Hunderte von rechtsextremen Anschlägen auf das Schalom in Chemnitz – kein einziger Täter gefasst

Anlässlich der aktuellen Vorfälle in Chemnitz möchten wir auf dieses sechs Jahre alte Interview aufmerksam machen.

erschienen auf belltower.news

1998 gründete Uwe Dziuballa zusammen mit sechs anderen jüdischen und nicht-jüdischen Engagierten den Verein Schalom e.V. in Chemnitz. Ziel war es, deutsch-jüdisches Leben wieder in die Alltagskultur der Bundesrepublik einzubinden. Ein Vorsatz, der eindeutig geglückt ist: Der Verein hat inzwischen 130 Mitglieder aus unterschiedlichen Ländern und ist als Stütze für Einwanderer/innen so wie Chemnitzer/innen aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Doch nicht alle sind für dieses Anliegen offen: Davon zeugen hunderte von rechtsextremen Angriffen, die seit der Vereinsgründung gegen den Verein und sein Restaurant verübt worden sind. Das hindert Uwe Dziuballa allerdings nicht, sich weiter mit beispiellosem Engagement für den Fortbestand des jüdischen Lebens in Chemnitz einzusetzen.

Das Interview führte Antonia Oettingen.

Was hat Sie dazu bewegt, den Verein und das Restaurant Schalom in Chemnitz zu eröffnen?
Ich habe in den USA erlebt, wie jüdisches Leben zum Alltag gehören kann. Der Umgang mit dem Judentum erfolgt dort, ohne das Fingerspitzengefühl notwendig wäre. Ähnliches wollten wir auch in Deutschland ermöglichen. Deswegen haben wir 1998 den Verein Schalom e.V. gegründet. Wir bieten unter anderem Hilfe für jüdische Immigranten an, laden sie zunächst einmal zu einer Suppe und einem Gespräch ein und begleiten Sie dann auf dem Weg zu den Behörden. Ich bin in Karl-Marx-Stadt geboren und war dann in Jugoslawien im Kindergarten. Ich weiss also wie es ist sich fremd zu fühlen. In so einer Situation ist Praktikabilität gefragt. Wir haben durch unseren Verein seit etwa fünf Jahren die Möglichkeit, Verfahrenswege für Neuangekommene zu verkürzen. 1999 entstand dann die Idee, ein gleichnamiges Restaurant zu eröffnen. Zunächst einmal erhofften wir uns, mit dem Vorsatz den Verein weiter zu fördern. Außerdem wollten wir neue Gesichter für Schalom e.V. begeistern. Und wir glaubten daran, über das Kulinarische den ‚Aha-Effekt‘ bei den Leuten zu erreichen.

Sie stießen aber nicht nur auf freundliche Aufnahme?
Leider nicht. Seit zehn Jahren finden ungefähr alle zwei Monate Anschläge auf das Schalom statt. Der Schaden beträgt zusammengenommen über 40. 000 Euro. Anzeige erstatte ich längst nicht mehr bei allen Angriffen. Dies wird mir auch von der Polizei zum Vorwurf gemacht. Eine Anzeige kostet mich allerdings viel Zeit und war bis jetzt immer ergebnislos. Mehrmals schon wurde uns ein Schweinekopf vor die Tür gelegt. Der letzte war mit einem Judenstern bemalt. Als ich bei der Polizei anrief, um dies zu melden, wurde ich gefragt ob ich den Schweinekopf nicht vorbei bringen könnte, die Beamten seien sehr beschäftigt. Ich bat sie persönlich vorbei zu kommen, um die Spuren zu sichern. Am Tatort angekommen, trampelten die Beamten erst einmal durch den Schnee und verwischten so mögliche Spuren. Daraufhin setzten sie sich in das Restaurant, um bei einem Kollegen über Funk etwas zum Frühstücken zu bestellen. Als ich sie bat, darauf zu achten, im Restaurant kein Schweinefleisch zu essen, sagten sie mir ich solle mich nicht so anstellen. Einige Tage später bekam ich einen Anruf vom Staatsschutz indem mir erklärt wurde, dass die Fotos vom Tatort verschwunden seien und ob ich denn noch welche hätte. Wenig später wurde mir dann auch mitgeteilt, dass der Schweinekopf statt in der Kriminaltechnik in der Tierverwertung gelandet sei und verbrannt wurde – und damit leider keine Beweise mehr vorhanden.

Haben Sie die Täter einmal persönlich zu Gesicht bekommen?
2011 stand ich mit einem MDR-Kamerateam vor dem Restaurant. Während ich gefilmt wurde, liefen zwei junge Männer, etwa Mitte zwanzig, an dem Restaurant vorbei. Sie zeigten den Hitlergruß und riefen „Saujude“. Das Kamerateam erstatte daraufhin Anzeige. Einige Zeit später bekam ich einen Anruf von der Staatsanwaltschaft. Ich wurde gebeten, die Anzeige zurück zu ziehen. Die jungen Männer seien ohnehin schon sozial benachteiligt und diese Anzeige würde sie nur noch weiter an den Rand der Gesellschaft drücken. Ich erklärte den Beamten, dass ich die Anzeige nicht erstattet habe und dass sie dies mit dem Kamerateam vom MDR zu verhandeln hätten. Nach einem Gespräch mit dem Redakteur, indem ich ihm erklärte, dass mir die Anzeige nicht wichtig sei und er wegen dieser Geschichte nicht Unannehmlichkeiten mit der Staatsanwaltschaft bekommen solle, wurde das Verfahren letztendlich dann auch eingestellt.

Wie sieht denn die Reaktion der anderen Bewohner aus? Bekommen Sie Unterstützung?
2011 organisierten knapp 200 Chemnitzer eine spontane Mahnwache. Sie tauchten vor dem Restaurant mit Schildern wie „Wir lieben Euch!“ und „Bleibt hier!“ auf. Das hat mich zu Tränen gerührt. Auf der anderen Seite erlebt man aber auch ein ‚Weggucken‘ und ‚Fremdschämen‘. Im Stadtrat halten einen die Leute für einen ‚Nestbeschmutzer‘. Dabei erstatte ich nur in etwa einem Viertel der Fälle Anzeige. Man will den Spinnern auch nicht so viel Öffentlichkeit geben.

Wie schätzen Sie den Rechtsextremismus in Chemnitz und Umgebung ein?
Es gibt eine recht aktive Achse zwischen Zwickau, Chemnitz und Freiberg. In Chemnitz ist die rechte Szene auf jeden Fall präsent. Es gibt auch einen „Thor Steinar“-Laden, der bei Rechtsextremen beliebt ist. Allerdings ist auch eine latente Fremdenfeindlichkeit innerhalb der Gesellschaft zu spüren. Wenn ich mit meiner Kippa durch die Stadt laufe, wird mir öfters von Jugendlichen „Du Judenschwein“ oder ähnliches zugerufen. Diese Tendenz hat sich in den letzten drei Jahren verstärkt. Dabei gibt es einen Ausländeranteil von nur etwa 3-4% in Chemnitz. Aber die Leute fühlen sich irgendwie durch das Fremde bedroht. Ich war als Gastredner in einer 8. Klasse, um mit den Schülern und Schülerinnen über den Holocaust zu sprechen. Viele der Jugendlichen haben schon mit ihrem Äußeren und der Wortwahl ihren Judenhass signalisiert. Sie waren so gefestigt in ihrer Meinung, dass es schwer war, da durch zu kommen.

Haben Sie eine Idee wie man das Problem der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Deutschland angehen kann?
Ich lebe meine Idee. Indem wir mit ‚Schalom‘ Präsenz zeigen und unsere Besonderheiten, aber auch Parallelen hervorheben. Aber auch durch Zivilcourage. Meine Mutter wurde einmal im Bus von einem jungen Mann als „Judenschlampe“ beschimpft, weil auf ihrem Pullover ein David Stern zu sehen war. Daraufhin hielt der Busfahrer an und schmiss den jungen Mann aus dem Bus. Deswegen wird der junge Mann jetzt nicht seine komplette Einstellung ändern, aber es werden Zeichen gesetzt. Außerdem muss miteinander gesprochen werden, auch über kritische Themen. Enorm wichtig ist meiner Meinung nach, Geld in Bildung und Soziales zu stecken. Es kann nicht sein, dass Jugendeinrichtungen geschlossen werden, weil dafür nicht genug Geld da ist. Bei der Vernachlässigung der jungen Leute sehe ich die Wurzel allen Übels.

Jetzt zieht das Schalom Restaurant um – in die Heinrich-Zille-Straße in Chemnitz. Warum?

Das hat konzeptionelle Gründe. Das neue Restaurant befindet sich nur fünf Gehminuten vom alten Standort entfernt – liegt aber dafür in einer belebten Straße, die viel von Studenten und Studentinnen besucht wird. Das neue Lokal wird etwas kleiner und gemütlicher. Neu ist auch, dass wir mittags für Unternehmer und junge Leute preiswerte Menüs anbieten. Und es gibt ein polnisches-New Yorker-Bagelrezept von meinem Bruder, dass man nicht verpassen sollte!

Woher nehmen Sie die Kraft und das Durchhaltevermögen, weiter zu machen?
Ohne überheblich zu klingen, bin ich durch die Arbeit in der Breite im Verein so etwas wie eine Symbolfigur geworden, an der sich Leute aufrichten – ich sehe meine Aufgabe als eine Art Fels in der Brandung. Aufzuhören wäre ein komplett falsches Signal an Teile der Gesellschaft, die Hilfe brauchen. Es ist eine Trotz-Reaktion auf das Nicht-Akzeptieren wollen.

Mehr im Internet:

Die Website des Schalom e.V: www.schalom-chemnitz.de

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