Das vergessene KZ Sachsenburg

erschienen in Freie Presse vom 9. September 2017

Es galt als die „Vorhölle von Buchenwald“, aber kaum einer erinnert sich noch an das Konzentrationslager der Nazis in Frankenberg. Eine Gruppe Unverdrossener kämpft für eine Gedenkstätte.

Von Martin Kloth

Frankenberg – Der letzte Transport verließ Sachsenburg an einem Donnerstag. Am 9. September 1937 wurden 13 Männer verlegt – ins KZ Buchenwald. Mit dieser Fahrt endeten vor 80 Jahren endgültig die Inhaftierungen im KZ Sachsenburg. Offiziell war das Lager schon zwei Monate zuvor geschlossen worden – nach gut vier Jahren. Heute sind fast alle Schreckensspuren des Nazi-Terrors ausgelöscht oder liegen im Verborgenen, unsichtbar für die Öffentlichkeit. Lediglich ein Mahnmal von 1968 und ein Gedenkstein erinnern an die mehreren tausend Gefangenen und die etwa 20 Toten.

Bevor Gisela Heiden das Gelände des früheren Lagers betritt, geht sie jedes Mal an ihrem Opa vorbei. In den Fensterscheiben eines kleinen Hauses mit der Aufschrift „Imbiss“ hängt neben anderen Porträts in schwarz-weiß auch ein Foto ihres Großvaters Hans Riedel. Die 62-Jährige ist mit ihrem Mann vor sieben Jahren aus dem Erzgebirge nach Frankenberg gezogen. „Ich bin dann auf die Suche gegangen – wegen Opa“, sagt die Krankenschwester.

Was sie und ihre gut ein Dutzend Mitstreiter von der Lagerarbeitsgemeinschaft (LAG) sowie die kleine Gruppe der „Initiative Klick“ um Anna Schüller entdeckt und zusammengetragen haben, ist erschütternd. Sachsenburg war unter den sogenannten frühen KZ der Nationalsozialisten in Sachsen das, welches am längsten existiert hat. Jüngsten Erkenntnissen zufolge wurden dort mehr als 7000 Männer geknechtet, gequält und manche von ihnen auch getötet. Bislang war immer von 2000 Gefangenen die Rede. Zweifelsfrei belegt ist, dass unter ihnen der Schriftsteller und spätere Buchenwald-Häftling Bruno Apitz („Nackt unter Wölfen“) sowie der Dramaturg und Verleger Walter Janka („Schwierigkeiten mit der Wahrheit“) waren.

Recherchen belegen, dass das KZ Sachsenburg das Experimentierfeld für Buchenwald war. Foltermethoden wurden erfunden und ausprobiert, die SS-Wachen geschult, ausgebildet und für spätere Gräueltaten abgehärtet. So waren im April 1936 fast 500 Aufseher gleichzeitig dort. Nach Einschätzung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten hat Sachsenburg so damals reichsweite Bedeutung erlangt. „Das KZ Sachsenburg war das bedeutendste KZ in der Frühphase der nationalsozialistischen Diktatur“, heißt es von Seiten der Stiftung. Bezeichnend: Der einstige Kommandant Karl Otto Koch (1897-1945) war anschließend auch Kommandant in Sachsenhausen und Buchenwald. Wach- und Führungspersonal aus Sachsenburg habe seine Karriere in Konzentrationslagern wie Dachau, Buchenwald oder Majdanek fortgesetzt. „Die Entstehung einer Gedenkstätte am Ort des früheren KZ Sachsenburg ist somit von überregionaler, ja europäischer Bedeutung“, sagt Stiftungsleiter Siegfried Reiprich.

Eine öffentlich zugängliche Erinnerung daran aber gibt es nicht. „Die Vorhölle von Buchenwald“, wie die Tageszeitung „Neues Deutschland“ einmal schrieb, fristet ein jämmerliches Dasein. Der frühere Steinbruch ist zugewachsen. Das Gebäude der damaligen Kommandantur mit den Einzelhaftzellen hat keinen Strom. Handschriften an den Wänden verblassen und sind nur noch schwer im Schein von Taschenlampen zu lesen. Die Inschrift „Erbaut von den Inhaftierten Sachsenburg 1933“ auf einer Steinplatte an einem nahen Parkplatz ist halb zerstört und von Wildwuchs verdeckt. „Ich gebe der Schrift noch zwei Jahre, dann ist sie weg“, sagt Anna Schüller. Zwar steht das Gesamtensemble unter Denkmalschutz. Dennoch hat die Stadt Frankenberg, zu der Sachsenburg als Ortsteil gehört, 2015 den Abriss beschlossen. Allerdings lenkt die Kommune inzwischen ein. Der historische Ort solle dennoch bewahrt werden, heißt es. Immerhin hatte sich die Stiftung Sächsische Gedenkstätten der Stadt zufolge finanziell an der baulichen Notsicherung und an der Beauftragung eines Planungsbüros zur Kostenermittlung beteiligt. In den nächsten Monaten soll der Entwurf einer Gedenkstättenkonzeption bearbeitet werden. Anschließend wolle sich die Stadt mit der Stiftung über den Plan für einen Pfad der Erinnerung im Außengelände und den Umgang mit der einstigen Kommandantenvilla abstimmen.

Die Stiftung hat nach eigenem Bekunden die Stadt Frankenberg gebeten, den Abriss zu überdenken, einen eventuellen Teilerhalt zu prüfen oder ersatzweise in Betracht zu ziehen, wie das Gebäude markiert und seine einstige Funktion dargestellt werden kann. „Ich freue mich, dass die Stadt Frankenberg ein Einlenken beim Abriss der früheren Kommandantenvilla signalisiert hat und dieser historisch authentische Bau nun in geeigneter Weise für Ausstellungs- und Dokumentationszwecke erhalten werden soll“, sagt Reiprich nun.

Anna Schüller kämpft seit ihrer Abiturzeit gegen das Vergessen. Die 26 Jahre alte Lehrerin für Kunst und Geschichte hat nicht nur ihre Abschlussarbeit über die Wachmannschaften in Sachsenburg geschrieben. Sie hat auch ein Konzept für eine Gedenkstätte erstellt – in ihrer Freizeit und unentgeltlich. Danach könnten in der Villa Seminarräume eingerichtet werden. Gegenüber der zerbröckelnden Steinplatte hat die Chemnitzerin eine Stele mit Dokumentation vor Augen.

Inzwischen haben auch Parteien das Thema für sich entdeckt. Die Linke hat im Landtag einen Antrag eingebracht, den Gedenkort KZ Sachsenburg zu erhalten und auszubauen. Die Grünen fordern von der Stiftung ein klares Förderkonzept. Die politischen Bekenntnisse findet Anna Schüller gut, jedoch ist über die Jahre auch ihre Skepsis gegenüber den Bekundungen gewachsen. Und Gisela Heiden betont: „Wir brauchen eine Gedenkstätte. Das darf man nicht vergessen.“ (dpa)

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