Freiberger Polizeirat Jens Uhlmann: „Intensivtäter stiftet Unruhe“

erschienen in Freie Presse vom 29. Oktober 2015

Polizeirat Jens Uhlmann äußert sich nach jüngsten Vorfällen zur Sicherheitslage in Freiberg und zum geplanten Ordnungsdienst der Stadt

Freiberg. In Freiberg ist ein Anstieg der Straftaten zu verzeichnen. Wie die Ordnungshüter darauf reagieren, wollte Steffen Jankowski vom Leiter des Polizeireviers, Jens Uhlmann, wissen.

Freie Presse: Haben Sie den Mann inzwischen gefasst, der vor einer Woche den Inhaber eines Dönerladens in Freiberg mit einer Pistole bedroht haben soll?

Jens Uhlmann: Die Fahndung läuft noch. Wir gehen davon aus, dass die gleiche Person auch der sogenannte Machetenmann ist, der Mitte Oktober eine Verkäuferin im Netto-Markt an der Chemnitzer Straße mit einem machetenartigen Gegenstand bedroht haben soll.

War der Gesuchte möglicherweise auch an dem Raubüberfall im Stadtteil Zug beteiligt, bei dem am Dienstag voriger Woche einer von drei maskierten Einbrechern eine Pistole auf ein Rentnerehepaar gerichtet haben soll?

Derzeit wird geprüft, ob eine Tatbeteiligung auch bei anderen Delikten wie dem Raubüberfall in Zug vorliegt. Vieles spricht dafür, dass wir es mit einem Intensivtäter zu tun haben, der Unruhe stiftet und damit auch ein schlechtes Licht auf andere Asylbewerber wirft. Denn mit der übergroßen Mehrheit der Flüchtlinge gibt es keinerlei Probleme.

Nach der Entgleisung im Netto-Markt hatten Sie den 23-Jährigen doch schon geschnappt. Warum haben Sie ihn wieder laufen lassen?

Die Staatsanwaltschaft hat entschieden, keinen Haftbefehl zu beantragen, weil dafür keine ausreichenden Gründe vorlagen.

Was muss denn erst noch passieren? Frustriert das nicht auch Ihre Beamten, wenn Sie solche Leute wieder laufen lassen müssen?

Das mag im Einzelfall sicher schwer zu verstehen sein, insbesondere für die Opfer. Aber die Freiheit ist in unserer Gesellschaftsordnung ein hohes Gut, und die gesetzlichen Vorgaben für eine Inhaftierung sind sehr streng. Da wird rein sachlich entschieden; es gibt auch keinen Unterschied bei der Behandlung von deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen.

Wie schätzen Sie die Sicherheitslage in der Stadt insgesamt ein?

Wir verzeichnen einen Anstieg bei der Kriminalität, der allerdings kein rein Freiberger Phänomen ist, sondern im bundesweiten Trend liegt. Insbesondere gibt es eine Zunahme bei den Eigentumsdelikten. Darauf versuchen wir, uns einzustellen, indem wir entsprechende Kräfte bündeln. Die Tatverdächtigen, die wir bislang ermitteln konnten, sind in der Mehrzahl Deutsche. Dazu kommen Kriminelle aus Ost- und Südeuropa, die keine Asylbewerber sind. Bei letzteren machen wie gesagt einige wenige Intensivtäter das Treiben verrückt. Insofern erwarte ich auch im Zusammenhang mit der Ankunft weiterer Flüchtlinge keine Verschärfung der Lage.

Die Polizei hat jetzt aber auch in Freiberg mit Demos und Gegendemos zur Asylpolitik zu tun. Am Wochenende mussten zwei Hundertschaften am Bahnhof eingesetzt werden. Ist das überhaupt noch zu schaffen?

Wir arbeiten derzeit am Limit, keine Frage. Bei den Asylkundgebungen stehen wir zwischen den Fronten, das ist eine hohe zusätzliche Belastung. Zum Glück schlägt sich das hier in Freiberg noch nicht in einem erhöhten Krankenstand nieder. Aber auf die Dauer benötigen wir eine Entlastung, zumal wir auch einen hohen Altersdurchschnitt in der Mannschaft haben.

Wie bekommen Sie die Aufgabenflut derzeit in den Griff?

Wir müssen eine Priorisierung der Einsätze vornehmen. Das heißt im Klartext, dass es bei einem Verkehrsunfall ohne größeren Schaden auch mal etwas länger dauern kann, bis der Streifenwagen zur Unfallaufnahme vor Ort ist.

Die Polizeireform 2020 ist gestoppt, es soll keinen Personalabbau mehr geben. Reicht das aus?

Das ist auf alle Fälle ein Signal in die richtige Richtung. Aber uns stehen auch zahlreiche Altersabgänge bevor, die kompensiert werden müssen. Die Ausbildung neuer Kräfte kostet Zeit und muss jetzt angegangen werden. Eine Entlastung könnte auch die geplante Wachpolizei bringen, die es übrigens schon einmal nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gegeben hat, um Synagogen zu schützen. Aber auch hier braucht es noch Zeit, geeignete Bewerber zu finden und zu schulen.

Was halten Sie in diesem Kontext von der Idee, in Freiberg einen städtischen Ordnungsdienst zu installieren?

Ich begrüße den Vorstoß von Oberbürgermeister Sven Krüger. Er versetzt die Stadt in die Lage, ihre originären Ordnungsaufgaben besser zu erfüllen. Das Durchsetzen der Polizeiverordnung ist zuerst eine Aufgabe der Kommune. Wenn beispielsweise jemand im Park Unrat hinterlässt, eine Studentenfete abzusichern ist oder ruhestörender Lärm gemeldet wird, müsste sich eigentlich zuerst das Ordnungsamt darum kümmern. Wenn in solchen Fällen nicht mehr gleich die Polizei gerufen würde, wäre das auch eine Entlastung für uns. Nicht zuletzt würde eine höhere Präsenz von Ordnungskräften sicher auch das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Bürger heben.

Polizeirat Jens Uhlmann ist 40 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Seit dem 1. September leitet er das Polizeirevier Freiberg, das in etwa für die die Altkreise Freiberg und Brand-Erbisdorf zuständig ist. Zuvor war er stellvertretender Leiter des Reviers Chemnitz-Nordost. Uhlmann hat von 1994 bis 1998 bei den Feldjägern gedient und kam über die Militärpolizei zur Polizei. Er studierte und war von 2002 bis 2010 bereits in Führungsfunktionen in den Revieren Freiberg und Brand-Erbisdorf eingesetzt.

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