Freibergs Kirchen unterm Hakenkreuz

erschienen in Freie Presse vom 19.12.2011

Erstes Buch zur Regionalgeschichte der christlichen Gemeinden in der Nazi-Zeit erschienen

Freiberg. Berlin am 30. Januar 1933: Adolf Hitler wird Reichskanzler. Weite Teile der deutschen Bevölkerung bejubeln den Führer und seine Nationalsozialisten. Auch von den christlichen Gemeinden in Freiberg kommt damals Beifall. „Es ist davon auszugehen, dass die Machtergreifung der Nazis auch in den Kirchen der Stadt weithin begrüßt wurde“, sagt Karl-Hermann Kandler. Der Freiberger Theologe hat jetzt das erste Buch über die städtische Kirchengeschichte in der Zeit zwischen 1933 und 1945 vorgelegt.

Zehntausende Aktenblätter wertete er dazu in Kirchen- und Stadtarchiven aus. Ergebnis: Es gab keinerlei kritische Stellungnahmen Freiberger Pfarrer zur nationalsozialistischen Machtübernahme. Gleichwohl gingen weite Teile der hiesigen Geistlichkeit schon bald auf Distanz zu Hitler. Verfolgten Juden halfen sie jedoch nicht. Es sei denn, sie waren – illegal – getauft. „Die Aufarbeitung dieser Zeit ist zu kurz gekommen“, resümiert Kandler.

„Gott schickte Adolf Hitler“

Zwischen 1933 und 1945 tobte auch in Sachsen ein regelrechter Kirchenkampf: Anhänger Hitlers, allen voran die rassistische, antisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung der Deutschen Christen, wollten die Kirchen im Sinne des Nationalsozialismus vereinnahmen. Vertreter der sogenannten Bekennenden Kirche wandten sich gegen diese ideologische Gleichschaltung. In Freiberg fanden schon 1932 auf Betreiben der NSDAP-Ortsgruppe mehrere propagandistisch verbrämte Gottesdienste im Dom statt. Am 1. Mai 1933 wurden in Freiberger Kirchen „Vaterländische Feiern“ abgehalten. Und Pfarrer Paul Gotthelf Schwen schrieb im Gemeindeblatt von St. Jakobi, „… dass Gott in Adolf Hitler den Retter uns schickte“.

Auch Walter Mitscherling, Pfarrer in St. Nikolai, pries zunächst Hitlers Machtergreifung. Aus dieser Zeit stammt offenbar auch die Fotografie im Archiv des Stadt- und Bergbaumuseums, auf der die Nikolaikirche mit gehisster Hakenkreuzfahne zu sehen ist. Mitscherling, so zeigen es die Recherchen von Karl-Hermann Kandler, war indes einer der Freiberger Geistlichen, die schon bald in Opposition zu den Nazis gingen. Auslöser waren unter anderem die Kirchenvorstandswahlen 1933, zu denen in fast allen Freiberger Gemeinden nur nationalsozialistische Einheitslisten antraten. „Die sächsische Kirchenverfassung wurde weithin außer Kraft gesetzt“, stellt Kandler fest. Hinzu kam etwa die Zwangseingliederung kirchlicher Jugendverbände in die Hitlerjugend. Zudem wurde der „Arierparagraph“ auf die Kirchen angewandt: Juden durften nicht mehr getauft werden.

Eid auf den Führer abgelehnt

Freibergs Superintendent Arndt von Kirchbach, der im April 1936 ins Amt kam, fiel wegen seiner Kritik an den Zuständen schnell in Ungnade. Schon im September 1937 wurde er vom staatstreuen Landeskirchenamt suspendiert. Oberbürgermeister Werner Hartenstein warnte von Kirchbach, den Dom zu betreten – sonst müsse er ihn mit der Polizei abholen lassen. Leib und Leben haben kritische Pfarrer in Freiberg laut Kandler indes nicht riskiert – sogar als sie sich einem Eid auf den Führer verweigerten. Zu der Aktion wurden 1938 auf Betreiben des Landeskirchenamtes 37 Pfarrer aus dem Raum Freiberg eingeladen – nur 13 kamen.

Bis zuletzt gab es indes auch eifrige Nationalsozialisten unter Freibergs Geistlichen. Zu ihnen zählte Carl Eichenberg. Als er am 8. Juli 1934 sein Amt als Pfarrer von St. Jakobi antrat, leuchtete eine Illumination aus einem verschränkten Christuskreuz und einem Hakenkreuz am Kirchturm. Nach der Amtsenthebung von Kirchbachs übernahm Eichenberg kommissarisch das Amt des Freiberger Superintendenten, wurde aber später als Wehrmachtspfarrer eingezogen.

Braune Pfarrer – leere Kirchen

Interessant ist – und hier hätten dem Buch bei den vielen Zahlen auch Grafiken gut getan – wie sich die christliche Bevölkerung der Stadt verhielt: Den braunen Pfarrern liefen die Gottesdienstbesucher davon. So zählte man 1943 in der Nikolaikirche mit nazi-kritischem Pfarrer mehr als 21.000 Kirchgänger. Zu St. Jakobi und St. Petri kamen zusammen nur gut halb so viele Menschen – obwohl die beiden Gemeinden die meisten Mitglieder hatten.

Karl-Hermann Kandler hat recherchiert, was nach 1945 aus dem braunen Pfarrer Eichenberg wurde. Die Geschichte passt ins Bild von der mangelhaften Aufarbeitung. „Eichenberg ist nicht mehr nach Freiberg zurückgekehrt. Er ging zu Kriegsende nach Hessen“, berichtet der Buchautor. Dort sei er zehn Jahre später wieder ins Gemeindeamt zurückgekehrt. „In seiner eigenen Biografie“, sagt Kandler, „hat er sein Wirken in Freiberg nur mit einem einzigen Satz erwähnt.“

Buchtipp

Das Buch „Kirchengeschichte Freibergs 1933-1945″ von Karl-Hermann Kandler ist im Sax Verlag Markkleeberg erschienen, hat 151 Seiten und kostet 12,80 Euro. Es ist unter anderem im Bückereck am Dom erhältlich. ISBN: 978-3-86729-091-3

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