Freiberg im NS

Tafel-Streit um Thälmannkopf

erschienen in Freie Presse vom 19. April 2017

Eine Idee sorgt für Aufregung: Die Linken wollen das Freiberger Denkmal des 1944 ermordeten und in der DDR verherrlichten KPD-Chefs ergänzen. Das Rathaus enthält sich einer politischen Bewertung.

Von Frank Hommel

Freiberg. Rechtsanwalt Jörg Woidniok führt die CDU-Fraktion im Kreistag Mittelsachsen. Auch als Leiter des Amts für Betriebswirtschaft, Recht und Stadtrat in der Freiberger Stadtverwaltung steht er in der Öffentlichkeit. Diesen Brief aber möchte Woidniok als Ausdruck seiner persönlichen Meinung verstanden wissen. Er wolle sich, schreibt er an die „Freie Presse“, als „Privatperson“ zu einer Nachricht äußern, die er zunächst für einen „Aprilscherz“ gehalten habe. Da dem nicht so sei, hoffe er nun, dass sich genug Freiberger Bürger finden, „die diesem absurden Plan“ entgegentreten und die „makabere Ergänzung“ des „an sich schon überflüssigen“ Denkmals verhindern.

Es geht um die Idee der Freiberger Linken, das Ernst-Thälmann-Denkmal am Meißner Ring nahe der Altstadt um eine Gedenktafel zu erweitern. So solle „Thälmanns Stellenwert als aufrechter Antifaschist im Kampf gegen Hitler und seinen Faschismus“ herausgestellt werden, hatte Reik Kneisel vom Ortsverband der Partei die Idee begründet. Woidniok sieht das anders. Der 1944 in Buchenwald auf Befehl Hitlers ermordete Thälmann sei nicht in erster Linie Antifaschist, sondern Stalinist und Antidemokrat gewesen. Er verweist darauf, dass Thälmann die Weimarer Republik – „die erste deutsche Demokratie“ – massiv bekämpft habe, notfalls auch mal zusammen mit den Nazis. Das Denkmal selbst könne seiner Meinung nach stehen bleiben, so Woidniok im Gespräch mit der „Freien Presse“. Es erinnere ja auch an die Geschichte der DDR. Dort wurde Thälmann zum verniedlichend „Teddy“ genannten Helden stilisiert. Aber eine heutige Würdigung ginge entschieden zu weit. Woidniok: „Den Protagonisten des Ortsverbandes, die hinter diesem Ansinnen stehen, fehlen offensichtlich grundlegende historische Kenntnisse zur Rolle und Person der KPD-Frontfigur.“ (mehr…)

Ringvorlesung an der TUBAF „Freiberg in der NS-Zeit“

Im Rahmen des Studium Generale findet im Sommersemester 2017 eine interessante Ringvorlesung zum Thema „Freiberg in der NS-Zeit“ an der TUBAF statt.

Termin: jeden Dienstag 16:30 Uhr
Ort: WER-1045

Weitere Informationen und Veranstaltungsübersicht: pro Wissen, S. 27ff.

Während zur Geschichte Freibergs umfangreiche Studien für die Zeit bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert existieren, ist für das lange 20. Jahrhundert eine schmerzliche Lücke zu konstatieren. In Zusammenarbeit mit dem Freiberger Altertumsverein e.V. und dem Stadt- und Bergbaumuseum als kompetenten Partnern möchte das Studium generale der TU Bergakademie Freiberg daher für die NS-Zeit die Geschichte Freibergs – und auch der Bergakademie – in einen größeren Zusammenhang einbinden. Zusammen mit namhaften auswärtigen Vortragenden soll daher eine Geschichte Freibergs in der NS-Zeit in Grundzügen dargestellt und sichtbar gemacht werden.

Die Schattenseite des Retters von Freiberg

erschienen in Freie Presse vom 24. September 2015

Ein Historiker relativiert das Bild des einstigen OB Werner Hartenstein. Der übergab die Stadt 1945 kampflos an die Rote Armee – stellte sich zuvor aber in den Dienst des Dritten Reiches.

Von Frank Hommel

Freiberg – Er gilt als Retter von Freiberg: Werner Hartenstein, Oberbürgermeister der Stadt von 1924 bis 1945. „Sein besonnenes Handeln bewahrte Freiberg 1945 vor der sinnlosen Zerstörung“, heißt es auf einer Gedenktafel. Er sei kein fanatischer Kämpfer für die Idee des Nationalsozialismus bis zum letzten Blutstropfen gewesen, schreiben Biografen. Hartenstein hatte sich in den letzten Kriegstagen dem Befehl des SS-Chefs Heinrich Himmler widersetzt, die Stadt „bis zum letzten Blutstropfen“ verteidigen zu lassen.

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Hitlers Bomber und das KZ Freiberg

erschienen in Freie Presse vom 18. Februar 2015

1000 jüdische Frauen aus Auschwitz bauten ab Sommer 1944 in Freiberg an einer „Wunderwaffe“ der Nazis. Ein Freiberger Historiker dokumentiert die ergreifenden Schicksale der Häftlinge – und welche enorme Bedeutung die sächsische Kleinstadt noch kurz vor Kriegsende für die nationalsozialistische Rüstungsindustrie bekam.

Von Oliver Hach

Freiberg. Mehr als 300 Meter lang war er einst, der rote Backsteinbau hinter dem Landratsamt. Doch im Sommer 2011 kamen die Abrissbagger. Mit Fördermitteln aus Brüssel wurde gründlich aufgeräumt. Es verschwand ein großer Teil der gigantischen Industrieruine, mit der man nichts mehr anfangen konnte. Geblieben sind Parkplätze, Grünland und eine Info-Tafel zum „Teilabbruch des alten Porzellanwerkes Frauensteiner Straße in Freiberg“. Darauf der Hinweis: „Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung. Investition in Ihre Zukunft“.

Michael Düsing hat auch investiert: in die Bewahrung der Vergangenheit. Dass weiter erinnert wird an das, was man von diesem Ort wissen muss. Unter einem trüben Winterhimmel steht er vor einer Fassade aus bröckelndem Mauerwerk und zerbrochenen Fensterscheiben. Wo sie endet, schloss sich einst ein weiterer Gebäudeflügel an. Dort bauten vor 70 Jahren jüdische Frauen an Hitlers „Wunderwaffe“.

Im Sommer 1943 toben schwere Luftkämpfe über Deutschland. Immer mehr Städte werden von englischen und amerikanischen Bombern angegriffen. Die deutsche Luftwaffenführung erhöht den Druck auf die Rüstungsindustrie. Die Produktion von Jagdflugzeugen und Bombern soll massiv gesteigert werden, zugleich werden gefährdete Fertigungsstandorte in vermeintlich sichere Gebiete verlegt.

Von strategischer Bedeutung sind dabei die Arado-Flugzeugwerke mit Sitz in Potsdam-Babelsberg, die den ersten strahlgetriebenen Bomber der Welt liefern. Die Düsenjets des Typs Ar 234 werden von Rüstungsminister Albert Speer in einer Rangfolge der Dringlichkeit an zweiter Stelle gelistet – noch vor den von der NS-Propaganda gefeierten V-2-Raketen. Doch die wichtigsten Produktionsstandorte in Brandenburg-Neuendorf und in Wittenberg gelten nicht mehr als sicher. (mehr…)

Freibergs Kirchen unterm Hakenkreuz

erschienen in Freie Presse vom 19.12.2011

Erstes Buch zur Regionalgeschichte der christlichen Gemeinden in der Nazi-Zeit erschienen

Freiberg. Berlin am 30. Januar 1933: Adolf Hitler wird Reichskanzler. Weite Teile der deutschen Bevölkerung bejubeln den Führer und seine Nationalsozialisten. Auch von den christlichen Gemeinden in Freiberg kommt damals Beifall. „Es ist davon auszugehen, dass die Machtergreifung der Nazis auch in den Kirchen der Stadt weithin begrüßt wurde“, sagt Karl-Hermann Kandler. Der Freiberger Theologe hat jetzt das erste Buch über die städtische Kirchengeschichte in der Zeit zwischen 1933 und 1945 vorgelegt.

Zehntausende Aktenblätter wertete er dazu in Kirchen- und Stadtarchiven aus. Ergebnis: Es gab keinerlei kritische Stellungnahmen Freiberger Pfarrer zur nationalsozialistischen Machtübernahme. Gleichwohl gingen weite Teile der hiesigen Geistlichkeit schon bald auf Distanz zu Hitler. Verfolgten Juden halfen sie jedoch nicht. Es sei denn, sie waren – illegal – getauft. „Die Aufarbeitung dieser Zeit ist zu kurz gekommen“, resümiert Kandler.

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„Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt.“ Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945

Unter dem Titel

„‘Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt‘. Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945“

hat am 20.09.2011; 11 Uhr im Rathaus Freiberg; Obermarkt
die erste umfassende Dokumentation zur Judenverfolgung im sächsischen Freiberg Premiere.

„Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt“, schrieb 1939 resigniert der Weinhändler Max Freud an den damaligen Freiberger OB, Dr. Werner Hartenstein. Der Jude Max Freud sah nach der Vernichtung seiner wirtschaftlichen Existenz durch NS-Staat und Gestapo und nach den andauernden Demütigungen durch Freiberger Bürger für sich keinen Ausweg mehr. Er schien zu ahnen, was ihm noch bevor stand. Max Freud starb 1942 im KZ Dachau. Seine Geschichte ist durch eine schmale Akte im Stadtarchiv Freiberg belegt. (mehr…)

Jüdische Geschichte in Freiberg

erschienen in FreibÄrger #74

„Die Geschichte der sächsischen Bergstadt Freiberg war über Jahrhunderte seit der Stadtgründung am Ende des 12. Jahrhunderts auch eine Geschichte der Leistung und des Anteils jüdischer Bevölkerung an der Entwicklung und am Aufblühen der Stadt und ihrer Umgebung. Bis zum frühen 15. Jahrhundert gehörte Freiberg zu jenen Städten des sächsisch-wettinischen Territoriums, in denen eine bedeutende jüdische Ansiedlung Zeichen wirtschaftlichen Wohlstands und blühenden Handels war.“1

Neben der grausamen Verfolgung und der Zwangsarbeit im KZ-Außenlager Freiberg, der jüdische Menschen in Freiberg zur Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt gewesen sind und über die wir in den letzten Ausgaben berichtet haben, wollen wir hier auch einmal den fast vergessenen Teil der jüdischen Geschichte Freibergs beleuchten. Denn obwohl der schreckliche Plan der Nationalsozialist_innen – die Ausrottung der europäischen Jüdinnen und Juden – leider erst viel zu spät – vereitelt werden konnte, hatten die Nazis es geschafft, die Erinnerungen an jüdisches Leben weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Aus dem öffentlichen Leben waren Jüdinnen und Juden ohnehin verschwunden und auch in der DDR änderte sich daran wenig.

Denn im „antifaschistischen Staat“ standen vor allem Kommunist_innen und Widerstandskämpfer_innen im Fokus der Erinnerung. „[D]ie Jüdischen Opfer blieben, ebenso wie die verfolgten Sinti und Roma, Homosexuellen oder Zeugen Jehovas, in aller Regel anonym, verborgen in der ebenso ungeheuerlichen wie unvorstellbaren Zahl von Millionen Verfolgten und Ermordeten.“2 Nicht nur der Opfer, sondern auch der Täter wurde sich entledigt. Obgleich die Verfolgung von NS-Eliten in der Sowjetischen Besatzungszone konsequenter vorangetrieben wurde, fand eine Auseinandersetzung mit der individuellen Verquickung großer Teile der Bevölkerung in das nationalsozialistische System nicht statt. Im Gegenteil, nach Maßgabe der DDR-Führung waren die deutschen Arbeiter_innen die ersten Opfer des Faschismus gewesen – noch vor denen der Shoa. So gerieten letztere schnell in Vergessenheit. Noch 50 Jahre nach dem Novemberprogrom 1938, das auch in Freiberg stattgefunden hatte, galt der Versuch der Evangelischen Jungen Gemeinde Freiberg, daran zu erinnern, als „Störung der öffentlichen Ordnung“ und wurde untersagt.3 Viele glaubten damals noch immer der Mär, in Freiberg habe es kaum Juden gegeben und die wenigen, die es gab, seinen alle entkommen. Auch der 1986 anlässlich der 800-Jahr-Feier erschienene Sammelband zur Geschichte der Bergstadt Freiberg enthält kaum Informationen über jüdisches Leben. Erst die politische Wende 1989 und das große Engagement Dr. Michael Düsings in den darauf folgenden Jahren brachte vieles wieder ans Tageslicht, wenngleich die meisten Freiberger davon keine Kenntnis nehmen. Umso mehr ist der Autorin Sabine Ebert zu danken, dass sie in ihren Büchern das Thema aufgegriffen und mit Leben gefüllt hat. (mehr…)

Die Fronfeste

Viele Spuren des Nationalsozialismus sind in Freiberg längst vergessen. Dazu gehört auch die Geschichte des Gebäudes an der Ecke Nonnengasse/Waisenhausstraße, in dem sich heute das „Hotel am Markt“ befindet. Das geschichtsträchtige Gebäude wurde um 1500, nach dem großen Stadtbrand, gebaut. Eine Plakette am Haus erinnert an seine Funktion als Waisenhaus, die es ab 1808 erfüllte. Später befand sich dort die Knabenbürgerschule. Zeitweise wurde das Gebäude außerdem als sogenannte „Fronfeste“ genutzt. “In Friedenszeiten wurden Landstreicher und grölende Trunkenbolde inhaftiert, in Kriegszeiten der jeweilige Gegner“, so wird auf der Website des „Hotels am Markt“ die Funktion benannt. Eine Fronfeste ist also ein Ort zur Verwahrung von Menschen. Auch Folterungen fanden dort statt. Über die Zeit des Nationalsozialismus aber schweigen sowohl die am Haus befestigte Plakette, als auch die Website des Hotels. Dort heißt es lediglich: „Während und nach dem zweiten Weltkrieg wurden hier Lebensmittelkarten für die Freiberger verteilt.“

Allerdings errichteten die Nationalsozialisten bereits wenige Jahre zuvor an selber Stelle ein sogenanntes Schutzhaftlager, in dem Oppositionelle eingesperrt und gefoltert wurden. Eine weitere Terrorstätte befand sich im Gebäude des ehemaligen Porzellanwerkes am Hammerberg. Dort wurden mindestens 38 Antifaschisten grausam gefoltert. In der Fronfeste waren teilweise bis zu 26 Häftlinge inhaftiert. Auch der spätere Freiberger Bürgermeister und Buchenwald-Überlebender Karl Günzel wurde am 7. März 1933 eingekerkert, ebenso wie die Leitungsmitglieder der KPD, die Gebrüder Beckert zwei Tage später. Nachts soll der NSDAP-Kreisleiter die eingesperrten Häftlinge durch den Türspion beobachtet haben.
Für ihre Bewachung und ebenso für die Verpflegung hatten die Häftlinge selbst zu zahlen. Der Tagessatz des Polizeiamtes betrug zwei Reichsmark, was damals allerdings sehr viel Geld gewesen ist.1

Die „Schutzhaftlager“ existierten in Freiberg bis Ende 1935. Mit der Einführung von Sondergerichten wurden Tausende – das Sondergericht des Landes Sachsen hatte seinen Sitz in Freiberg – in Schnellprozessen zu Haftstrafen verurteilt und später in Konzentrationslager überführt. Angesichts der verübten Verbrechen wäre ein Hinweis am Haus und in der Rubrik Geschichte auf der Website des Hotels wohl durchaus angebracht. Zumal sich am Haus bereits eine Gedenkplakette befindet, die die Zeit des Nationalsozialismus allerdings ausspart.

  1. Bélafi, Béla (1986): Von der Errichtung der faschistischen Diktatur bis Kriegsbeginn. In: Kasper, Hanns-Heinz/Wächtler, Eberhard (Hrsg.): Die Geschichte der Bergstadt Freiberg. Weimar, Hermann Böhlaus Nachfolger: S. 282 [zurück]

Was lange währt, wird endlich gut?

erschienen in FreibÄrger #72

von Michael Düsing

Voraussichtlich nun im Mai 2010, nach etlichen Bauverzögerungen, soll das neue Einkaufszentrum in der Freiberger Petersstraße, am Ort des einstigen Schocken-Kaufhauses, seine Pforten öffnen und eine fast 100jährige Handelstradition an dieser Stelle wieder aufnehmen.
Im März 1914 als zehntes Kaufhaus der in Zwickau ansässigen Unternehmer Simon und Salman Schocken eröffnet, gehörte das Freiberger Kaufhaus Schocken bis 1938 zum damals größten sächsischen und immerhin viertgrößten deutschen Warenhauskonzern.
Nach dessen „Arisierung“ durch die Nazis als MERKUR AG geführt, diente es nach dem Krieg für wenige Jahre als zentrales Einkaufsmagazin für Offiziere der Roten Armee. 1947/48 wurde es der Konsumgenossenschaft übertragen, selbstredend im Osten ohne Entschädigungszahlung an die zehn Jahre zuvor enteigneten und vertriebenen jüdischen Eigentümer, und war bis 1992 als „Kontakt-Kaufhaus“ des Konsum bekannt. Das endgültige Aus kam im April 2000 mit der Insolvenz der Kaufring AG für das inzwischen „Kaufhaus Zack“ genannte Handelshaus. Der dann nur notdürftig im Erdgeschoss noch betriebene Billighandel passte zum nicht mehr aufzuhaltenden Ruin des einst attraktiven Kaufhauses.
Freibergs OB, zuerst Konrad Heinze, nach ihm auch Dr. Uta Rentsch, versprachen jeweils vor ihren Wahlen, den Freibergern ein Kaufhaus zurück geben zu wollen. Die Realität holte indes beide schnell ein. Bekannte Kaufhauskonzerne listeten schon längst Städte von der Größenordnung Freibergs nicht mehr als potenzielle Standorte für „klassische“ Kaufhäuser. Die Zeiten, in denen Freiberg als Kaufhausstandort interessant gewesen war – wie etwa nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, als die Gebrüder Schocken Freiberg hoch attraktiv als Handelsplatz fanden – sind unwiederbringlich vorbei. Und der „Kaufhausboom“ der Nachkriegszeit in den 60er/70er Jahren hatte, zumindest was seine „westdeutsche“ Ausprägung betraf, den realsozialistischen Osten nur schimärisch erreicht. (mehr…)

Bericht über die Gedenkkundgebung für die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar, dem 65. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee, versammelten sich in Freiberg ungefähr 25 überwiegend junge Menschen am Rathaus, um an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Aufgerufen zu der Gedenkkundgebung hatte die Antifaschistische Gruppe Freiberg, die mit der Aktion vor allem an die Opfer des KZ Außenlagers in Freiberg erinnern, sowie eine Kritik am Antisemitismus und am deutschen Nationalismus formulieren wollte.

Über die Geschichte des KZ Außenlagers und das Leben der Opfer konnte man sich auf der Kundgebung beim Besichtigen einer kleinen Ausstellung, die aus drei A1 Plakaten bestand, informieren. Am Infostand gab es zusätzlich die Möglichkeit sich bei der Lektüre von Flyern und diversen Büchern einmal tiefgehender mit dem Thema zu beschäftigen.

Redebeiträge gab es unter anderem von der Antifaschistischen Gruppe Freiberg zum Thema „Was ist Antisemitismus?“ und zur Geschichte des 27. Januar. Dank geht an dieser Stelle noch einmal an die Gruppen Autonome Antifa Westerzgebirge, Antifa Karl-Marx-Stadt, Emanzipatorischer Progress Mittleres Erzgebirge und an die Jugendgruppe des VVN Freiberg für ihre Redebeiträge und Unterstützung.

Mehr Informationen zum KZ Außenlager Freiberg findet ihr bei „Shalom-Mittelsachsen“ oder in den Büchern „Wir waren zum Tode bestimmt – Jüdische Zwangsarbeiterinnen erinnern sich“ von Michael Düsing und in Pascal Cziborras Buch „KZ Freiberg“.

Nie wieder Volksgemeinschaft !

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Nie wieder Volksgemeinschaft – Nie wieder Deutschland

Gedenkkundgebung für die Opfer des Nationalsozialismus

Mittwoch, 27. Januar 2010 – 16 Uhr – Freiberg – Obermarkt

Am 27. Januar 1945 befreiten die Soldat_innen der Roten Armee die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Etwa 6000 Häftlinge, die für lange Märsche zu schwach oder krank waren, waren dort von den Deutschen zurückgelassen worden. Die anderen etwa 60000 Häftlinge, die noch am Leben waren, wurden bereits vier Tage zuvor auf Todesmärschen in Richtung Westen getrieben. Während die alliierten Truppen unaufhaltsam vorrückten, wurden in den von Deutschen kontrollierten Gebieten weiterhin unablässig Menschen in Konzentrationslager deportiert und dort vergast. Selbst im Angesicht des drohenden Zusammenbruchs wurden große Ressourcen für die sog. „Endlösung“ mobilisiert. Erst die Befreiung durch die alliierten Truppen konnte das deutsche Mordkollektiv stoppen.

In Freiberg befand sich seit August 1944 ein Außenlager des KZ Flossenbürg, das aus rund 1000 weiblichen jüdischen Häftlingen bestand, die zur „Vernichtung durch Arbeit“ im KZ Auschwitz-Birkenau erfasst worden waren. Auf dem Gelände der ehemaligen Porzellanfabrik Freiberg auf der Himmelfahrtsgasse und auf der Frauensteiner Straße mussten die Häftlinge für die „Freia GmbH“, ein Betriebsteil der Arado-Flugzeugwerke GmbH Potsdam-Babelsberg, die zu den führenden Luftrüstungsunternehmen Deutschlands gehörte, Zwangsarbeit leisten. In bis zu 14 Stunden langen Schichten wurden unter anderem Tragflächen des Jagdflugzeugs Me 109 und Zielvorrichtungen für die V2 hergestellt. Ein anderes Freiberger Unternehmen, die Deutsche Seil- und Drahtfabrik, produzierte den Stacheldraht des Vernichtungslagers Treblinka. In Oederan, Flöha und Hainichen mussten weitere 1600 Menschen Zwangsarbeit leisten. (mehr…)

Freiberg – die kollektive Unschuld?


Lichtkreuz aus Hakenkreuz und Christuskreuz am 1. Mai 1934 an der Jakobikirche

”…jede Detonation ist wie ein Geschenk!”

Am 7. Oktober jährte sich die Bombardierung Freibergs zum 65 Mal. 1944 flogen alliierte Bomberverbände der 8. US-Luftflotte einen Angriff auf die im heutigen Tschechien liegende Stadt Most. Da im Zielgebiet allerdings starker Nebel festgestellt wurde, kehrten die Verbände um und suchten Ausweichziele. 24 Flugzeuge bombardierten dabei Freiberg, 169 Menschen kamen ums Leben.

Der Erinnerungsdiskurs in Freiberg fand seit Jahren ohne größere Beachtung der Öffentlichkeit statt. Lediglich am so genannten “Volkstrauertag” gedenken Vertreter_innen der Stadt jedes Jahr gemeinsam mit NPD und anderen Nazis den vermeintlichen “deutschen Opfern” des Zweiten Weltkrieges. Den 07. Oktober hatte die Freiberger Naziszene dagegen bereits seit Jahren für sich entdeckt. 2006 marschierten etwa 50 Nazis aus dem Umfeld der “freien Kameradschaften” unter Führung des NPD-Landtagsabgeordneten René Despang begleitet von klassischer Musik durch Freiberg zum Donatsfriedhof. 2007 versammelte sich etwa ein Dutzend Nazis mit Reichkriegsflaggen auf der Burgstraße und lief unter Polizeieskorte geschlossen zum Friedhof, wo sie Kränze ablegten und den vermeintlichen Opfern gedachten. Letztes Jahr hielten etwa 30 Freiberger Nazis mit Unterstützung aus Dresden vor der Jakobikirche eine Kundgebung mit Transparenten und Fackeln ab.

Auch in diesem Jahr hatten die Nazis eine Kundgebung an der Jakobikirche angemeldet. Bereits am 03. Oktober kündigte der Dresdener Neonaziaktivist Maik Müller, der die Nazidemonstration am 1. Mai angemeldet hatte, die Kundgebung in Freiberg an. „Und genau deshalb stehen wir heute hier in Bitterfeld, am Dienstag schon in Freiberg und am nächsten Wochenende in Königs Wusterhausen und die Woche darauf zur Großdemonstration des nationalen Widerstandes in Leipzig.“ Mit dem Wochentag hatte er sich wahrscheinlich versprochen. Die Antifaschistische Gruppe Freiberg machte bereits im Vorfeld Stadt und Freie Presse auf die Absicht aufmerksam, sonst hätte die Freie Presse vermutlich gar nicht im Landratsamt angefragt.

Die Stadt und der “Verein gegen Extremismus” schienen an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Nazis allerdings nicht interessiert zu sein. Zusammen mit der TU Bergakademie und den Kirchgemeinden druckten sie ein Transparent, das sie an der Jakobikirche aufhängten. “Kein Krieg, Kein Extremismus” war darauf zu lesen. Eine eindeutige Positionierung gegen Nazis fehlte wieder vollständig. Noch nicht einmal zu einem Statement gegen “Rechtsextremismus” war man bereit. Als Gegenaktivität schloss sich der “Verein gegen Extremismus” einem geplanten “Friedensgebet” in der Petrikirche an. Auch der Studentenrat der Bergakademie rief dazu auf.

Nach der Berichterstattung der Freien Presse konnte man meinen, das “Friedensgebet” sei extra vom “Verein gegen Extremismus” aufgrund der Naziaktivitäten organisiert wurden. Die Aktivitäten in der Petrikirche wurden jedoch von Einzelpersonen bereits Wochen vorher initiiert und dienten ebenfalls nur der Trauer um die “Opfer der Bombardierung”. Landrat Uhlig ging es später “um alle Opfer des Zweiten Weltkriegs” und ein “Zeichen gegen Krieg”. Hier wird dennoch eine ähnliche Instrumentalisierung und Verdrehung historischer Tatsachen offensichtlich, wie sie im alljährlichen Gedenken an die “Opfer Dresdens” am 13. Februar stattfindet. Unter völliger Ausblendung der Vorgeschichte der Bombardierung deutscher Städte werden 169 Menschen kollektiv und undifferenziert gleichrangig mit anderen Opfern gezählt. Der Wehrmachtssoldat oder KZ-Aufseher ist in dieser Betrachtung genauso Opfer, wie die jüdische Zwangsarbeiterin, die Widerstandskämpfer oder Kinder. Die Identität dieser Menschen, wer sie waren und was sie taten, bleibt unberücksichtigt und damit auch ihre eigene Mitwirkung am nationalsozialistischen Vernichtungsprogramm, welches die Bombardierung deutscher Städte erst notwendig machte. Bei Trauerveranstaltungen geht es gar nicht um den einzelnen Menschen, sondern um ein unpolitisches Ritual und die Konstituierung der Deutschen als “Opfer”, um die getrauert werden darf und soll. Besonders perfide ist der Vorwand, unter dem dies geschieht: Als “Friedensgebet” sollen scheinbar “höhere” Motive bedient werden. Dabei machten gerade die Bombardierungen Deutschlands einen Frieden in Europa überhaupt erst möglich. Konsequent wäre ein Zeichen gegen menschenverachtendes Denken oder ein Zeichen gegen Nazis, statt einer allgemeinen Floskel gegen Krieg, der man so allgemein gar nicht zustimmen kann, muss man doch den Krieg der Anti-Hitler Koalition gegen Deutschland unter allen Umständen unterstützen. (mehr…)