Die Stille nach dem Aufstand

erschienen in FAZ vom 10. Januar 2019

Vor drei Jahren wurde Clausnitz weltweit bekannt, nachdem Bürger einen Bus mit Flüchtlingen darin blockiert hatten. Heute kämpft der Ort wieder mit dem Alltag.

Von Stefan Locke

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ist ein erklärter Fan des ländlichen Raums, und als solcher lädt ihn am Dienstagabend ein Bürger in Clausnitz ein, doch mal am Wochenende gemeinsam im Bus vom benachbarten Holzhau nach Rehefeld zu fahren und dort essen zu gehen. Auf den Bus werde man vergeblich warten, und falls man doch irgendwie ans Ziel gelangen sollte, dort auf keine Gaststätte treffen, prophezeit der sichtlich aufgebrachte Mann. Das Busnetz werde nämlich immer weiter ausgedünnt, und jüngst habe auch noch die letzte Gaststätte geschlossen. „Wir haben den Eindruck, als würden wir gar nicht mehr zu Sachsen oder Deutschland gehören“, ruft er und dann natürlich auch noch, dass er Kretschmer „diesmal zu 90 Prozent nicht wählen“ werde.

„Also“, antwortet der Ministerpräsident darauf, die Organisation des öffentlichen Nahverkehrs sei aus gutem Grund Sache der Landkreise, der Freistaat überweise dafür lediglich das Geld. „Wenn Sie mich wegen dieser Frage nicht wählen, wäre das falsch“, sagt Kretschmer. Er steht vor einer Wand, auf der in Großbuchstaben die Worte „Direkt“ und „Michael Kretschmer im Gespräch in Ihrer Gemeinde“ zu sehen sind; vor ihm ist ein schlichter weißer Tisch mit Sachsenwimpel, Mikrofon und Wassergläsern. Es ist eines von mehreren Formaten, bei denen die Bürger unmittelbar mit dem Regierungschef in Kontakt kommen können, und wie in anderen Orten nutzen sie auch in Clausnitz reichlich die Gelegenheit, obwohl es draußen schon seit Stunden heftig schneit und auf den Straßen kaum ein Durchkommen ist. Die Halle der örtlichen Agrargenossenschaft ist voll, rund 250 Menschen drängen sich dicht an dicht, auch eine Handvoll Journalisten sind da.

Letzteres ist ein erstes Indiz für die Normalität, die in Clausnitz zurück ist. Im Februar vor drei Jahren waren hier beinahe mehr Reporter, als die kleine Gemeinde Einwohner hat. Sogar die Fernsehsender CNN und Al-Dschazira schickten Teams hinaus ins Osterzgebirge, nachdem sich im Internet rasant ein Handyvideo verbreitet hatte, auf dem überwiegend wütende, brüllende Männer zu sehen waren, die einen Bus mit Flüchtlingen – darunter viele Frauen und Kinder – blockierten und diese am Aussteigen hindern wollten. Clausnitz wurde weltbekannt, doch darüber, wie überhaupt zum Thema Flüchtlinge, spricht an diesem Abend zunächst niemand. Vielmehr dominieren – zweites Indiz für die Rückkehr zum Alltag – andere Dinge. Vor allem die Busverbindungen ärgern die Leute, inzwischen könnten sie nicht einmal mehr ohne Umsteigen bis in die Kreisstadt fahren, kritisieren gleich mehrere Redner; auch geht es um Abwanderung, Altersarmut, Windräder, Kleinkläranlagen, Bürokratie.

Ein paar Stunden zuvor bereitet sich Wolfram Fischer auf den Abend vor. An seinem Küchentisch geht er einen kurzen Text mit mehreren Punkten durch, die er am Abend dem Ministerpräsidenten vortragen will. Fischer ist 71 Jahre alt und lebt mit zweiter Frau und fünftem Kind in einem Fachwerkhaus, das der Familie seit Generationen gehört. Auch er ist mit dem Aufruhr von Clausnitz weltbekannt geworden. Fischer saß damals mit im Bus als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Netzwerks Asyl, das Menschen aus Clausnitz und Umgebung vor Ankunft der Flüchtlinge gegründet hatten. Er dolmetschte für die Asylbewerber, weil er viele Jahre in der Entwicklungshilfe in aller Welt gearbeitet hat, in Afghanistan, Pakistan und Bangladesch, in Afrika und in Sibirien, und viele Sprachen ganz gut beherrscht. Die Angst, die Schreie der Menschen im Bus angesichts des Mobs da draußen werde er nie vergessen, sagt Fischer. Er wollte damals anonym bleiben und ging dann nach Absprache mit dem Bürgermeister doch ins Fernsehen. Bei „Stern TV“ gab er, noch sichtlich von den Ereignissen erschüttert, ein Interview, das sich ebenfalls rasant verbreitete. Als er zwei Wochen später mit Entwicklungshelfern nach Südafrika flog, sah er sich im Flugzeug in einem Beitrag von CNN.

„Das ist noch immer traumatisch für mich“, sagt er. „Wenn ich mir heute das Interview angucke, läuft’s mir heiß und kalt den Rücken runter.“ Fischer erzählt, wie freundlich er im Ausland stets aufgenommen worden sei, schwärmt von der Gastfreundschaft, die er auch in den Ländern erlebt habe, aus denen die Flüchtlinge kommen, und dass er die Eiseskälte und Wut mancher Menschen auf Asylbewerber einfach nicht verstehe. Dem Interview folgten Drohungen im Internet, aber auch viel positive Resonanz, auch aus seiner Heimatgemeinde. Vor allem sein Satz, dass nicht alle Sachsen so seien, wie die Krakeeler vor dem Bus, habe ihm Respekt eingebracht. Und überhaupt habe sich die ganze Aufregung ziemlich schnell gelegt, nachdem die links- und rechtsextremen Gruppierungen wieder weg waren, die das Ganze für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten.

„Als noch mal neue Asylbewerber kamen, gab es keinen Aufstand mehr, gar nichts“, sagt Fischer. Er gab damals Deutschunterricht, andere halfen beim Einrichten und Einkaufen, gingen mit zur Schule, zum Kirchenchor und zum Fußballverein. Die Flüchtlingsgegner blieben still. Doch Fischer sagt auch, dass er es für einen Wahnsinn der Verwaltung hält, Asylbewerber bis in entlegenste Regionen zu verteilen. Andererseits gibt es gerade hier jede Menge leerer Wohnungen. Rechenberg-Bienenmühle, die Gemeinde, zu der Clausnitz gehört, hat seit der Wiedervereinigung ein Drittel ihrer einst 3000 Einwohner verloren. Aus diesem Aderlass resultieren auch die Probleme, die Fischer auf seinem Zettel für Kretschmer notiert hat. Es geht um die marode Schule, deren Fördervereinschef er ist und die dringend saniert werden müsste, um die Verbindungsstraße Richtung Dresden, die einer „Schlaglochpiste“ gleicht, sowie sein Unverständnis darüber, dass die Kreisumlage nahezu jährlich steige, während viele Gemeinden „permanent auf dem letzten Loch“ pfiffen.

Die Gemeinde zählt zu den vielen finanzschwachen in Sachsen. Nach der Abwicklung der Möbelwerke, die hier zu DDR-Zeiten Hunderten Menschen Arbeit gaben, blieben ein paar Handwerker und kleine Bauunternehmen sowie etwas Tourismus, vor allem im Winter. Er könne kaum Fördermittel abrufen, weil er oft nicht mal den Eigenanteil dafür aufbringe, erzählt der parteilose Bürgermeister Michael Funke, der am Abend auf dem Podium neben Kretschmer steht. Er sei froh, dass sich die Abwanderung verlangsamt habe, aber er würde gern in einen optimistischen Modus wechseln: Zuzug und Gewerbe planen, den Tourismus entwickeln; die Region ist attraktiv für Stadtleute – die Weite, die Ruhe, die gesunde Luft.

Als Wolfram Fischer schließlich am Mikrofon seine Punkte vorbringt, sagt er auch, dass er mit der AfD nichts am Hut habe, es ihn angesichts der „Vernachlässigung des ländlichen Raumes“ aber nicht wundere, dass viele Bürger bei der vergangenen Bundestagswahl die Partei gewählt haben. Mit 40,7 Prozent lag sie hier gut vier Prozentpunkte vor der CDU. Genau das will Michael Kretschmer bei der Landtagswahl im September verhindern. Dem Pessimismus versucht er ein positives Bild entgegenzusetzen. Er habe so viele tatkräftige Leute getroffen, die sich für die Region engagierten, sagt er und betont zugleich, dass seine Regierung niemanden hängenlasse. „Mir war nach der Amtsübernahme klar: Es muss an vielen Stellen beherzt eingegriffen werden“, sagt er. „Wir haben das verstanden. Jetzt beginnt eine neue Zeit.“ Dabei hilft ihm freilich die derzeit gute Konjunktur. Die schwarz-rote Koalition in Sachsen hat, natürlich auch mit Blick auf den Wahlkampf, für ihre Verhältnisse das Füllhorn über dem Freistaat ausgeschüttet. In einer Broschüre, die auf den Plätzen ausliegt, wimmelt es nur so vor Mehrausgaben für Bildung, Sicherheit, Gesundheit, Wirtschaft. Kein Bereich geht leer aus. „Und das Beste ist“, sagt Kretschmer, „das ist alles schon beschlossen.“ Städte und Gemeinden etwa erhalten mehr Geld für ihre Straßen und Schulen, für den Nahverkehr sowie häufiger Finanzpauschalen. „Wir vertrauen uns gegenseitig und kontrollieren uns nicht endlos“, verspricht er den Kommunalvertretern und verweist darauf, dass sie die Prioritäten setzen, ob sie also erst die Straße und dann die Schule oder umgekehrt bauen.

Nach fast zwei Stunden kommt Kretschmer dann selbst auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen. „Das Thema Clausnitz ist für mich durch“, sagt er. „Es war keine schöne Sache, aber jetzt gucken wir gemeinsam nach vorn.“ Und auf einmal bricht sich Erleichterung im Saal Bahn, so als hätten die Leute nur darauf gewartet, dass das endlich jemand ausspricht. Kretschmer bekommt dafür den längsten Beifall des Abends. Aufgearbeitet indes sind die Ereignisse bis heute nicht. Im Gemeinderat habe man nie wieder darüber gesprochen, sagt Bürgermeister Funke. Das Amtsgericht Freiberg stellte die Verfahren gegen zwei der Bus-Blockierer gegen Geldstrafen von 2400 und 1900 Euro ein. Und Flüchtlinge leben heute auch keine mehr im Ort. Vor drei Monaten haben die letzten Asylbewerber Clausnitz verlassen, sie wurden in größere Einrichtungen verlegt. Danach hat der Vermieter dem Landkreis gekündigt, die Wohnungen stehen seitdem wieder leer.

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