lobbyisten vertritt, als die der Menschen und die politisch Andersdenkende marginalisiert und als extrem stigmatisiert. Eine deutsche Leitkultur, die Sexismus, Rassismus, Xenophobie, Homophobie und Patriotismus als ihre Grundpfeiler sieht und dem Neuen und Anderem immer etwas misstrauisch begegnet. Soziale Verhältnisse, die Menschen, die in dieser Gesellschaft nicht das große Los gezogen haben, als parasitär diffamieren, da sie nicht zur Reproduktion der Gesellschaft im kapitalistischen Verwertungssinne beitragen und von Sozialleistungen abhängig gemacht werden – somit ihr Leben nicht mehr selbstbestimmt leben können. Das sind die bestehenden Verhältnisse – Verhältnisse, die für uns schon lange nicht mehr tragbar sind.
Es geht uns eben nicht nur um die Nazis, die uns Tag für Tag ein Stück Lebensqualität nehmen, und die in einer Gesellschaft, in der konservatives Denken den Mainstream darstellt, leicht Fuß fassen können. Es geht uns eben auch um den Bürger, der wegschaut, wenn der braune Mob wieder auf unseren Straßen marschiert, um den, der den Gemüsehändler um die Ecke immer noch als „Fitschi“ bezeichnet, um den, der den Punk im Park als asozial ansieht, weil er eine andere Frisur hat. Es geht um den Arbeiter und Angestellten, der Hartz-IV- Beziehern mit Hass entgegen tritt, weil diese seiner Meinung nach ja gar nicht arbeiten wollen und denen das Geld, für das er hart schuften muss, hinterhergeschmissen wird. Das dies meist nicht die eigenen Meinungen der Menschen sind, sondern die der Hetzmedien, hinterfragt in unserer Gesellschaft kaum jemand. Es ist eben einfacher, sich der Meinung von Anderen anzueignen, anstatt sich unabhängig zu informieren und sich so ein eigenes Weltbild zu entwickeln. Durch solches Denken, wird jedem Versuch, einem alternativen Lebensentwurf zu folgen, seine Umwelt innovativ und neu – entgegen der Tristesse – zu gestalten und andere, freiheitlichere Formen von gesellschaftlichen Zusammenleben, ohne Hierarchien und Diskriminierung, zu entwickeln, der Boden genommen.

Die Situation in Burgstädt…

Das Naziproblem.
Schon in der Blütezeit der mittlerweile verbotenen Neonazikameradschaft „Sturm 34“ kamen viele aktive Mitglieder aus Burgstädt. Immer wieder zeigten große Nazigruppen Präsenz in der Stadt und machten durch rechten Terror vielen Bürgern das Leben zur Hölle. Obwohl die Kameradschaft heute offiziell nicht mehr existiert, sieht das Bild in Burgstädt nicht viel anders aus. Große Nazigruppen treffen sich immer wieder z.B. am Kaufland, am Bahnhof oder in Parks. Von dort aus greifen sie immer wieder Andersdenkende Jugendliche an – Bedrohen, Verfolgen und Verprügeln diese. Neues Objekt der Gewaltbegierde: das dieses Jahr entstandene alternative Hausprojekt „LW1“ des „Freiraum e.V. Burgstädt“.

Und was macht die Stadt?
Die bietet dem kürzlich gegründeten „Freiraum e.V.“ eine Mitgliedschaft im „Bündnis gegen Extremismus in Burgstädt“ an und möchte die Extremismusbeauftragte als deeskalierende Begleiterin des Projektes an die Seite der jungen Menschen stellen. Also mal wieder: kräftig die „Extremismuskeule“ schwingen und am besten versuchen diese „Linken Chaoten“ ein wenig mit ins Boot zu holen, damit Kontrolle möglich ist.
Außerdem findet die Stadt, dass man das ganze Naziproblem nicht an die große Glocke hängen sollte, wie dies durch mehrere Medienberichte in Limbach- Oberfrohna der Fall war. Verständlich, denn ein Terror von Rechts macht sich als Werbeslogan für die eigene Stadt nicht so gut.
Und weil man immer noch einen drauf setzen kann, verteidigt die Stadt dann noch einen Feuerwehrchef, der die Mitglieder des „Freiraum e.V.“ bei einem Einsatz im Hausprojekt als „Zecken“ und als Tiere beschimpft.

Und was soll man nun mit all dem Scheiß anfangen?
Gerade weil es in der sächsischen Provinz schwer ist Freiräume zu erkämpfen und eine alternative Umgestaltung seiner Umwelt vorzunehmen, als dies in größeren Städten der Fall ist, wollen wir den Status quo nicht hinnehmen. Wir nehmen es nicht hin, wenn offizielle Organe den Versuch von der Etablierung eines Freiraumes als extrem darstellen. Wir nehmen es nicht hin, wenn Bürger uns und andere Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, als weniger wertvoll oder asozial darstellen. Wir nehmen es nicht hin, wenn sich auf den bestehenden Verhältnissen ausgeruht wird, weil es uns ja „gar nicht so schlecht geht“. Wir wollen mit solchen Denkmustern und Verhaltensweisen brechen. Wir wollen Neues schaffen- neue Orte, an denen sich Menschen begegnen können um sich endlich selbst eine Meinung bilden zu können. Wir wollen zeigen, dass alternative Projekte eine Stadt bereichern, und keine Schandflecke sind. Nur so werden Provinzen wieder attraktiv für junge Menschen und nur so kann eine Gesellschaft entstehen, in der Privilegien wie Freiheit und Selbstbestimmung verwirklicht werden, Toleranz und Akzeptanz nicht nur Phrasen sind und das Leben somit wieder lebenswert wird.

Deshalb:
Konservatives Denken brechen – Provinzen alternativ gestalten.
Für ein Leben, Lieben und Lernen in Freiheit!

Die Geschichte des Faschismus. Teil VIIb Das F-Wort: Über zahllose Versuche das Unsägliche zu interpretieren

von Alfred J. Quack

Kurz vor seinem Tod hatte sich der marxistische Historiker Mason folgende Frage vorgelegt: „Whatever happened to Fascism?“ In seinem anschließenden Versuch, diese Fragestellung zu beantworten, beklagte selbiger sich dann über den mangelnden Erkenntnisgehalt zeitgenössischer Faschismustheorien.1 Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Man begegnet dem Terminus „Faschismus“ heutzutage nämlich entweder in einer inflationär entstellten Form, als ein pejoratives Attribut oder als Kampfbegriff. Gleiches gilt in gewisser Weise auch für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Faschismus. Was der Faschismus tatsächlich gewesen ist und wie er sich überhaupt zum Gegenstand von wissenschaftlichen, politischen, aber auch von lebensweltlichen Debatten2 etablieren konnte, darüber wird in der Regel kaum Auskunft erteilt. Im Übrigen definiert sich eine attributive Zuschreibung dessen, was „faschistisch“ sein soll, zumeist ohnehin bloß ex negativo. So ist nur zu erfahren, was der Faschismus gerade nicht sein soll: Demokratisch, liberal, pluralistisch, usw.
Ich selbst würde freilich lügen, wenn ich behaupte, meine vorangegangene Analyse hätte sowohl Wesen als auch Erscheinung ihres Gegenstandes völlig durchdrungen. Dies ist aber niemals meine Absicht gewesen. Wenn es mir auch nur ansatzweise gelungen ist, den geneigten Leser_innen aufzuzeigen, dass der Faschismus sich nicht einfach mal eben so nebenbei erklären lässt, dass spezifische Interpretationen immer an ihren immanenten Widersprüchen scheitern3, ist bereits eine Menge gewonnen. Halten wir also abschließend fest: Es scheint ein viel bescheideneres Unterfangen zu sein, darzustellen, was der Faschismus gerade nicht war.4

Als ein überzeugter Materialist muss ich freilich darauf insistieren, den Begriff nicht einfach einer Beliebigkeit der Deutung preiszugeben. Eine materialistische Interpretation wird ihren Redegegenstand gerade nicht dergestalt betrachten, dass dessen Explikation stets auf ein catch-all-Konzept hinausläuft. Eine materialistische Faschismusanalyse fragt folglich nicht nur nach den bloßen Erscheinungen, sondern gerade auch nach dem Wesen des Faschismus.
Freilich, andere Interpretationen bemühen sich ebenso genau dies zu tun. Der Unterschied ist jedoch, dass es einer materialistischen Analyse nicht bloß um die simple Darstellung von Kausalitätsketten geht. Um ganz banale Ursache-Wirkungs-Verhältnisse. Eine materialistische Deutung des Faschismus muss immer eine ideologiekritische Analyse sein, sie muss sich ihrem Gegenstand deshalb immer vom Standpunkt einer immanenten Kritik nähern. Das heißt konkret: Sie muss einerseits darüber aufklären, welche Potentiale innerhalb einer gesellschaftlichen Totalität angelegt sein können und wie diese sich konstituieren. Andererseits muss sie auch aufzuzeigen im Stande sein, dass diese spezifischen Potenzialitäten immer von kontingenter Natur sind. Dies gelingt freilich nur, wenn sich der dialektischen Methode bedient wird.5 Demnach geht es einer materialistischen Faschismusanalyse sowohl um die Verschränktheit von Ursache und Wirkung, sowie letztlich darum, wann, wie und warum diese Verschränktheit gewisse Potentiale zutage fördert.
Es geht einer materialistischen Faschismusanalyse also sowohl um die Frage nach den Rahmenbedingungen für eine faschistische Negation: Nach dem selbst generierten und dennoch nicht selbsttätig erkannten, faktisch gar nicht erkennbaren Prozess einer Veräußerlichung seitens der einzelnen gesellschaftlichen Subjekte. Gleichzeitig muss aber auch die als Antwort auf eben diese Verhältnisse erfolgende (Selbst-)zurichtung der Individuen untersucht werden, ausgehend von der Konfrontation mit deren materieller Lebenswirklichkeit, also den ökonomischen Verwertungsimperativen und der abstrakt vermittelten staatlichen und rechtsförmigen Herrschaft.
Eine materialistische Analyse dessen, was als das wirklich faschistische erkannt werden soll, muss folglich aufzeigen, dass der Faschismus zwar immer die Konsequenz von eben diesen Lebensbedingungen war, jedoch nicht notwendigerweise deren kausale Folge. Das er vielmehr immer nur eine Art der regressiven Reaktion auf diese Vorfindlichkeiten gewesen ist. Das er einer falschen, einer pathischen Projektion aufsaß, welche das Bestehende zwar entschieden ablehnte, jedoch nicht in dem Sinne aufhob, dass es auch wirklich beseitigt wurde.

Die Möglichkeit über eine Aufklärung des gesellschaftlich Unbewussten6 ist beim Faschismus nicht nur still gestellt, sondern vielmehr bereits eliminiert: Der Faschismus war folglich immer das Resultat einer ideologischen Verselbständigung des notwendig falschen Bewusstseins. Er wollte die vorgefundene Wirklichkeit zwar aufheben, wie sein voluntaristisches Wesen deutlich zeigt, allerdings ohne etwas von ihren realen Erkenntnisinhalten zu wissen. Er musste demnach aus einer Nicht-Bewusstheit der realen gesellschaftlichen Prozesse resultieren. Folglich konnte er auch immer nur eine negative Aufhebung der gesellschaftlichen Realität sein. Eine Form der Aufhebung jedoch, deren barbarische Konsequenzen uns heutzutage zumindest historisch bewusst sein sollten. Was aber nicht gleichzeitig heißen soll, dass es mit dem Faschismus schon allein deshalb bereits vorbei sei. (mehr…)

„Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt.“ Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945

Unter dem Titel

„‘Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt‘. Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945“

hat am 20.09.2011; 11 Uhr im Rathaus Freiberg; Obermarkt
die erste umfassende Dokumentation zur Judenverfolgung im sächsischen Freiberg Premiere.

„Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt“, schrieb 1939 resigniert der Weinhändler Max Freud an den damaligen Freiberger OB, Dr. Werner Hartenstein. Der Jude Max Freud sah nach der Vernichtung seiner wirtschaftlichen Existenz durch NS-Staat und Gestapo und nach den andauernden Demütigungen durch Freiberger Bürger für sich keinen Ausweg mehr. Er schien zu ahnen, was ihm noch bevor stand. Max Freud starb 1942 im KZ Dachau. Seine Geschichte ist durch eine schmale Akte im Stadtarchiv Freiberg belegt. (mehr…)