Die Schattenseite des Retters von Freiberg

erschienen in Freie Presse vom 24. September 2015

Ein Historiker relativiert das Bild des einstigen OB Werner Hartenstein. Der übergab die Stadt 1945 kampflos an die Rote Armee – stellte sich zuvor aber in den Dienst des Dritten Reiches.

Von Frank Hommel

Freiberg – Er gilt als Retter von Freiberg: Werner Hartenstein, Oberbürgermeister der Stadt von 1924 bis 1945. „Sein besonnenes Handeln bewahrte Freiberg 1945 vor der sinnlosen Zerstörung“, heißt es auf einer Gedenktafel. Er sei kein fanatischer Kämpfer für die Idee des Nationalsozialismus bis zum letzten Blutstropfen gewesen, schreiben Biografen. Hartenstein hatte sich in den letzten Kriegstagen dem Befehl des SS-Chefs Heinrich Himmler widersetzt, die Stadt „bis zum letzten Blutstropfen“ verteidigen zu lassen.

„Dass es eine mutige Tat war, die ehrende Anerkennung und Erinnerung verdient, steht außer Zweifel“, sagt der Freiberger Historiker Michael Düsing, der für seine Forschungen über die Judenverfolgung in der Stadt den Bürgerpreis 2014 erhalten hat. Nun bringt Düsing Einzelheiten über die Rolle Hartensteins während der Machtergreifung der Nationalsozialisten ans Licht, die das Bild des Freiberg-Retters differenzieren. Düsing: „Die Funde belegen, dass sich der erfahrene Verwaltungsbeamte von Anfang an ohne Zögern in den Dienst des Dritten Reiches stellte.“

Hitler war im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden. Im März forderte OB Hartenstein in einer Rede während eines Fackelzugs vor dem Freiberger Rathaus, „alle die auszuschließen, fernzuhalten und, wenn es sein muss, mit harter Faust zu unterdrücken“, die „keine Deutschen sind, die kein Gefühl haben für den Geist, der ein Volk ausmacht, die kein Vaterland kennen wollen“.

Der SA-Terror gegen Regimegegner war längst in vollem Gange, auch in Freiberg. Hartenstein blieb das nicht verborgen. Am 9. März stürmte die SA das Büro des den Nazis verhassten linken und obendrein jüdischen Theaterdirektors Otto Rueff, schmiss ihn aus dem Theater, erteilte Hausverbot. „Eilfertig erzwang Hartenstein am folgenden Tag den Aufhebungsvertrag mit Rueff“, berichtet Düsing. „Er legalisierte den Rauswurf sozusagen verwaltungsrechtlich.“ Mehr noch: Gegenüber anderen möglichen Arbeitgebern, bei denen Rueff eine Stelle suchte, charakterisierte Hartenstein ihn als „künstlerisch minderwertig“, „wirtschaftlich unzuverlässig“. Vor der Machtergreifung sei davon keine Rede gewesen. Düsing: „Danach aber hat Hartenstein Rueff verleumdet, ihm in die Existenz gespuckt.“

Im Vortrag „Freiberg unterm Hakenkreuz“ stellt Düsing die Ergebnisse seiner Forschung in der kommenden Woche vor. „Die regionale Aufarbeitung der Zeit zwischen 1933 und 1945 ist bisher nur zögerlich oder gar nicht geschehen“, findet er. „Dabei kann sie helfen, heute Orientierung zu geben. Es geht auch darum, welche Leitbilder wir aus unserer jüngeren Stadtgeschichte übernehmen: Die von ehemals braunen Aktiven? Oder die von bis heute fast völlig Unbekannten, die unter widrigsten Bedingungen Anstand bewahrten und Menschen in höchster Not zu helfen versuchten?“

Der Historiker nennt sie „stille Gerechte“: Menschen wie Hugo Knoblauch, der ein kleines Ingenieurbüro in der heutigen Kellermannstraße betrieb. Knoblauch unterstützte einen jüdischen Mitarbeiter in Prag, ließ ihm illegal Aufträge zukommen, mietete für ihn eine Wohnung unter seinem Namen. Er versuchte sogar in letzter Minute, dessen Deportation zu verhindern. Erfolglos. Von Knoblauch sind die Worte überliefert: „Wenn jeder von denen, die mit den Rassegesetzen nicht einverstanden sind, sich eines ihm bekannten Juden einsatzbereit annähme, wäre viel Not zu lindern und Unglück zu vermeiden.“ Düsing: „Solche Leute haben mehr Beachtung verdient.“

Aus Freiberg stammten aber auch Verbrecher wie Wolfgang Plaul, für seine Brutalität berüchtigter SS-Obersturmführer. Er war zeitweise 2. Schutzhaftlagerführer im KZ Buchenwald und Lagerkommandant in dessen Außenlagern. Düsing: „Jene, die er folterte, nannten ihn die wilde Bestie.“

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