Klare Kante

erschienen in F.A.Z. vom 3. Februar 2018

Im Porträt: Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger

von Stefan Locke

Dass Vernunft und Sachlichkeit Pause haben, wenn die Emotionen überkochen, hat Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger beim Thema Asyl schon oft erlebt. Die kleine Universitätsstadt in Mittelsachsen ist bei der Integration eigentlich ein Vorbild: Neben vielen ehrenamtlichen Helfern, die sich um Flüchtlinge kümmern, schafft die Stadt selbst zahlreiche Angebote für die Migranten – zu Bildung, Beratung und Freizeitgestaltung; sie richtete eine Kita für Kinder mit Fluchterfahrung ein und bildet einen Asylbewerber im Rathaus aus. Aber dann bedrohte 2015 ein Flüchtling in einem Supermarkt eine Kassiererin mit einem Schwert, und sofort schlugen die Wogen hoch. Der Täter war ein mehrfach vorbestrafter Mann aus Nordafrika, der Vorfall drohte die Arbeit vieler Helfer und die Integrationsbemühungen der Stadt zunichtezumachen.

Um eine Eskalation zu verhindern, hat sich Krüger für einen klaren Kurs entschieden: Er lässt bei den Integrationsbemühungen nicht nach und spricht zugleich offen die Defizite der Asylpolitik an. Um das Sicherheitsgefühl von Einheimischen und Flüchtlingen zu stärken, stellte der SPD-Politiker acht „Stadtsheriffs“ ein, die anstelle der vom Land eingesparten Polizisten in der Stadt Patrouille laufen. Für Furore sorgte sein Brief an Angela Merkel, in dem er der Bundeskanzlerin eine Rechnung über die Asylausgaben seiner Stadt für das Jahr 2016 in Höhe von 736 200 Euro schickte, um sie an ihr Versprechen zu erinnern, der Bund werde diese Kosten tragen. Am Donnerstagabend folgte der nächste aufsehenerregende Schritt: CDU und SPD beschlossen im Stadtrat, einen vier Jahre langen Zuzugsstopp für anerkannte Flüchtlinge zu beantragen.

Freiberg reiht sich damit unter Städte wie Cottbus, Delmenhorst, Salzgitter und Wilhelmshaven ein, die selbiges bereits erwirkt haben. „Uns bleibt gar keine andere Wahl“, begründete Krüger die umstrittene Entscheidung. Es sei der einzige Weg, um sowohl den Ansprüchen aller Freiberger auf einen Kita- oder Schulplatz als auch einer guten Integration gerecht zu werden. Schon lange fehlten Kita-, Schul- und Hortplätze, selbst Wohnungen würden knapp, und in mancher Schule liege der Anteil nichtdeutschsprachiger Kinder schon über 30 Prozent. Krüger sagt: „In Freiberg haben wir ein Maß erreicht, wo wir handeln müssen, bevor wir handlungsunfähig werden.“ Rund 2000 Flüchtlinge leben in der Stadt mit 42 000 Einwohnern. Das sind zwar nur fünf Prozent der Einwohner, aber auch 70 Prozent der Asylsuchenden des Landkreises, in dem die Freiberger 13 Prozent der Bevölkerung stellen.

Krüger, geboren 1973 im sächsischen Frankenberg, ist dreifacher Familienvater, hat Bankkaufmann gelernt und später ein Diplom als Bankbetriebswirt erworben. Seit 2009 war er für die Finanzen Freibergs verantwortlich, 2015 wurde er zum Oberbürgermeister gewählt. Als solcher mahnte er über Monate eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen an, nur ist bei diesem Thema die Solidarität auch unter Kommunen überschaubar. Sachsens neuer Ministerpräsident Michael Kretschmer kündigte am Freitag „eine einvernehmliche Lösung“ des Problems an.

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