Ist dieses Graffiti rassistisch?

erschienen in Freie Presse vom 9. November 2017

Ostdeutsche macht oft unzufrieden, wie ihre Heimat in Medien dargestellt wird. Ein Magazin von Jungjournalisten wollte ein umfassendes Bild vom Erzgebirge zeichnen, sich nicht nur mit Rechtsradikalismus befassen. Aber auch.

Von Thomas Liersch

Aue/Schwarzenberg. Vor mehr als einem Jahr entbrannte in der Region eine Debatte. Der Journalist Raphael Thelen hatte in der „Zeit“ und der „Freien Presse“ erklärt, er sei erschrocken, wie allgegenwärtig fremdenfeindliches Gedankengut in Aue und der Region sind. Die Kritik der Stadt Aue und nicht weniger Bürger lautete damals, er habe ein Zerrbild der Region gezeichnet. Thelen stellte sich einem Diskussionsforum und erklärte, sich in seiner Recherche schließlich auch auf Rechtsradikalismus konzentriert zu haben. Sicherlich gebe es im Erzgebirge noch viel zu entdecken, um ein umfassenderes Bild der Region zu zeichnen.

An dieser Stelle hat die Reportageschule Reutlingen angeknüpft, deren Ausbildung auch Thelen absolviert hatte. Im Vorwort eines nun erschienen Abschluss-Magazins der Reportageschule schreibt deren Leiter Philipp Maußhardt, man habe die Einladung angenommen und mit elf Reportern wochenlang im Erzgebirge recherchiert. Das Magazin trägt den Titel „ERZwärts“. Maußhardt zufolge werde es an Redaktionen in ganz Deutschland verteilt. Er betont: „Wir haben uns nicht nur mit Fremdenfeindlichkeit beschäftigt, aber sind auch nicht ganz daran vorbeigekommen.“ Vor allem eine Absolventin nicht, die sich mit dem Thema Ausgrenzung beschäftigt habe und mit einem ihres Erachtens rassistischem Graffiti.

Tatsächlich beschäftigen sich die Texte des Magazins mit vielen verschiedenen Themen: Da wird versucht, das Phänomen Kumpelverein FC Erzgebirge Aue zu erklären. Es geht um Langzeitarbeitslosigkeit, um die Band „De Randfichten“, um Leute, die in ihrer Freizeit verbotenerweise Bergwerke befahren. Sogar in Afrika wurde recherchiert – für einen Beitrag über dort beliebte Damast-Gewänder, die von Curt Bauer in Aue produziert werden. Ein Artikel befasst sich mit dem Kampf gegen Wölfe, Crystal Meth und stinkenden Nebel. Ein anderer porträtiert durchaus liebevoll die Bewohner von Plattenbauten im Auer Stadtteil Eichert; Autorin Julia Jürgens hatte sich für die Recherche dort eine Gästewohnung genommen und schreibt am Schluss, sie wäre gern noch geblieben.

Zu einem ganz anderen Fazit kommt Autorin Dunja Smaoui in ihrem Text: „In meinem bisherigen Leben habe ich mich nie als Ausländerin gefühlt. In Aue jeden Tag.“ Sie beginnt den Beitrag „Aue und die anderen“ mit einer persönlichen Erklärung. Sie habe eine deutsche Mutter und einen tunesischen Vater. Wegen ihres dunklen Teints erlebe sie in Deutschland Ausgrenzung, solange sie denken könne. Dann schreibt sie über vier Menschen, die an den Rand gedrängt seien: über Jens Ullrich, den homosexuellen Bezirksjugendwart der evangelischen Gemeinde in Aue, der sich von einzelnen Kirchgemeinden ausgegrenzt fühlt. Über Thomas Witte, Vorsitzender des Vereins Heimattreue Niederdorf, der sich selbst nicht als Rassist sieht – inzwischen ist er vom Landesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft worden. Über den afghanischen Flüchtling Abdul Shaikhi, der in der Fußball-Mannschaft von Blau-Weiß-Schwarzenberg heute beliebt ist, aber von Außenstehenden immer noch beschimpft werde. Und: Smaoui schreibt über sich selbst, und was sie in Aue erlebt hat. Ihr fiel ein Graffiti in der Wehrstraße in Aue auf. Es ist an der Rückwand von Auto Licht Aue aufgesprüht worden, einer KFZ-Werkstatt mit Gebrauchtwagenhandel. Zu sehen ist eine offenbar kannibalistische Szene unter schwarzen Figuren. Smaoui fragt sich, warum sich niemand an dem Graffiti stört und stellt OB Heinrich Kohl (CDU) und Pressesprecherin Jana Hecker dazu Fragen. Die Autorin fühlt sich dabei von den beiden nicht ernstgenommen. Außerdem sei sie in der Stadt „bohrend beäugt“ worden, am Bahnhof sei sie sogar von Männern mit Kronkorken beworfen worden.

OB Kohl sagt: „Wir haben die Journalistin und ihre Fragen zum Graffiti ernst genommen.“ Das Bild sei zuvor im Rathaus nicht bekannt gewesen. Stadtsprecherin Jana Hecker sagt, an dem Magazin missfalle ihr, dass es sich thematisch auch wieder an zu vielen Klischees über Ostdeutschland abarbeite – sie meint die Plattenbauten, Arbeitslose und den Rassismus. Bei der Graffiti-Autorin habe sie eine gewisse Voreingenommenheit bemerkt.

Das Graffiti ist schon seit vielen Jahren an der genannten Stelle. Der Gründer von Auto Licht Aue, Dieter Reuter (70) erinnert sich, dass es einfach mal aufgesprüht worden ist, es sei im Gegensatz zu den daneben befindlichen Graffitis nicht im Auftrag der Firma angebracht worden. Demnächst solle es ohnehin im Rahmen einer Sanierung verschwinden. „Ich finde das Graffiti eine Schweinerei“, sagt Reuter. Rassismus könne er darin aber nicht erkennen.

Die Autorin Smaoui war für Fragen bisher nicht erreichbar.

50 Exemplare des Magazins „ERZwärts“ können ab Montag kostenlos in der Redaktion in Aue abgeholt werden. Die Texte gibt´s auch unter www.freiepresse.de/erzwaerts.

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