the same procedure as every year…

Bereits zum siebten Mal in Folge werden Neonazis am 7.10. – dem Jahrestag der Bombardierung Freibergs im Zweiten Weltkrieg – ihre antisemitischen und geschichtsrevisionistischen Ansichten auf einer Demonstration oder Kundgebung in die Öffentlichkeit tragen. Aber nicht nur die Nazis sind an diesem Tag ein Problem.

Seit 2006 findet nun jährlich dieses Spektakel statt und ist damit der einzige Termin, an dem die lokale Neonaziszene eine Kontinuität entfalten konnte. Das Datum ist damit von besonderer Bedeutung und ermöglicht den Neonazis regelmäßig ihre „Gemeinschaft“ öffentlich zu zelebrieren und gerade Jugendlichen ein Erlebnis anzubieten, das diese an die nationalsozialistische Ideologie heranführt. Mittlerweile wurde ein „Informations-Blog“ eingerichtet, auf dem Berichte der letzten Jahre zu finden sind und auf dem wohl zukünftige Aktionen koordiniert werden sollen. So ist eine Unterseite aufrufbar, auf der nur noch Datum und Uhrzeit für die nächste Demonstration eingetragen werden muss. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass die Nazis ihre Aktionen sehr kurzfristig angemeldet haben und auch in der öffentlichen Bewerbung eher zurückhaltend waren. 2010 nahmen rund 60 Personen an einer Demonstration teil, die vom Bahnhof zum Friedhof führte und die offenbarte, dass vor allem der Anteil junger Leute aus der Umgebung Freibergs gestiegen ist, die sich selbst der rechten Szene zuordnen.

Antifaschist_innen wiesen in der Vergangenheit – unter anderem auf einer Demonstration im letzten Jahr – immer wieder auf die explizit antisemitischen und geschichtsrevisionistischen Inhalte der Nazi-Veranstaltungen hin, kritisierten aber auch den Umgang der Stadt mit den Neonazis und dem Jahrestag. So ist dem bürgerlichen Gedenken selbst ein geschichtrevisionistischer Kern implizit und daher ist auch die bürgerliche Kritik an den Neonazis eine, die das Problem ums Ganze verkennt; die die Nazis nur als Imageproblem für die Stadt wahrnimmt und die nicht fähig ist, die neonazistische Ideologie inhaltlich zu erfassen und damit adäquat zu kritisieren. Würde man dieses Ziel ernst nehmen, müssten die bürgerlichen Ideologen ihre eigene Position reflektieren und würden feststellen, dass sie selbst jene Ideologien perpetuieren, deren Kritik Vorausetzung wäre, um überhaupt einen gesellschaftlichen Zustand herstellen zu können, in dem es so etwas wie z.b. Fremdenfeindlichkeit nicht mehr gäbe. Mit ihrem Auftreten als formierter Standortschutz, der von der CDU bis zur ehemaligen PDS reicht, und der mal unter dem Label „WIR SIND FREIBERG“, mal als „NAZI-FREI-BERG“ daherkommt, wird man nie und nimmer die gesellschaftlichen Ursachen des Neonazismus bekämpfen können, sondern wirkt an deren Verschleierung mit. Nicht eine von wenigen propagierte „Weltoffenheit“ der Stadt ist der Garant für mündige und aufgeklärte Menschen und auch die Organisierung unter dem Kollektivsubjekt „Freiberg“ kann nicht das Geringste dazu beitragen. Nehmen wir nur das simple Beispiel des Umgangs mit Asylbewerbern: Eigentlich kann jeder wissen, unter was für diskriminierenden und unwürdigen Umständen Asylbeweber auch in Freiberg leben müssen. Man schaue sich nur die Schäbikeit der Unterkünfte, das Verhalten der Ämter und allgemein die instituionalisierte und verrechtlichte Diskriminierung von Menschen mit Bedarf auf Asyl an. Wer dann noch von Weltoffenheit spricht, ist entweder blind oder steckt so tief im bürgerlichen Verblendungzusammenhang, dass für ihn die Schuld- und Organisationszusammenhänge nicht mehr erkennbar sind und er nicht mehr im Stande ist, darauf zu reflektieren, was die spezifische Form kapitalistischer Ökonomie und die Organisierung der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Leiden der einzelnen zu tun hat.

Wer es mit der Freiheit und dem Wohlergehen des Einzelnen ernst meint, der muss nicht nur den Nazismus kritisieren, sondern der muss auch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick nehmen. Denn sie sind es, die das menschenverachtende Denken und Handeln in den differenziertesten Formen hervorbringen und begünstigen, da ihr Telos nicht die bewusste und an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtete Gestaltung des Miteinanders ist, sondern die Verwertung des Werts, der numal den Ausschluss aller durch alle bedeutet.

Und dieses „In-den-Blick-nehmen“ fängt eben auch vor Ort an und bedeutet, dass es sich am 7.10. für denkende Menschen gebietet, der Verschleierung der Wahrheit, sei sie nun von Neonazis oder von dem, was sich so schön „Zivilgesellschaft“ nennt, ins Werk gesetzt, zu widersprechen und auf das falsche Ganze zu verweisen.

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