Pöbelnder Mob in Clausnitz

Von ihrer besten Seite zeigten sich die Mittelsachsen gestern Abend in Clausnitz, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet:
„Wie begrüßt man Menschen, die vor Krieg, Folter und Tod geflohen sind und es unter unvorstellbaren Strapazen nach Deutschland geschafft haben? An manchen Orten offenbar mit einem aggressiven Mob. Direkt neben einem Bus, aus dem gerade Flüchtlinge aussteigen wollen, haben sie sich postiert, lauernd. Sie skandieren unaufhörlich: ‚Wir sind das Volk!‘“ Ein Mob aus 100 Menschen verhinderte die Durchfahrt des Buses und blockierte die Zufahrt zur Unterkunft mit ihren Fahrzeugen. Auch in der Sächsischen Zeitung wird berichtet.

In der Freien Presse von heute heißt es:

Asylgegner blockieren Zufahrt zur Asylbewerberunterkunft in Clausnitz

Clausnitz. „Reisegenuss“ leuchtet vom Fahrziel-Anzeiger des Busunternehmens. Doch von „Reisegenuss“ kann keine Rede sein. Aus Unmengen von Kehlen schallt es „Wir sind das Volk!“ rund zwei Dutzend Flüchtlingen entgegen. So ist es in einem Video zu sehen, das sich heute Morgen binnen Stunden hunderttausende Mal in Internet verbreitet hat. Es zeigt allem Anschein nach den Donnerstagabend in Clausnitz, die Ankunft von Flüchtlingen, die dort am Ortsausgang eine Bleibe finden sollten.

Clausnitz ist mittlerweile vielen ein Begriff, die von dem kleinem Ort im Landkreis Mittelsachsen zuvor noch nie etwas gehört haben. Der deutsche TV-Moderator Jan Böhmermann verlinkt das Video und schreibt mit bitteren Worten darunter: „Der deutsche Angstmob begrüßt die, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind.“ Denn Angst haben in dem kurzen Clip augenscheinlich nur die Asylbewerber im Bus. Frauen und Kinder brechen in Tränen aus und sind nur mit Mühe zu beruhigen. Draußen feiert sich die Menge, es wird gelacht. „Rückwärtsgang!“, ruft jemand.

Der Polizeibericht liest sich nüchterner: Etwa 100 Asylgegner haben demnach gegen 19.20 Uhr die Erstbelegung der Asylbewerberunterkunft an der Cämmerswalder Straße verhindern wollen. Sie umstellten den Bus der Asylbewerber, teilte die Polizeidirektion Chemnitz gestern mit. Laut Polizei blockierten zudem drei Fahrzeuge die Zufahrt zur Unterkunft. Knapp 30 Beamte waren im Einsatz, darunter Beamte der Bundespolizei und der Polizeidirektion Zwickau. Die Polizei hat 13 Anzeigen aufgenommen, unter anderem wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Gegen gegen 21 Uhr konnte der Bus schließlich zur Unterkunft fahren. Um 22 Uhr hatten die Asylsuchenden die Unterkunft bezogen, die Protestierenden verließen den Einsatzort.

Am Morgen danach will in Clausnitz von den Anwohnern rund um die Flüchtlingsunterkunft niemand Genaueres bemerkt haben. Die Straße sei vollgeparkt gewesen, sagen mehrere Nachbarn. Aber sie hätten sich darum nicht gekümmert. Einer sagt, das Europa-League-Spiel Augsburg gegen Liverpool sei ihm wichtiger gewesen. Eine ältere Frau sagt, sie gehe abends prinzipiell nicht mehr vor die Tür. Ein Augenzeuge sagt im Gespräch mit der „Freien Presse“, er habe nicht den Eindruck gehabt, dass die Lage eskalieren könnte. Andere Clausnitzer sind dagegen erschrocken, wie sich ihr Ort präsentiert hat. Mit der Presse wollen sie aber nicht reden.

Das Landratsamt, das über eine Tochterfirma die Betreuung der Flüchtlinge in Clausnitz übernommen hat, hat sich bisher nicht zu dem Vorfall geäußert. Der Bürgermeister Michael Funke (parteilos) war bisher nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Dafür reagiert Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU): „Bei allem Diskussionsbedarf, den es in der Flüchtlingsfrage derzeit gibt: Ich finde ich es zutiefst beschämend, wie hier mit Menschen umgegangen wird. Anstatt wenigstens den Versuch zu unternehmen, sich in die Situation der Flüchtlinge zu versetzen, blockieren einige Leute mit plumpen Parolen den Weg von schutzsuchenden Männern, Frauen und Kindern. Das kann ich nur verurteilen!“ (kok)

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