Döbeln nervt, also lass mal was tun

erschienen in ZEIT Campus

Im sächsischen Döbeln gibt es das Kulturzentrum Treibhaus, einen Ort der Gegenkultur. Seit 20 Jahren arbeiten Menschen dort gegen Rechtsradikale. Wie lange noch?

von Erica Zingher

Eigentlich sollte diese Geschichte über die mittelsächsische Stadt Döbeln anders beginnen. Sie sollte kurz vor Weihnachten ihren Anfang finden, als in den Bäckereien der Duft von Räuchermännchen hing. Die Geschichte sollte mit dem Sozialarbeiter Stephan Conrad beginnen und mit dem Treibhaus, einem soziokulturellen Zentrum in der Bahnhofsstraße Nummer 56. In der sächsischen Provinz, wo es sonst nicht viel gibt, sind solche Zentren wichtige Orte für junge und andersdenkende Menschen. Aber ihre Zukunft ist bedroht.

Döbeln ist eine Stadt mit 21.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die bis vor Kurzem kaum einer kannte. Aber das hat sich geändert und so beginnt die Geschichte einige Wochen später, die Bahnhofsstraße ein paar Hundert Meter weiter unten, in der Nummer zwei. Mit einem Sprengsatz, der Döbeln in die überregionalen Nachrichten brachte.

Am 3. Januar 2019, einem Donnerstagabend, gegen 19.20 Uhr, sollen drei Männer eine Substanz vor dem AfD-Parteibüro zur Explosion gebracht haben. Sie flüchteten im Auto, später wurden sie als Tatverdächtige festgenommen. Die Männer im Alter von 29, 32 und 50 Jahren wurden nach kurzer Zeit wieder freigelassen, Verdächtige in dem Fall sind sie immer noch. Bis heute ist ungeklärt, welches Motiv sie hatten, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In den Tagen nach dem Vorfall machte die AfD Mittelsachsen auf ihrer Facebook-Seite „linke Antidemokraten“ dafür verantwortlich und warb im selben Satz um neue Mitglieder. Auch vorher hatte es schon Kundgebungen der AfD in Döbeln gegeben, auch Informationsstände in der Altstadt, bei der letzten Bundestagswahl bekam die AfD 29 Prozent der Stimmen. Sichtbar ist die Partei in der Stadt aber kaum, bis eben auf das Büro. Die AfD braucht hier keine öffentlichkeitswirksamen Auftritte, gewählt wird sie auch so.

Nach dem Anschlag ist es schnell wieder ruhig geworden in Döbeln. Ausgestanden sei der Vorfall aber noch nicht, sagt Conrad, der Sozialarbeiter vom Treibhaus. Entscheidend werde es, wenn ein Urteil fällt. Außerdem stehen Döbeln in diesem Jahr noch drei Dinge bevor: eine Kommunal- und Bürgermeisterwahl und eine Landtagswahl. Für Conrad und das Treibhaus geht es dabei nicht nur um die Stimmung im Land, sie bangen auch um ihre Existenz. Conrad fürchtet, dass die AfD nach dem Anschlag noch mehr Stimmen bekommen wird.

„Haus der Demokratie“ steht in schnörkeliger Schrift über den Fenstern im zweiten Stock des Treibhauses. Der Verein ist in einem sanierten Altbau aus rotem Backstein untergebracht. Am Café des Vereins schützen Metallgitter die Fenster, sie sind nicht zufällig da. Einmal wurde der Verein von Neonazis attackiert, 2010 überfielen Mitglieder der verbotenen Kameradschaft Sturm 34 das Café, zerstörten Möbel, griffen Anwesende mit Stuhlbeinen und Flaschen an. Trotzdem steht die Eingangstür immer offen, jede und jeder soll im Treibhaus willkommen sein. Im Inneren des Hauses sind Wände und Tische mit Stickern und Plakaten tapeziert. „Nazis blockieren“, „Refugees Welcome“ – und die Termine für das nächste Thaiboxtraining.

Die alte Holztreppe hinauf im ersten Stock hat Conrad sein Büro mit gelb gestrichenen Wänden und abgewetztem Linoleumboden. Im November vergangenen Jahres stand Conrad, 32 Jahre alt, im angrenzenden Erker und blies Zigarettenrauch in die kalte Luft nach draußen. Auf seinem Schreibtisch Flyer, Projektanträge, Notizen, sein Kalender, stündlich geplante Wochentage. Von seinem roten Bürostuhl blickt er auf ein Plakat, darauf steht: „Rechte Gewalt beginnt nebenan. Du kannst etwas dagegen tun.“

Conrad war seit einigen Monaten eine Berühmtheit, seine Freundinnen und Freunde nennen ihn scherzhaft fame bitch. Nach den rechten Ausschreitungen in Chemnitz Ende August hatte sich Conrad an seinen Computer gesetzt, eine wütende Nachricht getippt und auf Facebook gepostet. Sie wurde tausendfach geteilt. „Wir sind nicht mehr“, schrieb er mit Bezug auf den in Chemnitz entstandenen Hashtag #Wirsindmehr, „wir sind die Minderheit in Sachsen.“ Und: „Wir sind die, die sich gegenüber Lokalpolitikern, Landtagspolitikern und Bundestagspolitikern rechtfertigen müssen und oft auch schikaniert werden, weil wir linksextrem seien.“

Damit spielte er auf die jährliche Rechtfertigungsdebatte in den Stadtratssitzungen in Döbeln an. Jedes Jahr müsse der Verein um mehr Geld betteln und hoffen, dass die Finanzierung genehmigt werde, erzählte er. Der Verein müsse sich erklären, müsse beweisen, dass er für ein kulturelles und diverses Leben in der Stadt einstehe. Und eben keine autonome Hochburg sei. Die zwei weiteren Jugendclubs in Döbeln werden zuverlässig von der Stadt finanziert; aber sie bieten auch nur einen Ort zum Rumhängen – keine Migrationsarbeit, keine Demokratieprojekte wie das Treibhaus.

Der Hiergebliebene

Orte wie das Treibhaus gibt es überall im Osten Deutschlands; in Städten wie Leipzig oder Dresden natürlich, aber auch in der Provinz, und dort sind sie besonders wichtig. Während in Westdeutschland in den Siebzigerjahren Bürgerhäuser entstanden, gab es im Osten staatlich kontrollierte Kulturhäuser, Jugendgruppen wie die Pionierorganisation oder die FDJ. Das alles fiel nach der Wende weg, in den Neunzigerjahren entstanden dann die neuen Kulturhäuser in Ostdeutschland. Sie waren Treffpunkte, aber auch Orte des Widerstands gegen die rechtsradikalen Umtriebe der Nachwendezeit. Sie waren Schutzorte, an denen sich von Neonazis bedrohte Menschen in Sicherheit wussten. Und sie sind es heute noch.

Auch Conrad hat das so erlebt. Er wuchs in Döbeln auf, ging hier zur Schule, wurde hier politisch und fand als Jugendlicher im Treibhaus einen Ort der Freiheit. Conrad ist nie weggegangen, er blieb. Er liebt die Ferne – in seinem Bücherregal reihen sich die Reiseführer, Kanada, Irland, USA –, aber leben und wirken will er im Kleinen.

Steingrau, DDR-Grau, darunter noch mehr Grau

Während die meisten seiner Schulfreunde und -freundinnen Ende der Neunzigerjahre sagten, Döbeln ist öde, ich muss hier weg, hat er gesagt: Döbeln nervt, also lass mal was tun. Als Conrad 16 Jahre alt war, besetzten Neonazis die übrigen Jugendclubs, ins Treibhaus kamen sie nicht rein. Hier hatten sich Menschen zusammengefunden, die sich gemeinsam gegen die Rechten positionierten und ein kulturelles Angebot machen wollten. Conrad übernahm ehrenamtlich eine Stelle als Hausmeister für den Verein, organisierte Veranstaltungen, half hier und da aus. Nach einer abgebrochenen Ausbildung und einem zu Ende gebrachten Studium wurde Conrad später Sozialarbeiter im Treibhaus.

Früher war Conrad optimistisch und motiviert, heute ist er immer häufiger frustriert. Döbeln erlebt, was überall in Ostdeutschland passiert: Junge Menschen, qualifizierte Arbeitskräfte, Andersdenkende, Alternative verlassen die Provinz, es zieht sie in die Städte, oft nach Leipzig, vielleicht nach Berlin. Diese Leute fehlen dann, auch im Café vom Treibhaus. Was bleibt, ist Leere.

Conrad klingt zynisch, sagt von sich aber, er sei Realist. Fragt man ihn nach der Zukunft der Stadt, dann sieht sie so aus: Die AfD wird 2019 stärkste Kraft in Sachsen, sie zieht in Döbelns Stadtrat ein, erhält die Entscheidungsmacht über das Fördergeld für den Treibhaus-Verein. Bald, sagt Conrad, würden Menschen ausgegrenzt und ausgewiesen, als Nächstes seien dann wahrscheinlich die links-grün versifften Gutmenschen dran. „Und die repräsentieren in Döbeln wir.“

Conrad fürchtet, dass seine Kolleginnen und Kollegen, vielleicht auch er selbst, den Job verlieren könnten, wenn der Verein kein Geld mehr erhält. Dann müsste er sein Leben in Döbeln aufgeben, dann müsste er weg. Wer würde noch übrig bleiben?

Wie eine mittelalterliche Filmkulisse

Wenn Conrad über den Marktplatz läuft, sieht er alte, verbitterte Menschen. Die wenigen Engagierten, die grüßt er. In seinem Haus zwischen Rathausturm und Kirche stehen alle Wohnungen leer. Zu wenige Menschen. Nachts, wenn es still wird in Döbeln, brennt in Conrads Fenster Licht, alle anderen bleiben dunkel.

Das Städtchen im Muldental kann tagsüber wie eine mittelalterliche Filmkulisse wirken, mit geputztem Kopfsteinpflaster und einem prächtigen, in den Himmel ragenden Rathausturm. Hin und wieder steht da ein altes, unverputztes Haus in der Reihe, leer und mit vernagelten Türen. Eine dicke Staubschicht klebt auf den Fenstern, Kinder haben Liebesbotschaften auf ihnen hinterlassen. Putz blättert von den Wänden, Farbe Steingrau oder: DDR-Grau. Darunter meist noch mehr Grau. Fast schon entschuldigend folgen viele strahlende Häuser in Himmelblau, Papayaorange und Sonnengelb.

Morgens um neun wirkt die Stadt aufgeräumt, am geschäftigsten. Trotzdem ist es still. Ein Rentner mit Schiebermütze sitzt auf einer Bank und blinzelt in die Sonne, daneben steht eine Touristengruppe und friert, ein altes Ehepaar tippelt über den Marktplatz, läuft seine Runde: Apotheke, City Kaufhaus, Bäckerei. Ansonsten: ein Geflüchteter, der einen Einkaufstrolley über das Kopfsteinpflaster zieht, zwei Männer an der Straßenecke, die sich leise auf Arabisch unterhalten, wenige Frauen, selten junge Menschen.

Orte der Gegenmacht

An einem Montagvormittag im November sitzt Henning Homann in seinem Büro am Niedermarkt und spielt nervös an seinem silbernen Ehering. Früher trug er lange Haare und sang in einer Punkband, heute trägt er Halbglatze und Hemd. Anders als Conrad wirkt Homann fast optimistisch, wenn er über Döbelns Zukunft spricht. Er ist Sohn eines Gewerkschafters und einer Erzieherin, er wurde früh mit politischen Ideen konfrontiert, trat mit 17 Jahren den Jusos bei.

Homann hat hier Abitur gemacht und wie viele seiner Mitschülerinnen und Mitschüler die Stadt später verlassen, in Leipzig studiert. Homann ist kein Dagebliebener. Er ist er einer der wenigen, die wiederkamen. Ob es eine schwere Entscheidung war, zurückzukommen? Homann überlegt lange, dann sagt er, damals schon. Aber heute lebe er gerne in der Stadt. Denn die Stadt sei eine, für die es sich zu kämpfen lohne.

Seit Kurzem ist Homann SPD-Generalsekretär in Sachsen. Immer wieder muss er das Gespräch unterbrechen, um zu telefonieren. Man bereite sich auf die Landtagswahl 2019 vor, entschuldigt er sich, viele in der Partei seien ängstlich. Es gibt eine akute Bedrohung durch die Neuen Rechten, die SPD fürchtet um ihre Stimmen.

Homann ist 39 Jahre alt, auch er hat die Neunzigerjahre in Döbeln als Jugendlicher erlebt. Fragt man ihn, wie es war, lächelt er und antwortet: schön. Homann sagt aber auch, die Neunzigerjahre seien eine Generationenerfahrung gewesen. Und das hieß, von Nazis bedroht zu werden, einzustecken, wegzurennen. Damals sei die Region unter Druck gewesen, er zeigt in alle Himmelsrichtungen: „In Wurzen wurde 1996 die erste national befreite Zone ausgerufen, das war da. Der Sturm 34 hat damals 40 Kilometer in diese Richtung in Mittweida getobt und die Jungen Nationalisten hatten 50 Kilometer in diese Richtung ihren Bundesstützpunkt.“

Verachtung im Blick

Für Homann, könnte man nun annehmen, müssen die Neunzigerjahre eine traumatische Zeit gewesen sein. Aber Homann sagt, nee, es war eine positive Zeit. Eine, in der eine Generation gesagt hat: „Das mach ma jetzt ni, wir lassen uns das nicht gefallen.“ Ende der Neunzigerjahre wünschte er sich einen Raum, in dem es keine Nazis gab wie auf den Straßen. 1997 gründet Homann mit Freunden den Treibhaus e. V. So fing alles an.

Fünf Jahre nach seiner Gründung zog der Verein in die Bahnhofsstraße Nummer 56. Soziokulturelle Zentren wie das Treibhaus waren, so nennt es Homann, Orte der Gegenmacht. Über die Jahre wurde daraus noch mehr: Es gab Jugendarbeit und Kulturveranstaltungen. Ziemlich bald wurde ein Café eröffnet, das Jugendbüro zog ein, eine Fahrradwerkstatt entstand und dann, nach einigen Jahren, wurde auch ein Migrationsbüro eingerichtet. „Wir haben den Kampf der Neunzigerjahre gewonnen“, sagt Homann. „Wir besitzen ein Haus. Wir haben ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir gewinnen Preise. Wir arbeiten hier mit Schulen zusammen. Das machen wir.“ Und eben nicht die Nazis der Stadt. Bis heute arbeitet der Verein auch mit den örtlichen Schulen zusammen, bietet historische Stadtführungen an, organisiert Vorträge.

Homann sei kein Lokalpatriot, sagt er, aber die Geschichte vom Treibhaus-Verein mache ihn stolz. Für Döbeln sei sie eine kleine Erfolgsgeschichte. Im Treibhaus ist ein Mann wie Homann gewachsen, ein sächsischer Generalsekretär einer bürgerlichen Partei. Der Verein hat 2015 eine Willkommensinitiative ins Leben gerufen, als 400 Geflüchtete eine Erstaufnahmeunterkunft bezogen. Er hat eine Kleiderkammer eingerichtet, Sprachkurse angeboten, Computerräume zur Verfügung gestellt. All das gibt es bis heute.

Döbeln, sagt Homann, hat heute vieles, was anderen sächsischen Provinzstädten fehle: ein Theater, ein Kino, eine Skatehalle, ein Hallenbad, eine Kleinkunstszene und den Treibhaus-Verein. Er spricht von einem funktionierenden Bürgertum, das nicht nur aus 50 Menschen bestehe, es seien 150 engagierte Bürgerinnen und Bürger. Das Gegenteil von einem Neonazi sei nämlich der Demokrat, sagt er, und nicht etwa der Linksextremist oder der Autonome, wie es manche den Treibhäuslern unterstellen.

Begleitet von einem Schatten

Spricht man Menschen beim Mittagessen am Nebentisch an, sagen sie: Hier ist’s gut. Conrad aus dem Treibhaus hält das für eine Verharmlosung. Döbeln hat zwar keine rechtsextremen Aufmärsche erlebt wie Chemnitz, und ja, es gibt schlimmere Regionen in Sachsen. „Aber wir reden hier ja von gesellschaftlichen Zuständen“, sagt Conrad. Für Menschen wie ihn sind rechtsextreme Strukturen nichts Abstraktes, sondern reale Personen. Und die gibt es auch in Döbeln. Damals wie heute, zum Beispiel Stefan Trautmann.

Trautmann ist 33 Jahre alt und seit vier Jahren NPD-Stadtrat in Döbeln. Er ist einer, vor denen das Treibhaus Schutz bieten soll. Auch er ist hier aufgewachsen und geblieben. Manchmal, wenn Conrad einkaufen geht, begegnet er Trautmann. Auf die Frage, wie er dann reagiere, sagt er: „Ich blicke ihn dann an, mit Verachtung.“ Trautmann hingegen grinse einfach nur.

Trautmann war am 1. Mai 2015 an einem gewalttätigen Übergriff auf eine DGB-Kundgebung in Weimar beteiligt. Sein Vorstrafenregister ist lang: Es reicht von vorsätzlicher Körperverletzung über Diebstahl, Sachbeschädigung bis hin zu Hausfriedensbruch. Heute, sagt er, schäme er sich für seine Taten von damals.

Trautmann läuft mit schnellen Schritten um die Ecke auf den Rathausplatz zu. Er ist spät dran zum Gesprächstermin. Er ist nicht alleine gekommen. Ein junger Mann, vermutlich im selben Alter, erwartet ihn bereits. Sie begrüßen sich mit freundschaftlichem Handschlag. Die nächste Dreiviertelstunde wird er Trautmann wie einen Schatten begleiten. Er wird, unbeholfen auffällig, Fotos vom Geschehen machen und auf die Frage, ob er nicht selbst auf den Fotos sein wolle, antworten: Dann müsse er die Kamera zerstören.

Er wird nicht fragen, ob er beim anschließenden Gespräch dabei sein darf, er wird es einfach tun. Sich an den Tisch nebenan setzen, ab und an auf seinem Smartphone herumtippen, etwas dazwischenrufen. Und seinen Namen nicht nennen. Wer dieser Mann ist, lässt sich auch später nicht klären. Im Treibhaus weiß niemand, wer er sein könnte. Er bleibt ein Unbekannter, der offensichtlich versucht, einschüchternd zu wirken. Trautmanns Schatten wird die nächsten Tage immer wieder auftauchen: beim Bäcker, in den Gassen, auf dem Rathausplatz. Er wird sein Revier markieren. Aber zunächst ist er da, um auf Trautmann aufzupassen, damit keine Aussage falsch verstanden wird. Man habe schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht, hatte Trautmann zuvor am Telefon gesagt.

Der Bürgermeister schweigt

Trautmann wirkt, als gebe er sich größte Mühe, normal zu sein. Er trinkt Kaffee und nennt sich Nationalist, aber nicht rechts. Er hat seine Radikalität in eine scheinbare Bürgerlichkeit umgekehrt, er gibt sich als verantwortungsvoller Mann des Volkes. Imagewechsel, so nennen das Beobachter der örtlichen rechten Szene. Seit Jahren bemüht sich die NPD, nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, auch in Döbeln. Sie sucht nach Themen, die sie noch besetzen kann, nachdem die AfD aufgetaucht ist. Steht die NPD also in Konkurrenz zur AfD? Nein, sagt Trautmann, eher als Ergänzung.

Im vergangenen Jahr hat sich der NPD-Mann als fürsorglicher Bürger inszeniert. Das sah so aus: Trautmann entsorgte Müll von den Gehwegen, ließ sich mit Handschuhen und Mülltüte ablichten und entfernte Moos von Gedenktafeln gefallener deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg. Außerdem begann er 2018 mit anderen Neonazis unter dem Motto „Sicherheit für Döbeln“ zu patrouillieren, sie errichteten eine „Schutzzone“, nannten es „auf Streife sein“. Dabei trugen sie rote Westen, auf ihren Rücken stand „Wir schaffen Schutzzonen“. Anfang Dezember veranstaltete er ein Familienfest, mitten auf dem Niedermarkt, mit Gulaschkanone und Glücksrad. „Für Deutsche alles kostenlos“ ließ sich der Einladung bei Facebook entnehmen. Trautmann versteht es, seine Aktionen wie harmlose Feste aussehen zu lassen. Selbst kritische Bürgerinnen und Bürger der Stadt, heißt es aus dem Treibhaus, hätten plötzlich Sympathie für diese Aktionen gehabt. Erst wenn man sie darauf hingewiesen habe, wer dahinter steckte, hätten sie erschrocken reagiert.

Gegen das Treibhaus habe er prinzipiell nichts, sagt Trautmann, er finde es sogar gut, auch wenn die Leute im Verein das nicht gerne hörten. Es sei wichtig, dass es mehr Orte für junge Menschen gebe, nur der politische Anstrich, der gefalle ihm nicht. Das Schubladendenken, entweder links sein oder rechts, das nerve ihn.

2017 hat Trautmann das Treibhaus noch als „linksversifften Verein“ bezeichnet. Im selben Jahr sprayten Unbekannte rechte Parolen an die Fassade des Vereins. „NS Kiez“, „Anti Antifa“ und „Unsere Stadt unsere Regeln“ stand da plötzlich. Conrad vermutet Trautmann dahinter, bewiesen ist es nicht. Dass ein gewaltbereiter Neonazi wie Trautmann im Stadtrat sitze, zeige, dass es Menschen in Döbeln gebe, die ihn für eine Alternative im Parteienspektrum hielten, sagt Conrad, das mache ihm Sorge. Die heutige Sympathiebekundung glaubt er ihm nicht.

Bangen um den Ruf der Stadt

Döbelns Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer von der CDU, so erzählt man es im Treibhaus, habe sich 2009 hilflos gezeigt, als die rechtsextreme Gruppe Nationale Sozialisten Döbeln einen Aufmarsch in der Stadt ankündigte. Damals, sagt eine Frau bei einem Nähtreff im Treibhaus, habe er den Vorschlag gemacht, Fenster und Türen zu schließen, die Nazis zu ignorieren und einfach durch leere Straßen laufen zu lassen. Und zwei Jahre später wollte er immer noch nicht zugeben, dass es in der Stadt Rechtsextremismus gibt. „Hier ist Ruhe“, sagte er damals der ZEIT. 2015 dann sprach sich der Bürgermeister im Stadtrat gegen Hetze und Gewalt aus und bot auch Trautmann Paroli, als der sich rassistisch über Geflüchtete äußerte.

Wie sieht der Bürgermeister die Situation in seiner Stadt heute? Wie gefährlich sind die Nazis und wie bedrohlich die AfD? Und welche Rolle spielt das Treibhaus darin? Egerer möchte nicht sprechen. Auf mehrfache Anfrage teilt sein persönlicher Referent immer wieder mit: „Oberbürgermeister Egerer möchte sich nicht zu der genannten Thematik äußern.“ Man habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit überregionalen Medien gemacht.

Dafür haben einige in Döbeln Verständnis, sogar der SPD-Mann Homann. Sachsen werde stigmatisiert, sagt er, es werde immer wieder das Klischee „Nazis, Osten, Hinterland“ bedient und das schade der Stadt. Reporterinnen gingen nach der Recherche wieder weg, „aber ein Stephan Conrad oder ich, wir sind weiter hier“.

Noch ist es still

Dass es nach der Explosion vor dem AfD-Büro keine Proteste, keine Ausschreitungen gab, liegt nach Homanns Auffassung auch an den gewachsenen Strukturen, auch am Treibhaus. Bislang hat das soziokulturelle Zentrum dafür gesorgt, dass die Rechten eben nicht die Oberhand hätten. Aber was, wenn sich die Empörung über die Gewalt gegen das AfD-Büro im Wahlergebnis niederschlägt? Eine bislang schweigende Mehrheit der Stadt könnte dann laut werden.

Das ist es, wovor sich auch Conrad fürchtet. Wenn es das Treibhaus nicht mehr gäbe, wenn die Projekte eingestellt würden, wenn Conrads Zukunftsängste Wirklichkeit würden, dann blieben nur die Pflegenotdienste, die Bäckereien und die Geschäfte mit staubiger Billigauslegeware. Aber keine Orte für junge, andersdenkende Menschen, keine für Geflüchtete. Viel leerer Raum für Rechtsextreme und Nazis.

Eine Punkerin mit giftgrün gefärbten Haaren zieht ihre Supermarkttüte durch die Stadt, sie trägt Leggins und eine Jeansjacke. Ein Nietengürtel baumelt tief bis in ihre Kniekehlen, sie lächelt in Richtung der anderen Straßenseite, als hätte sie eine Verbündete entdeckt. Plötzlich taucht ein Neonazi auf, er trägt eine Bomberjacke, eine helle, ausgewaschene Jeans, Springerstiefel, in der rechten Hand ein Bier. Es ist Trautmanns Schatten. Aus seiner Musikbox tönt lauter Rechtsrock, niemand dreht sich um, niemand schaut hin. Die Punkerin und der Schatten reagieren nicht aufeinander, wer weiß, ob sie sich wahrnehmen.

Kurze Zeit später schiebt ein Mann sein schwarzes Klavier auf einem Rollbrett über das Kopfsteinpflaster. Als er zu spielen beginnt, bleiben die Menschen verzaubert stehen, immer für einige Takte, werfen ihm dann Münzen in den auf dem Boden liegenden Zylinder.

Nachts, über dem Spirituosenladen am Niedermarkt, öffnet sich ein Fenster. Zwölfmal, zur vollen Stunde, schlägt die Rathausglocke ein tiefes E. Niemand ist auf den Straßen. Aus der Dunkelheit des Zimmers tritt eine Person, sie schüttelt eine strahlend weiße Bettdecke aus, die es in der winterlichen Stadt schneien lassen möchte, doch nichts fällt herunter. Es dauert einen kurzen Moment, dann verschwindet die Gestalt wieder ins Grün der Hausfassade. Das Zimmer bleibt dunkel und in Döbeln ist es wieder still.

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