Mit Prominenz und „Negerküssen“

erschienen in Freie Presse vom 26. September 2017

In 24 sächsischen Orten holte die AfD über 40 Prozent – Ganz oben: Dorfchemnitz

Von Oliver Hach

Dorfchemnitz – Mike Moncsek ist ein Mann, an dem man kaum vorbeikommt. Mit seinen 100 Kilogramm Körpergewicht überwältigte er schon einen Einbrecher in Freiberg. Mit Kabelbindern setzte er den jungen Georgier außer Gefecht. Moncsek ist Wahlkampfmanager der AfD in Mittelsachsen. Und auch in dieser Funktion packte er schon zu. Sein Team, so berichtete der 52-Jährige vor wenigen Wochen im vollen Gemeindesaal in Dorfchemnitz, traf in Freiberg auf Jugendliche, die ein AfD-Wahlplakat heruntergerissen hatten. Wieder hielt Moncsek die Täter fest, bis die Polizei übernahm. Die AfD – eine Partei der Tat.

Dorfchemnitz in Mittelsachsen am 6. September 2017. Frauke Petry ist angekündigt, Moncsek holt einen Journalisten des öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehens ans Mikrofon, der eigentlich berichten will, und lässt ihn die direkte Demokratie loben. Viel Show – und Heidelind Strauß sitzt im Publikum. Noch zwei Jahre zuvor war sie ehrenamtliche CDU-Bürgermeisterin der 1500-Seelen-Gemeinde. Nun ist sie da, um sich über die AfD zu informieren. „Es war provozierend – das, was die Leute hören wollten“, fasst sie später den Abend zusammen. Am Ausgang werden „Negerküsse“ verteilt – eine Spitze gegen die „Verunglimpfung der deutschen Sprache“. Aber Frau Petry, die zwischendurch ihr Kind stillte, sei sehr sachlich aufgetreten. „Das war völlig in Ordnung.“

Am 24. September 2017 bekommt die AfD in Dorfchemnitz 47,4 Prozent der Zweitstimmen. Das ist bundesdeutscher Rekord.

„Ich kann nicht begreifen, warum ich mich für unsere deutsche Vergangenheit entschuldigen muss.“

Sachsen ist das einzige Bundesland, in dem die Alternative für Deutschland bei der Bundestagswahl stärkste Partei wurde. „Für die AfD Sachsen war das gestern der schönste Tag in der Geschichte“, sagt Parteisprecher Thomas Hartung am Tag nach der Wahl auf einer Pressekonferenz in Dresden.

An der Technischen Universität Dresden versucht Politikwissenschaftler Hans Vorländer das Ergebnis mit der CDU zu erklären, die in Sachsen seit der Wende regiert. Nun werde offenkundig, „dass die Menschen sich nicht mehr mit der CDU Sachsen identifizieren“. Die Wähler hätten ihr „eine schallende Ohrfeige verpasst, indem sie der AfD als Partei des Protests, der Empörung und der Wut ihre Stimme gegeben haben“.

In drei sächsischen Wahlkreisen errang die AfD die Direktmandate, in 24 Gemeinden holte sie über 40 Prozent der Zweitstimmen. Darunter sind Orte wie Struppen, Stadt Wehlen und Hohnstein in der Sächsischen Schweiz – schon zu Spitzenzeiten der NPD Heimat radikaler Wähler. Aber auch Rechenberg-Bienenmühle mit dem Ortsteil Clausnitz, wo im Februar 2016 Demonstranten einen Flüchtlingsbus blockierten und ein AfD-Mitglied als Leiter der Asylunterkunft abgesetzt wurde. Doch warum dieses Ergebnis in Dorfchemnitz?

Für Heidelind Strauß war es der Wahlkampfauftritt. Über Petry habe anschließend der ganze Ort gesprochen, sagt sie. Mike Moncsek sieht das ähnlich: „Wo wir aufgetreten sind, waren wir besonders erfolgreich.“ So habe man aus Kapazitätsgründen den Raum Döbeln nicht erreicht und dort schlechter abgeschnitten. Und: „Altersheime durften wir nicht besuchen.“

Für den AfD-Wahlkämpfer ist es eine Genugtuung, dass man ausgerechnet in Dorfchemnitz die CDU so klar besiegte – „in der Wohnstube von Veronika Bellmann“. Die mittelsächsische CDU-Bundestagsabgeordnete hatte in der Gemeinde früher ihre stärksten Ergebnisse eingefahren. Diesmal unterlag sie dort deutlich und verteidigte ihr Direktmandat im Wahlkreis nur knapp gegen AfD-Mann Heiko Hessenkemper, der es auf der Landesliste in den Bundestag schaffte.

Das Beispiel Mittelsachsen zeigt: Die AfD baute langfristig Strukturen auf. Schon ab Herbst 2016 organisierte die Partei dort im Wochentakt Informationsveranstaltungen. „Intern begann der Wahlkampf schon im November“, sagt Jörg Bretschneider aus Reinsberg, der am AfD-Programm im Bereich Familienpolitik mitschrieb. Ab Ende Juni kamen dann allein in Mittelsachsen 100 Wahlkampfveranstaltungen hinzu. Die Strategie lautete: „Wir füllen Säle.“

Thomas Schurig (Freie Wähler) ist Bürgermeister in Dorfchemnitz. Er sagt: „Bei uns gibt es keine Rechten.“ Und: „Die Leute hier haben keine privaten Probleme.“ Aber die Gemeinde könne wegen Geldmangels keine Nebenstraßen sanieren, die Schule sei weg, „und von der CDU gibt es keine Unterstützung“. Auch im Wahlkampf sei von denen keiner da gewesen. „Dafür haben sie die Quittung bekommen.“

Seine Amtsvorgängerin gehörte zu den vielen Dorfchemnitzern, die Konsequenzen zogen: Heidelind Strauß wählte diesmal AfD. Die 62-Jährige sagt: „Wir haben schon viel Identität verloren.“ Und: „Ich kann nicht begreifen, warum ich mich für unsere deutsche Vergangenheit entschuldigen muss.“

Heidelind Strauß berichtet, sie habe nach ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin, als die Aufwandsentschädigung wegfiel, erst mal zum Arbeitsamt gehen müssen. In fast 30 Jahren sei es nicht gelungen, ein einheitliches Deutschland zu schaffen, etwa bei den Löhnen. Sie fragt: „Warum brauchen wir Zweit- und Drittjobs, um überleben zu können?“ Sie lehne es ab, „dass man die AfD auf diese braune Schiene schiebt“. Dann redet sie wieder über die Ausländer, die in Geschäften in Freiberg stehlen und Frauen vergewaltigen würden. Man könne Mentalitäten von Menschen nicht ändern – „wenn man sieht, dass eine Frau in muslimischen Ländern weniger wert ist als eine Ziege“.

Von der gestrigen Ankündigung Frauke Petrys, die AfD-Fraktion im Bundestag zu verlassen, fühlt sich Heidelind Strauß indes „verarscht“. Für Bürgermeister Schurig verkörpert Petry die gemäßigte AfD. Wäre Petrys Entscheidung schon früher bekannt geworden, „hätten der Partei hier wohl viele nicht ihre Stimme gegeben.“ (mit dpa/ros)

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