Einer von vielen

erschienen in Freie Presse vom 22. Februar 2016

Thomas Hetze ist zur Symbolfigur für die Lage in Clausnitz geworden. Weil er als Leiter der dortigen Asylunterkunft arbeitet – und Mitglied der AfD ist. Wie passt das zusammen?

Von Kai Kollenberg

Clausnitz – Es gibt einfache Wahrheiten. Und Wahrheiten, die einfach klingen. Eine einfache Wahrheit lautet: „Der Heimleiter der Flüchtlingswohnungen in Clausnitz ist Mitglied der AfD.“ Eine Wahrheit, die einfach klingt, liest sich so: „Der Heimleiter der Flüchtlingswohnungen in Clausnitz ist Mitglied der AfD.“ Dazwischen liegen Welten.

Seit diesem Wochenende diskutiert Deutschland darüber, ob Thomas Hetze, 47, der geeignete Mann ist, um Flüchtlinge im Erzgebirge willkommen zu heißen. Bis Freitagmorgen hatte es nur die wenigsten interessiert, dass der studierte Ingenieur mit dieser Aufgabe betraut ist. Doch dann zeigte ein Video im Internet, wie ein Mob am Donnerstag einen Flüchtlingsbus in Clausnitz umlagert und die Insassen in Angst versetzt. Umgehend fing die Netzgemeinde an zu recherchieren. Ein alter Artikel wurde geteilt, in denen Hetze und seine Sympathie für die AfD thematisiert wurden. Die Debatte gewann an Fahrt.

Am Freitagabend schickte die Onlineredaktion von „ZDF heute“ eine Nachricht über Twitter in die Welt: „Leiter des Flüchtlingsheims in Clausnitz ist AfD-Mitglied. Er wusste nach ZDF-Infos als einer der wenigen, wann der Bus eintreffen würde.“ Schnell steht im Raum: Einer wie Hetze, einer von der AfD, müsste oder könnte doch mit dem Aufstand in Clausnitz zu tun haben. Da war es nebensächlich, dass laut dem zuständigen Bürgermeister spätestens am Donnerstagmorgen alle Gemeinderäte von der Ankunft der Asylbewerber gewusst hatten.

Thomas Hetze versucht zu lächeln, er sieht müde aus. Der Heimleiter steht im Treppenhaus eines der Mehrfamilienhäuser, in denen die 20 Asylbewerber am Ortsrand von Clausnitz untergekommen sind. Gleich soll einen Steinwurf entfernt eine Demonstration gegen Fremdenhass beginnen. Journalisten geben sich die Klinke in die Hand. Flüchtlinge werden im Akkord interviewt.

Hetze war am Samstag lange nicht zu erreichen. Seine Mobiltelefone hat er gegen Mittag zwischenzeitlich ausgemacht. Auf seiner privaten und seiner dienstlichen Nummer ging nur die Mailbox an. Es war ihm einfach zu viel geworden. Mittlerweile will er aber reden.

„Humbug“ seien die Anschuldigungen, sagt er, während immer wieder Flüchtlinge von einer Wohnung in die andere laufen. Eine echte Diskussionskultur gebe es nicht mehr in Deutschland. Dann holt er weiter aus. Hetze erzählt, wie er Marokko, Tunesien bereiste, wie er dort eine Gastfreundschaft wie nirgendwo sonst erfahren habe. Gerade deswegen mache er den Job als Heimleiter: „Ich wollte zwischen den Welten vermitteln.“

Doch Hetze kann auch anders reden. Anfang November sprach er auf einer AfD-Kundgebung unter dem Motto „Asylchaos stoppen“ in Freiberg vor dem Landratsamt. „Vor Monaten schon hätte sofort reagiert werden müssen“, steht in seinem Manuskript, das im Internet bei holzhau.de veröffentlicht wurde. „Warum hat man das nicht getan? Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Regierung völlig ahnungslos gewesen ist.“ Auch davor war Hetze aktiv: In Nassau, wo im Sommer eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden sollte, gehörte er zu dem Kreis, der Front gegen die Belegung eines ehemaligen Hotels machte. Flüchtlinge sind dort bis heute nicht eingezogen.

Die rund 100 Männer und Frauen, die am Samstagabend unweit der Clausnitzer Flüchtlingswohnungen stehen, wollen ein anderes Zeichen setzen. Sie werben für eine Willkommenskultur. Da ist es egal, dass es gerade einladendere Regionen als das Erzgebirge gibt. Der Schneematsch hat den Untergrund in eine rutschige Angelegenheit verwandelt, die Kälte kriecht die Beine hoch, abseits der Scheinwerfer herrscht pechschwarze Nacht. Dennoch tanzen einige der Demonstranten. Aus der Lautsprecheranlage dröhnt ein Song der Band Tocotronic: „Aber hier leben, nein danke.“

Der sächsische Grünen-Chef Jürgen Kasek hat die Kundgebung binnen Stunden mit auf die Beine gestellt, als aus dem beschaulichen Clausnitz ein Ort von nationalem Interesse wurde. Insgesamt 50 Anzeigen hat die Polizei mittlerweile wegen der Blockade des Flüchtlingsbusses erhalten. 14 Demonstranten haben die Beamten selbst in den Fokus genommen. Auch die Flüchtlinge sind Teil der Ermittlungen, was die Pro-Asyl-Protestler in Clausnitz nicht kalt lässt. Der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann argumentiert, die Asylbewerber hätten die Menge rund um den Bus mit Gesten provoziert.

Die Musik verstummt, als Jürgen Kasek zum Mikrofon greift: Rassismus dürfe niemals normal werden, sagt er, auch wenn er in Sachsen der Normalzustand sei. Nach der Demo wird auch er einen Online-Artikel verbreiten, in dem Hetzes Vergangenheit und seine AfD-Mitgliedschaft thematisiert werden.

Für Hetze ergibt sein Handeln dennoch einen Sinn: Menschen, die in Not sind, will er helfen. Aber das System als Ganzes hält er für gescheitert. Deswegen habe er sich auch für die AfD entschieden, nachdem er sich alle Parteien näher angeschaut habe. Im Sommer kandidierte er noch als Bürgermeister für die FDP.

„Alle sind überfordert, aber es gibt keine klaren Vorgaben“, sagt Hetze mit Blick auf die deutsche Asylpolitik. Am liebsten wäre es ihm, alle Entscheidungsträger würden in einen Raum gesperrt und dürften erst rauskommen, wenn sie eine Lösung gefunden hätten.

Ist Hetze nun ein Hetzer? Ist er eines der fremdenfeindlichen Gesichter, die Deutschland in den vergangenen Monaten gezeigt hat? Kann jemand Wutbürger sein und sich dennoch im Kleinen für Integration stark machen? Kann Hetze auf beiden Seiten in der Asyldebatte stehen? Kann er das System anprangern und es in Sachsen, im Landkreis, in Clausnitz stützen?

Das Landratsamt sieht bisher keinen Grund, an Hetze zu zweifeln. Der Landkreis ist Miteigentümer der Gesellschaft, die mit der Unterbringung von Flüchtlingen in Mittelsachsen betraut ist und für die Hetze arbeitet. „Ich beurteile Menschen nach ihren Taten und nicht danach, was sie denken“, sagt Landrat Matthias Damm (CDU). „Gedankenschnüffelei“ lehne er ab. Für ein Fehlverhalten gebe es bisher keine Belege.

Doch auch in Clausnitz ist Hetze Thema. Eine „verquere Person“ nennt ihn jemand, der ihn kennt. Er sei in einem „Wechselbad der Gefühle“ gefangen. Ähnliches wurde in den vergangenen Monaten auch über die Sachsen geschrieben. Seitdem Pegida in Dresden demonstriert, wundert sich nicht nur die restliche Republik, was im Freistaat vorgeht. Pegida ist in der Welt zu einem Begriff geworden. In der sächsischen Hauptstadt schimpfen sich Tausende ihren Zorn über Flüchtlinge von der Seele. Gleichzeitig betonen viele aber: Gegen Asylbewerber als solches hätten sie nichts.

Hetze wäre demnach einer von vielen. Einer aus Sachsen.

Landkreis kündigt Untersuchungen an

erschienen in Freie Presse vom 22. Februar 2016

Landrat Matthias Damm sieht kein Fehlverhalten von Heimleiter – Landtagsabgeordnete fordern Antworten von der Landesregierung

Freiberg – Der Landkreis will die Vorgänge am Donnerstagabend in Clausnitz untersuchen. Das kündigte Landrat Matthias Damm (CDU) auf Anfrage an. „Wir werden aufklären, ob es ein Fehlverhalten gegeben hat“, sagte Damm gestern. Der Landrat machte aber deutlich, dass er bisher keinen Grund habe, am Heimleiter in Clausnitz, Thomas Hetze, zu zweifeln.

Hetze hatte am Samstag Gerüchte bestätigt, dass er AfD-Mitglied sei. Er hatte im Herbst vergangenen Jahres bei einer Kundgebung der Partei vor dem Landratsamt in Freiberg die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel kritisiert.

„Ich beurteile Menschen nach ihren Taten und nicht danach, was sie denken“, sagte Damm. Allein wegen der Zugehörigkeit zu einer politischen Gruppierung dürfe man nicht in „Gedankenschnüffelei“ verfallen. Demokratische Grundrechte dürften in der Diskussion über Clausnitz nicht von hinten ausgehöhlt werden. Es gelte immer noch: „Die Gedanken sind frei“, so der Landrat.

Der Bürgermeister von Rechenberg-Bienenmühle, Michael Funke (parteilos) wollte sich gestern nicht dezidiert zu der AfD-Mitgliedschaft des Heimleiters äußern. „Da habe ich kein Urteil zu fällen“, sagte Funke. „Das muss er allein wissen.“ Das Gemeindeoberhaupt wies aber noch einmal darauf hin, dass nach seiner Beobachtung ein Großteil der Krawallmacher nicht aus der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle stamme. „Ich weiß nicht, wo die Leute hergekommen sind“, so Funke.

Hetze selbst hatte die Anschuldigungen, er könne aufgrund seiner Parteizugehörigkeit nicht die Einrichtung in Clausnitz leiten, am Samstagabend zurückgewiesen: Das sei „Humbug“. „Es ist unmöglich, was wir momentan für eine Unkultur haben, dass niemand mehr mit dem anderen spricht. Alle hauen nur noch aufeinander ein.“ Er plädiere zwar für eine andere Asylpolitik. Den Menschen, die aus Not nach Deutschland kommen, wolle er helfen. Gemeinderat Michael Eilenberger (FDP) sprang ihm bei. Der Heimleiter sei Opfer einer „Hexenjagd“. Mit den Geschehnissen am Donnerstagabend habe Thomas Hetze „sicherlich nichts zu tun“, sagte Eilenberger. Die Aufregung um den Donnerstagabend in Clausnitz riss am Wochenende aber nicht ab. Abgeordnete verlangten von der Landesregierung Aufklärung über das Geschehen: Der Kreisvorsitzende der mittelsächsischen Linken, Falk Neubert, will unter anderem wissen, wie genau das Polizeikonzept ausgesehen habe. Auch der Innenpolitiker der Grünen, Valentin Lippmann, stellte eine Anfrage. (kok/fhob)

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