Oktobernacht mit Nachgeschmack

erschienen in Freie Presse vom 27. Oktober 2015

Die Ausschreitungen bei der Ankunft von Flüchtlingen am Bahnhof der Bergstadt machen bundesweit Schlagzeilen. Ob künftig weitere Züge kommen, ist offen.

Von Kai Kollenberg

Freiberg – Der Freiberger Oberbürgermeister Sven Krüger ist in diesen Tagen ein gefragter Gesprächspartner. Vor zwei Wochen machte der SPD-Mann mit seinem lautstarken und mehr als deutlich formulierten Protest gegen die Informationspolitik des Innenministeriums in Sachen Asyl von sich reden. Gestern musste er nun schon wieder Rede und Antwort stehen. Denn am Sonntagabend hatte es unerwartet heftige Vorfälle bei der Ankunft von insgesamt rund 700 Flüchtlingen am Freiberger Bahnhof gegeben. Ein Ereignis, das Freiberg über Nacht deutschlandweite Aufmerksamkeit sicherte.

Rund 400 Demonstranten, darunter Personen aus dem rechtsextremen Lager, hatten am Sonntag die Szene rund um den Bahnhof für Stunden bestimmt. Sie bewarfen die Busse, in denen die Asylbewerber ihre Weiterreise antraten, und versuchten die Abfahrt zu verhindern. Knapp 200 Polizisten waren vor Ort. Sie räumten den Weg frei, in einem Fall mit Pfefferspray und Schlagstock. Die Bilanz: drei leicht verletzte Beamte, acht Strafanzeigen, eine zerschlagene Scheibe am Auto eines Mitarbeiters der Landesdirektion.

Die Landesdirektion zeigte sich gestern entsetzt über das Geschehen: „Dass ein Zug attackiert wird, haben wir noch nicht erlebt“, sagte ein Sprecher. Der Vorfall sei ohne Beispiel im Freistaat Sachsen. Dabei war die Ankunft eines Flüchtlingszugs keine Premiere für Freiberg. Bereits vor zwei Wochen kamen hier hunderte Flüchtlinge mit dem Zug an. Die Wahl war aus logistischen Gründen auf den kleinen Bahnhof in Mittelsachsen gefallen, da die Kreisstadt relativ zentral in Sachsen liegt. Auch dass Freiberg bisher als Musterbeispiel für eine gelungene Integrationspolitik galt, hatte Polizeikreisen zufolge eine gewichtige Rolle gespielt.

Bei der Ankunft des ersten Flüchtlingszuges war das Kalkül noch aufgegangen. Damals hatte die Anti-Asyl-Szene wenig mobilisieren können. Dieses Mal war das anders. Die Polizei musste deswegen zusätzliche Kräfte nach Freiberg beordern. Mit einer Fehleinschätzung im Vorfeld habe dies aber nichts zu tun, teilte die Polizeidirektion Chemnitz gestern mit. Aufgrund anderer Einsätze habe anfangs nicht mehr Personal zur Verfügung gestanden.

Im Freiberger Rathaus macht sich die Stadtspitze nach den Ausschreitungen nun Sorgen um den guten Namen der Kommune. Denn eigentlich sollte die Bergstadt in diesem Jahre eher mit dem 250-Jahr-Feier der TU Bergakademie punkten. „Natürlich dienen solche Meldungen nicht dazu, den Ruf Freibergs als liebenswerte und weltoffene Universitätsstadt zu festigen“, sagte Oberbürgermeister Krüger. Es gebe trotz allem viele positive Beispiele für gelungene Integration.

Allerdings hat auch Krüger sich in den vergangenen Wochen kritisch zur deutschen Asylpolitik geäußert. Seine Schelte für das sächsische Innenministerium, dem er vorwarf, ihn nicht über die Aufstockung einer Erstaufnahmeeinrichtung informiert beziehungsweise belogen zu haben, wurde auch von Personen beklatscht, die sonst eher nicht zum SPD-Klientel gehören. Und schon vorher hatte Krüger betont, dass Freiberg seinen Anteil überdurchschnittlich geleistet habe. Die Stadt brauche eine Pause.

Für die jetzige Eskalation will der OB aber keine Mitschuld tragen: „Manche werfen mir vor, mit meiner berechtigten Kritik die Situation befördert zu haben“, sagte er. „Doch unsere Demokratie bildet sich eine Meinung durch Diskussion in der Sache, dabei muss auch Kritik erlaubt sein.“

Ob am nächsten Sonntag wieder Flüchtlingszüge in Freiberg einrollen, ist momentan offen. Überlegungen, den Bahnhof nicht mehr in Betracht zu ziehen, seien ihm nicht bekannt, sagte ein Sprecher der Landesdirektion: „Weswegen sollte man Freiberg rausnehmen?“ Auch an anderen Orten könnte es zu ähnlichen Vorfällen kommen.

Angriffe gegen Flüchtlinge

31. Dezember 2014: Unbekannte werfen vermutlich Böller auf das Flüchtlingsheim in Brand-Erbisdorf. Die Polizei untersucht derzeit, ob es sich doch um Sprengstoff gehandelt hat.

13. Februar 2015: Auf das Asylbewerberheim am St.-Niclas-Schacht in Freiberg wird ein Anschlag verübt. Später stellt sich heraus, dass es nicht eine einfache Pyro-Attacke war, sondern dass Sprengstoff verwendet wurde.

23. Mai: Ein 49-Jähriger attackiert einen Asylbewerber in Brand-Erbisdorf mit einem Messer.

2./3. Oktober: In der Nacht wird auf die Teichmühle in Großhartmannsdorf ein Anschlag verübt. Sie war als Kinderflüchtlingsheim im Gespräch.

19. Oktober: Gegen ein Flüchtlingsheim an der Chemnitzer Straße in Freiberg gibt es eine Bombendrohung. Es handelt sich um falschen Alarm.

Kommentar

Wo sind die Guten?

Von Frank Hommel
frank.hommel@freiepresse.de

Keine Frage: Es ist legitim, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisch zu sehen. Also das Recht jedes Menschen in Deutschland, der so denkt. Und es ist legitim, den Protest auch auf die Straße zu tragen. Aber haben die Vorkommnisse am Freiberger Bahnhof am Sonntagabend – eine Atmosphäre der Angst und Gewalt zu erzeugen, mit Flaschen, Böllern und Äpfeln auf Busse zu werfen – etwas mit einem legitimen Protest zu tun? Nein! Das ist nichts als sinnlose Wut, einzig mit dem Ergebnis, die Staatskasse weiter zu belasten und die Polizei von anderen wichtigen Aufgaben abzuhalten. Aber in dieser aufgeheizten Zeit ist ein sachlicher und respektvoller Austausch von Argumenten unmöglich. Und nun steht Freiberg – zumindest in der bundesdeutschen Wahrnehmung – auf einer Stufe mit Freital und Heidenau. Und das ist nicht die Schuld der „Lügenpresse“, die Tatsachen liegen auf der Hand. Damit ist es spätestens jetzt an der Zeit, dass sich die Freiberger, die sich nicht stolz dem sogenannten „Pack“ zuordnen wollen, das auch öffentlich bekennen. Es ist für Freiberg an der Zeit, zu zeigen, dass es nicht zutrifft, wenn die vorm Bahnhof versammelten „Asylkritiker“ nach „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ auch „Wir sind das Volk“ rufen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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