„Wer Ängste schürt, handelt unredlich“

erschienen in Freie Presse vom 28. Januar 2016

Der Kreisvorsitzende der Alternative für Deutschland, René Kaiser, erklärt, warum der Euro ein Thema bleibt und was er von Pegida hält

Flöha/Freiberg. Vor dem Hintergrund der Asyldebatte verbucht die AfD in Mittelsachsen einen starken Mitgliederzuwachs. René Kaiser ist seit Gründung des Kreisverbandes im November 2013 der Vorsitzende. Angesichts anhaltend hoher Flüchtlingszahlen hält er Sorgen für angebracht, mag aber keine Ängste schüren, wie er sagt. Matthias Behrend hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Kaiser, muss ich mir eigentlich noch Sorgen um den Euro machen?

René Kaiser: Natürlich, die Sorgen müssen wir uns alle machen. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat viele Versprechen gemacht und noch längst nicht alle gehalten. Da halte ich Sorgen für berechtigt. Und die Geburtsfehler des Euro bestehen ja auch weiterhin.

Die AfD ist ja vor zwei Jahren als Partei der Euro-Skeptiker gegründet worden.

Richtig, die Euro-Rettung war damals eine drängende Frage, das hat uns Schlagzeilen beschert. Aber wir haben ebenso andere Themenfelder, zum Beispiel die Energie- oder die Familienpolitik. Und natürlich weiterhin den Euro.

Oder die Asylpolitik …

Ja, die schubst man auch gern in unser Feld. Das ist derzeit zweifellos ein Thema, das den Menschen Sorgen bereitet. Ich höre das bei sehr vielen Gesprächen.

Was genau hören Sie?

Ich höre Angst, eine oft undifferenzierte Angst. Ich halte es zum Beispiel für überzogen, wenn Leute ihre Kinder nicht mehr vor die Tür lassen wollen, obwohl es in ihrem Wohnort keine Flüchtlinge gibt. Häufig wird nicht mehr unterschieden zwischen Asyl, Einwanderung oder Wirtschaftsflüchtlingen. Da sehe ich eine Aufgabe für uns. Ich höre Frust von Menschen, die sich nicht verstanden oder falsch dargestellt fühlen. Und ich höre Ärger über leere Floskeln von Politikern. Das betrifft auch uns als AfD. Wir müssen uns gut überlegen, was wir sagen. Wir müssen vor allem zuhören und lernen, Fragen stellen, Informationen mitnehmen und weitergeben.

Als Kreisverbandsvorsitzender der AfD in Mittelsachsen hatten sie im November 2013 drei Aufgaben formuliert: den Bekanntheitsgrad steigern, Interessenten und Mitglieder gewinnen und effektive Strukturen schaffen. Wie weit sind Sie damit?

Wir sind da ein ganzes Stück vorangekommen. Ich glaube, mit unserem Bekanntheitsgrad können wir zufrieden sein. Unsere Struktur im Kreisverband werden wir in diesem Jahr überarbeiten. Wir werden Orts- und Regionalgruppen gründen, um vor Ort kompetente Ansprechpartner für die Menschen zu haben.

Wie entwickelt sich die Mitgliederzahl im Kreisverband?

Wir haben gestern das einhundert-ste Mitglied im Kreisverband aufgenommen. Seit dem Bundesparteitag im Juli haben wir 41 neue Mitglieder gewonnen.

Wer ist bei Ihnen Mitglied?

Es sind vor allem Menschen, die bislang nicht politisch aktiv waren. Unter unseren Mitgliedern sind mehr Männer als Frauen, wobei die Frauen sehr engagiert sind. Die Altersstruktur ist gemischt, wobei die meisten Mitglieder Mitte 40 sind.

Sie sagten einmal, dass die AfD die Küchentisch-Partei sein will. Warum nicht der Stammtisch?

Oh ja, der Küchentisch-Vergleich hat mir damals einigen Spott eingebracht, weil die SPD ja die Urheberschaft für den Küchentisch in der Politik für sich reklamiert …

Sie meinen Martin Dulig mit seinem Küchentisch-Wahlkampf?

Genau. Aber zurück zur Frage: Am Stammtisch kursieren Parolen, am Küchentisch plant eine Familie ihren Alltag. Und sie plant so, dass der Alltag funktioniert.

Der Stammtisch ist dann wohl eher das Revier von Pegida.

Ach, wissen Sie, ich sitze auch gern mal am Stammtisch. Dort spürt man die Stimmung im Volk. Und Pegida – ich finde, die Politik braucht diesen Druck von der Straße. Das finde ich gut. Aber mir persönlich fehlt bei Pegida der parlamentarische Einfluss. Ich mag die politische Debatte, Rede und Gegenrede, den Austausch von Argumenten.

Was halten Sie von Ihrem Parteifreund Björn Höcke?

Dazu kann ich gar nicht viel sagen. Ich weiß zu wenig von ihm, um ihn bewerten zu können, kenne seine Aussagen nicht im Kontext. Er ist sicher eher ein Laut-Sprecher. Im Kreisverband ist er jedenfalls kein Thema.

Wie würden Sie die Ausrichtung des Kreisverbandes Mittelsachsen beschreiben?

Ich kenne nicht mehr jedes Mitglied. Aber ich erlebe uns als diskussionsfreudig, wenn auch nicht hitzig. Entscheidungen treffen wir eher bedächtig.

Mit den beiden Kundgebungen Ende vorigen Jahres in Freiberg hat die AfD für Diskussionsstoff gesorgt, wird es weitere geben?

Ja, sicher. Wir wollen informieren und solche Kundgebungen sind eine gute Gelegenheit, die Stimmung im Volk aufzunehmen.

Oder Stimmung zu machen?

Da muss man aufpassen. Ich halte nichts davon, Ängste zu schüren. Wer das tut, handelt unredlich. Eine Kundgebung kann aber ein Ventil sein, um Frust und Unzufriedenheit abzulassen. Und es gibt auch die Gelegenheit, sich politisch auszutauschen. Unser Ziel ist, Frust und Unzufriedenheit in politisches Engagement umzuwandeln.

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