Am Ort der Entladung

erschienen in FAZ vom 15. November 2018

Drei Monate nach den Ausschreitungen besucht Angela Merkel Chemnitz. Sie trifft auf eine tief verunsicherte Stadt, die noch lange nicht verarbeitet hat, was dort im Sommer geschah.

Von Stefan Locke

Es sei ja schön, dass jetzt so viele Bundespolitiker nach Chemnitz kämen, sagt Sebastian Schulz. „Aber dass es dafür erst so einen Anlass braucht, das ist doch verkehrt.“ Schulz ist preisgekrönter Tischlermeister in Chemnitz und staunt, was sich seit einigen Wochen in seiner Stadt tut, für die, wie er sagt, sich lange niemand interessiert habe. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) war die Erste und schon zweimal da nach den Ausschreitungen Ende August; im Oktober kam Bundespräsident Frank Walter Steinmeier zum Gespräch mit Bürgern, auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) besucht Chemnitz jetzt häufig und nun also Angela Merkel (CDU). Der Besuch der Bundeskanzlerin ist ein Höhepunkt vor allem für ihre Gegner, erst recht seit sie ihren politischen Rückzug verkündet hat; schon seit Wochen rufen sie deshalb zu einer Art letztem Gefecht nach Chemnitz.

Knapp drei Monate ist es her, dass nach einer Auseinandersetzung auf dem Chemnitzer Stadtfest der 35 Jahre alte Familienvater Daniel H. mit mehreren Messerstichen getötet und zwei weitere Männer verletzt wurden, einer von ihnen schwer. Die Polizei nahm schnell zwei tatverdächtige Asylbewerber fest, die aus Syrien und dem Irak stammen, woraufhin zunächst Hooligans zu einer Spontandemonstration gegen Flüchtlinge aufriefen und tags darauf die rechtsradikale Vereinigung „Pro Chemnitz“ via Internet Tausende Demonstranten in ganz Deutschland mobilisierte, nach Chemnitz zu kommen, darunter Neonazis, hinter denen sich aber auch „normale“ Bürger einreihten, obwohl Teilnehmer rechtsextreme Parolen brüllten und den Arm zum Hitlergruß hoben. Ob es dabei auch zu Hetzjagden auf Ausländer kam, wie ein Handyvideo vermuten lässt, ist bis heute strittig. Augenzeugen, Deutsche und Ausländer berichten jedenfalls, damals Angst um ihr Leben gehabt zu haben, auch weil die Polizei die Lage zunächst nur schwer in den Griff bekam.

„Die Stadt hat sich seitdem sehr verändert“, sagt Tischler Schulz. „Die Rechten gehen aufrechter seitdem, man weiß jetzt genau, wer welcher Seite angehört.“ Schulz hat einen sehr genauen Blick dafür, er ist 55 Jahre alt und lebt fast schon genauso lange in Chemnitz. Gleich 1990 hat er eine Tischlerei gegründet, er spezialisierte sich auf Denkmalpflege und machte sich beim Innenausbau der Frauenkirche in Dresden einen Namen, zurzeit arbeitet er am Wiederaufbau des Ballsaals im Dresdner Schloss mit. Schulz ist die Ruhe in Person, obwohl er einen Haufen Arbeit hat, nimmt er sich Zeit für ein Gespräch. Ihm liegt viel an einem guten Miteinander, am Zusammenhalt in der Gesellschaft. Nach der Wiedervereinigung, sagt er, sei hier „alles auseinandergeflogen“. Deindustrialisierung, Abwanderung, Orientierungslosigkeit prägten die einstige Industriestadt nach der Wende. Doch Schulz jammert nicht, im Gegenteil: Noch während er vollauf mit dem Aufbau seiner Tischlerei beschäftigt ist, organisiert er ein Maibaumsetzen, das es bis heute gibt, und er bietet behinderten Menschen Chancen in seiner Firma.

Damit mache er bis heute gute Erfahrungen, sagt er. Und als 2015 immer mehr Flüchtlinge nach Chemnitz kommen, testet er das Modell auch mit ihnen. Schnell spricht sich bei Ämtern, aber auch unter Asylbewerbern herum, dass es bei ihm Arbeit gibt, binnen zwei Jahren machen 17 meist junge Männer aus sechs Nationen bei ihm ein Praktikum, einige bleiben nur zwei Wochen, andere mehrere Monate. Die Entscheidung veränderte Schulz’ Leben, sie erwies sich einerseits als sehr belebend, andererseits als ernüchternd und wurde schließlich sogar existenzbedrohend. In ihr spiegeln sich wie unter einem Brennglas übergroße Erwartungen vieler Flüchtlinge und mancher Helfer genauso wie der abgrundtiefe Hass ihrer Gegner, der sich an jenen Tagen Ende August auf für die Stadt so verheerende Weise entlud.

Sachsens Verfassungsschutz warnte erst kürzlich vor weiteren Übergriffen. Man beobachte eine Mobilisierung der rechtsextremen Szene, befeuert insbesondere durch „Pro Chemnitz“ und ihren Anführer Martin Kohlmann. Nach den Ausschreitungen im August sowie dem „kontroversen Verlauf der politischen Auseinandersetzungen um die Flüchtlingsfrage“ fühlten sich Rechtsradikale „ermutigt“, mit Gewalt „gegen Menschen mit Migrationshintergrund oder solche, die sie dafür halten“, vorzugehen, teilte die Behörde mit. Das bekamen in den vergangenen Wochen vor allem Inhaber jüdischer, persischer und türkischer Restaurants in Chemnitz zu spüren, die angegriffen wurden und deren Inventar zum Teil in Flammen aufging.

Vor roher Gewalt ist Sebastian Schulz verschont geblieben, aber wie enthemmt die Szene bis in bürgerliche Kreise hinein inzwischen agiert, hat auch er erfahren müssen. Es habe mit Drohbriefen und -anrufen begonnen, dann warf ihn der Vermieter aus seiner Werkstatt. „Es ist gefährlich, Flüchtlinge zu beschäftigen“, sagt Schulz. Er ist ein optimistischer Mensch, aber die Kündigung macht ihm bis heute zu schaffen; nur mit Glück fand er neue Räume. Dabei ist Schulz kein Idealist, sondern hat aufgrund seiner Erfahrung einen realistischen Blick auf die Dinge. „Viele Flüchtlinge haben sich die Arbeit in Deutschland nicht so schwer vorgestellt“, sagt er. Sie seien mit großen Erwartungen und oft völlig falschen Vorstellungen hierher gekommen; nur ein Teil sei zum Arbeiten motiviert gewesen, andere hätten sich nicht reingehangen oder von Anfang an keine Lust gehabt, krank gespielt. Das sei ernüchternd gewesen, sagt Schulz, der schon 90 Lehrlinge und 14 Meister ausgebildet sowie zwei Hochwasser und daraus folgend eine Pleite überstanden hat.

Ermutigt habe ihn, dass immerhin drei „seiner“ Flüchtlinge sowohl für den Beruf geeignet als auch fleißig genug gewesen seien. „Es ist für alle eine Erfahrung und ein Anfang“, sagt er. Wie er all das überhaupt neben seiner eigentlichen Arbeit geschafft hat? Das hätten ihn die Stifter des sächsischen Integrationspreises auch gefragt, für den Schulz nominiert ist und der an diesem Freitag in Dresden verliehen wird. „Wir haben zusammen gegessen und gearbeitet“, lautet seine Antwort. „Ich habe dabei einen Einblick in ihr Leben und sie in meines bekommen. Und wenn man das macht, kommt man auch zusammen.“ Es ist eine Art praktische Antwort auf Merkels Ausruf „Wir schaffen das“. Auf die Politik ist Schulz dennoch nicht gut zu sprechen. Dass Flüchtlinge lange nicht arbeiten dürfen und in Heimen herumlungern, sei kontraproduktiv. „Sie verlieren die Motivation und kommen auf dumme Gedanken“, sagt er. Sorgen bereite ihm die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die Einschüchterungsversuche insbesondere der rechtsextremen Szene, die fehlende Führung und Ohnmacht der demokratischen Kräfte, die besonders in Chemnitz zersplittert und uneins seien. „Viele Bürger trauen sich auch deshalb nicht auf die Straße, und so erscheinen die Rechtsextremen, die gut organisiert und laut auftreten, viel stärker als sie sind.“ Besonders viel Unmut entlud sich in den Tagen nach den Ausschreitungen über Barbara Ludwig, der Chemnitzer Oberbürgermeisterin. Die SPD-Politikerin wird, auch von wohlmeinenden Bürgern, dafür kritisiert, nach dem Tod von Daniel H. nicht sofort den Tatort besucht zu haben, der nur wenige Gehminuten vom Rathaus entfernt liegt. Bis heute ist die Stelle auf dem breiten Bürgersteig mit Kerzen und Blumen übersät. Ludwig rechtfertigte sich unglücklich damit, nicht jedem Toten kondolieren zu können und verglich die Tat mit einem Mord wenige Tage zuvor, als ein Chemnitzer seine Partnerin umgebracht hatte und ein Aufschrei ausgeblieben sei. Bei einer Bürgerversammlung im Chemnitzer Stadion gestand sie später inmitten wütender Bürger, dass etwas ins Rutschen gekommen sei. „Ich hoffe, dass es mir gelingt, mit meiner Erfahrung die Stadt zusammenzuhalten“, sagte Ludwig. Nicht wenige Chemnitzer aber vermissen eine klare Haltung ihrer Bürgermeisterin, für die diese Monate die schwierigsten ihrer bisher zwölfjährigen Amtszeit sind.

Auf Merkel etwa ist Ludwig gar nicht gut zu sprechen. So warf sie der Bundeskanzlerin vor, die Kommunen mit der Flüchtlingspolitik allein gelassen zu haben. Dennoch lud sie Merkel ein, doch nun, da die Kanzlerin kommt, kritisiert Ludwig den Besuch als „viel zu spät“. Das werde, auch wegen der angekündigten Proteste, „wieder ein schwieriger Tag für Chemnitz“, sagte sie dem MDR, und überhaupt änderten Besuche von Bundespolitikern nichts, da diese nach ein paar Stunden wieder weg seien, die Probleme vor Ort aber blieben. Tatsächlich nahm Merkel auch nicht die Einladung Ludwigs, sondern der in der Region größten Zeitung „Freie Presse“ zu einem Leserforum an. Rund 120 Leser wählte die Zeitung per Los aus, die der Kanzlerin jede Frage stellen dürften, sagt Chefredakteur Torsten Kleditzsch. „Wir wollen damit einen Beitrag leisten, um auch in schwierigen Zeiten im Gespräch zu bleiben.“ Der Redebedarf ist groß, zumal sich viele Chemnitzer nach den Ereignissen von Politikern und auch Medien kollektiv als „Mob“ verunglimpft und ihre Stadt in den Dreck gezogen sehen. „Vorher hatte kaum jemand ein Bild von Chemnitz“, beklagt auch Barbara Ludwig. „Jetzt ist es eines mit Karl Marx, Hitlergruß und einem nackten Hinterteil.“ Letzteres hatte ein mutmaßlicher Neonazi vor laufenden Kameras gezeigt.

Der eigentliche Anlass der Tat im August liegt unterdessen weiter im Dunkeln. Bisher habe es 150 Zeugenvernehmungen gegeben, sagt Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart dieser Zeitung. „Wir wissen bisher nicht, was zu der Auseinandersetzung führte, es gibt viele widersprüchliche Angaben.“ Der Vorwurf des Totschlags gegen den syrischen Tatverdächtigen habe sich im Laufe der Ermittlungen erhärtet, der Iraker dagegen musste im September aus der Untersuchungshaft entlassen werden; nach einem dritten Verdächtigen, ebenfalls aus dem Irak, wird weltweit gefahndet. Anfang Januar, sagt Burghart, werde die Staatsanwaltschaft über eine Anklage entscheiden.

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