Tafel-Streit um Thälmannkopf

erschienen in Freie Presse vom 19. April 2017

Eine Idee sorgt für Aufregung: Die Linken wollen das Freiberger Denkmal des 1944 ermordeten und in der DDR verherrlichten KPD-Chefs ergänzen. Das Rathaus enthält sich einer politischen Bewertung.

Von Frank Hommel

Freiberg. Rechtsanwalt Jörg Woidniok führt die CDU-Fraktion im Kreistag Mittelsachsen. Auch als Leiter des Amts für Betriebswirtschaft, Recht und Stadtrat in der Freiberger Stadtverwaltung steht er in der Öffentlichkeit. Diesen Brief aber möchte Woidniok als Ausdruck seiner persönlichen Meinung verstanden wissen. Er wolle sich, schreibt er an die „Freie Presse“, als „Privatperson“ zu einer Nachricht äußern, die er zunächst für einen „Aprilscherz“ gehalten habe. Da dem nicht so sei, hoffe er nun, dass sich genug Freiberger Bürger finden, „die diesem absurden Plan“ entgegentreten und die „makabere Ergänzung“ des „an sich schon überflüssigen“ Denkmals verhindern.

Es geht um die Idee der Freiberger Linken, das Ernst-Thälmann-Denkmal am Meißner Ring nahe der Altstadt um eine Gedenktafel zu erweitern. So solle „Thälmanns Stellenwert als aufrechter Antifaschist im Kampf gegen Hitler und seinen Faschismus“ herausgestellt werden, hatte Reik Kneisel vom Ortsverband der Partei die Idee begründet. Woidniok sieht das anders. Der 1944 in Buchenwald auf Befehl Hitlers ermordete Thälmann sei nicht in erster Linie Antifaschist, sondern Stalinist und Antidemokrat gewesen. Er verweist darauf, dass Thälmann die Weimarer Republik – „die erste deutsche Demokratie“ – massiv bekämpft habe, notfalls auch mal zusammen mit den Nazis. Das Denkmal selbst könne seiner Meinung nach stehen bleiben, so Woidniok im Gespräch mit der „Freien Presse“. Es erinnere ja auch an die Geschichte der DDR. Dort wurde Thälmann zum verniedlichend „Teddy“ genannten Helden stilisiert. Aber eine heutige Würdigung ginge entschieden zu weit. Woidniok: „Den Protagonisten des Ortsverbandes, die hinter diesem Ansinnen stehen, fehlen offensichtlich grundlegende historische Kenntnisse zur Rolle und Person der KPD-Frontfigur.“

Diese Kritik weist Kneisel zurück: „Uns ist bewusst, dass Thälmann Stalinist war. Dazu gibt es ja auch aus unserer Partei Kritik, die Linken sind eine demokratisch-sozialistische Partei. Dennoch wollen wir mit einer Informations-Tafel eines klarstellen: Wenn wir die Demokratie erhalten wollen, dann müssen wir für politische Bildung sorgen. Das können wir nur, wenn wir Menschen die Möglichkeit geben, sich unter anderem auch mit Hilfe einer solchen Tafel an einem Denkmal zu bilden.“

Es ginge um Kritik am Hitler-Regime mit seiner Tötungsmaschinerie sowie an Thälmanns Hinwendung zum Stalinismus gleichermaßen. Kneisel: „Im Grunde ist es im Jahre 2017 aber wieder enorm wichtig, den Antifaschismus zu betonen, denn er wird heute mehr denn je gebraucht.“

Das fragliche Denkmal, 1974 eingeweiht, besteht aus einem Sockel aus Rochlitzer Porphyr und einem Bronzekopf, geschaffen vom Freiberger Künstler Gottfried Kohl. An Thälmanns Geburtstag, dem 16. April, haben die Linken wie in jedem Jahr Blumen abgelegt. Da gibt es keine Ausnahme, auch nicht, wenn der 16. April auf Ostersonntag fällt. Eigentlich wollten die Linken an dem Tag die Tafel anbringen. Aber dieser Plan scheiterte, weil Rathaus und Partei-Ortsverband nicht rechtzeitig über alle Details einig wurden. „Die denkmalrechtliche Erlaubnis wurde erteilt“, so Baubürgermeister Holger Reuter (CDU). Aber noch nicht die Eigentümer-Erlaubnis der Stadt.

Politische Bewertungen des Denkmals spielen bei der Bearbeitung des Antrags der Linken im Rathaus keine Rolle, versichert Bürgermeister Reuter. Ergänzende biografische Hinweise unter den Namensschriftzug seien denkbar. Aber wertende Elemente und der Hinweis auf das Sponsoring der Partei müssten aus dem Entwurf entfernt werden. Außerdem spricht sich die Verwaltung dafür aus, die Tafel am Denkmal direkt anzubringen. In diesem Fall müssten die Linken eine neue, etwas kleinere Tafel anfertigen lassen. Die brauche die Partei nur bei der Stadt abzugeben, dann werde sie umgehend angebracht, so Reuter. Die Linken aber bevorzugen eine Stele neben dem Denkmal, um den Porphyr nicht langfristig zu beschädigen. Über diese Frage will Kneisel nun noch einmal das Gespräch mit der Denkmalschutzbehörde im Rathaus suchen.

Thälmann: Ittershagen will Debatte im Stadtrat

erschienen in Freie Presse vom 22. April 2017

Landtagsabgeordneter hält Würdigung am Denkmal für unangemessen

Von Kai Kollenberg

Freiberg. In der aktuellen Frage nach einer möglichen Aufwertung der Freiberger Büste von Ernst Thälmann hat nun auch der Landtagsabgeordnete und Stadtrat Steve Johannes Ittershagen (CDU) Position bezogen. Er fordert, dass sich der Stadtrat mit der Angelegenheit beschäftigt. „Das Prozedere über das Anbringen einer Gedenktafel an das vorhandene Denkmal verwundert mich schon sehr“, teilte Ittershagen mit. „Dies hat eine politische Dimension und muss sowohl im Bauausschuss als auch im Stadtrat öffentlich diskutiert werden.“ Es gehe hier um das Ansehen der Stadt als international anerkannten Wissenschafts- und Forschungsstandort. „Die Ehrung eines Kommunisten und Stalinisten – auch wenn sein persönliches Schicksal tragisch war – ist in der heutigen Demokratie unangemessen.“

Die Debatte um Ernst Thälmann und seine historische Rolle hatte sich an der Initiative der Freiberger Linken entzündet, das Ernst-Thälmann-Denkmal am Meißner Ring um eine Gedenkstele zu erweitern. Auf ihr soll nach dem Willen der Partei „Thälmanns Stellenwert als aufrechter Antifaschist im Kampf gegen Hitler und seinen Faschismus“ herausgestellt werden.

Die Stadtverwaltung hält es generell für möglich, eine Ergänzung am Denkmal anzubringen. Allerdings soll sie nur biografische Details enthalten. Aber wertende Elemente und der Hinweis auf das Sponsoring der Partei müssten aus dem Entwurf entfernt werden, sagte Baubürgermeister Holger Reuter (CDU). Die Linke will darüber noch einmal die Gespräch mit der Stadtverwaltung suchen. Auch über den Punkt, dass die Verwaltung statt einer Stele eine Tafel am Denkmal vorschlägt, will die Partei dabei beraten.

Vor Ittershagen hatte sich der Chef der CDU-Kreistagsfraktion, Jörg Woidniok, kritisch zu den Plänen der Linken geäußert. Thälmann sei nicht in erster Linie Antifaschist, sondern Stalinist und Antidemokrat gewesen, so Woidniok. Er verwies darauf, dass Thälmann die Weimarer Republik massiv bekämpft habe, notfalls auch mal zusammen mit den Nazis. Auch Ittershagen betont nun abermals, dass Thälmann nicht den aufziehenden Nationalsozialismus als den Hauptgegner identifizierte, sondern die deutsche Sozialdemokratie als den Feind betrachtete.

Thälmann-Büste: CDU will Debatte

erschienen in Freie Presse am 16. Mai 2017

Im Juli könnte der Stadtrat über eine Ergänzung des Denkmals diskutieren. Vielleicht nimmt die Linke aber generell Abstand von ihrer Idee.

Freiberg. Der Freiberger Stadtrat wird über die geplante Würdigung am Ernst-Thälmann-Denkmal diskutieren. Die CDU-Fraktionsführung hat einen Antrag eingereicht. Die Debatte ist voraussichtlich für den Juli-Stadtrat geplant. Stadtrat Steve Ittershagen soll dann die Position der Fraktion vortragen.

Die Aufwertung des bestehenden Denkmals von Ernst Thälmann am Meißner Ring gehe über formal-baurechtliche beziehungsweise denkmalpflegerische Aspekte hinaus, heißt es im Antrag, der „Freie Presse“ vorliegt. Das Ansinnen habe eine „politische Dimension und muss daher sowohl im Bau- und Betriebsausschuss als auch im Stadtrat öffentlich diskutiert werden. Es geht hier um das Ansehen der Stadt als international anerkannter Wissenschafts- und Forschungsstandort“, argumentiert die CDU.

Die Debatte über die historische Rolle von Ernst Thälmann war durch den Plan der Linken angestoßen worden, eine Plakette am Denkmal anzubringen. Die Tafel sollte der politischen Bildung dienen und Thälmanns Stellenwert als Antifaschisten im Kampf gegen Hitler und seinen Faschismus klarstellen, hatte die Linke Anfang April öffentlich gemacht. Daraufhin hatte es Protest vor allem aus der CDU gegeben. Der Vorsitzende der Kreistagsfraktion, Jörg Woidniok, bezeichnete die Plakette als „makabre Ergänzung“. Er erinnerte öffentlich daran, dass der KPD-Vorsitzende Thälmann die Weimarer Republik – die erste deutsche Demokratie – bekämpft habe.

Politische Bewertungen des Denkmals spielen bei der Bearbeitung des Antrags keine Rolle, sagte Baubürgermeister Holger Reuter (CDU). Dennoch hatte das Rathaus Auflagen für die Linken. Ergänzende biografische Hinweise unter den Namensschriftzug seien denkbar, hieß es. Aber wertende Elemente und der Hinweis auf das Sponsoring der Partei müssten aus dem Entwurf entfernt werden. Außerdem spricht sich die Verwaltung dafür aus, die Tafel am Denkmal direkt anzubringen, statt eine Stele in der Nähe aufzustellen.

Daran könnte das Projekt jetzt scheitern. Denn die Linke will an einer Stele festhalten. Falls die Verwaltung bei ihrer Variante bleibe, dass die Tafel direkt am Denkmal angebracht werden muss, „dann halten wir uns zurück“, sagte Reik Kneisel, Sprecher für Kultur des Linken-Ortsvorstandes. (kok)

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