Plötzlich kamen die Polizisten

erschienen in Freie Presse vom 17. Oktober 2015

Der Kosovare Femi Morina war in Brand-Erbisdorf integriert. Nun ist er abgeschoben worden. Die Bergstädter sind geschockt – und wollen für den jungen Mann kämpfen.

Von Jochen Walther

Brand-Erbisdorf – Femi Morina gehört zu jenen Flüchtlingen, die sich viele Deutsche wohl wünschen. Der 26-Jährige aus dem Kosovo hat rasch Deutsch gelernt, ist integrationswillig, hat Freunde gefunden, und absolvierte seit Juli eine Ausbildung zum Flachglasmechaniker bei der Brand-Erbisdorfer Firma Saxo Isotherm-Glas. Bis den jungen Mann am Montag mehrere Polizisten abholten. Einen Tagen später saß er im Flieger.

„Wir mussten Femi Morina aus der laufenden Produktion holen“, erinnern sich die Geschäftsführer Martina Neumeister und Gunter Räbiger an den auch für die 120-köpfige Belegschaft schockierenden Moment. Dabei hatte der Asylbewerber extra wegen der Berufsausbildung von den Behörden bis 17. Dezember 2015 eine Duldung erhalten – und die könnte offenbar bis zum Ende der Lehre im Juli 2018 verlängert werden. Letzteres sei auch der Grund gewesen, weshalb das Unternehmen mit Morina einen Lehrvertrag abgeschlossen hatte. „Bei einem positiven Abschluss der Ausbildung wollten wir den jungen Mann gern übernehmen“, betont Räbiger.

Nicht nur die Firmenleitung, die sich in einem Schreiben an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Chemnitz für den Asylbewerber stark machte und bis heute auf eine Antwort wartet, ist sehr besorgt. Auch Jana Berger ist Wut und Ärger über diesen „Willkürakt“ anzusehen. Die Gymnasiallehrerin für Kunst und Deutsch gestaltet im Brand-Erbisdorfer Flüchtlingsheim, wo auch Morina untergebracht war, Freizeitangebote. Dabei habe sie den „fleißigen und ehrgeizigen jungen Mann“ schätzen gelernt.

„Femi hat sich mit meinem Sohn, der auch so alt ist, gut verstanden. Wir haben ihn ab und an zu Ausflügen mitgenommen“, berichtet die 50-Jährige, die nur eine Frage umtreibt: „Warum wird ausgerechnet ein junger Flüchtling abgeschoben, der sich völlig selbstständig um eine Lehre kümmert und vorbildlich in unsere Gesellschaft einbringt?“ Zumal sein Fall zeitlich vor das jetzt von der Regierung beschlossene Asylpaket fällt, das ab November in Kraft treten soll und Kosovo, Albanien und Montenegro zu sicheren Herkunftsländern erklärt.

Ähnlich sieht das die im Flüchtlingsheim beschäftigte Sozialarbeiterin, die Morina als hilfsbereiten jungen Menschen kennengelernt hat. Selbst nach der Ausbildung im Betrieb habe er als Dolmetscher anderen Flüchtlingen unter anderem im Freiberger Krankenhaus geholfen. So verdiente er sich ein kleines Taschengeld, denn er lebte in Brand-Erbisdorf lediglich von seinem Lehrlingsentgelt.

Im Kosovo war Femi Morina einfach arm, fand keine Arbeit, schlug sich in seiner Heimat mit Gelegenheitsjobs durch, bekam 60 Cent für die Stunde. So schildert es Jana Berger. Da habe auch das mit „Auszeichnung“ bestandene Abitur wenig geholfen.

Von Januar bis August 2015 haben 33.824 Menschen aus dem Kosovo Asyl beantragt – 99,7 Prozent wurden wieder nach Hause geschickt. Nichtsdestotrotz bewertet Stefanie Ebert, Sprecherin der Arbeitsagentur, den Fall als „sehr ärgerlich“. Ihre Behörde hatte das Ausbildungsverhältnis vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und Demografie-Wandels vermittelt.

Die Landesdirektion Chemnitz wolle den Fall nun noch einmal prüfen, versprach gestern Sprecher Ingolf Ulrich. Ob das Morina nutzt, bleibt fraglich. Per Facebook meldete sich der junge Mann gestern bei Jana Berger: „Bitte helft mir, ich will nach Deutschland zurück.“

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