Die fragwürdigen Imagekampagnen

erschienen in Freie Presse vom 13. Juni 2016

Tausende Euro an Steuergeldern werden ausgegeben, um mit Logos und Sprüchen für den jeweiligen Landkreis zu werben. Dabei nehmen Einwohner wenig Notiz davon.

Von Bettina Junge

Limbach-Oberfrohna/Burgstädt. Mittelsachsen hat bereits die dritte Imagekampagne, der Landkreis Zwickau bastelt an der ersten und im Erzgebirge gibt es zwei Image- und Marketingkampagnen, um die Landkreise bekannter zu machen und um Zuzügler zu werben. Wie eine Umfrage ergab, sind die Kampagnen aber bei der Bevölkerung wenig bekannt. Sie sind sogar umstritten, weil viel Geld ausgegeben wird und die Ergebnisse nicht zu messen sind – ein Vergleich:

Mittelsachsen: Eine neue Kampagne unter dem Motto „Mittelsachsen ist mein Platz zum Wachsen“ ist jetzt gestartet worden. Ab 13. Juli soll bundesweit in Fachzeitschriften um potenzielle Rückzügler geworben werden. Kosten: 44.000 Euro. Die erste Kampagne 2013 „Mittelsachsen ist… wo Hochtechnologie auf Holzkunst trifft“ kostete nur 1000 Euro. Die zweite Kampagne „Ich schmeiß alles hin und werd Mittelsächsin“ im Jahr 2014 war eher ein Flop, sagen Experten. Kosten: 3000 Euro. Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren sollten auf den Landkreis aufmerksam gemacht werden, da junge Frauen in Mittelsachsen fehlen. Gekommen ist allerdings keine einzige, so das Resümee. Doch das Medienecho war enorm. Selbst Stefan Raab witzelte in seiner Sendung darüber. „Erfolg bei solchen Imagekampagnen ist schwer messbar“, sagt André Kaiser vom Landratsamt. Es gehe auch darum, sich bekannter zu machen und ins Gespräch zu bringen. Erst im zweiten Schritt sollen konkret Menschen in den Landkreis gelockt werden. „Die Beweggründe, warum Menschen nach Mittelsachsen kommen, sind vielfältig, aber mit der Kampagne geben wir vielleicht einen Anstoß und zeigen Beispiele, dass es sich in Mittelsachsen gut leben lässt“, so Kaiser. Auch die Flöhaer Unternehmerin Sylva-Michèle Sternkopf, die ein Marketing- und Übersetzungsbüro betreibt, findet die Kampagne trotzdem gut: „Mit rosa High Heels für eine Wirtschaftsregion zu werben, ist tatsächlich mal was anderes. Ich finde provokante Werbung immer gut.“

Eine Umfrage unter Passanten auf dem Markt in Burgstädt ergab: Kaum einer kennt eine oder alle drei Imagekampagnen. Einheitlicher Tenor: „verschwendete Steuergelder“. Ein Rentner-Ehepaar sagte, dass der Landkreis viel zu groß sei. Es habe keine Verbindung zu Freiberg, Döbeln und Sayda bei Tschechien beispielsweise. Selbst im Rathaus bleibt man skeptisch: „Diese Idee ist extrem schwierig umsetzbar“, sagt Bürgermeister Lars Naumann. Mittelsachsen sei in seiner ganzen Ausbreitung äußerst vielfältig. Er hofft trotzdem, dass sich viele Bürger beteiligen und „,dass es keine Luftnummer wird“.

Erzgebirge: Im Landkreis gibt es seit längerer Zeit zwei Image- und Marketingkampagnen. Dabei geht es laut Pressesprecherin Jutta Leonhardt um Tourismus und den Wirtschafts- und Lebensraum Erzgebirge. Dabei gebe es Schnittstellen. Als Grundbudget der Städte und des Landkreises für die Wirtschaftsförderung stehen für Personal und Projektkosten jährlich 300.000 Euro zur Verfügung, so Leonhardt. Bereits 2002 hatte unter der Dachmarke „Echt Erzgebirge“ die Vermarktung begonnen. Seit 2011 wirbt der Tourismusverband Erzgebirge unter der Marke „Erlebnisheimat Erzgebirge“.

Der Kreis zahlt dafür einen Mitgliedsbeitrag von jährlich 109.000 Euro. Der Erfolg könne nur ganzheitlich als Marke „Erzgebirge“ erzielt werden, so Leonhardt. „Eigentlich wollten wir uns als Erzgebirge in die Gesamtkampagne Sachsen einbringen“, sagt sie. Aber dafür habe es keine Voraussetzungen gegeben. Die 32 Millionen teure Kampagne „So geht sächsisch“ war nach fremdenfeindlichen Aktionen in Sachsen auf Tauchstation gegangen.

In der Gemeinde Neukirchen fühlen sich indes viele Einwohner nicht so recht zum Erzgebirge zugehörig, das ergab eine Telefonumfrage. „Wir gehören doch eher zu Chemnitz“, sagte eine 23-Jährige. Der Kunsthof Neukirchen beispielsweise setzt auf private Initiative, um Besucher anzulocken, sagt Chefin Petra Tränkner. Deshalb würden keine Gelder vom Landkreis beantragt.

Landkreis Zwickau: Im Landkreis Zwickau, wozu Limbach-Oberfrohna und Niederfrohna gehören, soll eine Kampagne zur Fachkräftegewinnung starten. „Aktuell wird ein Ausschreibungsentwurf vorbereitet“, sagt Pressesprecherin Ilona Schilk. Über Kosten und Details könne noch nichts gesagt werden. Auch ohne gezielte Imagekampagne zur Förderung der Landkreis-Identität sei der Prozess zum Zusammenwachsen gut in Gang gekommen, wenn auch noch nicht überall angekommen, sagt Landrat Christoph Scheurer. Die Identitätsbildung für die Einwohner des Landkreises, der von mehreren Regionen wie dem Vogtland, dem Erzgebirge, dem Burgen- und Heideland und auch der Stadt Chemnitz etwas abbekommen hat, sei nicht unproblematisch, fügt er hinzu. So fühlen sich befragte Einwohner in Limbach-Oberfrohna beispielsweise eher Chemnitz als Zwickau zugehörig. Von der Tourismus-Kampagne „Zeitsprungland“ habe man schon einmal gehört, heißt es. Im Rathaus haben die Verantwortlichen zurzeit alle Hände voll mit der Vorbereitung des Tages der Sachsen zu tun. Die neue Landkreis-Kampagne sei indes noch nicht bekannt, heißt es auf Anfrage.

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