Wozu denn hier den Wohnsitz anmelden?

erschienen in FreibÄrger #76

Schon im ersten Semester drängte sich ein beunruhigender Verdacht auf: Die Wahl Freibergs als zukünftiger Studienort könnte sich als bedeutende Zeitverwendung herausstellen. Immerhin stehen knapp fünf Jahre des eigenen Lebens auf dem Spiel. Nun, diese Befürchtung hat sich rückblickend auf diese Zeit nicht bewahrheitet. Günstige Zufälle waren es, die sich gegen die im Allgemeinen stumpfsinnige studentische Realität durchsetzten: Es beginnt damit, dass viele Studenten nie ein Interesse entwickeln, zu erkunden, wofür sie sich entschieden haben. Was abseits der Routen zu Kaufland, Bahnhof und dem Weg zur Autobahn liegt, entzieht sich der Kenntnis. Hinter dem Bahnhof erstreckt sich sowieso nur noch das Reich der Ahnung. Nicht, dass es erbaulich wäre, die abgerissenen und vernachlässigten Teile der Stadt zu besuchen, aber abseits der Tristesse des Universitätsgeländes und der aufgehübschten Innenstadt wären zumindest neue Eindrücke zu gewinnen. Einen Großteil der Zeit verleben die Studenten so einfach auf dem Campus. Gespräche abseits der neuesten Gehwegbaustelle, der anstehenden Rasenmahd auf der Lieblingsbierweise und der Volksspeisung in der Mensa ergeben sich selten. Sie erscheinen auch nicht notwendig. So erfolgt im Privaten die Rückbesinnung auf den politischen Biedermeier: Es blüht die Kunst der Aquaristik und der Kleintierzucht. Auch das Sammeln, vorzugsweise digitaler Medien, gerät zum festen Bestandteil des Tagesablaufes. Fast schon verständlich, lauscht man Tag für Tag dem allgegenwärtigen Gejammer über das schwere studentische Los. Die Menschen werden sich so langsam fremd, die Nähe zur Natur wächst im selben Maße. Spazierwege durch den Fürstenwald sind deshalb gut besucht von sportgeplagten Vereinzelten. Neben der allgemeinen Menschenscheu vieler, wagen einige das gezwungene Vergnügen der studentischen Feierriten. Erwartungsarme Eintönigkeit beherrscht den Abend. Ausgelassenheit geriert sich nicht über Freude am Tanzen, Leidenschaft zur Musik, oder dem Interesse an Unbekannten, sondern der Anzahl an Hektolitern Freibier, womit jede namhafte Studentenfeier aufwartet. Dieses Phänomen erklärt sich möglicherweise aus der sogenannten Tradition: Schon früher konnte mit Stiefelsaufen und Löwenreiten Einheit über Gegensätzlichkeit hinweg gestiftet werden. Wenn dann im regelmäßigen Vollrausch die Brücke zwischen Moderne und Tradition geschlagen ist, dann ist sie da: die Identität des Freiberger Studenten mit „seiner Stadt“. Je nach Konstitution gelingt das Gelage sogar mehrfach in einer Woche. Im Wechsel von besinnungsloser Trunken- und stumpfsinniger Nüchternheit gelingt es, nebst den paar Veranstaltungen an der Universität, die Wochentage spurlos an der Erinnerung vorbei zu bringen. Der Freitag steht dann ganz im Zeichen der Abreise: Riesige Schaaren von Studenten flüchten aus der Stadt, ein Spektakel, das sich vor dem Auditorium Maximum sehr gut beobachten lässt. Sie tauschen am Wochenende Freiberg oftmals mit noch viel abgeschiedeneren Nestern ein. Ein kritikwürdiger Umstand, der wohl in der reinen Zweckmäßigkeit der studentischen Beziehungen untereinander gründet. Ein Kommilitone schaffte es beispielsweise innerhalb von acht Semestern, nicht ein einziges Wochenende in Freiberg zu verbringen. Wer nicht herkommt, um in kürzester Zeit seinen Studienabschluss zu erlangen, sondern der Weiterentwicklung der Persönlichkeit auf der Spur ist, dabei vielleicht sogar noch ein aufgeklärtes Ansinnen vertritt, der wird Freiberg als lebensunwert einschätzen. Vielen anderen ist die Stadt im Grunde egal.

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