Die Novemberpogrome in Freiberg 1938

Veranstaltungshinweis: Michael Düsing hält am 14. November um 19:00 Uhr im Stadt- und Bergbaumuseum auf Einladung des Freiberger Altertumsvereins einen Vortrag über die Novemberpogrome in Freiberg.

„Ein lange vorbereiteter Bruch der Zivilisation“

erschienen in Freie Presse vom 8. November 2018

Geschichtsforscher Michael Düsing über die Reichskristallnacht in Freiberg

Freiberg. Morgen jährt sich zum 80. Mal die sogenannte Reichskristallnacht, bei der auch in Freiberg Juden drangsaliert wurden und der Holocaust eingeläutet wurde. Im Dom wird mit einer Gedenkveranstaltung daran erinnert. Und der Freiberger Geschichtsforscher Michael Düsing hat ein neues Buch zu dem Thema herausgebracht. Frank Hommel sprach mit ihm.

Freie Presse: Herr Düsing, die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ging als Reichskristallnacht in die Geschichte ein. Überall in Deutschland gab es organisierte Ausschreitungen gegen Juden. Was geschah damals in Freiberg?

Michael Düsing : Im Freiberger Anzeiger hieß es danach, es seien „ein paar Fensterscheiben“ zu Bruch gegangen. Meine Recherchen stützen sich auf Zeitzeugenberichte und die Protokolle der Polizei. Da ergibt sich ein anderes Bild. In der ersten Eintragung vom 10. November 5.20 Uhr hieß es, bei einem jüdischen Modeladen in der Burgstraße/Ecke Rinnengasse seien die Fenster eingeschlagen worden. Kurz darauf brach auch ein Brand aus. In den Polizeiprotokollen findet sich weiter der Satz, bei sämtlichen jüdischen Geschäften seien fast sämtliche Schaufenster eingeschlagen worden.

Die Nazis stellten die Vorgänge als spontane Entladung des Volkszorns nach dem Attentat auf den Pariser Botschaftsmitarbeiter Ernst Eduard vom Rath dar. Wie war das in Freiberg?

Liest man die Einträge, merkt man drei Sachen. Erstens: Es war eine inszenierte Geschichte. Zweitens waren die Akteure meist SA-Leute. Drittens nutzte aber auch der eine oder andere die Gelegenheit, sein eigenes Mütchen zu kühlen. Es fand ja auch nicht im Geheimen statt. Vor dem damaligen Schockenkaufhaus kam es zu einem Massenauflauf. Die Aktionen waren von der Mehrheit mitgetragen. Manche sind ja auch ihre letzten geschäftlichen Konkurrenten losgeworden.

Wenn viele Akteure von der SA kamen, welche Rolle spielte die Polizei?

Die SA war eine Art Hilfspolizei. Die Aktion wurde gesteuert von der Gestapo-Leitstelle Dresden. Über Funksprüche wurden Hausdurchsuchungen und Verhaftungen angeordnet. Dabei sind dann sicher sowohl SA als auch Polizei aktiv geworden. Die Weisungen gingen aber an die Polizei. Die Aktion war schon lange geplant, es war ein vorbereiteter Zivilisationsbruch.

Wie viele Menschen in Freiberg waren betroffen?

Viele Juden gab es hier nie, auch keine eigene jüdische Gemeinde oder Synagoge. Nach der Machtergreifung der Nazis sind viele geflohen. 1938 lebten in Freiberg vielleicht noch sieben, acht Familien. 16 Hausdurchsuchungen wurden angeordnet. Meistens fand man nichts.

Kam es zu Misshandlungen und Verletzten?

Schriftliche Belege dazu gibt es nicht. Mir haben dazu Viktor Klemperers Tagebücher geholfen. Er hielt seine Erlebnisse in Dresden minutiös fest. Da weiß man, wie so eine Hausdurchsuchung ablief. Viele Verhaftete wurden sofort weitergeschickt ins KZ Buchenwald, vor allem jüngere Männer, 18-, 19-Jährige. Sie alle wurden unter Druck gesetzt zu emigrieren, zum Beispiel die Freiberger Unternehmerfamilie Wolff. Der Sohn kam direkt nach Buchenwald. Dem Vater wurde zu verstehen gegeben, bald zu verschwinden. Das war auch die Bedingung für die Freilassung des Sohns. Aber kaum noch Länder nahmen Juden auf. Die Familie versuchte, wenigstens die Kinder zu retten. Für den Sohn fanden sie eine Anstellung in England. Die zwölfjährige Tochter konnten sie bei einem Kindertransport unterbringen, da sich Großbritannien bereit erklärt hatte, 10.000 Kinder aufzunehmen. Die Eltern selbst haben es nicht geschafft. Wer nicht aus Deutschland rauskam, landete meist in einem Vernichtungslager.

Kam es bei der Reichskristallnacht in Freiberg zu Toten?

Im Dezember hat sich ein jüdischer Schuhmacher in der Humboldtstraße das Leben genommen. Verstörend ist auch der Protokollvermerk: Motiv sei wahrscheinlich „Lebensüberdruss“ gewesen. Im März 1939 nahm sich Werner Hofmann, einst Direktor des Porzellanwerks und einer der bedeutendsten Ingenieure Sachsens, das Leben.

Sie sagen, viele Fakten haben Sie den Polizeiprotokollen entnommen. Finden Sie es nicht seltsam, dass alles genau beschrieben wurde?

Ja, aber das zeigt das Wesen des damaligen Systems. Das Hauptproblem war ja nicht das Agieren wildgewordener SA-Horden. Die Judenverfolgung erforderte den Einsatz der kommunalen Verwaltungsfachleute, der Bürgermeister, Juristen, Amtsleiter und Angestellten. Das Ganze hätte nicht funktioniert ohne deren aktives Agieren im Gewerbeamt, Wohnungsamt, Polizeiamt.

Was war für Sie der Impuls, sich mit dem Thema zu befassen?

In der Petrikirche hatte Pfarrer Gottfried Breutel 1988 mit der jungen Gemeinde die Idee entwickelt, an Schaufensterscheiben Pflasterstreifen zu kleben, um auf den 50. Jahrestag aufmerksam zu machen. Das wurde untersagt als Störung der öffentlichen Ordnung. 1991, ich war inzwischen Lehrer am Freiberg-Kolleg, haben wir, Gottfried Breutel und ich, ein Jugendprojekt über die Geschichte der Juden in Freiberg ins Leben gerufen und nach nur einem Jahr die erste Ausstellung dazu in der Petrikirche gezeigt. Die Schicksale der Menschen lassen einen nicht mehr los. Irgendwann kamen erste Kontakte zu Überlebenden, viele Begegnungen. So habe ich angefangen, Geschichten und Erinnerungen zu sammeln.

In Ihrem neuen Buch „Die Kristallnacht hat alles geändert. Novemberpogrome 1938 in Freiberg“ haben Sie den aktuellen Forschungsstand zum Thema zusammengefasst. Was haben Sie darin neu herausgefunden?

Neu ist etwa das Kapitel über Werner Hofmann. Auch die Geschichte über den jüdischen Weinhändler Max Freud konnte ich genauer dokumentieren. Es gibt immer mehr Material, das deutlich macht, wie eine Familie und ein Mensch zerstört worden sind. Für das Ehepaar Max und Grete Pinkus liegen inzwischen namentliche Transportlisten vor, die belegen, dass die Freiberger am 19. Januar 1942 mit dem Deportationszug von Berlin nach Riga gebracht wurden. Manche kamen ins Getto, manche wurden nach der Ankunft in die Wälder getrieben und erschossen. Es gab für das Ehepaar keine Rückkehr mehr.

Das Buch „Die Kristallnacht hat alles geändert. Novemberpogrome 1938 in Freiberg“ von Michael Düsing kostet 8,90 Euro und ist in allen Freiberger Buchhandlungen erhältlich.

Mit einer Gedenkveranstaltung erinnern die Domgemeinde St. Marien, die Stadt Freiberg und das Mittelsächsische Theater am Freitag im Freiberger Dom an die Opfer der Pogromnacht. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Unter anderem tragen Schauspieler des Freiberger Theaters Texte aus Michael Düsings Buch vor. Der Eintritt ist frei.

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