Die politisierte Universität

erschienen in Freie Presse vom 2. Februar 2017

Äußerungen von Heiko Hessenkemper schlagen an der TU Bergakademie in Freiberg Wellen. Mehrere seiner Kollegen widersprechen ihm öffentlich. Hat das Einfluss auf den Hochschulalltag?

Von Kai Kollenberg

Freiberg – Der Brief ist mehr als deutlich formuliert – und dürfte in der Geschichte der TU Bergakademie Freiberg ein fast einmaliger Vorgang sein. 15 Professoren und eine Professorin beziehen mit dem Schreiben, das die „Freie Presse“ erhalten hat, Position gegen einen ihrer Universitätskollegen: Professor Heiko Hessenkemper.

Hessenkemper steht seit knapp zwei Wochen im Fokus einer Diskussion in und um Freiberg. Der AfD-Bundestagskandidat für die Region Freiberg, Flöha, Mittweida hatte bei seinem Wahlkampfauftakt in Holzhau mit Aussagen Befremden hervorgerufen. Mit Blick auf die 280.000 Personen, die trotz geschlossener Balkanroute 2016 Asyl in Deutschland beantragten, hatte er beispielsweise formuliert: „Ich weiß nicht, aus welchen Löchern die kommen.“ Polizisten, die einen Anstieg der Kriminalitätsrate durch Ausländer negieren, prognostizierte er: „Ich weiß, was passiert, wenn wir mal an der Macht sind und das Innenministerium haben: Diese Mitläufer, die müssen wir kriegen.“

An der Universität wurde das durchaus registriert: Den 16 Hochschullehrern war es ein Bedürfnis, Hessenkemper öffentlich zu widersprechen. „Abstoßend“ nennen die Unterzeichner Hessenkempers Sätze. Sie konstatieren, dass durch dessen Rede „offensichtlich systematisch Hass gesät“ werden sollte, weil er Flüchtlinge gegen andere Bevölkerungsgruppen ausspiele. Der Text schließt mit dem Satz: „Wir würden uns freuen, wenn in der politischen Diskussion künftig darauf verzichtet würde, Nazi-Vokabular gezielt zu benutzen, Hass zu predigen, Flüchtlinge generell abzulehnen und die Medien in übler Weise zu verunglimpfen.“

„Wir stehen für differenziertes Denken und differenziertes Argumentieren.“

Klaus-Dieter Barbknecht Rektor

Hessenkemper selbst hat bereits auf die Initiative reagiert: „Das Vorgehen meiner Kollegen ist intellektuell peinlich“, sagt er auf Anfrage der „Freien Presse“. „Da wird aufgrund von einzelnen Zitaten und Wortfetzen in der Zeitung geurteilt, ohne das Gespräch mit mir zu suchen beziehungsweise die Gesamtinformation des Vortrags zu haben.“ Mittelmäßiges intellektuelles Verhalten sei dies, so der Großschirmaer weiter: „Über Sachthemen wollen diese Leute gar nicht diskutieren. Stattdessen spielen sie sich als Wortpolizei auf.“

Doch der Professoren-Protest in Briefform ist nicht nur wegen seiner Klarheit ein Unikum. Die TU Bergakademie gilt in der Stadt nicht gerade als politischer Raum. Das passt zum eigenen Verständnis als Technische Hochschule, die eher an pragmatischen Sachlösungen interessiert ist. Aber selbst unter den Lehrenden gibt es das eine oder andere kritische Wort über den unpolitischen Nachwuchs. Die Studenten geben mitunter Flüchtlingen Sprachunterricht oder engagieren sich auf anderem Weg für Asylbewerber. Nach außen beziehen sie aber kaum Position.

Jetzt haben explizit Professoren zur Feder gegriffen. Ein Sprecher des Studentenrates sagt vier Tage nach einer Anfrage der „Freien Presse“ zur Kritik von Hochschulvertretern an Heiko Hessenkemper, dass er sich so kurzfristig und außerhalb der Beschlusslage nicht äußern könne. Auch stehe dieses Thema nicht mit dem hochschulpolitischen Mandat des Studentenrates in Verbindung.

Weil die Studenten bisher schweigen, lässt sich schwer vorhersagen, wie der AfD-Wahlkampf und die Reaktionen darauf das Klima an der TU Bergakademie in den kommenden Monaten beeinflussen könnten. Die Universität pocht gleichwohl auf ihre Neutralität. Rektor Klaus-Dieter Barbknecht betont aktuell: „Es gibt keine Politisierung, die die Arbeit der Hochschule beeinträchtigt.“

Denn die Vorgaben für die Professoren sind in dieser Hinsicht klar, wie die TU Bergakademie betont: Im Rahmen ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit dürfen sich Professoren nicht zu partei- und tagespolitischen Fragen äußern. Auch bei parteipolitischen Veranstaltungen oder Demonstrationen darf nicht das Bergakademie-Signet verwendet oder ein Bezug zur Hochschule hergestellt werden. Allenfalls dem Studentenrat ist dies erlaubt, wenn er in hochschulpolitischen Fragen Position bezieht. Auch die Infrastruktur der Universität dürfe nicht politisch genutzt werden.

Die AfD will darauf ein Auge haben: Man werde rechtliche Schritte ergreifen, wenn die Hochschule ihre politische Neutralität verlässt, kündigt Heiko Hessenkemper an. Er selbst hat sich in dieser Hinsicht bisher, so heißt es an der Universität, nichts zuschulden kommen lassen. Rektor Klaus-Dieter Barbknecht kommentiert auch dessen Äußerungen in Holzhau nicht, obwohl er sich in den knapp anderthalb Jahren seiner Amtszeit immer um die Integration bemüht hat. Allgemein stellt Barbknecht aber klar, wie er die Bergakademie sieht: „Wir stehen für differenziertes Denken und für differenziertes Argumentieren. Und wenn man diese Basis verlässt, spricht das für sich selbst.“

Der Brief der 16 Bergakademie-Professoren ist in ganzer Länge im Internet zu lesen.

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