Pfarrer: Bibelauslegung von AfD-Stadtrat ist falsch

erschienen in Freie Presse vom 1. Februar 2017

Geistliche aus der Freiberger Region wenden sich gegen die asylkritische Interpretation eines Zitats des Propheten Jeremia. Das Gegenteil sei vielmehr richtig, argumentieren sie.

Von Kai Kollenberg

Freiberg. Nachdem AfD-Bundestagskandidat Heiko Hessenkemper wegen seiner Äußerungen beim Wahlkampfauftakt in Holzhau im Mittelpunkt stand, rückt nun verstärkt AfD-Stadtrat Marko Winter in den Fokus der Kritik. Pfarrer der Region wenden sich entschieden gegen dessen Interpretation einer Bibelstelle, mit der Winter den Wahlkampfslogan von Heiko Hessenkemper „Unser Deutschland zuerst“ theologisch unterfüttern wollte.

Winter hatte in einem offenen Brief auf die Kritik an Hessenkemper aufgeführt: „Die Bibel empfiehlt ,Suchet der Stadt Bestes‘ (Jer, 29:7). Es ist für mich ganz klar, dass es hier um die eigene Stadt, um das eigene Land und Volk geht. Es geht nicht um das Beste für irgendwelche fremden Personen, sondern für die eigenen Bürger. Das ist die andere Seite von ,Unser Deutschland zuerst‘“.

„Sie erwecken in Ihrem offenen Brief … den Eindruck, man könne sich auf die Bibel berufen, wenn man nationalistische Positionen vertritt“, antwortet Urs Ebenauer, evangelischer Pfarrer der Freiberger Domgemeinde, an Stadtrat Winter gerichtet. „Ihr Zitat aus dem Buch des Propheten Jeremia zeigt, dass Sie irren.“ Die Bibelstelle sei ein Wort Gottes aus dem Mund des Propheten, „das sich an Juden im babylonischen Exil richtet“. „Sie sollen genau das Beste nicht für das eigene Volk, sondern für das ausländische Gemeinwesen, in dem sie leben, suchen“, erläutert Ebenauer. „Nicht die eigene Stadt und das eigene Volk stehen im Mittelpunkt des christlichen Glaubens, sondern das Vertrauen auf Gott und aus diesem heraus eine Mitmenschlichkeit, die nicht an irgendwelchen Grenzen Halt macht.“

Auch Pfarrer Samuel Weber von der evangelischen Gemeinde in Lichtenberg empfiehlt Winter ein tiefergehendes Studium der Bibel: „Besser wäre es natürlich gewesen, die Bibel zur Hand zu nehmen und das Umfeld dieser vier Wörter zu lesen. Denn die Worte des Propheten Jeremia taugen nicht als Begründung für Ihre letztlich rassistische Weltsicht, denn nichts anderes ist ,Unser Deutschland zuerst‘ und alles andere ist fremd und interessiert mich nicht.“ Weber verweist wie Ebenauer darauf, dass der Prophet Jeremia Kriegsflüchtlingen empfehle, sich zu integrieren, ohne den eigenen Glauben aufzugeben: „Der Prophet aus dem Alten Testament entwickelt also ein Konzept für eine positive Integration von Ausländern in ihre neue Heimat. Was für eine wunderbare Vision.“

Der evangelische Superintendent aus Freiberg, Christoph Noth, legt die besagte Bibelstelle ähnlich aus. Er nimmt aber ebenso eine andere Bibelstelle ins Visier, die Marko Winter zitiert hatte. Winter schrieb: „Bereits der Apostel Paulus prägte den Satz: ,Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen‘ (2. Thes. 3, 10). Was würde er wohl zu den mehrheitlich jungen Männern sagen, welche gezielt nach Deutschland kommen, weil es hier relativ viel Geld gibt, und welche dabei die Schutzbedürftigsten, ihre Eltern, Frauen und Schwestern, zurücklassen?“

Noth stößt sich an der Interpretation dieser Bibelstelle durch den AfD-Stadtrat: „Mir sind eine Reihe von denen bekannt, die hier Zuflucht gesucht haben und arbeiten wollen, aber genau dies nicht dürfen. Es ist wenige Wochen her, dass ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie glücklich ein aus dem Iran stammender Familienvater ist, der eine – gewiss vorerst bescheidene – Arbeit gefunden hat.“ Dass es daneben auch andere gebe, wolle er gar nicht in Abrede stellen: „Mich stört vor allem die Einseitigkeit dieses Zitates.“

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