Archiv der Kategorie 'Texte'

Dokumentation der Beiträge zur Veranstaltung Gegen den linken Konsens

Auf der Website der Bahamas sind seit kurzem die Redebeiträge der Veranstaltung Gegen den linken Konsens dokumentiert, die wir nicht vorenthalten möchten.

Gewaltphantasien gegen Affektiertheit (Redaktion Bahamas)
Spalten statt Versöhnen (AG No tears for krauts – Halle)
Der Stachel der Kritik (Martin Dornis)
Über die Voraussetzungen der Israelsolidarität (Soeren Pünjer)
Wir Terroristen des Wortes (Justus Wertmüller)

Kultur als politische Ideologie

An dieser Stelle sei auf den Text „Kultur als politische Ideologie“ der beiden dänischen Autoren Frederik Stjernfelt und Jens-Martin Eriksen verwiesen, der gerade im neuen CEE IEH veröffentlicht wurde und einige interessante Gedanken zur aktuellen Diskussion um Universalimus und Kulturalismus bereithält. In diesem Zusammenhang sei auch ein Interview mit den Autoren erwähnt, welches in der Wochenzeitung Jungle World erschienen ist.

Der Kulturalismus der heutigen Linken speist sich stark aus anti-imperialistischen Diskursen. Aber wer so denkt, spielt nicht nur einer reaktionären Haltung im Islam, sondern auch einer Politik des „Teile und Herrsche“ in die Hände.

I. Kulturalismus

Die Kontroverse über den Multikulturalismus hat die politischen Frontverläufe verändert. Die Linke verteidigt den Respekt vor Minderheitskulturen, während die Rechte als Hüterin der Nationalkultur auftritt. Doch diese beiden Positionen bilden lediglich zwei Spielarten einer kulturalistischen Ideologie. Kulturalismus nennen wir die Vorstellung, dass Individuen von ihrer Kultur determiniert sind, dass diese Kultur eine abgeschlossene, organische Ganzheit bildet und das Individuum nicht in der Lage ist, seine oder ihre Kultur zu verlassen, sich vielmehr nur innerhalb dieser verwirklichen kann. Zudem behauptet der Kulturalismus, Kulturen hätten Anspruch auf besondere Rechte und Schutzmaßnahmen – auch wenn sie selbst die Rechte des Einzelnen verletzen. (mehr…)

Die linke Formierung

„[D]ie Entscheidung ist gefallen. Für den 19. Februar 2011 gibt es die Großmobilisierung zu Massenblockaden nach Dresden.“ Dass man vor diesem Spektakel, bei dem das Gros der Teilnehmenden an den unheimlichen Aufmarsch der ML-Zombies auf der LLL-Demo beinahe heranreicht, besser Reißaus nehmen sollte, möchten wir im Folgenden versuchen darzulegen.

Der Fluch des Superlativs!!!

Großmobilisierung; Massenblockaden; Event; Europas größter Naziaufmarsch; endgültig Geschichte werden zu lassen; bundesweit; auf jeden Fall zu verhindern; können und werden wir nicht; öffentlichkeitswirksam; aktiv werden; Aktionstag; trommelt alle eure Freunde zusammen usw. usf. Diese Sprache spricht Bände. Man braucht nicht erst Victor Klemperers L.T.I. zu lesen, um den Tatendrang, die Kraft und den superlativierten Sinn zu erkennen, mit denen bei no pasarán und Dresden-Nazifrei Politik gemacht wird: Mit einer Sprache, die schon von ihrer Struktur her auf etwas verweist, das zum Fürchten ist. Welch autoritärer Gestus muss in den Köpfen der Menschen herrschen, die die überwiegende Zahl ihrer Ergüsse mit Ausrufezeichen beenden und für die es Höchstleistungen darstellt, Sätze zu formulieren. Sätze, die diese Bezeichnung verdienen und vom Jargon emanzipiert ohne Verlautbarungen der Entschlossenheit und Versicherungen der eigenen, gemeinsamen Identität auskommen. Sätze also, die Inhalt, oder im höchsten aller Fälle gar Kritik, transportieren. (mehr…)

Dresdner Denkmal Stories – Widersprüche zwischen Wiederaufbau und Opferidentität

von Keine Versöhnung mit Deutschland!

Lange Zeit hatte Dresden einen sehr markanten Ort der an die Bombardierungen vom 13. und 14. Februar 1945 erinnerte. Die Ruine der Frauenkirche, zum Zeitpunkt des Einsturzes »Dom der Deutschen Christen«, war ein weithin bekanntes Zeichen, dass das Ergebnis des 2. Weltkrieg auf den Punkt brachte: das nationalsozialistische Deutschland hat verloren. Die Ruine stand symbolisch für die Wunden der Deutschen und war damit prädestiniert für ihre Opferinszenierungen. Der mit der Wiedervereinigung aufgekommenen »Wir sind wieder wer«-Rhetorik passte sie jedoch nicht in den Kram. Der Wiederherstellung der vollumfänglichen Souveränität Deutschlands musste auch architektonisch Rechnung getragen werden. Entsprechend wurde der Wiederaufbau in beeindruckendem Tempo vorangetrieben und als Projekt von nationaler Bedeutung inszeniert. Mittlerweile ist nahezu die gesamte Dresdner Altstadt mit Rekonstruktionen von Barockfassaden überfüllt: die Innenstadt gleicht einem großen Museumsdorf, das jeden historischen Bezug zum Nationalsozialismus und dessen Niederschlagung vergessen und stattdessen eine kitschig-romantische, »rückwärts gewandte ‚Utopie‘«[1] stark macht. Das mag etwa die Barockfundamentalist_innen der »Gesellschaft historischer Neumarkt« glücklich stimmen, bereitet aber dem 13. Februar-Gedenken ernste Probleme. Dass hier Krieg war, dass Dresden Ort eines »Kriegsverbrechen« gewesen sein soll, ist zumindest anhand der baulichen Substanz nicht mehr zu erkennen. Je mehr Dresden wiederaufgebaut wird, je bruchloser und glatter das geschieht, umso mehr verliert die Stadt ihre Opferidentität. Da diese aber zentral für das städtische Selbstverständnis ist, braucht es eine Form der Kompensation. Ein Denkmal muss her. Nicht irgendeines, sondern ein »würdiges, zentrales« muss es mindestens sein. Und so hält sich seit der Wiedereröffnung der Frauenkirche eine kontinuierlich geführte Diskussion um immer neue und wirklich würdige Denkmale. Dass bereits zahlreiche 13.Februar-Denkmale existieren, durchschnittlich eines pro Jahr eingeweiht wird, sorgt nicht für ein Abklingen der Forderung. Angetrieben vom Widerspruch zwischen Wiederaufbau einerseits und der möglichst eindrucksvollen Darstellung des Dresdner Leids anderseits, geht die Suche nach dem ultimativen Denkmal weiter. (mehr…)

OB Schramm belehrt „Gutmenschen“

In der Freien Presse vom 10. Januar konnte man einen Bericht über die Neujahrsansprache des Oberbürgermeisters Bernd-Erwin Schramm lesen. In diesem jährlichen Ritual aus Phrasendrescherei, Politjargon und Standortversicherung nahm Schramm in diesem Jahr auch Bezug auf die Brandanschläge auf von Migranten betriebene Imbisse im Sommer letzten Jahres. Darin heißt es:

„Diese Anschläge haben nicht nur Brandspuren und Narben auf der Seele der Betroffenen hinterlassen, sondern auch Verletzungen beim Umgang miteinander, in der Bewertung dieser entsetzlichen Taten. Was die Tatumstände anbelangt, bekenne ich mich auch an dieser Stelle: Ich war erleichtert, dass wir es nicht mit organisiertem Extremismus […], sondern mit einem Einzeltäter zu tun hatten. Wenn selbst ernannte „Gutmenschen“ diese Sicht kritisieren und in Anbetracht der Geschehnisse in Freiberg von einer neuen Qualität neonazistischen Terrors sprechen, dann ist das vor dem Hintergrund der Geschichte völlig unangemessen.“

„Eine neue Qualität neonazistischen Terrors“ – Schramm will damit vermutlich Bezug nehmen auf die von uns organisierte Demonstration am 9. Oktober des letzten Jahres, das unterstellen wir ihm an dieser Stelle, da der FreibÄrger und wir, vom Linkspartei Stadtrat Albrecht Tolke abgesehen – der in der Freien Presse einen kritischen Leserbrief einreichte, wofür er von Schramm im Stadtrat eine verbale Schelte bekam – die Einzigen waren, welche die öffentlichen Reaktionen zu den Taten kritisierten. Im Aufruf dazu heißt es nämlich: (mehr…)

Es wird eben gelogen, gelogen ohne Ende…

In der Nacht zum 24. Oktober wurde Kamal K. am Leipziger Bahnhof ermordet. Die Hintergründe der beiden Tatverdächtigen lassen auf einen eindeutig rassistischen Hintergrund schließen; dennoch waren die Reaktionen sehr mäßig. Unter anderem deshalb ruft der Initiativkreis Antirassismus Leipzig zu einer antirassistischen Demonstration auf. In ihrem Aufruftext und in einem Leserbrief an die Leipziger Internet Zeitung lässt der Initiativkreis dabei aber notwendige Sorgfalt auf der Strecke und kommt auf teilweise absurde Vorwürfe. Wir haben weder Lust noch Zeit, uns dazu intensiver zu Wort zu melden, möchten aber auf eine Antwort der Leipziger Internet Zeitung auf einen Leserbrief verweisen, der einige Aspekte gut zusammenfasst. Dass der Initiativkreis darin Beleidigungen erblickt, lässt einmal mehr auf die Unfähigkeit der Antirassisten schließen, sich mit Kritik inhaltlich auseinanderzusetzen. Eine Kritik äußerte auch das Leipziger Bündnis gegen Antisemitismus. (mehr…)

Über die Zukunft

Auf dem Blog für Freiberger Subkultur electronic-nights erschien vor Kurzem ein Fazit über die Entwicklung der Subkultur der letzten Jahre, den wir euch nicht vorenthalten wollen. Auch der Blog bietet immer wieder gute Hinweise auf Veranstaltungen, die es ja auch hier hin und wieder doch mal gibt.

Die Überschrift sagt schon vieles aus, doch erst ein kurzer Rückblick: 2004 überlegten Jörg (KX) und ich, wie wir alle Informationen zur hiesigen Subkultur bündeln und für alle zugänglich machen können. Nach einiger Ideen- und Namensfindung, stand dann Mitte 2005 auch endlich die erste electronic-nights Version im Netz. Damals leider noch stark statisch programmiert, da wir beide keine Ahnung von php hatten und kostenfreie CMS noch nicht soweit ausgereift waren, dass wir auf diese zurückgreifen wollten. Im Grunde war es damals schon ein Blog mit Veranstaltungshinweisen und -kritiken.

2006 machte dann die Alte Mensa dicht, der Alte Bahnhof folgte ein Jahre später, Cocktail of House/Fever96/Teck-Attack/Drum&Bass/Dipol usw. gab es irgendwann auch nicht mehr. Die Porzelline war dann mehr oder weniger nur das letzte Aufbegehren und mit House verbindet das Freiberger Publikum heute nur noch eine ausgeleierte Electrohouse-Version, die stupidem RnB der letzten Jahre in Sachen Oberflächlichkeit in nichts mehr nachsteht. Auf die Gründe des Übels bin ich schon einige Male eingegangen, doch in Sachen Subkultur und alternativen Veranstaltungen hat die Stadt auf jeder Ebene versagt. Dies lässt es leider immer schwieriger werden, für diese Seite noch geeigneten Content zu finden. Beliebig austauschbare Veranstaltungen in Stadtclub, Tivoli & Co. brauchen an dieser Stelle nicht erwähnt werden und das allgemeine Interesse ist auch merklich gesunken, soweit ich die Besucherzahlen lokaler Webseiten im Auge hatte.

Somit stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch sinnvoll erscheint, Zeit und vorallem Geld für eine Seite aufzubringen, deren Relevanz sich mit dem Ableben der hiesigen Subkultur eigentlich aufhebt. Wer nach lokalen Halligalli-Veranstaltungen sucht, kann dies auf den einschlägig bekannten Veranstaltungsportalen machen und in absehbarer Zeit wird sich in und um Freiberg auch nichts entwickeln, worüber es sich zu berichten lohnt. Zudem fehlt mir immer häufiger durch die Entfernung zu Freiberg eine Einschätzung, was vor Ort eigentlich gerade passiert. Lange Rede, kurzer Sinn: Lust diesen Blog weiterzuführen habe ich schon, jedoch gehen mir die Themen aus.

Es darf diskutiert werden!

Der unbewusste Zwang zur Konformität

Redebeitrag der Antifaschistischen Aktion Chemnitz / AAK gehalten am 9. Oktober 2010 in Freiberg auf der Demonstration „Aber hier leben? Nein Danke!“:

Die Chemnitzer Öffentlichkeit stellt sich als eine bemerkenswert friedliche dar: Wer durch Chemnitz läuft, wird feststellen, dass es außer organisierter Langeweile nichts zu geben scheint. Wo in so mancher Innenstadt nach 22 Uhr noch Menschen unterwegs sind, kann der Bürgersteig in Ruhe vor Belastung friedlich schlummern. Die großen Zufahrtsstraßen mutieren für vereinzelte Nachtwander_innen zu gut gepflegten Wanderwegen. Im Bereich des Brühls ereignet sich eine Realsatire: Mit Zeugnissen einer Streetart-Szene wird Lebendigkeit suggeriert, wo keine mehr ist. Wen stört ein provokantes Graffiti, wenn die Personen doch gar nicht mehr da sind, die es stören könnte?
Genau an der Grenze der Barbarei, zwischen Dörflichkeit und Stadt – einem Relikt was früher einmal „Stadt“ hieß, ereignen sich die drastischten Zeugnisse des Umbruchs zur Post-Urbanität. An diesem soll exemplarisch illustriert werden, was diese Prozesse gesellschaftlich bedeuteten und welche Exzesse mit dieser Transformation verbunden sind. (mehr…)

Redebeitrag des FreibÄrger

„Aber hier leben? Nein danke!“ rufen wir heute den Freibergerinnen und Freibergern entgegen und meinen damit die Verhältnisse in dieser Provinz, unter denen wir schon zu lange unser Dasein fristen. Viel Verständnis für diese Parole ist uns dabei nicht entgegengebracht wurden, dafür aber Frust, verdrängte Aggressionen und Befürchtungen, die völlig an der Realität vorbeigehen. Was soll das? Hier ist es doch so schön – wurde uns entgegengehalten und sicher, zum Arbeiten, parken und Steine angucken mag das alles zutreffen. Das meinen wir aber gar nicht. Was für uns das Leben in Freiberg so anstrengend macht, sind neben fehlender alternativer Angebote und ein paar Nazis, die hier zum Glück weit weniger aggressiv auftreten, als im Rest von Mittelsachsen, vor allem die völlige Unfähigkeit mit Kritik umzugehen fast aller, die hier irgendwie mitgestalten.
Dabei meinen wir es doch gar nicht böse, trotz aller persönlicher Antipathie. (mehr…)

Redebeitrag der RAA

Rechtsmotivierte und rassistische Gewalt ist in Sachsen an der Tagesordnung. 120 solcher Angriffe haben wir als Opferberatungsstellen im ersten Halbjahr 2010 gezählt. Dabei handelt es sich ausschließlich um Gewalttaten. Nicht dabei ist die alltägliche Präsenz von Nazipropaganda in Form von Sprüherein oder Aufklebern. Auch nicht dabei sind die kleinen und großen, die subtilen und offenen, die alltäglichen und strukturellen Diskriminierungen, denen Menschen die als nicht deutsch wahrgenommen werden tag täglich ausgesetzt sind.

Die 120 Angriffe, von denen wir Kenntnis erhalten haben – die Dunkelziffer dürfte höher liegen – sind zum Großteil Körperverletzungen, von der versuchten bis zur schweren, und Bedrohungen. (mehr…)

Über die „Ausgestoßenen“ in der weltoffenen Stadt

Redebeitrag zu Situation von Asylsuchenden

Die Frage, die sich stellt, ist, was eigentlich noch geschehen muss, bis die Heimbewohner des Dreckslochs einer Unterkunft für Asylbewerber, auf der Chemnitzer Straße, endlich in ihrer Not wahrgenommen werden. Reicht die Insekten- und Ungezieferplage, oder der massive Befall von Schimmelpilzen nicht aus, um genug Grauen zu erregen? Bedeutet die Tatsache, dass Asylbewerber mit rund 30% weniger, als dem Hartz IV Regelsatz auskommen müssen, etwa nicht, dass sie unvergleichbarer sozialer Ungerechtigkeit ausgesetzt sind? (mehr…)

Keep the dream alive! communism!

Bei der Demo unter dem Motto „Aber hier leben? Nein danke!“ in Freiberg hat die AHSG wieder mal einen Redebeitrag gehalten. In Anlehnung an Bini Adamczaks inspirierende Bücher entstand der folgende Beitrag, der unser Bedürfen, Begehren und Träumen vom Kommunismus festhält…

Vom Traum, der zum Versprechen wurde…

Der Materialismus, der den „quälbaren Leib“ als Ausgangspunkt nahm für eine Analyse der Gesellschaft und deren Geschichte, vielmehr aber noch deren Kritik, ließ eine Idee erwachsen, zu der in diesem Beitrag einige Worte verloren werden sollen. Es war die jenige, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“1, um die etwas schal gewordenen Worte von Karl Marx zu verwenden – die Befreiung vom gesellschaftlich verursachten Leid, die zum Versprechen wurde durch jene, die diese Befreiung am stärksten herbeisehnten. (mehr…)

The Means of Victory

Übersetzung des Spendenaufrufes der Bomber Command Association durch die Antifaschistische Gruppe Freiberg

The Bomber Command Association, with the help of the Heritage Foundation, is raising funds to erect a permanent memorial in Central London to the 55,000 bomber aircrew killed in WW2.

Die Möglichkeit des Sieges

Die entscheidende Rolle der Männer des Bomber Command bei der Befreiung Europas von Hitlers tyrannischer Herrschaft ist in Großbritannien niemals wirklich durch Auszeichnungen, Denkmäler, oder öffentliche Erklärungen anerkannt wurden. Seit Winston Churchils politisch motivierter Auslassung der Anerkennung des Bomber Command in seiner 8. Mai Rede, waren die Briten unter den alliierten Siegern einzigartig darin, die Realität auszublenden, dass ein Kampf um Überleben und Freiheit gegen einen so bösartigen Feind kompromisslose Offensiven erforderlich macht, wie Churchill selbst 1940 noch erklärte: „Die Soldaten sind unsere Rettung, aber nur die Bomber bieten die Möglichkeit des Sieges.“ (mehr…)

Gedanken zu den Reaktionen auf die Brandanschläge

von Redaktion FreibÄrger

Oh nein, das Stadtimage…

und Gott sei Dank kein Neonazi! So waren die Reaktionen auf zwei fremdenfeindlich motivierte Brandanschläge letzte Woche in Freiberg. Nach erster Aufregung ist der Täter mittlerweile gefasst und nach dessen Beteuerung, nichts gegen Ausländer im Allgemeinen zu haben und schon gar kein Neonazi zu sein, die Ereignisse fast schon wieder vergessen. Die meisten Reaktionen und Verlautbarungen kotzen uns, gelinde gesagt, an. Was genau, wollen wir hier erläutern.

Zuerst eine Bestandsaufnahme:
In der letzten Woche wurden innerhalb von nur 48 Stunden zwei Freiberger Döner-Restaurants Opfer eines Brandanschlags. Der erste Anschlag erfolgte am Dienstag Morgen gegen 3:30 Uhr, als mehrere Steine und ein Molotowcocktail gegen die Scheiben des „Shahi-Döner“ auf der Poststraße geworfen wurden. Der Brand konnte zum Glück schnell gelöscht werden, da ein Anwohner den Täter beobachtete und sofort die Polizei verständigte. Nicht abzusehen was passiert wäre, wenn niemand den Brand rechtzeitig gesehen hätte, denn im Haus wohnen noch mehrere Familien.

Der zweite Anschlag ereignete sich am Donnerstag gegen 4:30 Uhr und traf das “Dürüm Kebab Haus“ auf der Burgstraße. Wieder wurde der Täter beobachtet, doch bevor der Brand durch die Feuerwehr gelöscht werden konnte, hatten das Feuer und der entstandene Ruß die Räume unnutzbar gemacht, so dass nun eine komplette Renovierung des Lokals notwendig ist. Wieder nahm der Täter billigend in Kauf, dass Menschenleben gefährdet werden, denn auch das Gebäude in der Burgstraße ist ein Wohnhaus. In der gleichen Nacht wurden außerdem ebenfalls die Scheiben eines weiteren Döner-Ladens, eines Asia-Bistros, sowie einer kroatischen Gaststätte eingeworfen, die sich nur wenige Meter entfernt befinden.

Die Reaktionen nach den Anschlägen waren überraschend deutlich. In vielen, zum Teil auch überregionalen Medien wurde über die Vorfälle berichtet. So hieß es in der Onlineausgabe der Zeit etwa: „Was sich seit Anfang des Jahres in der sächsischen Universitätsstadt Freiberg abspielt, klingt wie ein Albtraum aus den frühen 90er Jahren.“ Auch der sächsische Ministerpräsident meldete sich zu Wort. Man war geschockt über die aktuelle Gewalt und hoffte auf schnelle Ermittlungen und ein Ergreifen des Täters.

Mittlerweile wurde dieser gefasst. Am Freitag fiel der Polizei ein 26-jähriger Mann auf, auf den die Personenbeschreibung passte. Da er keinen Ausweis bei sich trug, wurde er zur Überprüfung seiner Angaben auf das Polizeirevier gebracht. Dort machte er umfangreiche Angaben zu den Brandanschlägen und gestand seine Verantwortung. Als Motiv soll er dabei angegeben haben, dass die Geschäftsinhaber ihre Waren nicht bei örtlichen Unternehmen einkaufen. Sie seien somit auch für seine schon lange andauernde Arbeitslosigkeit verantwortlich.
Als wäre allein diese Aussage nicht Beleg genug für eine ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit, kaufte der überwiegende Teil der Medien, die Staatsanwaltschaft und der Freiberger Oberbürgermeister das Dementi des mutmaßlichen Täters, er habe keine allgemeine ausländerfeindliche Einstellung, einfach ab. Für Bernd Vogel von der Staatsanwaltschaft Chemnitz hinterließ der Verdächtige lediglich einen „verwirrten Eindruck“. „Eine rechtsextreme Einstellung ist bei dem Mann [allerdings] nicht erkennbar.“ Auch eine „grundsätzlich negative Einstellung zu Ausländern“ habe der Verdächtige nach eigenen Angaben nicht.

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Autonom und National

Die Modernisierung des Neonazismus am Beispiel der Freiberger „AG Germania“

von Susanne Iffert (fbÄ #74); Fotos: Recherche Ost, Archiv FreibÄrger

Seit nunmehr fast zehn Jahren gibt es innerhalb des deutschen Neonazimus das Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ (AN). Entstanden ist diese Strömung aus den sogenannten „Freien Kameradschaften“, welche meist als parteiunabhängige Kleingruppen organisiert waren und lange Zeit das öffentliche Bild der Naziszene bestimmten. Mittlerweile sind das Auftreten und die Aktionsformen der AN von fast keiner Neonazidemonstration mehr wegzudenken.

Die neue Strömung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie einen vermeintlich „linksradikalen“ kulturellen Habitus adaptiert. Dazu gehört sowohl das Auftreten als „Schwarzer Block“ bei Demonstrationen, Layout und Textstilistik von Flugblättern, Internetseiten und Transparenten, die an jene der Autonomen Antifa bis ins Detail erinnern, aber auch die Übernahme von subkulturellen Codes und Kleidungsstilen verschiedener alternativer Jugendkulturen, wie z.B. der Punk- und Hardcoreszene. So ist es mittlerweile Alltag, dass man manche „rechte“ und „linke“ Demonstrant_innen nur noch an der Aufschrift ihrer Anstecker und Aufnäher auseinander halten kann. (mehr…)

Suicide Bombing, die antisemitische Opferbewegung und das Völkerrecht

Der folgende Text ist ein Redebeitrag, der von der Antifaschistischen Gruppe Freiberg am 19.06. auf der Demonstration „Nieder mit dem islamischen Regime im Iran!“ in Dresden vorgetragen wurde. Wir möchten ihn an dieser Stelle für Interessierte noch einmal dokumentieren:

1. Die Rackets der Vernichtung: Zur Logik des Suicide Bombing

Den Selbstmord-Attentaten der Djihadist_innen, wie der Autor Gerhard Scheit sie analysiert hat, liegt »ein bestimmtes Verhältnis von Täter, Mittel und Opfer« zugrunde, eine Logik, »der nicht gerecht wird, wer bloß von Attentaten oder gar Terrorismus spricht.« Die Logik, durch den eigenen Tod möglichst viele Menschen zu vernichten, kann auch »als Privatisierung staatlicher Vernichtungsaktionen betrachtet werden; die Intention wird ohne direkte Verfügung über das Gewaltmonopol des Staates verfolgt – so hat die Aktion selbst den Anschein von Ohnmacht und bietet sich der Deutung als „Verzweiflungstat“ an.« (Scheit: Suicide Attack, S. 427, im Folgenden SA abgekürzt) Doch sie allein darauf zu reduzieren, ignoriert die Ideologie, die hinter ihr steht.

Dabei spielt der durch die Kritische Theorie geprägte Begriff des Rackets eine wichtige Rolle. Er bezeichnet die von Carl Schmitt affirmierte, „nicht abgeleitete“ Macht, die ein „außerrechtliches“ Leben führe – auch inmitten des Rechtsstaats – als »Fortexistenz oder Rekonstruktion persönlicher Abhängigkeit unter den Bedingungen von Rechts- und Kapitalverhältnis« (SA 343). Als beste Beispiele für solche „autoritäre Körperschaften“, wie Franz Neumann sie bezeichnete, fungieren etwa das frühere Baath-Regime unter Saddam Hussein im Irak, aber auch Al-Qaida. (mehr…)

Antifa bis zum Endsieg

Vor einigen Tagen erschien auf dem Blog „ugly dresden“ ein interessanter Text, der sich mit der Auswertung der „ALB“ zum diesjährigen 13.Februar in Dresden auseinadersetzt. Wir möchten ihn an dieser Stelle noch einmal dokumentieren:

Jeder und Jede, die sich ein paar Jahre in Antifagruppen abgequält hat weiß um die mühseligen Diskussions- und Entscheidungsprozesse, die dann in Pamphlete münden wie es jetzt die so genannte „Antifaschistische Linke Berlin“ zu den Protesten gegen den Neo-Nazi Aufmarsch am 13. Februar in Dresden veröffentlicht hat. Siehe Antifa-Auswertung Dresden 2010. Alle Zitate sind dem Text entnommen. (mehr…)

Neonazistische Gewalt nicht stillschweigend hinnehmen!

von Redaktion FreibÄrger

In der Nacht vom 20. zum 21. März 2010 verübten bisher noch unbekannte Täter_innen einen Brandanschlag auf das Haus am Roten Weg 43 in Freiberg
und stahlen zwei Büroschilder der Partei „Die Linke“. In dem Haus befinden sich unter anderem das Bürgerbüro der MdL Dr. Jana Pinka, das Büro der Fraktion „Die Linke“ im Landkreis Mittelsachsen, die Redaktion der Zeitschrift „FreibÄrger“ sowie die Räumlichkeiten des soziokulturellen Vereins „Roter-Weg e.V.“. Bei dem Anschlag ist der komplette Eingangsbereich des Hauses ausgebrannt und es entstand ein Sachschaden von mehreren tausend Euro.

Dass es sich dabei um einen neonazistischen Angriff gehandelt hat, steht so gut wie außer Frage, wenn man weiß, wie sich die regionale Naziszene in letzter Zeit entwickelt hat und dass es nicht das erste Mal gewesen ist, dass das Gebäude am Roten Weg Ziel eines Angriffs wurde. In den Räumlichkeiten des jungen Vereins führten auch wir als Redaktion des FreibÄrger in letzter Zeit häufiger Veranstaltungen durch und sehen den Anschlag somit auch als einen Angriff auf unser Engagement.

Für Freiberger Verhältnisse bedeutet das eine neue Qualität neonazistischer Gewalt und dennoch berichtete die Presse nur am Rande über den Vorfall, ohne auf die politischen Hintergründe aufmerksam zu machen; eine öffentliche Reaktion der Stadt blieb aus. In den letzten Jahren hat sich das Auftreten der Freiberger Naziszene sehr verändert. Während es noch vor einigen Jahren oft zu Übergriffen auf Migrant_innen, Punks und links-alternative Menschen kam, ist diese Gewalt in Freiberg entgegen dem sächsischen Trend zurückgegangen. Stattdessen haben sich mit den Freien Nationalisten Freiberg und dem Umfeld der NPD organisierte Gruppen etabliert. Trotz personeller Überschneidungen unterscheiden sich die Gruppen in ihrem Auftreten. Die Freien Nationalisten pflegen enge Kontakte zum Dresdner Naziaktivist Maik Müller, der die 1. Mai-Demonstration im letzten Jahr angemeldet hat und im Internet das Naziportal netzwerkmitte betreibt. Sie beteiligen sich an regionalen und überregionalen Demonstrationen. Das Umfeld der Freiberger NPD trat im letzten Jahr vor allem im Kommunalwahlkampf auf und beteiligte sich am sogenannten Volkstrauertag und einer Kundgebung am 7. Oktober – dem Jahrestag der Bombardierung Freibergs. Insgesamt lässt sich feststellen, dass Freiberger Nazis nunmehr wieder verstärkt mit öffentlichen Aktionen in Erscheinung treten und besser organisiert sind, als vor einigen Jahren. (mehr…)

Was könnte Faschismus sein?

von Alfred J. Quack (aus FbÄ #73)

Ich hatte der Redaktion des FreibÄrger eigentlich versprochen pünktlich zum Redaktionsschluss den letzten Teil dieser Reihe abzuliefern, allerdings haben mich andere Dinge leider davon abgehalten. Nichtsdestotrotz möchte ich in einer Zusammenfassung meiner Interpretation des Phänomens erörtern, was der Faschismus sein könnte, bevor dann in der nächsten Ausgabe eine Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen, politischen und lebensweltlichen Deutungsversuchen erfolgen wird. Bis dato wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

Der Faschismus entspringt zunächst einmal immer der ganz normalen Logik bürgerlicher Vergesellschaftung. Damit sind sowohl die kapitalistische Durchdringung aller gesellschaftlich relevanten Bereiche als auch verordnete Formen der abstrakten Herrschaft, etwa der des Staates oder seiner Rechtsförmigkeit gemeint. Der Faschismus ist dabei zunächst einmal als ein regressives und irrationales Reaktionsmuster auf einen historischen Modernisierungsprozess zu verstehen, also als Reaktion auf die nachhaltigen Veränderung der Gesellschaft. Er sollte jedoch immer nur als eine mögliche Konsequenz, wie Gesellschaften oder gesellschaftliche Akteure auf einen solchen gesellschaftlichen Transformationsprozess reagieren, verstanden werden. Ein der Verwertungslogik innewohnender Konkurrenzdruck und die abstrakt-funktionale apersonale Herrschaft zerstören die von den einzelnen Individuen angenommene gesellschaftliche Harmonie. Hier tritt nun der Faschismus ganz offen zutage: Er versucht einerseits den ökonomischen und sozialen Abstand zu fortschrittlicheren Nationen aufzuholen und andererseits ein angenommenes Auseinanderdriften des eigenen Gesellschaftskollektivs zu verhindern, indem er sich als eine Art integrative Heilslehre geriert, welche die bestehenden Disparitäten beseitigen möchte. Dies soll durch eine Synthesis sämtlicher gesellschaftlicher Akteure eines nationalstaatlichen Territoriums geschehen. (mehr…)

Wahn der Homogenität

aus Jungle World Nr. 16, 2010

Zur Politischen Theorie des Antisemitismus. Eine Skizze.

von Samuel Salzborn

Die Frage nach den historischen, politischen und psychosozialen Ursachen des Antisemitismus beschäftigt seit Jahren die kritischen Sozialwissenschaften. Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben Überlegungen hierzu angestellt, wobei die Wege, die beschritten worden sind, vielfältig waren: von detailreichen historischen Arbeiten über klinische Fallanalysen bis hin zu strukturtheoretischen Reflexionen. Bei der Lektüre der ohne Zweifel inzwischen zahlreichen Studien über Antisemitismus fällt aber auf, dass eine Vermittlung zwischen den verschiedenen theoretischen Ansätzen, die sich nicht selten grundlegend widersprechen, kaum je versucht wird. Mehr noch, die wichtigen theoretischen Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte stehen meist unvermittelt nebeneinander. Ungeachtet aller tatsächlich vorhandenen (vor allem erkenntnistheoretischen) Differenzen in der Antisemitismusforschung soll hier der Versuch einer solchen Vermittlung im Sinne einer allgemeinen, politischen Theorie des Antisemitismus unternommen werden.

Ausgehend von den Überlegungen Max Horkheimers und Theodor W. Adornos in der »Dialektik der Aufklärung« scheint es mir geboten, die politische Theorie des Antisemitismus nicht nur als Untersuchung eines bestimmten Aspekts bürgerlicher Vergesellschaftung zu begreifen, sondern als Theorie der bürgerlichen Gesellschaft selbst. Antisemitismus und Moderne gehören dem Verständnis von Horkheimer und Adorno zufolge unauflöslich zusammen, dem modernen Antisemitismus ist Aufklärung gleichermaßen Bedingung wie Grenze. Der technische und naturwissenschaftliche Fortschritt, der die Möglichkeiten zur Barbarei scheinbar grenzenlos erweitert hat, schafft zugleich, beispielsweise in der Religionskritik, das Poten­tial zur Selbstreflexion und zum Ausgang der Menschen aus ihrer Unmündigkeit. (mehr…)