„Ich habe mich für Hessenkemper geschämt“

Freie Presse Leserforum vom 24. Januar 2017

Zum Beitrag „Gegen Politik, Medien und ,Mitläufer‘“ vom Samstag: Heiko Hessenkemper erläuterte zum Wahlkampfauftakt als AfD-Bundestagskandidat in Holzhau seine Ziele.

Der Jargon von Professor Hessenkemper ist populistisch-vulgär, wenn er über Asylbewerber sagt „Ich weiß nicht, aus welchen Löchern die kommen“. Und er nutzt Nazi-Vokabeln wie Umvolkung (das Wort wurde nach der Besetzung Polens 1939 und dem Beginn des Ausrottungsfeldzuges gegen Juden und Polen im Rahmen der „Germanisierung“ von den Nazis geprägt). Noch schlimmer ist, dass er keinen Hehl aus den Absichten der AfD macht, (Zitat): „Ich weiß, was passiert, wenn wir mal an der Macht sind und das Innenministerium haben: Diese Mitläufer, die müssen wir kriegen“. Genau solche Sätze und Drohungen sagte schon der Nazi Hermann Göring 1933, als er preußischer Innenminister werden wollte. Und er hat die Drohung sofort wahr gemacht, als er „an die Macht gekommen“ war. Er hat loyale Polizeibeamte entlassen, die SA zu Hilfspolizisten gemacht, Folterkeller einrichten und Nazigegner ermorden lassen. Walter Ulbricht forderte 1946 von seinen kommunistischen Führungsgenossen: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben, insbesondere das Innenministerium“.

Hessenkemper spricht die egoistische Sprache der Diktatur, egal welcher Farbe, weil er wahrscheinlich glaubt, damit die Bürger überzeugen zu können. Überzeugen davon, dass man auf einfache und brutale Weise die schwierigen Probleme der Integration von Flüchtlingen und Asylbewerbern lösen kann. Die einfachen Lösungen der AfD sind: keine Flüchtlinge mehr reinlassen, keine Unterkünfte bieten (siehe die Blockade des Flüchtlingsbusses in Clausnitz). Vielleicht kennt Hessenkemper die Geschichte der Nazi-Machtergreifung nicht, die kommunistische Diktatur in der DDR hat er nicht am eigenen Leibe gespürt – vielleicht ist er deshalb so locker mit den Parolen der Nazis und Kommunisten.

Ich frage hier öffentlich den Kreisvorsitzenden der AfD, René Kaiser, ob das die Linie der AfD zum Bundestagswahlkampf in Mittelsachsen ist? Ich bitte schon im Voraus, die AfD-Forderungen bezüglich Familienpolitik, Breitbandausbau, Energiepolitik und ähnliches nicht als Entschuldigung anzuführen. In solchen Fragen sind sich viele Bürger (auch ich) mit manchen Parteien (auch mit der AfD) einig.

Ich frage auch die Christen unter den AfD-Mitgliedern und Sympathisanten (vor allem die, mit denen ich manchmal gemeinsam im Gottesdienst bin), wie sie mit den Ansichten der AfD zu hilfsbedürftigen Flüchtlingen, zur „Machtergreifung“ und zur AfD-Parole „Deutschland zuerst“ umgehen? Mir würde es große Probleme bereiten, beides unter einen Hut zu bekommen.

Frieder Häfner, Freiberg

Zudem erreichten die Redaktion zwei offene Briefe an Professor Hessenkemper, aus denen wir hier Auszüge veröffentlichen:

Sehr geehrter Herr Professor,

Ich bin ziemlich entsetzt über die Art und Weise, wie Sie hier versuchen, Wahlkampf zu machen und schon gleich über die dabei vermittelten Inhalte. Dass Sie eine Situation „wir gegen die“ schaffen , deutet für mich darauf hin, dass nur Sie die alleinige Wahrheit haben; das hatten wir übrigens hier schon mal, dass eine Partei „immer recht“ hatte.

Die errungene Demokratie wollen wir uns nicht von Leuten wie Ihnen kaputt machen lassen. Dass Sie national zu denken vorgeben, ist Ihr gutes Recht und das eines jeden Deutschen. Dass Sie mit „Unser Deutschland zuerst“ Herrn Trump kopieren und mit einem nationalen Alleingang jegliche Bündnisfähigkeit vermissen lassen, macht mich betroffen. Der Gipfel ist jedoch, dass Sie nicht ablassen können, mit Nazi-Schlagwörtern zu agieren, der Begriff der „Umvolkung“ stammt aus jener Zeit. Ihre Drohung „wenn wir mal an der Macht sind“, zeigt nur, wie machtgeil Sie und Ihre Mitstreiter sind, um endlich auch „Polit-Prostituierte“ zu werden? (eine Wortwahl Ihrerseits, die unterste Schublade und eines gebildeten Menschen unwürdig). Bürokraten sind Ihnen ein Dorn im Auge? Professoren, die Bürger aufhetzen, statt Lösungen vorschlagen oder zumindest an Lösungen mitzuwirken bereit sind, mir noch viel mehr.

Rainer Bruha, Freiberg

Sehr geehrter Herr Hessenkemper,

lassen Sie mich feststellen, dass Deutschland ein freies Land ist, in dem jeder seine Meinung haben darf und auch öffentlich äußern kann. Dieses hohe Gut, das ein wesentlicher Grundstein für das Zusammenleben in unserem Land ist, hat es nicht verdient, von Ihnen in Frage gestellt zu werden. Wie wenig selbstverständlich dieses Recht auf freie Meinungsäußerung ist, haben die meisten Menschen – auch in Mittelsachsen – in der DDR erleben müssen.

Ich kann auch nicht erkennen, dass sich mündige Bürger von der Politik und den Medien gängeln lassen. Wer anderen einredet, sie seien unmündig, nimmt sie nicht genügend ernst. Allgemein von den Medien zu reden, ist nicht zielführend. Sie sprechen denn auch von „Mainstream-Medien“. Allen diesen zu unterstellen, sie wären dazu angetreten, um Ihre Leser, Hörer und Seher zu gängeln, ist schlicht und einfach Unsinn. In Deutschland ist Pressefreiheit garantiert, die Medien sind vom Staat unabhängig und Konkurrenten um die Gunst Ihrer Leser, Hörer und Seher. Und was die Politik und die Politiker betrifft: Hier werfen Sie alle derzeit im Bundstag vertretenen Parteien und Abgeordnete in einen Topf und verunglimpfen sie pauschal und ohne Unterscheidung als politische Klasse. Sind Politiker für Sie tatsächlich alles „Polit-Prostituierte“ – außer in Ihrer eigenen Partei und Sie selbst, versteht sich?

Bei Ihren Aussagen über Asylsuchende und Flüchtlinge werden Sie mit den Worten zitiert: „Ich weiß nicht, aus welchen Löchern die kommen“. Speziell für diesen Satz habe ich mich für Sie geschämt.

Aber Sie haben Recht: Sehr viele, die in Deutschland für sich eine neue Heimat suchen, kommen tatsächlich aus Löchern: Aus zerbombten Häusern in Syrien, aus Zelten auf der Flucht vor Mord und Terror, aus Wellblechbaracken, in denen ihre Kinder keine Zukunft und oft auch nicht genug zum Essen hatten. Ich habe erst kürzlich eine Familie mit zwei kleinen Kindern in Freiberg kennengelernt, die nur mit einem Handgepäck aus Aleppo fliehen musste und von deren Wohnung nichts mehr übrig war. Wir wissen alle, dass es in Deutschland Menschen gibt, denen es – auch finanziell – nicht sehr gut geht. Den Betroffenen zu sagen, dass das dafür notwendige Geld fehlt, weil das jetzt die Flüchtlinge bekommen, ist infam.

Prof. Klaus Husemann, Freiberg

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