Streit um Dialog am Freiberger Theater

erschienen in Freie Presse vom 23. Mai 2019

Eine Publizistin und ein Pfarrer haben am 28. März über rechte Christen diskutiert. Die AfD fühlt sich dabei angegriffen.

Steffen Jankowski

Freiberg – Die Auseinandersetzung um die Kunst- und Meinungsfreiheit am Mittelsächsischen Theater eskaliert. In einer Erklärung hat sich die künstlerische Leitung des Hauses gegen Geschäftsführer Hans Peter Ickrath und Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos) gestellt. Intendant Ralf Peter Schulze, Generalmusikdirektor Raoul Grüneis, Schauspieldirektorin Annett Wöhlert, Chordirektor Peter Kubisch und Judica Semler als Oberspielleiterin Musiktheater betonen, die Veranstaltung „Dialog – Wir haben die Wahl“ am 28. März habe weder ein Neutralitätsgebot, noch den Gesellschaftszweck verletzt. Auch gegen den Gesellschaftsvertrag und den Mietvertrag des Theaters sei nicht verstoßen worden. Ebenso zurückzuweisen sei der Verdacht einer Zweckentfremdung von Steuermitteln.

Entsprechende Vorwürfe hatte AfD-Stadtrat Marko Winter in einer Anfrage an die Stadt thematisiert; Freiberg, Döbeln und der Landkreis sind die Gesellschafter des Theaters. OB Krüger hatte Winter recht gegeben und erklärt, derartige Veranstaltungen widersprächen dem Gesellschaftsvertrag und dürften „in Zukunft nicht mehr in den Räumlichkeiten und in Verantwortung des Theaters organisiert und durchgeführt werden“.

Die künstlerische Leitung des Theaters hält das „für einen deutlichen Eingriff in die Spielplangestaltung, den wir entschieden ablehnen“. Das inhaltliche Konzept, die Spielplanaufstellung und die künstlerische Umsetzung lägen allein in Verantwortung des Intendanten mit den künstlerischen Leitern. Kunst- und Meinungsfreiheit seien nicht verhandelbar: „Politischer Einflussnahme auf die Theaterarbeit gilt es unmissverständlich entgegenzutreten und sie nicht zuzulassen. Entscheidungen über öffentliche Förderung dürfen nicht als Druckmittel eingesetzt werden, um meinungskonforme oder unkritische Haltungen gegenüber gesellschaftspolitischen Prozessen zu erzwingen.“

Das Format „Dialog“ sei Teil eines Konzepts zum Kulturpakt 2019 bis 2022, heißt es weiter. Geschäftsführer Ickrath habe die Veranstaltung am 28. März ohne Rücksprache mit dem Intendanten in den Städtischen Festsaal verlegt: „Dieser Eingriff in die konzeptionell bestätigte Theaterarbeit wird von der künstlerischen Leitung weder inhaltlich noch formal mitgetragen.“

Das vom FAZ-Journalisten Stefan Locke moderierte Forum mit der Publizistin Liane Bednarz und dem Freiberger Pfarrer Michael Stahl habe keinen wahlempfehlenden Charakter gehabt: „Thema dieser Veranstaltung war weder die AfD, noch eine andere Partei, sondern die Neue Rechte und ihre Wirkungsmöglichkeiten und Wirkungsweisen innerhalb der Kirche und unter Christen.“

Die Theaterleute fordern, gemeinsam eine Wahrnehmung zu entwickeln für die Herausforderungen in einer globalisierten Welt: „In dieser nimmt das Theater seine wertebildende Chance wahr, Ideen zu entwickeln für eine auch zukünftig pluralistische, freiheitlich demokratische Wertegemeinschaft – in und für die Stadt Freiberg.“

OB Krüger erklärte auf Nachfrage, er sehe die Freiheit der Kunst nicht gefährdet. „In den letzten Tagen wurde vielfach und meist auf Grundlage von falschen Informationen über die Freiheit der Kunst im Allgemeinen und speziell am Freiberger Theater diskutiert.“ Er habe am 15. Mai mit der künstlerischen Leitung über die gegenseitigen Erwartungen gesprochen. Fazit: Es habe niemals ein Verbot der Veranstaltung gegeben; Kunst- und Meinungsfreiheit seien Grundlage der künstlerischen Arbeit der Theater. „Es gibt aber Grenzen gerade in einem engen Zeitraum vor anstehenden Wahlen. Hier muss zukünftig mit einer größeren Sensibilität von allen Beteiligten darauf geachtet werden, diese nicht zu überschreiten“, so Krüger am Mittwoch.

Die Freiheit der Kunst sei in keinem Fall gefährdet, so CDU-Landrat Matthias Damm: „Als Gesellschafter mischen wir uns generell nicht in künstlerische Dinge ein.“ Es sei hier eine besondere Konstellation für die Verlegung des Veranstaltungsortes gewesen. Die Debatte werde zu einer Veranstaltung geführt: „Es wäre nicht richtig, alles bisherige und zukünftige infrage zu stellen.

dazu Sven Krüger auf Facebook

Wie in der ganzen Diskussion bisher wurden wieder einmal mehr nur die Fakten dargestellt, die dem Journalisten ins Konzept passten. Deswegen hier die vollständige Presserklärung, die die Stadt abgegeben hat einschließlich der Einschätzung durch Staatsministerin Stange, dass es keine Rechtsverletzungen durch die Verlegung gegeben hat.

Zu der ganzen Diskussion passt auch der aktuelle Artikel in der Welt vom 22. Mai, dass die Menschen sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen:
„Mehr Tabuthemen: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Nur rund jeder fünfte Deutsche fühlt sich in der Öffentlichkeit frei, seine Meinung zu äußern. Besonders bei einigen politischen Themen herrscht das Gefühl, es gebe Tabus und ungeschriebene Gesetze, was akzeptabel sei.

https://www.welt.de/…/Deutsche-sehen-Meinungsfreiheit-in-de…“

Ich jedenfalls werde meine Meinung weiter äußern, auch wenn es manchmal anstrengend ist, werde weiter auch weiter kritisch sein, wenn ich es für erforderlich halte. Aus meiner Erfahrung gibt es gerade in der Politik zu viele, die nicht mehr anecken wollen und deswegen nur noch mit dem gerade aktuellen Mainstream schwimmen. Ich akzeptiere aber auch die Meinung des Intendanten, auch wenn ich Sie nicht teile, leider ist diese Einstellung beim Gegenüber nicht vorhanden.

Wenn ich mir allerdings etwas wünschen könnte, wäre es eine sachliche den journalistischen Grundsätzen entsprechende ausgewogene Berichterstattung in den Medien, damit der Leser sich objektiv eine Meinung bilden kann. Aber dieser Wunsch ist wohl vergeblich…

LESERFORUM

Von der Sorge um die Demokratie

Im Beitrag „Theater ist immer politisch“ vom 9. Mai hatte OB Sven Krüger (parteilos) kritisiert, das Freiberger Theater habe bei der Veranstaltung „Dialog – Wir haben die Wahl“ am 28. März unzulässige Wahlwerbung betrieben. Für Linke-Stadträtin Jana Pinka sind Theater indes „historisch die Orte der demokratischen Willensbildung“. Zur Debatte darüber erreichte uns folgender Leserbrief.

Mit Sorge habe ich die Reaktionen der Lokalpolitik auf die Lesung verfolgt. Hat nicht fast jede Veranstaltung eines Theaters eine tiefe politische Dimension? Wenn ich dies bedenke, stoße ich auf die Frage, ob es die Aufgabe eines Oberbürgermeisters oder Stadtrats ist, darüber zu entscheiden, ob ein Theater zum Beispiel Beethovens Fidelio produzieren darf, ebenfalls ein hochpolitisches Stück, dessen zentrales Thema die Freiheit des Menschen ist? Oder würde die Oper deshalb vielleicht kurzfristig aus den Theaterräumen verlegt, weil sie aufgrund ihrer politischen Aussage nicht mit der Satzung des Theaters konform ist?
Das mag zunächst absurd erscheinen, aber die Gefahr der Politik, auf diesem Weg eine neue „Entartete Kunst“ zu definieren, ist groß. Es ist immanente Aufgabe eines Theaters, sich nicht zuletzt mit politischen Zeitströmungen auseinanderzusetzen und ein Forum für einen Diskurs innerhalb der Bürgerschaft zu bieten.

Wenn nun infrage gestellt wird, ob eine Buchlesung über ein politisches Thema und einer sich anschließenden Podiumsdiskussion mit der Autorin, einem evangelischen Pfarrer und einem Journalisten einer der renommiertesten deutschen Tageszeitungen in einem Theater seinen Platz haben sollte, dann fürchte ich um unsere demokratische Verfasstheit und den Beginn einer neuen politischen Zensur.

Prof. Christopher Jung per Email

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