Erlebt die Stadt nicht immer „weltoffen“

erschienen in Freie Presse vom 22. Februar 2018

„Freie Presse“ stellt Menschen aus verschiedenen Ländern vor, die in Freiberg studieren, arbeiten, ein Zuhause gefunden haben. Sie erzählen über ihr Leben in Deutschland. Heute: Eine Kamerunerin mit starkem Charakter.

Von Esther Sarah Wolf

Freiberg – Die TU Bergakademie Freiberg zieht viele ausländische Studenten in die Bergstadt – wie Carole Tsegouog. Die 25-Jährige stammt aus Kamerun. Im März 2016 kam sie zum Studium nach Freiberg.

„Ich bin in Mbandjock geboren, das ist in Zentralkamerun. Ich wollte nach dem Abitur ein Ingenieurstudium beginnen, und Deutschland ist eines der Länder, wo es in diesem Bereich gute Ausbildungen gibt“, erzählt Carole Tsegouog.

Bereits am Gymnasium hatte sie zwei Jahre Deutschunterricht. „Es ist eine schwere Sprache, ich hatte viel vergessen.“ Nach dem Abitur und dem Bachelor-Studium in Physik an der Universität Jaunde, der Hauptstadt Kameruns, belegte Carole Tsegouog einen sechsmonatigen Deutschkurs, bevor sie ihr Heimatland verließ.

„Meine Schwester, die schon hier lebt, hat mir Freiberg empfohlen, und ich habe gesehen, dass es an der Universität viele Möglichkeiten gibt. Da habe ich mich für Maschinenbau entschieden“, erklärt die junge Frau, die derzeit im dritten Semester des Masterstudienganges studiert. Carole Tsegouog betont: „Mir gefallen die Studienbedingungen. Ich kann die Professoren jederzeit ohne Probleme fragen, sie sind immer da.“ Für ausländische Studenten ist das Internationale Universitätszentrum eine große Hilfe. „Man wird gut betreut“.

Die deutsche Sprache ist für Carole Tsegouog eine der großen Herausforderungen in Freiberg. „Ich verstehe den Stoff an der Universität, durch die Sprache ist es aber schwierig, zum Beispiel Formeln und Gleichungen zu benutzen“, sagt die junge Frau, der es nach fast zwei Jahren jedoch schon deutlich leichter als am Anfang fällt, Deutsch zu sprechen.

Eine Hilfe ist für sie das Sprachpatenprogramm des Projektes „Sprache ist Brücke“. Mit ihrer Patin trifft sich Carole Tsegouog regelmäßig: „Sie hilft mir jedes Mal.“

Das Einleben in der Bergstadt ist der Kamerunerin nicht leichtgefallen und birgt auch heute noch Herausforderungen. „Am Anfang ist es für Ausländer immer schwierig in der neuen Kultur, da man von der eigenen geprägt ist.“ Hinzu kamen die anderen Wetterverhältnisse und verschiedene Begegnungen mit Freibergern. „Der erste Winter war sehr schwierig. Es hat so viel geschneit. Und ich traf Leute, die gar nicht nett waren, das waren nicht nur Erwachsene, auch Kinder, das war ein Schock“, blickt Carole Tsegouog zurück. So wurde der aufgeschlossenen Kamerunerin unter anderem in der Altstadt von fremden Menschen das Wort Neger ins Gesicht gesagt. „Ich habe das nicht nur einmal erlebt. Das ist sehr traurig. Meine Schwester hat das auch erlebt und mir gesagt, ich soll mir das nicht ins Herz lassen“, erzählt die Studentin. Sie betont: „Jetzt ist es mir egal, was die Leute sagen, ich achte nicht mehr darauf. Ich bekomme Kraft von meinem Gott. Und das Verhalten der Leute ist nicht mein Problem.“ Inzwischen hat Carole Tsegouog, die neben ihrer Muttersprache Französisch und dem Dialekt Baleng noch Englisch spricht, auch deutsche Freunde gefunden. Mit ihnen, ihrer Patin und ihrer Schwester spricht sie über die negativen Erfahrungen. „Das ist mir eine Hilfe“. Auch Freiberg hat die Kamerunerin schon erkundet. „Ich habe mir viel angesehen“. Meistens ist sie jedoch Zuhause oder beim Sprachpatenprogramm.

Carole Tsegouog wünscht sich, dass es afrikanische Lebensmittel in Freiberg zu kaufen gibt und dass die Geschäfte in der Stadt länger geöffnet haben: „Ich denke, dann wäre mehr Leben in der Stadt.“ Über die Menschen in der Bergstadt sagt sie: „Ich habe viele nette und freundliche Freiberger getroffen und viele, die abfällige Bemerkungen über Ausländer gemacht haben. Der Titel `,Weltoffen‘ passt für die Stadt nicht immer.“ Oft wurde die junge Frau schon gefragt, ob sie Studentin oder Flüchtling sei. „Aber das ist egal, ich bin ein Mensch und die Leute sollten wissen, dass Ausländer auch Menschen sind. Wir sind gleich, bis auf die Hautfarbe. Wir sollten uns respektieren. Aber man kann die Leute nicht verändern, das ist eine innere Einstellung“, sagt Carole Tsegouog.

Wenn sie nach dem Studium Arbeit in Kamerun finden würde, würde sie zurück in die Heimat gehen. „Ich denke, ich werde hier immer Probleme mit Menschen haben, jeder würde in die Heimat zurück, aber es ist schwierig, wenn ein Land nicht so entwickelt ist.“

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