Stadtimage im Realitätscheck

Wenn in Freiberg Flüchtlinge bedroht werden und die Bewohner ihren Hass zur Kenntlichkeit bringen, dann sorgt sich die Stadtelite wie immer nur um eins: Das Stadtimage. Die dümmsten Reaktionen finden sich in der Freien Presse vom 29. Oktober, darunter ganz selbstverständlich und ohne Kommentierung auch Statements von der AFD, wie dieses:

So sollte das Landratsamt wöchentlich mitteilen, wie viele Asylbewerber im Kreis sind, wie viele davon anerkannt, wie viele ausreisepflichtig sind. Fragen sollten ernst genommen werden. Sonst habe ich Sorge, dass das zur Radikalisierung führt.

Erst neulich irritierte die AFD in Thüringen mit der Anfrage nach der Anzahl der Homosexuellen im Bundesland. Die Forderung in Freiberg stößt in eine ähnliche Richtung: das Sammeln von Informationen über den politischen Gegner, die die enthemmte Stimmung unter den verharmlosend „Asylkritiker“ genannten Fremdenfeinden noch weiter anheizt. Zu diesem Zweck hat der AFD-Stadtverband Freiberg eine Demonstration für den 3. November angemeldet.

Das angekratzte Selbstbild

erschienen in Freien Presse vom 29. Oktober

Seit den Ausschreitungen bei der Ankunft eines Flüchtlingszugs scheint das Image als weltoffene Stadt getrübt. In einer Umfrage unter Prominenten wollte die „Freie Presse“ wissen: Wie ist die Stimmung in der Stadt?

Freiberg. Rund 1050 Flüchtlinge leben aktuell in Freiberg, es werden 200 mehr sein, wenn das Zelt an der Glückauf-Turnhalle fertig ist. Anders als in umliegenden Städten gab es in Freiberg trotz der Zahlen lange keine Demonstrationen von Heimgegnern. Stattdessen viel Hilfsbereitschaft. So pflegte Freiberg sein Selbstbild als weltoffene Stadt. Doch das Bild scheint seit den Krawallen bei der Ankunft des Flüchtlingszuges am Sonntag angekratzt. In einer Umfrage unter Prominenten hat die „Freie Presse“ die Stimmung in der Stadt erkundet.

Birgitt Pasternak, Buntes Haus: „Denn in Freiberg gab es ja bisher nichts Derartiges. Von unseren Besuchern weiß ich: In der Bevölkerung gibt es große Angst. Ältere trauen sich abends nicht raus. Es herrscht Unverständnis, warum Kriminelle die rechtliche Tippeltappeltour durchlaufen, obwohl ihr Asylantrag läuft. Da müsste schneller eine Abschiebung erfolgen. Überhaupt ist die Politik gefragt. Alles müsste schneller entschieden werden. Steht fest, dass jemand bleibt, muss die Integration sofort beginnen. Wir bieten Flüchtlingskindern ohne Kita-Platz mittwochs eine Vorschule an. Und den Eltern Deutschunterricht. Das sichern sechs ehrenamtlich tätige Frauen ab. Es läuft gut. Am Anfang haben wir die Flüchtlinge immer aus dem Heim abgeholt, inzwischen kommen sie von allein zu uns. Und zwar sogar eine Stunde eher. Am liebsten würden sie täglich zu uns kommen. Wenn sie Behördenpost haben, bringen die Asylbewerber diese Schreiben oft mit. Und da fällt mir eins auf: Das Amtsdeutsch ist für sie völlig unverständlich, die Behörden müssten sich um eine klare Sprache bemühen. In unser Haus kommt beispielsweise ein junger Mann aus Eritrea, der ein Baby hat. Auch einige Kosovo-Albaner kommen in den Kinder- und Jugendtreff. Wir haben mit ihnen null Probleme. Als einmal in der Kuschelecke ein Zwei-Euro-Stück lag, haben die Flüchtlingskinder es bei uns abgegeben.“

Roland Säurich, Tivoli: „Freiberg lebt seit 800 Jahren von Fremden und muss weltoffen bleiben. Die Stimmung unter unseren Gästen ist in Bezug auf die Flüchtlinge sehr differenziert. Mich schockiert, dass Leute aus dem intellektuellen Bereich die Meinung der Steinewerfer gut finden. Aus meiner Sicht müssen so viel Leute wie möglich sagen, dass das, was am Sonntag am Bahnhof lief, nicht in Ordnung war.“

René Kaiser, AfD-Kreischef: „Weltoffenheit definiert sich nicht an Protesten, sondern daran, wie die Stadt sich grundsätzlich darstellt. Und da überwiegen die Bergakademie, die Betriebe und der Tourismus. Bei den Leuten, die mich ansprechen, spüre ich große Sorge, wie das mit den Flüchtlingen gehen sollin Zukunft und vor allem in Freiberg. Viele Leute fühlen sich nicht ernst genommen. Das führt zu Frust. Wer ihn kommuniziert, muss fürchten, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Aber schlucken? Die Fragen sind doch berechtigt. Ich jedenfalls habe noch keinen getroffen, der gesagt hat: „Ich stehe voll und ganz hinter der Flüchtlingspolitik von Frau Merkel.“Ich wünsche mir eine Versachlichung der Debatte, sich anzuschreien bringt gar nichts. Dafür braucht es mehr Informationen. So sollte das Landratsamt wöchentlich mitteilen, wie viele Asylbewerber im Kreis sind, wie viele davon anerkannt, wie viele ausreisepflichtig sind. Fragen sollten ernst genommen werden. Sonst habe ich Sorge, dass das zur Radikalisierung führt.“

Klaus-DieterBarbknecht, Rektor der TU: „Gewalt gegen Flüchtlinge oder gegen Einrichtungen für Flüchtlinge ist Gewalt gegen Mitmenschen. Das ist eindeutig zu missbilligen. Umso wichtiger ist, dass wir die Weltoffenheit Freibergs noch deutlicher vorleben.“

Sergio Lukovic, Opernsänger: „Freiberg ist weltoffen, dafür arbeiteten die Bürger jahrhundertelang. Einige Sturköpfe können das nicht so schnell zerstören. Die Politik prüft, wer wirklich Hilfe braucht. An uns ist es, diesen Menschen zu helfen, unsere Kultur, unsere Lebenskonzepte, unsere Humanität kennen zu lernen. Wenn ich es richtig beobachte, ist es genau das, was viele gerade tun. Das macht mich sehr glücklich. Eine Gegendemonstration wäre eine Antwort auf die Krawalle, aber im Grunde denke ich, diese Leute sind es nicht wert, dass man ihr Auftreten überbewertet.“

Anke Krause, Gewerbeverein: „Schon immer sind viele Menschen zu uns in die Region gekommen, um hier zu leben, zu arbeiten, zu studieren. Das wird durch solch einen Vorfall nicht anders. Es gilt jetzt, die positiven Kräfte zu bündeln und argumentativ dagegen zu halten. Ich habe viele Kunden, die an der Uni arbeiten und Geschäftsleute, die weltweit unterwegs sind. Sie werden sich ihren Standort nicht verderben lassen, denn ihre Anzahl ist größer als das Publikum, das am Bahnhof gegen die Flüchtlinge demonstriert hat. Die Stimmung richtet sich nicht gegen die Flüchtlinge, sondern gegen den Umgang mit der Situation. Auch die steigende Kriminalität sollte nicht wegdiskutiert werden. Es besteht der Eindruck, dass sich viele überfordert fühlen. Meiner Meinung nach aber hat Freiberg einen guten Ruf.“

Flüchtlingszug: Freigida distanziert sich von Vorfällen

Die asylkritische Internet-Gruppe Freigida hat gestern der „Freien Presse“ erklärt, sie lehne die Ausschreitungen gegen die Flüchtlingsbusse ab, die am Sonntagabend vom Freiberger Bahnhof abgefahren sind. „Dass Gegenstände gegen den Bus geschleudert wurden, verurteile ich“, sagte der Freigida-Gründer, der seinen Namen nicht in der Zeitung genannt wissen will. „Die Sitzblockade war aber eine friedliche Demonstration, um dem Staat zu zeigen, dass es so nicht mehr weitergeht. Die Teilnehmer wollten damit darauf aufmerksam machen, dass die Polizei und der Staat immer mehr an ihre Grenzen bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise stoßen.“ Er stellte zudem klar, dass er zu keiner Demonstration am Bahnhof aufgerufen habe. Er habe dies auch nicht vor. Er selber sei Sonntag nur als Privatperson vor Ort gewesen. (kok)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter