Archiv für Juni 2012

Freiberg als Mitmach-Gemeinschaft.

Die Redaktion FreibÄrger über die ideologische Funktion der Stadtidentität.

Partizipation bedeutet in Freiberg vor allem Mitmachen. Über den stillschweigenden Konsens, libidinöse Heimatbindung und die Perfidie der 850-Jahrfeier.

Standortvorteil Heimatbindung

„Wer Sachsen kennen will, muss Freiberg gesehen haben“1 begrüßt Oberbürgermeister Bernd-Erwin Schramm das interessierte Publikum für die Festwoche „850 Jahre Freiberg“. Denn gemeinsam mit Bürgern und Gästen will man in diesem Sommer das besondere Jubiläum der „Besiedlung der Region“ feiern und sich dabei von seiner besten Seite präsentieren – sowohl gegenüber den eigenen Einwohnerinnen und Einwohnern, als auch gemeinsam mit diesen den zahlreich erwarteten Gästen von außerhalb. Stolz ist man darauf, in Zeiten der allgemeinen Rezession und des demografischen Wandels mit steigenden Studierendenzahlen aufwarten zu können, stolz schaut man auf die Bedeutung als Ressourcen- und Umwelttechnologiestandort und blickt doch, weil sich der gemeine Provinzler vor allzu großen technischen Innovationen, die immer auch Globalisierungsprozesse bedeuten, ängstigt und in seiner prekären Identität bedroht fühlt, gern auf eine erfolgreiche und traditionsgeladene Geschichte zurück, die Halt und Heimatgefühl vermittelt: „In Freiberg wird Tradition großgeschrieben und die Moderne vorangetrieben“2. Mit dem gemeinsamen „Glück auf!“ zu Beginn jeder Schulstunde bis zum gemeinsamen Grölen des Steigerliedes – der „Freiberger Nationalhymne“3, die eigens zur 850-Jahrfeier eine neue Strophe angedichtet bekam – nach bestandenem Diplom an der Bergakademie wird derlei Provinzialismus von den Freibergern schon früh inkorporiert. Doch so antiquiert er in seinen Inhalten erscheint, so modern ist seine Form und Zweckmäßigkeit für das Funktionieren der lokalen Gemeinschaft. Denn gesellschaftliche Flexibilisierung, der Verlust traditioneller Sicherheiten, Zukunftsängste und die potentielle Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Vergesellschaftung führen, begleitet von permanenten Wandlungs- und Anpassungsprozessen, zum gesteigerten Bedürfnis nach neuen, scheinbar festen und unveränderlichen Identitäten. Die Anknüpfung an jahrhundertealte Traditionen kann, ungeachtet der Tatsache, dass sie bloßer Schein und ein ebenso modernes Phänomen ist, diese Bedürfnisse bestens befriedigen.

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