Umvolkung und Identität: TU prüft Professoren-Rede

erschienen in Freie Presse vom 5. November 2015

Der Auftritt von Heiko Hessenkemper auf der AfD-Kundgebung unter dem Titel „Asylchaos stoppen“ hat kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Vorwürfe richten sich auch gegen die Bergakademie.

Von Jochen Walther und Steffen Jankowski

Freiberg – Von „Umvolkung“ und „Problemen mit der nationalen Identität“ hat Heiko Hessenkemper am Dienstagabend auf der Kundgebung der Alternative für Deutschland (AfD) in Freiberg gesprochen. Mit seiner Rede zum Thema „Asylchaos stoppen“ hat der AfD-Kreisrat und Professor der Bergakademie eine Kontroverse unter Lesern ausgelöst. An der Freiberger Uni läuft nach den Worten von Pressesprecherin Luisa Rischer dazu eine interne Klärung, auch der Studentenrat will heute über das Thema beraten. Hessenkemper selbst bezeichnet die Vorwürfe gegen ihn als „grotesk“.

Mit Erschütterung auf die Äußerungen Hessenkempers hat unter anderen Markus Kirchner reagiert. Er sei Absolvent und langjähriger Freund der Bergakademie sowie Mitglied im Verein Freiberger Geotechniker, schreibt der Freitaler. „Als Professor der international anerkannten und ausgerichteten Technischen Universität, die im großen Rahmen auch auf ausländische Studenten und Fachkräfte angewiesen ist, darf man in der Öffentlichkeit nicht so auftreten“, urteilt er. Zwar seien seine Äußerungen als Privatperson durch die Meinungsfreiheit in der Verfassung gedeckt, „aber als Redner auf der Demo als Professor der Bergakademie aufzutreten, ist nicht hinnehmbar“. Der 45-Jährige forderte außerdem die TU Bergakademie auf, sich davon zu distanzieren und ein Disziplinarverfahren gegen Hessenkemper einzuleiten.

Andreas Friedrich, Sprecher des sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, bezeichnete indes den Redebeitrag Hessenkempers als „freie politische Meinungsäußerung, sodass es keine rechtliche Handhabe für dienstrechtliche Sanktionen gibt“. Sollte sich die Hochschule angegriffen fühlen, könne allein die Universität als Dienstherr dagegen vorgehen. Das sei im Fall der Rufschädigung denkbar, erläutert Friedrich.

Er sei entsetzt, schreibt der ehemalige CDU-Stadtrat und Friedensrichter Peter Weinhold, „dass man nun auch in Freiberg ,Ausländer raus‘ schreit“. Mut mache ihm, dass die jungen Leute bei den Gegendemonstranten überwiegen.

In diesem Zusammenhang richten sich aber auch Vorwürfe gegen die Rathausspitze und die TU Bergakademie. So hätte es nach Ansicht von Werner Pälchen der Stadtverwaltung Freiberg gut zu Gesicht gestanden, durch hochrangige Vertreter auf der Gegendemo „Asyl verstehen, Chancen sehen“ anwesend zu sein. Das durch die Ereignisse am Freiberger Bahnhof in der Öffentlichkeit ziemlich ramponierte Image der Stadt hätte dadurch aufgebessert werden können, schreibt der Halsbrücker. Mindestens ebenso enttäuschend sei die dürftige Präsenz der TU Bergakademie gewesen, so Pälchen: „Dass von 86 Professoren nur eine Handvoll die Gelegenheit genutzt hat, mit ihrer Anwesenheit Haltung zu zeigen, ist kein Ruhmesblatt für diese renommierte Institution.“ Für die eigenen ausländischen Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter sowie auch für die in wenigen Tagen zur 250-Jahr-Feier zu begrüßenden in- und ausländischen Gäste wäre das ein wichtiges Signal gewesen, findet der promovierte Geowissenschaftler.

Hessenkemper bekräftigte gestern seine Ansichten. Es sei „völlig grotesk, Äußerungen eines AfD-Kreisrates zum Gegenstand eines Disziplinarverfahrens machen zu wollen“. Das seien Einschüchterungsversuche, so der Großschir-maer. Dagegen müsse juristisch vorgegangen werden – „ebenso wie in Firmen, wo den Mitarbeitern untersagt wird, sich zu AfD oder Pegida zu bekennen“. Unter „Umvolkung“ verstehe er eine „Bevölkerungsveränderung in den Ethnien: Wenn jetzt mehrere Millionen in das Land strömen, sind die Deutschen sehr schnell in einer Minderheit.“

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